02.05.1983

Hitler-Tagebücher: Ha, ha, daß ich nicht lache

Im Jubiläumsjahr der NS-Machtergreifung ein unerwarteter Streit um den Diktator: Sind die 60 Tagebücher Hitlers, die die Illustrierte "Stern" mit einer spektakulären Geheimaktion in ihren Besitz gebracht hat, echt oder lediglich ein raffiniertes Machwerk aus dem braunen Untergrund? Die Zweifel der Experten überwiegen.

Eine Szene aus der Götterdämmerung des Dritten Reichs: Der Führer schleppte sich zur Tür seines Wohnzimmers und öffnete sie. Er sah auf den Korridor hinaus, wo uniformierte Männer standen. Hitler atmete schwer und rief dann mit schneidender Stimme: "Schaub]"

SS-Obergruppenführer Julius Schaub, kriegsverletzt, der älteste Adjutant Hitlers, humpelte herbei und wunderte sich über die Schärfe in der Stimme seines Herrn. Noch klang ihm das hysterisch überschnappende Kreischen im Ohr, mit dem Hitler wenige Minuten zuvor den Zusammenbruch auch seiner letzten Hoffnungen und Illusionen quittiert hatte.

Das war am Nachmittag des 22. April 1945 im Berliner Führerbunker gewesen: In der Lagebesprechung hatte Hitler endlich begriffen, daß es für ihn keinen Ausweg mehr aus dem brennenden und belagerten Berlin gab - Anlaß für eine hemmungslose Beschimpfung aller, die ihn noch treu umgaben. Hitler wütete: "Der Krieg ist verloren. Ich mache nicht mehr mit. Meine Generale haben mich belogen und betrogen. Es ist alles sinn- und zwecklos]"

Desto verwunderlicher schien es Schaub, daß Hitler nun beinahe gelassen war und ihn freundlich in das Wohnzimmer zog. "Es muß sofort alles verbrannt werden, Schaub", sagte Hitler. "Alles, was sich in meinen Stahlschränken befindet. Hier in Berlin, in München und in Berchtesgaden müssen Sie alles vernichten. Hören Sie, alles, alles]"

Schaub wollte Einwände machen, doch Hitler schnitt ihm das Wort ab. Hitler: "Es darf davon kein Fetzen in feindliche Hände gelangen]" Hitler erklärte dem Adjutanten, es gehe darum, S.19 sein ganzes Privatarchiv zu vernichten, und zu diesem Zweck solle er sich ein paar Kanister mit Brennstoff beschaffen. Der Diktator gab ihm ein Bund mit Safeschlüsseln, nur den Schlüssel für den kleinen Stahlschrank, der am Ende von Hitlers Bett stand, behielt er für sich.

Hitler schloß den 1,60 Meter hohen und 75 Zentimeter breiten Safe auf, der "bis zu seinem letzten Winkel" (so Schaub später) mit Akten, Briefen und losen Blättern vollgestopft war. Schaub holte einen braunen Handkoffer, in den Hitler das Gros der Papiere legte. Den Rest schichtete Schaub in einen zweiten Koffer.

Die weitere Arbeit überließ Hitler seinem Adjutanten. Der holte sich einen Offizier vom Führerbegleitkommando, mit dem er in das Schlafzimmer Hitlers in der angrenzenden Reichskanzlei ging. Dort standen zwei Stahlschränke, jeweils zwei Meter hoch und einen Meter breit; sie waren in zehn Minuten geräumt, ihr Inhalt in drei Koffern verstaut.

Ein dritter Mann stieß zu der Gruppe, und gemeinsam trugen sie die fünf Koffer in den von sowjetischen Granaten zerwühlten Garten der Reichskanzlei. In der Nähe des Eingangs zum Führerbunker fand Schaub eine Stelle, an der er die Akten verbrennen konnte; Schaub riß die Papierbündel auseinander und zündete sie an.

Und dann saß der Adjutant schon in einem der letzten Fluchtflugzeuge, die Berlin verließen. Wo immer Schaub auftauchte, ob in Hitlers Münchner Privatwohnung oder auf dem Berghof, stets räumte er die Stahlschränke seines Führers aus und vernichtete deren Inhalt auf der Stelle.

Julius Schaub schien sein Vernichtungswerk so gründlich betrieben zu haben, daß ihn später viele Ex-Nazis, die allen Grund hatten, ihre Rolle im untergegangenen Tausendjährigen Reich zu verkleinern und zu verharmlosen, für eine Art Lebensretter hielten. Selbst die Münchner Spruchkammer, die ihn später verurteilte, schrieb ihm zugute: "Schaub erhielt von Adolf Hitler den letzten Befehl, dessen persönliche Geheimakten zu vernichten. Und er hat sie vernichtet, und mancher wird ihm heute noch dafür dankbar sein."

Der Münchner Schriftsteller Hans-Otto Meissner, Sohn von Hindenburgs und Hitlers ehemaligem Staatssekretär, sah Schaub gar als einen globalen Wohltäter. Mit wonnigem Erschauern malte er sich in einer Schaub-Studie aus: "Was geschehen wäre, wenn die persönlichen Geheim-Akten Adolf Hitlers nach 1945 öffentlich vorgelegen hätten, ist kaum abzusehen. Manche fremde Regierung wäre polternd gestürzt, große Staatsmänner hätten abgehen und zahlreiche Menschen vor Gericht treten müssen."

Doch wie der Geist aus der Flasche taucht die Faszination aus dem legendären Hitler-Archiv wieder an die Weltöffentlichkeit, seit die Hamburger Illustrierte "Stern" in der vergangenen Woche begonnen hat, Texte aus 60 merkwürdig guterhaltenen, teils mit Reichsadler und Hakenkreuz versiegelten Kladden im Din-A4-Format abzudrucken, die seine Macher für die geheimen Tagebücher Adolf Hitlers halten - oder zumindest ausgeben. Eine Stern-Stunde Hitlers?

