21.02.1983

Raketen töten nicht - Menschen töten

Vom "Gleichgewicht des Schreckens" zum machbaren Atomkrieg / Von Wilhelm Bittorf Sowjet-Raketen SS-20 sind auf Westeuropa gerichtet, Pershing-2-Raketen sollen von deutschem Boden aus auf Rußland zielen - die gegenseitige Raketendrohung wurde zum Wahlkampfthema in der Bundesrepublik. Um die Sowjets im Konfliktfall gefügig machen zu können, wollen die Amerikaner ihre atomare "Überlegenheit" wiedergewinnen. Die Falken um Präsident Reagan halten einen Atomkrieg für "gewinnbar" - ein US-Abrüstungsexperte nannte das "Phantasien, die auf schierer Verrücktheit beruhen". SPIEGEL-Autor Bittorf beschreibt, welche Absichten die letzte gefährliche Drehung der Atomkriegs-Spirale in Gang gesetzt haben. Frage an George Bush: "Erreicht man bei den strategischen Waffen nicht einen Punkt, wo wir und die Russen einander so oft auslöschen können, daß es gleichgültig ist, ob wir zehn Prozent oder zwei Prozent höher oder niedriger liegen als die Gegenseite?" Bush: "Ja, wenn man glaubt, daß es bei einem nuklearen Schlagabtausch keinen Gewinner geben kann. Ich glaube das nicht." Frage: "Wie gewinnt man einen nuklearen Schlagabtausch?" Bush: "Wenn man ein überlebensfähiges Kommandosystem hat, ein überlebensfähiges Industriepotential, Schutz für einen Prozentsatz der Bürger, und wenn man die Kapazität hat, dem Gegner mehr Schaden zuzufügen als der uns zufügen kann. Auf diese Art wird es einen Gewinner geben ..." George Bush, Chef des Geheimdienstes CIA bis 1977, heute Vizepräsident der USA, in einem Interview mit der "Los Angeles Times", Januar 1980.

Das Handbuch der Apokalypse heißt SIOP (ausgesprochen "sei-op"). Die Abkürzung steht für "Single Integrated Operational Plan". Es ist der Operationsplan der nuklearstrategischen Streitmacht der Vereinigten Staaten - der "alleinige" ("single") Plan im Unterschied zur Zeit vor 1960, als die US-Luftwaffe und die US-Kriegsmarine eigene Einsatzpläne für ihre Bomber, Trägerflugzeuge und Raketen hatten.

SIOP tritt in Kraft, wenn die Abschreckung versagt und der strategische Krieg mit dem Rivalen im Osten beginnt.

SIOP ist in Kraft, wenn die Stahlbeton-Schieber über den Raketensilos in den Weizenfeldern des Mittelwestens sich öffnen und Amerikas Luftgeschwader zwischen Nordsee und Pazifik, über die Arktis hinweg wie vom Arabischen Meer aus Kurs auf ihre Ziele in der Sowjet-Union nehmen. Denn SIOP gibt an, wie das Militär und die politische Führung der USA einen atomaren Krieg führen wollen, wenn sie müssen - oder zu müssen meinen.

"Es ist bestürzend, wenn man den SIOP tatsächlich kennenlernt, statt nur davon zu reden, wenn man also nach Omaha (zum Strategischen Luftkommando) kommt und sie einem sagen, was es damit auf sich hat - bestürzend", erinnert sich der Kernphysiker Herbert York, bis 1968 Forschungsdirektor im US-Verteidigungsministerium. "Der Plan sieht vor - und ich übertreibe nicht -, die Sowjet-Union streifenweise in eine einzige Abraumhalde zu verwandeln."

1977 lernte ein anderer Mann den SIOP kennen, ein polnischer Aristokrat von Geburt namens Zbigniew Brzezinski, der sich die Gunst David Rockefellers erworben und es geschafft hatte, als Sicherheitsberater Jimmy Carters in den engsten Entscheidungskreis der westlichen Supermacht vorzudringen.

