07.11.1983

Ein Gespött der hastigen Leute

Hanns-Josef Ortheil über Sten Nadolny: „Die Entdeckung der Langsamkeit“ Sten Nadolny, 41, hat 1981 mit dem Roman „Netzkarte“ debütiert. Er war Geschichtslehrer, arbeitet für den Film und lebt in West-Berlin. Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil, 32 ("Fermer“, „Mozart - im Inneren seiner Sprachen"), hat diesen Herbst den Roman „Hecke“ veröffentlicht. *
Sten Nadolny, zweiter Roman steht quer zu den Tendenzen, die sich in der deutschen Gegenwartsliteratur abzeichnen, und er vollendet einige ihrer mühsamen Anstrengungen und Eroberungen dennoch auf beinahe mühelos erscheinende Weise.
Man kommt nicht darum herum, diese Anstrengungen mit den Werken Peter Handkes zu verbinden. Vielleicht wird man in einiger Zukunft einmal darin übereinstimmen, daß das Wesentlichste, was Handke in die Gegenwartsliteratur eingeführt hat, das Studium der Langsamkeit war. Dieses Studium hat er seit den frühen 70er Jahren mit der Akribie eines gepflegt wuchernden Bodenbedeckers vorgeführt.
Mit der Zeit enthielten seine Sätze freilich nichts mehr von ihrer frühen Freundlichkeit. Sie verschlossen sich vielmehr in der Urgemütsruhe eines Einzelgängers, der aus einer bitter gestalteten Einsamkeit heraus seine Befehle an eine sich immer mehr entfernende Leserschaft diktierte. Als Handke die Ungeduld packte und er dann aus seiner gewonnenen Langsamkeit eine viel zu eilige "Heimkehr", ja, sogar eine "Lehre" machte, war beinahe alles verspielt.
An diesem Punkt der Handkeschen Nachlässigkeit knüpft Nadolnys neuer Roman an. Was die Langsamkeit betrifft, ist es das wichtigste Buch seit dem nun schon legendären "Kurzen Brief zum langen Abschied".
Nadolny erzählt in seinem Roman von dem britischen Seefahrer und Entdecker John Franklin (1786 bis 1847). Wie er in einer kurzen Notiz zugibt, hat er die historischen Quellen über Franklin aufmerksam studiert. Aber: Er hat diese Quellen auch gedeutet und mit literarischer Freiheit ausgeschmückt.
"John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, daß er keinen Ball fangen konnte." Mit diesem gleich ins Zentrum von Nadolnys Franklin-Deutung schießenden Satz beginnt der Roman. Und so komprimiert, so elegant und sicher fügen sich die folgenden Sätze an, die von Franklins Einzelgängerdasein berichten. Bei den schnellen Bewegungen der anderen kommt er nie mit. Jede Hast prallt von ihm ab, und darüber wird er zum Gespött der Leute.
Dies ändert sich erst, als er den Platz erobert hat, an den ihn schon in der Kindheit seine einzige Sehnsucht trieb: den auf einem Schiff, den auf dem Meer. Nun beginnt seine Langsamkeit zu arbeiten, sie entwickelt ihre Neigungen zur quasi-mathematischen Genauigkeit, sie entziffert Sextanten, Chronometer, Logleinen und Sanduhren. "Ich bin ein Entdecker", läßt Nadolny seinen Franklin sagen.
Der Entdecker führt keine Kriege, er erstarrt in ihnen und erlebt das mörderische Seekriegstreiben als das größte Chaos überhaupt. Von seinen Zeitgenossen isoliert, bleibt nur Nadolny noch in seiner Nähe. Und daher erlebt der Leser eine Schlacht, wie er noch nie eine erlebt hat.
Die patriotisch begeisterten Engländer, die da auf die Franzosen losgehen wollen - was ist mit ihnen, warum schreien, brüllen und jubeln sie? Wenn Franklin sich diese Frage zurechtlegt, wirkt das so: "Sie glaubten jetzt zum Höchsten zu gehören, was die Erde hervorgebracht hatte. Sie mußten es nur noch zeigen. Die Ehre verpflichtete jeden, das zu tun, wofür er schon gelobt worden war. Ehre war eine Art nachzuliefernder Beweis."
Nur ein Mißverständnis rettet den Entdecker, der auf unabsichtliche Weise zum Helden wird und in die Heimat zurückfindet. Erst als die lange Kriegszeit ihr Ende gefunden hat, gerät die Franklinsche Langsamkeit nicht mehr in Konflikt mit ihrer Umgebung.