Zum Gala-Auftakt der großen Show, die achtzehn Monate lang in einem "Stern" nach dem anderen inszeniert werden soll, präsentierte das Blatt Führer-Pose, Führer-Handschrift, schlechtes Deutsch, falsche Interpunktion, Banales und Epochales.

Am Anfang (19. November 1932) steht das Wort: "Ich werde ab sofort meine politischen Unternehmungen und Gedanken in Notizen festhalten um wie jeder Politiker sie für die Nachwelt zu erhalten."

Der Nachwelt erhalten blieben, wenn es denn wirklich Hitler war, der das Tagebuch geschrieben hat, Gedanken und Erinnerungen über den angeblichen SA-Putschisten Ernst Röhm, der 1934 ermordet worden ist - weil, so Hitler, "bei den Verhören herauskam, wie er mich belogen und hintergangen hat"; Verhöre hatte es gar nicht gegeben. Über Frauenheld Josef Goebbels: "Werde S.20 in den nächsten Tagen einen geheimen Erlaß herausgeben, daß ich von meinen engsten Mitarbeitern und den Partei-Führern im Reich keinerlei Affären mehr wünsche" (30. April 1935);

über den Reichsführer SS Heinrich Himmler, den "hinterhältigen Kleintierzüchter mit seinem Drang zur Macht" (11. November 1939), der "in einer anderen Welt" lebe: "wie mir scheint in einer altgermanischen Himmelswelt. Glaube bald er ist nicht mehr richtig im Kopf" (17. Juni 1943);

und über die Leiden der Hitler-Gefährtin Eva Braun: "Wie mir die Ärzte am 30. mitteilten, war es nur eine Scheinschwangerschaft. Eva aber glaubt an einen Abortus. Gerade nun, da ich wirklich keine Zeit, die diese junge Frau nun braucht, habe, muß ich sie so allein lassen" (31. Juli 1940). Hitler weilte an der Westfront.

Es werden aber auch Führer-Worte und -Bewertungen zu Historischem faksimiliert, die die braune Ära markieren - sträflich ohne Kontext und Kommentar. Und da nun, wie der "Stern" dafürhält, die "Biographie des Diktators und die Geschichte des Dritten Reiches in großen Teilen neu geschrieben" werden müsse, werden letzte Wahrheiten versprochen: Über die "Reichskristallnacht" vom 8. November 1938, den Auftakt der organisierten Judenpogrome, sinniert Hitler, als sei ihm das gegen den Strich gegangen: "Es geht nicht das unserer Wirtschaft durch einige Hitzköpfe Millionen und aber Millionen Werte vernichtet werden allein schon an Glas ... Sind diese Leute denn verrückt geworden? Was soll das Ausland dazu sagen?"

Das Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 machte dem Führer Spaß ("Ha, ha, daß ich nicht lache"), brachte ihn aber auch in Wut: "Diese Lumpen hatten schon eine neue Reichsregierung gebildet. Die Aufstellung liest sich wie eine aufgestellte Liste von Nichtskönnern und Taugenichtsen."

Über die Wannsee-Konferenz im Januar 1942, auf der die Ausrottung des jüdischen Volkes amtlich besiegelt worden ist, notierte der Tagebuch-Schreiber Absurdes: "Wir müssen unbedingt einen Platz im Osten finden, wo sich diese Juden selbst ernähren können", denn: "Haben oder versorgen will sie keiner."

Eine Tagebuch-Sonderausgabe präsentiert der "Stern" in dieser Woche. Der England-Flug seines Stellvertreters Rudolf Heß im Mai 1941 war Hitler - wieso eigentlich? - eine Extrafibel wert. Enthüllt wird, Hitler habe das Abenteuer zu diesem Zeitpunkt gebilligt, um mit den germanischen Brüdern auf der Insel Frieden zu schließen und den Rücken frei für einen Angriff gegen die Sowjet-Union zu haben.

Eigentlich dürfte es diese historischen Halb- und Halb-Wahrheiten dank Dokumentenvernichter Schaub gar nicht geben. Doch der Hitler-Adjutant sei, so erläuterten Sprecher des "Stern" auf einer teilweise von Tumulten unterbrochenen Pressekonferenz letzte Woche, nicht der erste Hitler-Konfident gewesen, dem der Diktator damals seine Safes geöffnet habe: Schon zwei Tage vor Schaubs Kehraus, am 20. April 1945, habe Hitler seinem Diener Wilhelm Arndt eben jene sorgsam geheimgehaltenen Tagebücher, die noch kein fremdes Auge erblickt hatte, ausgehändigt - mit dem ausdrücklichen Auftrag, sie in Sicherheit zu bringen. Beweis laut "Stern": Hitlers Chefpilot Hans Baur, Kommandeur der Führerflugstaffel, könne sich noch genau erinnern, wie "sehr erregt" der Diktator gewesen sei, als er ihm gemeldet habe, daß just das Flugzeug mit Arndt an Bord vermißt werde.

Hitler, außer sich vor Entsetzen: "Ich habe ihm außerordentlich wichtige Akten und Papiere anvertraut, die der Nachwelt Zeugnis von meinen Handlungen ablegen sollten]" Der Führer habe sich, so glaubt sich Baur zu erinnern, "lange Zeit nicht beruhigen" können, "der Verlust schien ihm unendlich nahezugehen". Das Rätsel der vermißten Arndt-Maschine und der darin verschollenen Hitler-Tagebücher aber will nun der "Stern" gelöst haben. Reporter des Magazins, so posaunte man es in alle Welt, hätten Absturzstelle, ja sogar noch Wrackteile des vermißten Flugzeugs in der DDR gefunden und danach auch noch Hitlers Aufzeichnungen in dreijähriger weltweiter Recherchenarbeit aufgespürt.