Brzezinski veranlaßte sogleich eine durchgreifende Überprüfung des Operationsplans und des Grundsatzpapiers über die Anwendung von Nuklearwaffen ("Nuclear Weapons Employment Policy" oder NUWEP), auf dem SIOP basiert. Denn "Zbig" (wie man ihn in Washington nannte) war nicht bestürzt. Er fand das amerikanische Kriegskonzept ganz einfach ungenügend, naiv und dringend verbesserungsbedürftig.

Mißgelaunt hörte er bei einer Sitzung im unterirdischen "Situation Room" des Weißen Hauses zu, wie der Expertenstab des Nationalen Sicherheitsrates ihm nukleare Einsatzkriterien und Ziele erläuterte: Daß zuerst die sowjetischen Nuklearkräfte angegriffen würden, um möglichst viele Raketen und Raketen-U-Boote noch in ihren Silos und Versorgungshäfen zu vernichten. Daß dann die konventionellen Streitkräfte des Gegners an die Reihe kämen, dann die industriellen Ziele.

Brzezinski unterbrach. "Und wo", fragte er, "sind die Kriterien für das Töten von Russen?" ("the criteria for killing Russians?").

Nach Sekunden verblüfften Schweigens in der Runde versuchte der Referent zu erklären, was Brzezinski längst wissen mußte: Sowjetische Städte und die Zivilbevölkerung würden vom gültigen SIOP und NUWEP nicht als gesonderte Ziele angepeilt. Da aber außer den industriellen auch die meisten militärischen Objekte in Ballungsräumen lägen, werde ein großer Teil der Bevölkerung automatisch mit vernichtet. Nach der aktuellen Schätzung kämen bei einem umfassenden Atomkrieg ungefähr 113 Millionen Sowjetbürger ums Leben.

Nein, nein, er meine nicht "Sowjetbürger", warf Brzezinski ungeduldig ein: "Ich meine russische Russen."

Der Referent war wie vom Donner gerührt. Er glaubte, die Stimme des 600jährigen Russenhasses der Polen zu vernehmen. "All die Ukrainer, Georgier und sonstigen Sowjetvölker waren Zbig gleichgültig", sagte er später zu dem Journalisten und Pulitzerpreisträger Thomas Powers, der diese Episode recherchiert hat - eine Schlüsselepisode, so Powers, für den "Übergang in eine S.147 neue Ära der nuklearen Geschichte", für das zunächst kaum bemerkte "Überschreiten der nuklearen Schwelle" durch die Regierenden der Vereinigten Staaten.

Denn Zbigniew Brzezinski wollte nicht nur seinem polnischen Urgefühl Luft machen. Er wollte die Zielplanung von NUWEP und SIOP verändern und überhaupt die ganze Art, wie die verantwortlichen Amerikaner an die Möglichkeit eines Atomkriegs herangingen. Thomas Powers faßt "rzezinskis Argument zum Punkt "russische Russen" so zusammen: " " Russen beherrschen die Sowjet-Union, die Russen sind der " " Feind. Wenn man den Krieg verhindern wolle, müsse man die " " Russen abschrecken. Wenn die Abschreckung versage, müßte man " " vor allem Russen töten. Wenn man Russen qua Russen tötete, " " würde man das Auseinanderbrechen des russischen Imperiums " " beschleunigen. "

"Welches sind die strategischen Erfordernisse für eine nukleare Kriegführung mit bestimmter politischer Zielsetzung?" Das, wörtlich, war eine der Fragen, die Brzezinski seinem Stab im Nationalen Sicherheitsrat und bald auch den Planern des Pentagon zu lösen auftrug, berichtet Victor Utgoff, ein Ostexperte in Jimmy Carters Weißem Haus.

Fasziniert und erleuchtet von den Anregungen des Ex-Polen begannen die Strategie-Denker, neue Formen des Atomkrieges zu erkunden - eines Krieges, der die Sowjet-Union nicht nur stumpfsinnig "in eine einzige Abraumhalde verwandelt", sondern sie in ihre völkischen Bestandteile auseinanderbrechen läßt und als politisches System demontiert; eines Krieges, der nicht phantasielos killt, sondern geradezu humanitäre Züge annehmen könnte, wenn er die Satellitenstaaten und die nichtrussischen Völker der Sowjet-Union möglichst ausspart auf die Bedingung hin, daß die Verschonten sich Leben und Freiheit durch resolute Rebellion gegen die "russischen Russen" in ihrem Umkreis verdienen.