Auf Entdeckungsreisen, die in die Arktis führen, entsteht das, was Nadolny das "Franklinsche System" nennt. Es summiert auch die Erfahrungen des Erzählers: "Ich bin mir selbst ein Freund. Ich nehme ernst, was ich denke und empfinde. Die Zeit, die ich dafür brauche, ist nie vertan. Dasselbe gestehe ich auch den anderen zu."
Wie in diesen Sätzen, so hält sich Nadolny auch sonst an einen mitteilenden, knappen Ton. Keine aufweichenden Partizipien, keine Nebensätze im trunkenen Stil eines Rhythmus! Statt dessen lieber diese wie zusammengeschweißt wirkenden Hauptsätze. Ich ahne nur, wieviel Mühe es gekostet hat, im Schlichten eine derartige Eleganz zu bewahren.
Diese Schlichtheit kommt vor allem den vielen anderen in Nadolnys Buch auftretenden Gestalten zugute, die vom Erzähler mit demselben Respekt behandelt werden wie John Franklin, der Held. "Ich glaube, ich möchte immer dort sein, wo es nicht um Körper geht, oder wenn, dann respektvoll", sagt John Franklin einmal, als er vom Kriegführen auf See enttäuscht ist. Das ist es. Die Körper in diesem Roman werden aufeinander zugeführt, als hätten sie den Frieden im Leib, der jeden für sich, aber nur in der Nähe des anderen glücklich macht.
Habe ich schönere Liebesszenen gelesen als in diesem Buch? Lange nicht mehr. Denn John Franklin ist ja auch hier (wie in den anderen Dingen, die "entdeckt" werden müssen) nicht von Anfang an ein Meister. Am Anfang ist vielmehr nur die "Hoffnung, daß die Langsamkeit der Frauen etwas mit der seinen zu tun" habe.
Während der Landaufenthalte lernt Franklin dann auch die Frauen kennen, und nach jeder Seefahrt bedeuten sie etwas anderes für ihn. Er kommt ihnen nicht eigentlich näher, er erfaßt sie nur mit der Zeit gründlicher und intensiver. Später heiratet er, aber dann "glaubte er plötzlich ganz sicher zu wissen, daß er weder die Liebe noch die Frauen je verstehen würde. Die Frauen wollten in der Welt etwas anderes, das konnte man nur respektieren".
Nadolnys Kunstgriff besteht darin, daß er mit dieser graziösen Schwere erzählt. Dazu gehört, daß er sich als Erzähler nicht aufdringlich in seinen
Stoff hineinschmuggelt. Er macht das Geschehen nicht im trivialen Sinn historischer Geschichtenerzähler nacherlebbar. Seine Absichten sind viel dichter und weiter gespannt.
Das "Franklinsche System", die Selbstbestimmung eines Menschen, der weiß, was er kann, und neugierig ist auf das, was er noch nicht weiß, läßt das Leben derer, die es eilig haben, um so deutlicher werden. Nadolny hält den rasenden Geschwindigkeiten, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihren Anfang in der Gestalt von Bilderwälzern, Lokomotiven, Rechenmaschinen und Tabellen nehmen, die Langsamkeit eines am Ende beinahe kurios erscheinenden Entdeckers entgegen.
Die Abenteuerhandlung entpuppt sich als Zivilisationskritik, denn da erlebt einer wie John Franklin die eigene Kultur abwechselnd wie ein Einheimischer und wie ein Fremder. Immer wieder muß Franklin hinaus in die Arktis, ins Langsame, um überhaupt noch sehen und begreifen zu können, was sich auf dem Lande tut.
Daher ist dieses Buch vor allem unter der Oberfläche seiner den Leser mitreißenden Handlung "konstruiert". Man merkt es ihm nie an, man liest von dieser friedvollen Weise Franklinschen Entdeckens wie von einer Offenbarung, zu der unsere Kultur nur noch auf sehr künstliche Weise Zugang hat. Gar nicht auszudenken, wie es um die Menschheit stünde, hätte sie sich mehr an Franklins "System" gehalten!
Das Studium der epischen Fülle dieses Romans wird bei der mehrmaligen Lektüre zu einem Studium dieser historischen Diskrepanz. Indem Nadolny darstellt, wie es Franklin ergangen ist, wird der Zustand unserer manisch fort-eilenden Kultur wie in einem Gegenbild deutlich.