"Stern"-Chefredakteur Peter Koch schwärmte über die "größte journalistische Sensation der Nachkriegszeit" - und löste prompt ein internationales Medien-Spektakel aus, das wieder einmal auf fatale Art demonstrierte, wie unsterblich Hitler auf seine Weise immer S.21 noch ist. Von Tokio bis New York verbreitete sich ein "Sturm um den Führer" ("New York Post"), die Diskussion füllte tagelang Zeitungsspalten und TV-Sendezeiten: Auch der letzte der prominenten Zeitgeschichtler, Handschriftenexperten und Kriminologen wurde aufgeboten, seinen Beitrag zu der Diskussion über Hitlers Tagebücher zu leisten.

Wieder sahen sich die Deutschen mit ihrer braunen Vergangenheit konfrontiert, denn im Ausland tauchte, wo erwartet, die Frage auf, was die Deutschen eigentlich bewege, Hitler-Texte ungeklärter Herkunft zu verbreiten. "Newsweek" verächtlich: "Das einzige, was die Welt noch von Hitler haben will, ist ein Geständnis" - über den Holocaust.

Als im Ausland immer wieder nach dem Grund der Veröffentlichungen gefragt wurde, meinten Polit-Astrologen gar, die Hitler-Tagebücher seien "in Osteuropa zusammengebraut worden, um die Beziehungen zwischen Westdeutschland und seinen Verbündeten zu stören" - so jedenfalls die "New York Times". Besonders düstere Geheimnisse witterte der "Zeit"-Historiker Karlheinz Janßen; ihm roch alles "nach dem Versuch, abermals zwischen Westmächten und Sowjet-Union Mißtrauen zu säen".

Überhaupt war es eine Sternstunde exotischer Spekulationen, da die "Stern"-Leute sorgsam verschwiegen, woher die Tagebücher stammten und wer sie ihnen eigentlich verkauft hatte. Sofort kam der Verdacht auf, Hitlers Diarien seien nichts als raffinierte Fälschungen.

Hitler-Kenner bezweifelten einhellig die Authentizität der "Stern"-Entdeckung. "Tagebücher, die Hitler mit eigener Hand geführt hat, gibt es nicht", befand Hitler-Biograph Werner Maser, und von Richard Schulze-Kossens bis zu Nicolaus von Below bekundete jeder ehemalige Hitler-Adjutant, daß "der Chef" im Zweiten Weltkrieg weder Zeit noch Lust gehabt habe, ein Tagebuch zu führen. Below: "Eines von den vielen Lügenmärchen, wie wir sie seit dem Kriege nicht anders kennen."

Auch der angesehene New Yorker Handschriftenexperte Charles Hamilton, der Photokopien von Tagebuchblättern gesehen hatte, fand: "Das sind eindeutig Fälschungen." Ein Spezialist eigener Art assistierte ihm: der literarische Hochstapler Clifford Irving, der mit der von ihm selbst verfaßten Autobiographie des US-Milliardärs Howard Hughes die Fachwelt gefoppt hatte.

Das Argument der "Stern"-Verteidiger, man könne nicht ganze 60 Tagebücher fälschen, ließ Irving nicht gelten. "Wenn man erst einmal in Stimmung ist", so das Hughes-Double, "dann kann man immer weiter machen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich könnte 60 Bände einer Hughes-Autobiographie schreiben, und sie würden akzeptiert werden. Wenn man erst einmal eine Seite geschrieben hat, kann man auch 20 weitere schreiben. Und hat man erst 20 Seiten zusammen, kann man auch gleich ein ganzes Buch vollschreiben."

Die Erfahrungen der jüngsten Zeitgeschichte geben ihm da nur zu recht. Nie zuvor wurden die Historiker durch mehr Falsifikate irritiert als in dem letzten halben Jahrhundert: Die "Geständnisse" des US-Bankiers James P. Warburg über die Finanzierung der Nazis, die Aufzeichnungen des deutschen Abwehrchefs Canaris, die Tagebücher Benito Mussolinis, die Notizen der Eva Braun - nichts als Fälschungen.

Stets aber waren renommierte Handschriftenexperten zur Stelle, die solche Fälschungen für authentisch erklärten. Die Mussolini-Tagebücher, von zwei alten Damen geschrieben und 1967 zu einem hohen Preis an die "Sunday Times" verkauft, fanden das Wohlwollen römischer Experten (wie auch Irvings Memoiren-Coup von den Schriftsachverständigen der New Yorker Firma "Osborne Associates" gutgeheißen worden war).

Hitler hat dabei noch besondere Konjunktur: Jede Stunde entsteht in der Bundesrepublik Deutschland ein Brief des Führers, entwerfen kundige Hände neue Hitler-Gedichte, arbeiten fleißige Autoren an Hitler-Tagebüchern. Tausende von Dokumenten, die seine "garantiert echte" Handschrift tragen, überschwemmen den Devotionalienmarkt und täuschen manchmal selbst erfahrene Historiker wie Eberhard Jäckel, der 1980 neben vielen echten auch falsche Hitler-Texte veröffentlichte.

Derart schmerzliche Erfahrungen mit Falsifikaten waren es wohl auch, die akademische Fachhistoriker besonders empfindlich auf die "Stern"-Enthüllungen reagieren ließen. Sie fühlten sich zudem von den Journalisten übergangen - Grund genug für die selbstbewußten S.23 Wissenschaftler, in einer ZDF-Diskussion am letzten Dienstagabend ihrem Zorn über Präsentation und Vorbereitung des Hitler-Materials freien Lauf zu lassen.

"Ich protestiere schärfstens gegen die Art und Weise, wie dieses Material der Öffentlichkeit übergeben worden ist", wetterte der Kölner Ordinarius Andreas Hillgruber. Der Stuttgarter Zeitgeschichtler Jäckel fand, hier sei "verantwortungslos" gearbeitet worden, während dem Schweizer NS-Deuter Walther Hofer die ganze Richtung nicht paßte: Die Veröffentlichung wäre auch dann "volkspädagogisch unerwünscht", falls sich die Tagebücher als authentisch erwiesen.

