07.11.1983

Ein Papagallo der Prominenz

SPIEGEL-Redakteur Harald Wieser über den „Stern“-Autor Gaston Salvatore *
Der vor beinahe 20 Jahren aus Chile unter die Deutschen gekommene Literat Gaston Salvatore könnte, an einem allerdings dem Kitsch gewidmeten Tag, der Phantasie des großen Dandys Oscar Wilde entsprungen sein: Immerhin durchmißt er, teuer gewandet, zu Venedig einen echten Palazzo, in dem es zwischen stilgerechtem Möbel, mannshohem Kamin und erlesenem Wein an keiner Kostbarkeit mangelt, "es sei denn an einem kleinen Äffchen".
Dies Bekenntnis hat Gaston, 42, der wie ein aufgepumpter älterer Bruder John Travoltas aussieht, einst während einer Reise deutscher Autoren durch China abgelegt - an deren Schrecken er sich ("Ich bin kein Mann des Kopfes") noch heute, empört, vor allem mit dem Hintern erinnert. Denn seinem luxuserprobten Allerwertesten hatte ein "unzumutbar proletarisches" Hotelbett um ein Haar die Freude an der ganzen Dritten Welt verdorben.
Keine Frage, Senor Salvatore zählt zum Feinsten, was die deutsche Literatur zu bieten hat. Aber die Spur seiner wenigen Bücher verliert sich in staubigen Bibliotheken. Kaum ein Leser ahnt ihre Existenz, und das kleine Fähnlein der Eingeweihten defiliert schweigend an den Salvatore zugedachten Regal-Zentimetern vorbei. Für diese Friedhofsruhe um die Initialen G. S. herum hat von Anfang an die Gerechtigkeit der Kritik gesorgt.
Wann immer nämlich sich Gaston mit einem neuen Werk an die Öffentlichkeit traute, hat das Feuilleton ihn gerädert und gevierteilt. So war über das bekannteste seiner unbekannten Werke, über das versehentlich mit dem Gerhart-Hauptmann-Preis belohnte Theaterstück "Büchners Tod", zu lesen: Das "idealische Gebrabbel" sei eine "nicht einmal grammatikalisch korrekte" Phraseologie, die "wie Sägemehl aus Puppen fällt" und: "Die Manuskriptvernichtung wäre eine Wohltat gewesen." Denn: "So tot wie in diesem Stück war Büchner nie."
Angesichts solcher literarischen Reputation gibt die Frage Rätsel auf, über welche sinistren Kanäle der Autor das venezianische Ambiente finanziert. Denn die Honorare für seine Bücher könnten ihm allenfalls das Bierdosen-Paradies eines Stadtstreichers sichern, eine eigene Parkbank (vor den Lagunen) vielleicht, bei Zweitauflagen möglicherweise ein imprägniertes Zelt. Also liegt wohl die Vermutung nahe, daß Gaston einen fürstlich dotierten Beratervertrag unterhält - und zwar einen mit der deutschen Schlaftabletten-Industrie.
Für diese Vermutung spricht die Lektüre: Ganz gleich nämlich, ob man Salvatores Gedichtband "Der langwierige Weg in die Wohnung der Natascha Ungeheuer" aufschlägt, seine Prosaarbeit "Der Kaiser von China" inspiziert, oder seine Theaterstücke "Fossilien", "Freibrief" oder "Tauroggen" zur Hand nimmt ... Bereits ein äußerst sparsames Blättern genügt, und man ruht in Morpheus' Armen wie ein Stein.
Trotzdem ist Gaston Salvatore ein relativ berühmter Mann. Diesen Ruhm verdankt er nicht seinem literarischen, er verdankt ihn ausschließlich seinem gesellschaftlichen Talent. Denn Gaston ist ein virtuoser Begleiter; eine Art Papagallo der Prominenten, der sich ein Goethewort zur Maxime gemacht hat: Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist. Seit er auf zwei Beinen steht, war er darum an der Seite Großer zu finden, unbeirrbar darauf hoffend, daß in ihrem Glanz auch er, der Kleine, strahlen möge.
Das Training begann in Chile, wo er (bevor dieser Präsident wurde) seinen Onkel Salvador Allende begleitet haben soll. In Rom war er der Begleiter des Filmregisseurs Antonioni. In San Marino, aber nicht nur dort, wird er häufig als Begleiter des Komponisten Hans Werner Henze bestaunt. Und seit manchen Jahren begleitet er den Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger. Aus dieser Verbindung ist Salvatores bisher einziges überraschend gelungenes Buch hervorgegangen: "Waldemar Müller. Ein deutsches Schicksal", zu dem Enzensberger ein fulminantes Vorwort schrieb. Schrieb er dem erfolglosen Begleiter am Ende den ganzen "Waldemar"?