Wie mußte die Zielplanung im SIOP, wie mußten die Waffen aussehen, damit man das den Sowjetführern als ernstzunehmende Möglichkeit androhen konnte? Erste Symptome des geheimen Umdenkens drangen Anfang 1979 an die S.148 Öffentlichkeit, als der Schah von Persien stürzte und Carters Leute sich nervös die Köpfe darüber zerbrachen, wie man die Sowjets davon abhalten könnte, im Iran zu intervenieren.

Colin S. Gray, heute Berater der Reagan-Administration, damals Mitarbeiter am Hudson-Institut des Holocaust-Philosophen Herman Kahn, schrieb im "Air Force Magazine" über "sowjetische strategische Verwundbarkeiten". Er plädierte für den "Abschreckungswert" einer Zielplanung, die sich mit Präzisionswaffen "ausdrücklich" gegen die politischsozialen "Kontrollmechanismen" des Sowjetstaats richtet. Im Ernstfall könnte deren Zerschlagung "den zentrifugalen Kräften im Sowjet-Imperium erlauben, den Einsturz des Systems von innen heraus einzuleiten".

Die "Washington Post" raunte im Februar 1979 von einer "Regionalisierung der Sowjet-Union" per Atomattacke und von gezielten Schlägen gegen die Kommandostruktur. Überschrift: "Das Undenkbare denken: Studien über eine neue Einstellung zum Atomkrieg." Und schon Anfang Januar hatte Jimmy Carter seinen Bundesgenossen Helmut Schmidt, James Callaghan und Giscard d'Estaing bei ihrem Treffen auf der Karibik-Insel Guadeloupe eröffnet, daß er die Absicht habe, neue nukleare Waffen in Westeuropa aufzustellen.

Zwar hatte Schmidt bereits im Oktober 1977 vor einem drohenden Ungleichgewicht bei den Euro-Waffen gewarnt; der Falke Fred C. Ikle, heute Staatssekretär im Pentagon, hatte den deutschen Kanzler alarmiert, um ihn als Mitstreiter gegen Carters Salt-II-Bemühungen zu gewinnen. Entsprechend kühl reagierten Carters Leute zunächst. Doch nun hatten sie, von Brzezinski überzeugt, ihre eigenen Gründe, die neuen Waffen zu wünschen.

Was sich hier ankündigte, setzte sich durch, als Ronald Reagan ins Weiße Haus einzog: Die "neue Einstellung zum Atomkrieg" wurde zur herrschenden Lehre, die "Kriegführer" ("war fighter") siegten über die "Kriegverhüter". In Caspar Weinbergers Pentagon begann die "Wiederbewaffnung" mit dem Ziel, Amerika in die Lage zu versetzen, jede Art von Krieg nicht nur abzuschrecken, sondern auszufechten und zu gewinnen: konventionelle Kriege, begrenzte Nuklearkriege, begrenzte und bis über sechs Monate andauernde ("protracted") Nuklearkriege, sogar einen "weltweiten Krieg mit der Sowjet-Union".

Die unterlegenen Kriegverhüter glauben, daß jeder bewaffnete Konflikt zwischen den Supermächten unweigerlich in die totale atomare Katastrophe hineineskalieren werde. Deshalb müßten beide Mächte wie bisher schon, so auch für alle Zukunft jede kriegerische Auseinandersetzung vermeiden und ihre Interessengegensätze friedlich regeln. Krieg zwischen ihnen kann nur noch Wahnwitz und unter keiner Bedingung mehr ein Mittel überlieferter Machtpolitik sein.

Auch die "war fighter" wollen keinen Krieg und empfinden gegenteilige Behauptungen als schmerzlichen Affront. Aber sie halten Krieg auch zwischen den Supermächten nicht für undenkbar. Für sie gilt deshalb auch im Atomzeitalter der Römerspruch, der jedem Gemetzel der bisherigen Geschichte vorangegangen ist: "Wenn du den Frieden willst, rüste zum Krieg."

