21.02.1983

RECHTSRADIKALEMachtvolle Kader

Mordanschläge auf US-Soldaten, die Linksterroristen angelastet wurden, scheinen aufgeklärt: Fünf Neonazis wurden verhaftet.
Morgens um 5.20 Uhr stieg der US-Feldwebel vom zweiten Bataillon der 33. "Armored Division" in Butzbach-Kirch Göns in seinen roten VW Golf. Als er sich hinter das Steuer setzte, knallte es.
Der Soldat schleppte sich, mit schweren inneren Verletzungen und mit Brandwunden an Rücken und Beinen, bis zu seiner Wohnung. Der Wagen brannte aus.
Einen Tag später ging, in der Jefferson-Siedlung in Darmstadt, wieder eine Autobombe hoch. Verletzt wurde ein 27jähriger Offizier, dem ein Sprengsatz unter den Fahrersitz montiert worden war.
Es waren der 59. und 60. Anschlag auf Soldaten, Dienststellen und Einrichtungen der US-Armee im vergangenen Jahr. Höllenmaschinen detonierten in der Frankfurter Gibbs-Kaserne, im John-Foster-Dulles-Village in Gießen und in einem von US-Mietern bewohnten Hochhaus in Eschborn.
Bekennerbriefe gingen nicht ein, die Polizei machte sich im dunkeln einen Reim: "Damit haben die Revolutionären Zellen jetzt die Grenze zum eiskalt geplanten Mord überschritten."
In der letzten Woche mußten sich die Sicherheitsbehörden korrigieren: Die Bombenleger waren nicht Linksterroristen der Revolutionären Zellen (RZ), sondern vermutlich rechte Gewalttäter.
Wegen "des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung ( 129 a StGB) sowie des versuchten Mordes" hatte Generalbundesanwalt Kurt Rebmann am 15. Februar drei Neonazis verhaften lassen, die inzwischen die Taten gestanden haben:
* den Dachdecker Dieter Sporleder, 22, aus Gießen, DDR-Flüchtling und Mitglied der verbotenen rechtsradikalen "Volkssozialistischen Bewegung Deutschlands" (VSBD), einen einschlägig belasteten Schläger aus der Neonazi-Szene;
* den Aktivisten Helge Blasche, 40, aus Frankfurt, einen vielfach vorbestraften Gewalttäter und Rechtsextremisten der VSBD, sowie
* den Schlosser Hans-Peter Fraas, 22, aus Nürnberg, Mitglied der verbotenen Wehrsportgruppe Hoffmann, einen von der El Fatah im Libanon geschulten Kämpfer.
Zwei weitere Rechtsextremisten wurden in London festgenommen: Ulrich Tillman und Walther Kexel, führender VSBD-Funktionär. Das hessische Terror-Trio griff die Polizei nach wochenlanger Observierung in Frankfurt auf. Dort, in einem Apartment-Wohnhaus, hatten die drei, was bislang bei Rechtsradikalen noch nicht beobachtet worden war, eine konspirative Wohnung unterhalten. Die Ermittler fanden neben Verkleidungsutensilien wie Masken auch das Pflanzengift "Unkraut Ex", aus dem sich der Sprengstoff herstellen läßt, der in den Autos der US-Soldaten explodierte.
Die Verhaftungen von Frankfurt belegen eine schwerwiegende Fehleinschätzung westdeutscher Terroristen-Fahnder. Obwohl Mordanschläge wie beim Münchner Oktoberfest längst klargemacht haben, daß die Gewalt von rechts mindestens ebenso brutal ist wie einst die der Roten Armee Fraktion (RAF), ermittelten viele Staatsschützer immer erst mal in nur eine Richtung. "Da wird sofort nach links geguckt", beschreibt ein hessischer Sicherheitsbeamter den Standardreflex, "und erst dann geht der Kopf langsam nach rechts."
Dabei wiesen nach den Anschlägen auf US-Soldaten zwei Merkmale darauf hin, daß die Täter nicht aus dem linken Untergrund kamen. Das Fehlen der Bekennerbriefe, interpretierte der Hamburger Verfassungsschutz-Chef Christian Lochte den Fall, sei "ein Indiz dafür, daß die Revolutionären Zellen nicht in Frage kommen". Außerdem, so Lochte, hätten RZ-Täter meist "vermieden, Menschenleben oder die Gesundheit von Menschen zu gefährden".
Doch genau darauf kam es den Bombenlegern von Butzbach und Darmstadt offenbar an. Die Attentäter hatten aus "Unkraut Ex" und Puderzucker Sprengstoff gemischt, in Zwei-Kilo-Trockenfeuerlöscher gefüllt und die Bomben unter den Fahrersitzen deponiert. Gezündet wurden die Sprengsätze durch Fuß-Druckschalter, wie sie zum Anknipsen von Stehlampen benutzt werden; die Schalter waren unter Sitzfellen versteckt. Beim Hinsetzen knallte es.
Eine "Sonderkommission Rhein-Main" des Hessischen Landeskriminalamtes (LKA), die der Wiesbadener Innenminister Herbert Günther einsetzte, erhielt schon vor Wochen gezielte Hinweise auf Rechtsextremisten als Tatverdächtige. Die LKA-Ermittler beobachteten Ende letzten Jahres in Neonazi-Zirkeln eine "ganz starke Radikalisierung", den Trend zu Gewalt und blutigem Terror. "Da haben sich", so ein Frankfurter Staatsschützer, "militärische Gruppen gebildet, die linken terroristischen Vereinigungen ähneln."
Aufgeputzt mit schwarzen Helmen, Lederkoppeln und Khakihemden, gerüstet mit Schlagringen und Gaspistolen, taten sich Neonazis nach dem Verbot der VSBD im Herbst in Hessen zusammen. Sie gründeten im Januar im "Wienerwald" in Frankfurt-Niederrad die "Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten" (ANS), "um die Einigung im Lager des nationalen Sozialismus herbeizuführen".
Zentrum der Einheitsbewegung ist Hanau. Dort ziehen Arnd-Heinz Marx, ein schmächtiger Hitler-Imitator, und seine Kampfgenossen die Fäden.
Einer der Aktiven war der Gießener Sporleder, der jetzt festgenommen wurde. Den nationalen Sozialisten schwebt eine "machtvolle Kaderbewegung" vor. "Das junge Deutschland", so ein ANS-Aufruf, "marschiert", und zwar "gegen den Amerikanismus".

DER SPIEGEL 8/1983
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