02.05.1983

RUDOLF AUGSTEINBruder Hitler

Die Hand, die das Tagebuch fälscht, muß zittern; so könnte man einen schon damals berühmten Spruch, den mein Vater mir übermacht hat ("die Hand, die den Wechsel fälscht, darf nicht zittern") abwandeln, sieht man des Führers Ende.
Ein gefälschtes Tagebuch also? So einfach geht das nicht. Bislang spricht sehr viel mehr dafür, daß es gefälscht als daß es echt ist, mehr nicht. Vor allem haben die Kollegen vom "Stern" zu diesem Eindruck beigetragen.
Wollte jemand die Erlebnisse des Führers an den Ereignissen entlang fälschen: Er hätte es nicht besser, aber auch nicht plumper durchziehen können. Fälschen ist schon lange keine Kunst mehr.
Daß Hitler "von einigen unschönen Übergriffen" (10. Nov. 1938) geschrieben haben soll, und "Was soll das Ausland dazu sagen", daß er Himmler wegen dessen Übergriffen in Polen mißtraute, ihm sogar das Bürgerbräu-Attentat in München 1939 zutraute: Müssen wir uns diesen Quatsch gefallen lassen?
"Ha, ha, daß ich nicht lache]" (Hitler über die Attentäter vom 20. Juli 1944). So versteht sich wohl von selbst, daß Hitler für seine hochgeliebten Juden einen Platz im Osten finden wollte, "wo sich diese Juden selbst ernähren können". Ja, das alles sollen wir glauben.
Halten wir uns in dieser hochwichtigen Frage von Schadenfreude frei. Fast jedem der in der Bundesrepublik erheblichen Zeitungs- oder Zeitschriftenprodukte ist schon ein blamabler Fehler unterlaufen - eine Persönlichkeitsverletzung etwa, die zu spät, aber immerhin doch, zu heilen war. Wir bewegen uns hier oberhalb der Baum(= "Bild")-Grenze (oder, sieht man die Baumschützer Sielmann und Grzimek, unterhalb).
Der "Stern" aber hat durch Unachtsamkeit kein Persönlichkeitsrecht, sondern das geschichtliche Bild der Deutschen verletzt. Auf eine so lächerliche Art kann man die (sozusagen) Tagebuch-Aufzeichnungen des wichtigsten und unheilvollsten Deutschen dieses Jahrhunderts nicht prüfen, nicht ungeprüft vorstellen.
Was hat der "Stern" zu bieten? Drei Schriftgutachten. Nun weiß jeder, daß die Zahl derer, die durch Schriftgutachten unschuldig verurteilt worden sind, Legion ist. Es gibt seriöse Schriftgutachter. Aber statistisch dürfte die Zahl der zweifelhaften zu den richtigen Gutachten bei etwa 50 Prozent liegen. Ein Gutachter, der nicht hellhörig wird, wenn er liest, daß Eva Braun "mich weiterhin so trängt", "mehr an meiner Seite" zu sein, dem wäre wohl nicht mehr zu helfen. So schreibt kein Mann vom Inn.
Nach allem muß man annehmen, daß überhaupt kein Schriftsachverständiger die gesamten 60 Bände durchsehen durfte. Herr Weinberg jedenfalls, an dessen Wohlwollen dem "Stern" ja gelegen war, weil er die amerikanische Reputation brauchte, schrieb in "Newsweek" nur, die Tagebücher sollten durch Schriftsachverständige überprüft werden, "and this had not been done when I saw them".
Er fügt in Klammern hinzu, eine Seite des angeblichen Extra-Tagebuches über die Heß-Affäre sei ordentlich untersucht worden. Aber er fügt weiter hinzu, daß die Untersucher den Rest dieses Sonderbandes nicht hätten sehen dürfen, und daß sie nicht darüber informiert worden seien, daß weitere Tagebücher existierten. So kann man mit der Geschichte des Dritten Reiches, für die immerhin auch und vor allem Auschwitz steht, nicht umgehen.