"War fighter" bezweifeln, daß die Furcht vor der totalen Katastrophe eine wirksame Abschreckung gegenüber begrenzten Feindseligkeiten ist. Wenn die Sowjets West-Berlin besetzten, würde der amerikanische Präsident dann eine Megatonnen-Rakete über Moskau explodieren lassen und damit den eigenen Untergang besiegeln? Gewiß nicht. Aber folgt daraus, daß er gar nichts tun kann?

Und umgekehrt: Wenn der Präsident den Sowjets statt einer Megatonne auf Moskau nur eine "Pershing 2" schickt, die punktgenau einen Militärflughafen in Westrußland zerstört, aber wenig zivilen Schaden anrichtet, würden die Kremlherren dann gleich die Vereinigten Staaten und damit auch sich selber in die Luft jagen?

Solcher Art sind die Fragen der "war fighter" - tückisch und zersetzend für das etablierte Abschreckungssystem schon deshalb, weil alle ihre Überlegungen von der Hypothese ausgehen, daß diese Abschreckung versagt. Die Kriegsverhüter erwidern, die Eskalationsgefahr bleibe dennoch unberechenbar: Selbst das geringste Risiko, daß es zum unkontrollierbaren Desaster kommt, sei für jeden rationalen Menschen Warnung genug.

Die Kriegführungsdenker sehen es andersherum: Gerade weil beide Seiten das Menschheitsverhängnis auf jeden Fall vermeiden wollen, tue sich für den beherzten Strategen unterhalb der Apokalypse ein breites Feld begrenzter Aktionsmöglichkeiten auf. Entsprechende Einsatzkonzepte und Waffenpotentiale vorausgesetzt, werde Krieg auch "wischen den Supermächten wieder möglich. Und wie: Die " " Reagan-Leitlinie rechnet mit einem längeren konventionellen " " Krieg, wenn die Sowjet-Union angreift, schreibt aber vor, daß " " "die Vereinigten Staaten weitere Optionen für den Einsatz " " nuklearer Waffen vorbereitet", wenn konventionelle Mittel " " "nicht ausreichen sollten, eine zufriedenstellende Beendigung " des Kriegs zu sichern".

" Wenn eine solche vorbedachte Eskalation durch die USA zu " " einem "strategischen Staatschefs Giscard, Callaghan, Carter, " " Schmidt: Raketen für Europa Beim Gipfeltreffen auf Guadeloupe " " im Januar 1979. Präsidentenberater Brzezinski "Ich meine " " russische Russen" Nuklearkrieg mit der UdSSR" führe, müßten " " die Vereinigten Staaten "die Oberhand behalten und imstande " " sein, die Sowjet-Union zu zwingen, um die frühestmögliche " " Beendigung der Feindseligkeiten zu für die USA günstigen " " Bedingungen nachzusuchen". "

So resümiert das "Bulletin of the Atomic Scientists" mit Originalzitaten aus dem Pentagon die Leitlinie ("Guidance 1984-88") für die Rüstungsprogramme der nächsten Jahre, die Ronald Reagan im letzten Frühsommer abgesegnet hat.

"Phantasien, die auf schierer Verrücktheit beruhen" ("fantasies based on sheer madness") - so nennt der amerikanische Rüstungskontroll-Fachmann Arthur Macy Cox die Direktiven für den "zufriedenstellenden" und "günstigen" Ausgang eines Atomkriegs. Es sei "fast unvorstellbar", daß ein solches Denken Brennpunkt der internen Debatten und Planungen in Washington habe werden können: "Und doch ist es so."

Es ist so, auch wenn Ronald Reagan und seine Mannen ihre öffentlichen Äußerungen dämpfen, seit ihnen klargeworden ist, daß sie mit ihren starken Tönen die eigenen Verbündeten weit heftiger erschreckt haben als die Sowjets.

Es ist so, und darin liegt der Kern all der todernsten Streitfragen und Entscheidungen, vor denen die Bundesdeutschen und Westeuropäer im atlantischen Bündnis angesichts der "neuen Ära der nuklearen Geschichte" stehen.

"Guns don't kill - people do", erklärt die amerikanische Handfeuerwaffen-Lobby: Nicht die Waffen töten, sondern die Menschen. Deshalb müsse man nicht die Waffen kontrollieren, sondern die Menschen, die Waffen mißbrauchen könnten.