"Stern"-Koch giftete zurück: Da gebe es "Historiker, die seit Jahren auf wichtigen Dokumenten sitzen und sie der Öffentlichkeit vorenthalten". Doch auch Kochs Wortschaum konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß er die meisten Einwände der Historiker nicht so recht entkräften konnte.

Die Hitler-Sensation stand unter einem Unstern: Der Coup mit Hitlers angeblichen Tagebüchern war unglücklich gestartet worden. So erfolgreich zuvor recherchiert worden war, so glänzend die Geheimhaltung funktioniert hatte - die Premiere geriet dem "Stern" aus der Regie: Der Kronzeuge für die Authentizität der Tagebücher, der britische Historiker Hugh Trevor-Roper, fiel um, mangelnde Sorgfalt bei der Vorabklärung des heiklen Quellenmaterials und so manche zeitgeschichtliche Wissenslücke wurden offenbar.

Dabei schien die "Stern"-Redaktion in dem heute 51jährigen Hamburger Gerd Heidemann den Glücksfall eines Reporters zu diesem Thema zu besitzen.

Wiederholt landete Heidemann durch glänzende Recherchen Volltreffer: Er trug 1977 dazu bei, das Pseudonym des Schriftstellers B. Traven zu lüften, und spürte Juliane Köpke, einzige Überlebende eines Flugzeugabsturzes im Urwald von Peru, auf. In der griffigen Sprache der "Stern"-Eigenwerbung: "Kollegen nennen ihn neidlos den hartnäckigsten, raffiniertesten Reporter in Deutschland, den zähesten Spürhund, der sich denken läßt."

Der Reklametext verschwieg freilich, daß noch vor ein paar Jahren die linksliberalen "Stern"-Leute für Deutschlands "zähesten Spürhund" mit seinem seltsamen Interesse an alten Nazis kaum mehr Verwendung hatten. "Die wollen im ''Stern'' nichts mehr von Zeitgeschichte hören", klagte Heidemann vor Kollegen und kündigte zum 31. Dezember 1980.

Die "Stern"-Manager wollten den Hartnäckigsten schon gehen lassen, denn ihnen war nachgerade unheimlich geworden, was ihr Mann da in den Kreisen ehemaliger SS-Generale und NS-Funktionäre trieb und auftrieb.

Sein fast schon an eine Obsession grenzendes Interesse an NS-Themen ging auf die langjährige Freundschaft mit Edda Göring, der Tochter des als jovial geltenden Hitler-Reichsmarschalls, zurück, die ihn eines Tages bewogen hatte, die Jacht ihres Vaters ("Carin II") von einem Bonner Druckereibesitzer zurückzukaufen. Heidemann versetzte sein Haus, 1973 ging die "Carin II" in seinen Besitz über.

Die Jacht des Hitler-Paladins lockte einige ehemalige NS-Größen herbei, die gerne einmal wieder an Bord zu alten Erinnerungen in See stechen wollten, und allmählich kamen so viele "Ehemalige" an Bord, daß Heidemann beschloß, die braun-wehmütigen Zusammenkünfte auch journalistisch zu nutzen. Die "Kamerad-weißt-du-noch"-Gespräche nahm er auf Band, um daraus später ein Buch zu machen; auch eine Biographie seines redseligsten Besuchers, des ehemaligen SS-Generals und Himmler-Intimus Karl Wolff, plante Heidemann.

Wolff faßte zu dem Journalisten Vertrauen und half ihm bei zeitgeschichtlichen Recherchen mit kleinen Tips, zuweilen auch schon mit seinen Verbindungen zu ehemaligen Kameraden in Deutschland, Italien und Südamerika. Bald bekamen Freunde von "Wölffchen" zu hören, er kenne da jemand, der eines Tages noch einmal "die Wahrheit über den Führer" schreiben werde.

1978 hatte Wolff den ersten Knüller für den Mann vom "Stern": Photokopien aus dem Besitz eines ehemaligen SS-Mannes, die suggerierten, daß Englands Premierminister Winston Churchill und der faschistische Duce Mussolini die ganze Kriegszeit über insgeheim miteinander korrespondiert hatten. Churchill sollte Mussolini sogar in einem Brief Schutz vor jedem alliierten Siegergericht garantiert haben.

Wolffs Freunde schoben eine Photokopie mit einem noch brisanteren Thema nach: Einen Brief vom 3. April 1945, in dem Allen W. Dulles, immerhin Amerikas Agentenchef in Bern, norditalienische Partisanenführer ersuchte, Mussolini im Falle einer Gefangennahme sofort der US-Armee zu überstellen, da der britische Geheimdienst Order habe, den für Churchill lästig gewordenen Ex-Duce zu ermorden.

Heidemann war begeistert, die "Dokumente" faszinierten ihn. Er recherchierte den "Originalen" nach und gab auch nicht auf, als sich längst erwies, daß die Photokopien Fälschungen waren: Der Briefkopf auf Churchills Schreiben stimmte nicht, Ereignisse waren falsch datiert. Auch das Original des angeblichen Dulles-Briefes war nicht auffindbar. Nicht ohne bestürztes Verwundern S.24 sahen eingeweihte Kollegen, daß Heidemann gleichwohl die Jagd nach der vermeintlichen Churchill-Mussolini-Korrespondenz nicht aufgab. Noch heute hofft er auf die Originale - Indiz dafür, daß dem zähen Rechercheur Heidemann die nötige Skepsis, das erforderliche quellenkritische Verständnis fehlen. "Er ist einfach zu gutgläubig", sagt ein britischer Freund über ihn. "Gerd will nicht glauben, daß es auch Gauner auf dieser Welt gibt."

Heidemann vertraute auch den Materialien von Wolffs Freunden, die meinten, es lasse sich nachweisen, daß der tödliche Unfall des Rüstungsministers Fritz Todt im Jahre 1942 in Wahrheit ein Mordanschlag des SS-Chefs Himmler gewesen sei. Und schließlich hatten die Freunde die "ganz große Sache" (Wolff) im Visier: Hitlers Tagebücher.