Natürlich ist davon niemals direkt die Rede. Nadolnys Buch ist ja nicht so etwas wie eine Fibel der nostalgischen Einsichten, es ist nicht romantisierend. Aber es ist romantisch, wenn auch auf komplizierte, nachdenkliche Art. Nadolny erzählt das "Franklinsche System" gegen die Kultur der industriellen Neuzeit; er erzählt so, daß der Leser etwa bei den Schilderungen der Landaufenthalte Franklins die intensivere Zeit der Entdeckungen immer mitdenken muß.
Daher ähnelt die Bewegung, die Nadolnys Schreiben mitteilt, der des Meeres an einem flachen Strand. Mit der Zeit macht auch die Empfindung des Lesers dieses zögernde Hin und Her mit. Freude wird durch Trauer, Hoffnung wird durch Resignation gebrochen (und umgekehrt) - in einer unendlich lang erscheinenden Fluchtbewegung. Diese Bewegung des Zugleich, mit deren Hilfe so etwas wie ein Zustand aus Heimweh und Fernweh entsteht, nenne ich romantisch.
Wie leicht hätte andererseits dieser Seiltanz romantisierend mißlingen können, wieviel historischer Kitsch, wieviel Seefahrerromantik, wieviel Abenteuergewäsch hätte in diesem Roman Platz finden können! Fallen einem nicht sofort die lächerlichen Dialoge ein, die gewisse Autoren ihre hartgesottenen Helden zu Schiff oder an Land von sich geben lassen?
Keinen einzigen von diesen Sätzen findet man in diesem Buch. Selbst die schwierigsten Passagen, die Dialoge, werden vom Zögern Franklins beherrscht, der erst einmal nachdenkt, bevor er antwortet.
Auch sein Ende behält diesen Glanz des Indirekten. Der fast sechzigjährige Franklin übernimmt die Schiffe "Erebus" und "Terror" und bricht mit dem Mut des kaum Gealterten noch einmal in die Arktis auf, um seinem Traum, die Nordwest-Passage zu entdecken, ganz zu gehören. Auf dieser Reise stirbt er an einem Schlaganfall - ein Tod, der eine Lebensgeschichte erfüllt; die Mannschaft versenkt den Sarg im Eis. Erst beinahe ein Jahrzehnt später finden Suchschiffe die letzten Spuren einer Expedition, die in der Kälte steckenblieb - "wer nicht weiß, was Zeit ist, versteht kein Bild, und dieses auch nicht".
So ist Sten Nadolny also endlich das gelungen, was die frühen Bücher Handkes versprachen. Er hat die Langsamkeit aus ihrem Gegenwartsmuff befreit, er hat ihr eine notwendige, historisch weit gespannte Dimension gegeben. Zugleich aber hat er die Haltung des "modernen"
Einzelgängers, dieses Fremdsein in der Gegenwart, diese Aussteiger bewegung in die Arktis, nicht nur vorgeführt, sondern sie gegen die erstarrten Systeme des zugreifenden Lebens (der Technik, der Industrie, und am Ende - besonders kunstvoll - auch gegen die der Politik) gehalten.
Und - das Verblüffende geschieht: Vom Standpunkt des langsamen Einzelgängers aus betrachtet, werden diese Erstarrungen plötzlich neu verstehbar. Sie schrumpfen auf ein menschenmögliches, friedvolles Maß zusammen.
Im vorigen Jahr habe ich während eines Schriftstellertreffens, auf dem jüngere Autoren etwas älteren aus ihren Werken vorlesen, Sten Nadolny für Minuten gesprochen. Da sagte er, er bringe es kaum fertig, jemanden die üblichen dreißig Minuten lang konzentriert zuzuhören. Das sei zuviel, und so falle ihm nie ein passendes Urteil ein. 1980 hat er sich selbst mit einer dreißigminütigen Lesung beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb dem Urteil der Juroren gestellt. Sie haben ihm damals den ersten Preis für ein Kapitel aus diesem Roman zuerkannt.
Sie müssen hellwach gewesen sein, diese Juroren, von Franklinschem Geist ergriffen. Den Augenblick ihres treffsicheren Urteils hätte Peter Handke vielleicht den des "Nunc stans" genannt. Ich nenne ihn den eines neuen Anfangs.
Von Hanns-Josef Ortheil

DER SPIEGEL 45/1983
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