Die Rüstungs- und Raketendiskussion vergißt und verdrängt, wie wahr das ist. Sach- und Systemzwänge herrschen vor in den Analysen der Strategen und der meisten Friedensforscher, so als habe das Wettrüsten sich verselbständigt gegenüber den nominell Verantwortlichen, als zwinge es den Politikern in West und Ost gnadenlos seine Gesetze auf, als seien es die Waffen selbst, die sich gegenseitig ausbrüten und hervorbringen und einander in ihren Bunkern und Bombenschächten belauern, von willenlosen menschlichen Zombies gebaut, gewartet und mit Einsatzplänen versehen.

Eine technische Panne, ein Defekt im Radarsystem, der wegen zu knapper Vorwarnzeiten nicht erkannt und korrigiert wird, ist in dieser Sicht der Dinge die wahrscheinlichste Ursache für einen "Weltkrieg wider Willen": Raketen als Frankenstein-Monster, die sich von ihren Schöpfern und Hütern losreißen.

Aber die Furcht vor einem Pannenkrieg verdeckt die größere und wachsende Wahrscheinlichkeit, daß auch ein künftiger Krieg, wie alle bisherigen, von Menschen entfesselt wird. "Wenn die Zeit gekommen ist", schreibt Thomas Powers in seinem jüngst erschienenen Buch ("Gedanken über den nächsten Krieg"), "dann wird die Lawine nicht von einem Computer ausgelöst, sondern von einer Gruppe von Männern, die überzeugt sind, daß die Gegenseite den Schwanz einziehen wird, wenn sie sieht, daß wir es ernst meinen."

Die "war fighting capability" ("Kriegführungsfähigkeit"), die Bush, Reagan und Weinbergers Pentagon unter wirtschaftszerrüttenden Kosten zäh erstreben, ist kein technokratischer Automatismus, kein geistesabwesendes Fortschreiben der Gleichgewichtspolitik. "Kriegführungsdenken" ist der von Zbig Brzezinski bewußt begonnene und von den Reaganauten um so entschiedener vorangetriebene Versuch, die verloren geglaubte strategische Überlegenheit der Vereinigten Staaten gegenüber der Sowjet-Union zurückzugewinnen.

Darum geht es: nicht um Raketen in erster Linie, sondern um Männer, die für den Umgang mit der Sowjet-Union keine andere Basis sehen als Konfrontation und Kriegsdrohung; Männer, die militärische Macht als Druckmittel und Waffengewalt als Ultima ratio nicht glauben entbehren zu können in ihrer Entschlossenheit, die "vitalen Interessen" der USA auch gegenüber den krisengeplagten und immer unruhigeren Völkern der Dritten Welt durchzufechten.

Aber Männer - in Gestalt deutscher Politiker - sind es auch, die das alles nicht wahrhaben wollen und es selbst dann verleugnen, wenn sie so gut Bescheid wissen wie Verteidigungsminister Manfred Wörner und sein Planungschef Hans Rühle. Beide gehören seit langem zum Kreis der Falken und "war fighter" um das "United States Strategic Institute" in Washington. Beide schreiben für die "Strategic Review" des Instituts so wie Wörner letzten Sommer, als er den Neutralismus als die eigentliche Kriegsgefahr ausmachte.

Gleichwohl erklärt Wörner dem deutschen Fernsehzuschauer: "Wir würden niemals billigen, daß Pläne für einen langandauernden Krieg auf deutschem Boden gefaßt werden. Das würde niemals unsere Billigung finden."

Doch um die Machtergreifung der "war fighter" und die neue nukleare Ära besser zu verstehen, ist es notwendig, zurückzublicken auf die Geschichte und die Legenden des Ost-West-Konflikts im Zeichen der Bombe.

Duelle am Abgrund

Kaum zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs rang James Forrestal als Verteidigungsminister in Washington rastlos um die Bereitschaft der Vereinigten Staaten, den "sowjetischen Expansionismus" mit allen Mitteln zu stoppen, wo immer er sich vorwagen sollte. Forrestal, ein Wallstreet-Anwalt, litt unter schweren Depressionen und setzte seinem Leben im Mai 1949 durch einen Sprung aus dem Fenster ein Ende.