Den Anstoß dazu gab 1979 der ehemalige SS-Brigadeführer Wilhelm Mohnke, einer der ganz Unbelehrbaren unter Himmlers einstigen Unterführern, letzter Kampfkommandant der Reichskanzlei im April 1945 und häufiger Besucher auf "Carin II". Heidemann erinnert sich: "Der hat mir eines Tages ein Buch mit einer Widmung von ihm geschenkt und dazu gesagt, ich solle das alles mal ganz genau lesen."

Heidemann war sofort klar, was er da in dem Buch "Die Katakombe" von James P. O''Donnell und Uwe Bahnsen, einem Bericht über Hitlers letzte Tage im Berliner Führerbunker, lesen sollte. Mohnke hatte ihm schon früher erzählt, kurz nach Hitlers Geburtstag am 20. April 1945 habe der Führer seine geheimsten Aufzeichnungen ausfliegen lassen. Mohnke: "Die gibt''s noch."

Tatsächlich wußten O''Donnell und Bahnsen zu berichten, daß eine von dem Major Friedrich Gundlfinger geflogene Maschine in der Nacht zum 23. April 1945 mit dem Hitler-Diener Arndt und wichtigen Hitler-Papieren an Bord die brennende Reichshauptstadt verlassen habe, aber an ihrem Bestimmungsort nicht angelangt sei. Das Flugzeug sei unterwegs abgestürzt - entweder von feindlichen Jägern abgeschossen oder durch einen Motorschaden zur Bruchlandung gezwungen.

Die beiden Autoren stützen sich dabei auf die Mitteilung von Hitlers ehemaligem Chefpiloten Baur, der nach seiner Rückkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft Nachforschungen über das Schicksal der Gundlfinger-Maschine angestellt hatte. Baur: "Ich stellte fest, daß die zwölf Menschen (an Bord der Maschine) ums Leben gekommen waren. Die Leichen wurden auf einem nahegelegenen Friedhof bestattet." Mohnke aber meinte nun, Baur müsse sich im Datum irren, die Maschine Gundlfingers sei schon früher gestartet, und das verlockte Heidemann, der Sache selbst nachzugehen.

Im Oktober 1980 wußte Heidemann, wie es wirklich gewesen war: Die Maschine war am 21. April 1945 bei Börnersdorf, einem Ort südöstlich von Dresden, abgestürzt, die toten Besatzungsmitglieder waren auf einem Friedhof der Gemeinde beerdigt worden. Nur ein Mann hatte überlebt, der aber war inzwischen auch verstorben.

Heidemann und sein "Stern"-Kollege Thomas Walde fuhren nach Börnersdorf und hörten sich unter den Dorfbewohnern um. Manche konnten sich an das Unglück noch erinnern, sie führten die beiden Reporter sogar zu einigen Wrackteilen der Maschine, die da noch herumliegen. Und die geheimnisvollen Hitler-Papiere? Einige Börnersdorfer wollen davon gehört haben; doch Genaues wußte niemand.

Die beiden "Stern"-Männer glaubten, auf einer heißen Spur zu sein, und fahndeten weiter nach den Papieren. Vor allem Heidemann war sich sicher, es müsse die (angeblichen) Geheimaufzeichnungen Hitlers aus dem Flugzeugwrack noch geben - an einer versteckten Stelle, in welchem Land auch immer.

Dabei war bis dahin von Tagebüchern noch gar keine Rede gewesen. Baur wußte nur von "außerordentlich wichtigen Akten und Papieren", die Gundlfingers Maschine befördert habe, während sich ein anderer Zeuge, der ehemalige Führerbunker-Telephonist Rochus Misch, an "mehrere Zinkkisten" erinnerte, in denen er die "Originale aller stenographischen Aufzeichnungen von Hitlers Tischgesprächen" vermutete - eine Gedächtnistäuschung, denn diese Aufzeichnungen waren schon im Februar/März 1945, vorwiegend auf dem Landweg, nach Süddeutschland gebracht worden.

Hätte Heidemann noch etwas zäher recherchiert, so wäre er auf den Angehörigen eines Pionierersatzbataillons der Waffen-SS gestoßen, das am 21. April 1945 die restliche Ladung der abgestürzten Maschine geborgen hatte.

"Morgens gegen halb sieben kam die Meldung rein", berichtete der SS-Oberjunker dem SPIEGEL, "da sei eine Maschine abgestürzt." Er fuhr mit dem Fahrrad von der Baracke zum Bataillonskommandeur, der ihm den Befehl zum Ausrücken gab: Russen hätten offenbar eine Landung versucht, er solle sich "zwölf seiner besten Leute mitnehmen". Er solle "vorsichtig vorgehen und keine Dummheiten machen".

Der Trupp fuhr, so der Oberjunker (Oberfähnrich), mit zwei Opel-Blitz und einem Schwimmwagen los. Nach knapp einer halben Stunde hätten sie in Börnersdorf den Ortsvorsteher getroffen. Der habe ihm die Absturzstelle gezeigt und gesagt, es sei "noch niemand dran gewesen".

Das Flugzeug lag nicht, wie der "Stern" meint, auf dem Rücken, sondern "die Flugzeugspitze hat sich bis zur Kanzel in den Waldboden gebohrt". Auch war es nicht, wie der "Stern" behauptete, eine stoffbespannte Junkers-Maschine, sondern "ganz aus Metall, dunkelgrau gespritzt". Der Rumpf der dreimotorigen Ju war "hinter der Kanzel abgebrochen, die Tragflächen lagen zehn Meter weit weg".

An Bord der Maschine fand das SS-Kommando nach Angaben seines Anführers acht Männer, sieben davon tot. Der Oberjunker: "Den eingeklemmten Piloten haben wir nicht rausgekriegt aus der Kanzel; sechs angekohlte Männerleichen haben wir etwa 80 Meter vom Wrack entfernt 30 Zentimeter unter der Erde vergraben."