Auf den Photographien, die Salvatore als Begleiter im Laufschritt zeigen, ist er mit dem Revolutionär Rudi Dutschke zu sehen: Salvatore neben Dutschke während einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg. Salvatore neben Dutschke vor dem Springer-Haus. Salvatore neben Dutschke bei einem Teach-in zur Überwindung des Kapitalismus.
Da der Begleiter sonst nicht viel zu bieten hat, wirbt Salvatore mit seiner Freundschaft zum toten Dutschke bis auf den heutigen Tag für sich. Und eben dies wollen wir eine unappetitliche Falschmünzerei nennen. Denn in Wirklichkeit hat er die zu Begleitenden lange gewechselt: ist aus dem Starlet der Apo der Schoßhund der deutschen Unternehmer geworden.
Das erste große Pfötchengeben fand im vergangenen Jahr statt: als der Neffe Allendes in der Zeitschrift "Transatlantik" den Berliner CDU-Scharfmacher Heinrich Lummer und in der Illustrierten
"Stern" den rechten Hessen Alfred Dregger porträtierte - und ihm, jedenfalls bei Dregger, eine Hommage aus der Feder floß, wie sie dessen Werbeagentur nicht einfühlsamer hätte unters Volk schmuggeln können.
Heinrich Lummer erlebt der Leser, in einer differenzierten Reportage, immerhin noch als einen zerrissenen Mann: der sich "elektrisch rasiert" und mit dem der Gast aus Venedig "einen vorzüglichen Obstler nach dem anderen trinkt". Aber an seinen Besuch bei Alfred Dregger ("Die Polizei knüppelt uns den Weg zu Dreggers grünem Mercedes 280 SE frei") erinnert er sich so: "Ich kann nicht leugnen, daß er mir sympathisch ist ... Ich fühle mich geborgen. Wie schön wäre es, mit ihm ein langes Gespräch über Teppiche zu führen, die Zahl der Knoten eines Persers zu schätzen."
Verwirrten Freunden, die ihn bis zu seiner Captatio benevolentiae im Hause Dregger für einen (wenn auch dem Dolce vita geneigten) Linken hielten, hat Salvatore, der den Buchstaben h gern französisch-elegant verschluckt, post festum erklärt: "Der 'Stern' (h)at misch zensiert, aus meiner Attacke eine (H)uldigung gemacht." Da (h)ast du ge(h)euchelt, Gaston! Denn was in einer Serie desselben "Stern" seit einigen Wochen unter dem Namenszug Salvatore über deutsche Topmanager zu besichtigen ist, wurde keineswegs zensiert: muß aber dem Autor einen Meniskusschaden eingebracht haben. So unermüdlich rutscht er vor den Kapitänen der Industrie auf den Knien umher.
Die Tür ins Reich der Herrlichkeit hat ihm Wolff von Amerongen aufgetan, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages, mit dem Salvatore "im Wohnzimmer mit dem Rücken zu einem Magnolienbaum" dinierte, "der draußen allmählich in der Nacht verschwand". Und was erfahren die "Stern"-Leser über Herrn von Amerongen noch? "Der zweistrahlige Executiv-Jet Marke Hawker-Siddeley ist geräumig. Das Vorstandsmitglied der Deutschen Bank nimmt Obst aus einer üppig gefüllten Schale" und - kaum zu fassen - "ißt".
Der Begleiter hat von der Illustrierten für seine auf zehn solcher Porträts geplanten Serie, von denen vier erschienen sind, 120 000 Deutsche Mark kassiert. Das dürfte nicht nur für ein Äffchen, es müßte für einen ausgewachsenen Gorilla reichen. Aber inzwischen sind beim "Stern" die Geister geschieden. Als in der Redaktionskonferenz danach gefragt wurde, warum man inzwischen die Aufsätze eines Klippschülers drucke, wurde die Serie vorerst gestoppt. Der Rest, hat der "Stern" angedroht, soll in loser Folge amüsieren.
In seiner 1971 abgelieferten Gedichtsammlung "Natascha Ungeheuer", einem Attentat auf die Lyrik, unternahm Salvatore, der aus einer Industriellenfamilie stammt, gleich "Sieben Rückkehrversuche" in "Die schwierige Bourgeoisie". Der achte ist ihm geglückt.
Von Harald Wieser

DER SPIEGEL 45/1983
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