Wenige Monate vorher, in einer Dezembernacht 1948, im grimmigen Winter der Berliner Blockade, schrieb Forrestal in sein Tagebuch: "Das einzige Gegengewicht, das wir gegen die überwältigende Macht der Russen haben, ist die Androhung des sofortigen Einsatzes unserer Atomwaffen."

Noch besaßen die Amerikaner allein die Atombombe. Trotzdem waren die meisten Wissenschaftler um Robert Oppenheimer, die sie entwickelt hatten, bereits überzeugt, daß diese "absolute Waffe" nach dem Horror von Hiroschima und Nagasaki nur noch dem einen und einzigen Zweck dienen dürfe, ihren eigenen Einsatz, ganz gleich durch wen und wozu, für alle Zukunft auszuschließen.

Politiker und Militärs dagegen hielten die Energie der gespaltenen Materie für eine Art Zauberschwert, das Amerika gerade rechtzeitig in die Hand bekommen hatte, damit es seine neue, erdumspannende Mission, die freien Völker vor der roten Gefahr zu beschützen, um so wirksamer würde erfüllen können.

Ließ sich ein besseres und preiswerteres Mittel denken, die (weit überschätzten) Millionenheere der Sowjet-Union und bald auch Rotchinas in Schach zu halten - ohne aufwendige eigene konventionelle Rüstung, die unpopulär und in einer Demokratie schwer durchzusetzen war?

Doch statt der Gefahr eines neuen totalen Kriegs sahen sich die Amerikaner lokalen und begrenzten Konflikten gegenüber, bei denen sie mit ihrer totalen Waffe - weil zu groß und deshalb S.152 nutzlos - nichts Sinnvolles ausrichten konnten.

Das zeigte sich schon, als die Sowjets 1948/49 die Zufahrtswege nach West-Berlin blockierten - 300 Tage und Nächte lang. Moskau wagte diese schärfste direkte Herausforderung der Vereinigten Staaten vor der Kuba-Krise, obwohl die Amerikaner noch über das atomare Monopol geboten. Josef Stalin war nicht abgeschreckt: Denn eine Bombe auf eine russische Stadt zu werfen, um den unblutigen Willensstreit in der zertrümmerten deutschen Metropole zu entscheiden, wäre zu aberwitzig gewesen, als daß man es auch nur hätte androhen können.

Erwogen wurde es trotzdem in Washington. Als ein Referent dem Außenminister George Marshall vorschlug, die Atomwaffe gegen die UdSSR einzusetzen, erwiderte der Erfinder des gleichnamigen Hilfsplans für Europa: "Wenn wir das tun wollten, welche Ziele würden Sie dann auswählen? Würden Sie Leningrad bombardieren lassen, mit der Eremitage?"

Der Referent zögerte beim Gedanken an die dort befindlichen Kunstschätze und räumte ein, es müsse ja nicht unbedingt Leningrad sein. Worauf ihn Marshall mit dem Bescheid abwies, wenn er solche Bedenken habe, könne sein Vorschlag nicht ernst gemeint sein.

Doch dann, Juni 1950, stürmten die Truppen des kommunistischen Nordkorea nach Südkorea hinein, griffen auch Rotchinesen mit starken Kräften die Divisionen und Uno-Truppen an, als diese bei ihrer Gegenoffensive die chinesische Grenze erreichten.

Der US-Oberkommandierende Douglas MacArthur ("Es gibt keinen Ersatz für den Sieg]") wollte Maos China in die Unterwerfung bombardieren - auch mit Atomwaffen.

Präsident Harry Truman zog dies "in ernsthafte Erwägung", hatte aber gute Gründe, keinen Vernichtungskrieg gegen das volkreichste Land der Erde zu eröffnen. Einer dieser Gründe war, daß schon im Sommer 1949 die Sowjet-Union ihre erste Kernexplosion gezündet, ihren ersten Feuerball kosmischer Energie hatte aufleuchten lassen.