Seine Leute hätten das Wrack "systematisch bis in den letzten Winkel" S.25 durchsucht: "Von Tagebüchern keine Spur." Es seien auch keine anderen Akten, sonstige Papiere oder Ordenszeichen in der Maschine oder daneben entdeckt worden, sie hätten nur bei "den Toten die persönlichen Unterlagen gefunden". Die Such- und Sicherungsaktion dauerte bis 18 Uhr: "Wir haben alles im Umkreis von etwa hundert Metern abgesucht", dort habe "nichts verstreut herumgelegen".

Der Suchtrupp barg, erzählt der Oberjunker, andere Kostbarkeiten aus der Maschine: "140 kleine Holzkisten mit jeweils vier Goldbarren, auf die Kisten war ''Deutsche Reichsbank'' eingebrannt." Außerdem fanden die SS-Leute einige Holzkisten mit Pistolen, einige Metallkisten mit Munition und "die eiserne Ration der Besatzung, Schokolade und Schnaps".

Sechs bis sieben der verschraubten Holzkisten mit dem Gold hätten sie schon am Ort geöffnet, sie waren innen "mit Pergament ausgelegt". Alle Munitions- und Waffenbehälter seien sofort aufgemacht worden, sie hätten "Pistolen eines belgischen Fabrikats" enthalten.

Die Kisten wurden am Abend in die Pionier-Kaserne nach Dresden transportiert, die Wagen dort im Hof abgestellt. Die Goldkisten wurden "sechs oder sieben Tage später", kurz bevor die Soldaten die Kaserne vor den anrückenden Russen räumten, zusammen mit "anderem Bataillonsmaterial, das dem Feind nicht in die Hände fallen sollte, 150 Meter hinter dem Führungskasino vergraben", erinnert sich der SS-Mann: "Wir haben an der Stelle Bäume in Hakenkreuzformation gepflanzt."

Doch 35 Jahre später erzählte SS-General Wolff dem Reporter Heidemann, er wisse genau, was für Papiere der Hitler-Diener Arndt bei sich geführt habe; es seien die absolut geheimen Tagebücher des Führers gewesen - und die existierten noch: Zuverlässige Freunde hätten sie versteckt und seien vielleicht bereit, sie dem "Stern" zu verkaufen, gehe es doch darum, ein "ganz neues Bild vom Führer" zu zeichnen.

Wolff bot sich an, Heidemann mit den "richtigen Leuten" in Verbindung zu bringen. Bald reisten die beiden Männer zusammen durch Europa, wobei Wolff den Journalisten bei ehemaligen SS-Leuten stets als einen Freund einführte, der ihm beim Verfassen seiner Memoiren helfe.

Kurz darauf war sich Heidemann seiner Sache so gewiß, daß er die "Stern"-Redaktion alarmierte: "Ich bekomme die Hitler-Tagebücher]" "Stern"-Chefredakteur Koch, damals noch Vize, reagierte ungläubig: "Bleib mir mit deinem Tick vom Leib."

Dennoch blieb Heidemann auf der Fährte, bis ihm die Redaktionsleitung die Reisespesen strich. Doch nun kam die Suche erst richtig in Schwung. Heidemann fand nach Vermittlung des stellvertretenden "Stern"-Verlagsleiters Winfried Sorge Gehör beim Vorstandsvorsitzenden Manfred Fischer vom Verlag Gruner + Jahr, dem der "Stern" gehört. Fischer zu "Stern"-Chef Henri Nannen: "Laßt''s ihn doch versuchen."

Ein Sonderkonto außerhalb des Redaktionsetats wurde eingerichtet, und das dreiköpfige Ressort "Zeitgeschichte" siedelte aus der "Stern"-Zentrale an der Alster in ein Verlags-Nebengebäude am Hamburger Mittelweg um. Das Trio S.26 - neben Heidemann die Redakteure Thomas Walde und Leo Pesch - verstärkte die Tagebuchsuche, und die Redaktionsspitze legte vorsichtshalber eine falsche Spur, "um unter allen Umständen zu vermeiden, daß uns die Geschichte kaputtgemacht würde" (Nannen).

Von Stund an gab es für Heidemann nur noch die konspirative Welt der Hitler-Tagebücher, Woche um Woche lief er mit seinem Scout Wolff eine Nazi-Adresse nach der anderen an. Bald stellten sich erste Erfolge ein: Wolffs Konfidenten rückten ein paar der mit schwarzer und blauer Tinte, zuweilen auch mit einem Stift geschriebenen Hitler-Kladden heraus.

Heidemann mußte dabei jedoch so viele Ex-Nazis ins Vertrauen ziehen, daß allmählich in der ganzen Branche der Hitlerianer ruchbar wurde, was der "Stern"-Reporter suchte. Frühling für Hitler: Prompt tauchten 1982 auf dem Markt zahlreiche Hitler-Tagebücher auf, die in dem Kreis der einstigen Führer-Gehilfen andächtig von Hand zu Hand gereicht wurden.

Davon erfuhr auch der britische Historiker David Irving, als er im November den ehemaligen Hitler-Adjutanten Otto Günsche in Hoffnungsthal besuchte. Günsche war ganz aufgeregt. Er wollte wissen: "Was halten Sie vom Fall Heß?" Irving meinte, Hitler habe nicht von dem England-Flug seines Vize gewußt.

Daraufhin Günsche: "Nein, Herr Irving, das stimmt nicht. Er hat das absolut gebilligt." Irving wollte wissen, woher er das habe. Da rückte Günsche mit der Sensation heraus: "Ich habe das in seinem Tagebuch gelesen. Ich habe das in seiner eigenen Handschrift gelesen. Er hat das gebilligt. Stellen Sie sich das vor. Da hat sich also der Führer hingesetzt und das alles niedergeschrieben."