Dies angebliche "Tagebuch" wäre die wichtigste autobiographische Äußerung seit den "Gedanken und Erinnerungen" von Bismarck. Aber doch nur, wenn es echt wäre - und geprüft ist gar nichts]
Der Reporter Gerd Heidemann, der vielerorts mit Recht als ein besonderer Spürhund erwähnt wird, hat vom Dritten Reich nicht die leiseste Ahnung. Er mußte sich erst 1973 die frühere Göring-Jacht "Carin II" kaufen, damit er, wie er selbst sagt, "mitreden" konnte. Solch ein Mann kann frühere Nazis aufspüren. Die Authentizität einer Veröffentlichung diesen Kalibers auf ihn allein zu laden, ist Leichtsinn oder Frechheit.
Der "Stern" dieser Woche beginnt mit einem Heß-Artikel, von dem selbst sein Kronzeuge, der ("people you could"-) Murdoch-Historiker Hugh Trevor-Roper, schon eingeräumt hat, er sei, seiner Ansicht nach, gefälscht. Dies machen wir dem "Stern" zum Vorwurf: Daß er keinen Wissenschaftler in Ruhe hat prüfen lassen.
Es ging ihm nicht um die Echtheit, nur um das Alibi. Der "Stern" hat sich verhalten wie ein Filmverleiher, der einen Film mit Bud Spencer und Terence Hill ("Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle") zwischen Weihnachten und Neujahr so gedrängt in die Kinos drückt, daß kein Besucher dem nächsten noch mitteilen kann, mit welcher Scheiße seine Familie überschüttet wird.
Hugh Trevor-Roper, den Angestellten des Milliardärs-Tycoon Rupert Murdoch, können wir in diesem Zusammenhang wohl vergessen. Aber was ist mit dem deutschgeborenen Professor Gerhard Ludwig Weinberg, der im Auftrag von "Newsweek" als "consultant" (]) zwei Stunden lang (]) Einblick in die 60 Bände (]) nehmen durfte, in einer Züricher Bank (])? "Kein Historiker kennt Adolf Hitler besser als Professor Gerhard Ludwig Weinberg von der Universität von North Carolina", preist ihn sein Blatt in der Titelgeschichte vom 2. Mai 1983.
Aber was sind das für Professoren, denen man, laut "Newsweek", "roughly 5 percent of the material", und das für zwei Stunden, zu lesen gibt. Sie sind dann anschließend gleichzeitig als "consultant" (offenbar mit dem Ergebnis, den Stoff nicht zu drucken) wie auch als ordentliche und unbeteiligte Historiker in der internationalen Diskussion tätig. Solch ein Mann, auch wenn er den Führer besser zu kennen glaubt als andere Historiker, weiß doch nun mal nichts, weil er nicht als Wissenschaftler, sondern als potentieller Aufkäufer tätig geworden ist, zwei Stunden lang, in Zürich, in der Bank.
Er ahnt wohl, daß alles falsch ist. Sonst würde er nicht bemängeln, daß einerseits der Flug des Führer-Stellvertreters Rudolf Heß am 10. Mai 1941 als eine Art Walküren-Ritt, als ein vom Walvater gebilligtes Unternehmen im sogenannten Tagebuch vorkommt; wohingegen nicht im sogenannten Tagebuch vorkommt, daß Hitler so begierig war, Japan in den Krieg gegen England hineinzuziehen; daß er den Japanern versprach, im Gegenzug sofort in den Krieg gegen die USA einzusteigen (wie er tat). Die Fälscher hatten sich an den neuesten Ergebnissen der Forschung nicht orientieren können.
G. L. Weinberg, dessen Reputation bisher nicht beschädigt worden ist, hätte es lieber, wie er in "Newsweek" schreibt, wenn ein deutscher Fachhistoriker mit der Sache befaßt worden wäre. Aber ein Deutscher müßte es ja nicht sein. Irgendein Fachhistoriker, irgendeiner, der nicht als potentieller Aufkäufer hätte auftreten müssen: Das möcht schon sein.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 18/1983
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