Irving war wie elektrisiert und bedrängte Günsche, bis der ihm einen Hinweis auf die vermeintlichen Hitler-Tagebücher gab. Die Spur führte ihn zu einem Münchner Kunstexperten mit NS-Vergangenheit, dem ehemaligen Geschichtslehrer August Priesack, im Dritten Reich Mitarbeiter des Hauptarchivs der NSDAP, der als Vermittler und Gutachter von Hitler-Handschriften gilt, die aus der DDR stammen.

Irving erfuhr denn auch bald, daß Priesacks Lieferant ein Volksarmee-General namens Fischer sei, der kurz vor seiner Pensionierung stehe und demnächst das "Archiv Dresden" übernehmen werde. Der hatte 27 in Leinwanddecken gebundene Hitler-Tagebücher in den Westen lanciert - an die Adresse des in Waiblingen-Hegnach wohnenden Industrievertreters Fritz Stiefel, eines ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS, der über das nötige Interesse und das nötige Geld verfügt, um NS-Reliquien aus der DDR zu kaufen.

Stiefel hatte bereits Käufer in den USA gefunden, die ihm die Tagebücher zu einem astronomischen Preis abnehmen wollten. Aber auch Heidemann war interessiert, ebenso der Historiker Jäckel. Vermittler Priesack weiß noch:

"Eberhard Jäckel wollte sie von vornherein haben, er sagte: ''Die will ich veröffentlichen]'' Da habe ich ein bißchen gelacht."

Zu den Interessenten aber stieß nun auch Irving, der schon ein veritables Geschäft vor sich sah. Er photokopierte sich eine Seite aus einem angeblich von Hitler stammenden Halbjahresband von 1935, dazu weitere 800 Seiten mit Hitler-Handschriften und alarmierte zugleich die Londoner "Sunday Times", die nicht abgeneigt war, Hitler-Tagebücher abzudrucken.

Doch als Irving das Material Priesacks einer kritischen Untersuchung unterzog, fand er heraus, daß es nur aus Fälschungen bestand. Ende Dezember rief Irving den Münchner Experten an, "sehr traurig" darüber, "daß sich alle unsere Hoffnungen zerschlagen haben". Priesack war bestürzt. Immer wieder fragte er: "Alles gefälscht, alles?" Irving: "Yes, Sir]"

Der Brite war so wütend, daß er in aller Öffentlichkeit von den Hitler-Fälschungen erzählte, was wiederum Stiefel nicht nur gegen Irving, sondern auch gegen Priesack aufbrachte. Erregt hielt er Priesack vor: "Die sehr detaillierte Information des H. Irving kommt eindeutig von Ihnen, und ich frage mich, mußten Sie alles ausplaudern?"

Irvings Enthüllungen aber setzten nun auch Heidemann und dessen Dokumentenlieferanten unter Zeitdruck. Jeden Tag mußten die Verantwortlichen des "Stern" eine Enttarnung der geheimen Vorbereitungen für ihren Hitler-Coup befürchten, zumal auch ausländische Konkurrenten und Möchtegern-Partner von der bevorstehenden Sensation erfahren hatten. Desto mehr trieb die "Stern"-Redaktion ihren Chefrechercheur an, die letzten der versprochenen 60 Hitler-Kladden zu beschaffen. S.27

Die Sternsucher hatten es dabei so eilig, daß sie einem ernsthaften Zeitgeschichtler nicht mehr die Chance geben mochten, das von Heidemann besorgte Material in Ruhe zu prüfen. Gründliche Quellenkritik wurde nicht zugelassen, in einem Monat peitschte die Redaktion alles durch: die Bestellung der Handschriften-Gutachten, die Beschaffung des Kronzeugen Trevor-Roper, die Verträge mit Partnern.

Dabei wäre eine kritische Vorabklärung des umstrittenen Materials zwingend notwendig gewesen: Heidemann war allzuoft Falsifikaten aufgesessen, zudem befinden sich im "Stern"-Material ähnliche Papiere (so der angebliche Entwurf eines Dritten Bandes von "Mein Kampf"), wie sie auch unter den Falsifikaten des August Priesack waren.

Über manche dieser fragwürdigen Papiere stolperte auch der britische Historiker Hugh Trevor-Roper, der zunächst das "Stern"-Material vorbehaltlos für authentisch ("Ein Archiv von großer historischer Bedeutung") erklärt hatte - Grund für das Magazin, den inzwischen zum Lord Dacre geadelten Professor als Kronzeugen nach Hamburg einzuladen.

Nach einem Besuch in Heidemanns Stadtbüro aber entdeckte der Lord unter den Papieren zum Thema des Heß-Flugs angebliche Aufzeichnungen Hitlers, die er rundweg für Fälschungen hält. Erregt nahm er sich den Beschaffer des Materials vor. Heidemann: "Er wollte mich wie ein britischer Geheimdienstoffizier einem Verhör unterwerfen. Das habe ich mir verbeten."

Wie Trevor-Roper erging es auch seinem US-Kollegen Gerhard Weinberg, der anfangs ebenfalls recht voreilig die Tagebücher für echt befunden hatte. Er zog sich, wenn auch weniger dramatisch als der Brite, immer mehr vom "Stern" zurück. "Ich würde mich wohler fühlen", so Weinberg, "wenn man einen deutschen Experten in Sachen Drittes Reich geholt hätte, sich das Material anzuschauen."

Die Reaktion der beiden Historiker offenbarte nur, wie mangelhaft das Hamburger Magazin sein Material vorbereitet und durchleuchtet hatte. Keinen der zahlreichen Einwände, die Experten gegen die Authentizität der Hitler-Tagebücher erhoben, konnte der "Stern" widerlegen. Wichtigste Einwände:

* Es gibt keinen verbürgten Hinweis von ehemaligen Mitarbeitern Hitlers darauf, daß er jemals ein Tagebuch geführt hat. Dagegen haben immer wieder Zeugen bekundet, daß der Diktator eine ausgesprochene Abneigung hatte, sich schriftlich festzulegen.

* Eine wissenschaftlich stichhaltige Untersuchung des gesamten Materials einschließlich Einband, Tinte und Papier der Tagebücher hat der "Stern" bisher nicht vorgelegt - die Prüfung weniger Blätter durch drei Sachverständige läßt zu viele Fragen offen.

* Eine graphologische Begutachtung des gesamten Textes, die die Entwicklung der Hitler-Schrift über 13 Jahre hin berücksichtigt, fehlt ebenfalls.

* Die Taktik des "Stern", die Hitler-Texte nur scheibchenweise zu publizieren, hat bisher eine philologische Analyse des Wortschatzes und der Diktion verhindert.

Unbeantwortet bleibt auch die Frage, ob Hitler überhaupt von seiner Gesundheit her in der Lage war, ein Tagebuch zu führen. Er litt an einer Schüttellähmung, der Parkinsonschen Krankheit, die mit einer Degeneration bestimmter Hirnzellen verbunden ist.

Die ersten deutlichen Symptome der Erkrankung Hitlers traten 1941 auf, dann verschlimmerte sich das Leiden schubweise, mit gelegentlichen kurzen Phasen der Besserung. Die klassischen Symptome der Krankheit waren bei Hitler von Jahr zu Jahr deutlicher wahrzunehmen: mangelhafte Mimik, leise und monotone Sprache, Verlangsamung aller Bewegungen, eine jeweils innerhalb eines Wortes oder Satzes "nach rechts kleiner werdende Schrift" (Mikrographie).

Das bei Hitler beobachtete starke Schütteln der Arme und seines linken Beins (das er selbst beklagte) behinderte ihn immer stärker. Allerdings hat es nach den Erfahrungen der Mediziner nicht immer Auswirkungen auf die Schrift. "Die Schrift eines Patienten mit Parkinsonismus", so das Mediziner-Handbuch Pschyrembel, "ist in der Regel nicht zittrig."

Gesundheitszustand, Handschrift, Tintenanalyse - sie sind jedoch nur sekundäre Erkenntnismittel. Erst eine Textkritik wird darüber entscheiden, ob die Tagebücher Hitlers echt oder gefälscht sind; ein konkreter Vergleich zwischen Angaben im Text mit kontrollierbaren Daten und Ereignisabläufen wird allein die Wahrheit an den Tag bringen.

Doch schon eine Überprüfung der wenigen Hitler-Zitate, die der "Stern" veröffentlichte, lassen starke Zweifel aufkommen: Von dem Sabotageaufruf eines deutschen Judenrats im Jahr 1942 ist zum Beispiel nichts bekannt, und den SS-Chef Himmler hat Hitler schwerlich für die mangelhafte Partisanenbekämpfung in Serbien verantwortlich gemacht, da er dafür nicht zuständig war.

Die Weltsensation des "Stern" hat kaum Aussicht, von den Fachhistorikern akzeptiert zu werden. Solange das Blatt nicht die Herkunft der Hitler-Texte lückenlos rekonstruieren will, solange es nicht zu beweisen vermag, daß die Papiere aus dem Flugzeug des Majors Gundlfinger stammen, bleiben sie fragwürdig.

Umwertung der bisherigen Geschichtsschreibung? Henri Nannen: "Davon kann natürlich keine Rede sein."

S.19 Vor der zerstörten Reichskanzlei, April 1945. * S.21 Im von der Stauffenberg-Bombe zerstörten Lageraum des Führerhauptquartiers "Wolfsschanze". * S.24 "Mein Testament - Für den Fall meines Todes verfüge ich: 1.) Mein Leichnam kommt nach München wird dort in der Feldherrnhalle aufgebahrt und im rechten Tempel der ewigen Wache beigesetzt. (Also der Tempel neben dem Führerbau) Mein Sarg hat dem der übrigen zu gleichen. 2.) Mein gesamtes Vermögen vermache ich der Partei. Die mit dem Parteiverlage abgeschlossenen Verträge werden dadurch nicht berührt. Über die noch vorhandenen oder künftigen Einnahmen aus meinen Werken verfügt die Partei. 3.) Die Partei muß dafür folgende Beträge jährlich zur Auszahlung bringen:" * "Die Explosionskatastrophe in Reinsdorf hat mir noch gefehlt. Ein Lichtblick war das Richtfest des Hauses der Deutschen Kunst in München. Nun kann ich endlich mich beim Baumeister etwas entspannen. E. (Eva Braun - Red.) hat jetzt zwei Hunderl, so wird ihr die Zeit nicht lang. Muß wegen E. auch mit Göring sprechen, seine Haltung ihr gegenüber ist nicht korrekt. Gesundheitlich nichts neues] Mußte Heß darauf ansprechen, etwas mehr in der Regierungsarbeit zu leisten. Es ist in den letzten Wochen etwas besser geworden mit einigen Reichsleitern und Gauleitern. Nur Streicher macht wieder Schwierigkeiten Berlin, den 30 / Juni 1935 Adolf Hitler" * "Persönliches Meine Menschenkenntnis hat mich nicht im Stich gelassen, v. Ribbentrop ist der richtige Mann. Sorgen macht mir das Stechen in meiner Brust, da sich meine Ärzte bei einer Untersuchung immer so komisch ansehen. Hatte über die Feiertage einige schöne Tage. Mußte es E. (Eva Braun - Red.) wiedereinmal sagen, sie ist eine junge Frau und wenn sie mich weiterhin so trängt, sie möchte mehr an meiner Seite sein und auch einmal eine Familie haben, muß ich mich von ihr trennen. Schon öfters mußten wir darüber reden. Adolf Hitler" * S.26 Auf der Pressekonferenz des "Stern" am 25. April mit gefälschten Hitler-Handschriften. *

DER SPIEGEL 18/1983
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Hitler-Tagebücher: Ha, ha, daß ich nicht lache