Präsident Truman enthob den rebellischen MacArthur seines Kommandos und machte sich die Superpatrioten seines Landes damit zu haßerfüllten Feinden. Die tonangebenden Reagan-Falken sind bis heute vom Beispiel MacArthurs inspiriert - wenngleich sie über China inzwischen ein wenig anders denken. Denn offen genug hatte der "bgesetzte General erklärt: Wir hätten trotz allem Atomwaffen " " einsetzen sollen. Hätten wir das getan, hätten wir die " " Möglichkeit gehabt, Rotchina zu zerstören und davon " " abzuhalten, weitere Kriege mit moderner Kriegführung " " heraufzubeschwören. Unser Versagen, den Krieg in Korea zu " " gewinnen, war ein schweres Versäumnis für die freie Welt. "

Auch der Pentagon-Generalstab hatte häufig Atom-Einsätze erwogen, dachte S.154 dabei aber vorwiegend an das unmittelbare Kampfgebiet. Doch dafür waren die vorhandenen Bomben mit vielfacher Hiroschima-Wirkung erst recht nicht geeignet. Dazu brauchte man eine große Zahl kleinerer, handlicher Sprengköpfe, vor denen der Gegner paradoxerweise mehr Angst haben mußte, weil sie leichter anwendbar erscheinen. Man brauchte taktische Atomwaffen.

Im Mai 1953 explodierte auf dem Testgelände in Nevada die erste nukleare Granate, abgeschossen aus einem "Long John", dem schweren Artilleriegeschütz der U.S. Army (woraus Konrad Adenauer seine vielbestaunte Schlußfolgerung zog, die Atomwaffen seien nur "eine Weiterentwicklung der Artillerie"). Das Geschoß hatte kaum ein Fünftel der Sprengkraft der Hiroschima-Bombe, spätere Granaten waren bis auf eine halbe Kilotonne (die Sprengkraft von 500 Tonnen Dynamit) und weniger "miniaturisiert". Sie bewirkten dennoch, daß viele Amerikaner an Leukämie zugrunde gingen, weil sie als Soldaten Testschüsse in Nevada ungeschützt mit ansehen mußten: Ihre Vorgesetzten wollten sie an die nukleare Kriegführung gewöhnen.

Denn obwohl das atomare Monopol verloren war, bestanden die Strategen und politisch Verantwortlichen in Washington weiterhin auf der Einsetzbarkeit nuklearer Waffen, von der kleinsten bis zur größten, der Wasserstoff- oder Kernverschmelzungs-Bombe, mit der Amerika - als Antwort auf die sowjetische A-Bombe - das beginnende Wettrüsten gleich in eine noch bizarrere Dimension steigerte.

Das Monopol war dahin, aber das Problem der Amerikaner war geblieben: Wie sollten sie über zwei Ozeane hinweg das unabsehbare Russenreich und Hunderte von Millionen Chinesen eindämmen? Wie die Sicherheit ihrer Verbündeten in Europa und Asien - so nah an China und Sowjet-Union, so fern der Schutzmacht - glaubwürdig genug garantieren? Wie diese Verbündeten bei der atlantisch-pazifischen Stange halten?

Das schien zu einem erschwinglichen Preis nur mit Hilfe nuklearer Waffen möglich zu sein. Konventionelle lokale Konflikte wie in Korea dagegen würden Amerika zermürben und es in den Augen der Verbündeten wie einen impotenten Riesen aussehen lassen. Schon im Korea-Kriegswinter 1951 befand eine Expertengruppe des Nationalen "icherheitsrats in Washington in einer Lage-Analyse: Die freien " " Nationen befinden sich in der Verteidigung, da sie den Krieg " " ... auf einer Basis führen, die die Sowjets bevorzugt. Wir " " befinden uns in der Situation, Mann gegen Mann und Panzer " " gegen Panzer kämpfen zu lassen, statt effektiver mit solchen " " Elementen unserer militärischen Übermacht zu kämpfen, wie wir " " sie im Fernen Osten haben. Auch an der politischen Front sind " " die freien Nationen überall in einer Verteidigungsposition. " " Sie müssen daher bei den politischen Auseinandersetzungen " " ihren Machtvorteil, die Atombombe, und die Möglichkeit, sie " " einzusetzen, einbringen. "

Wie aber konnte die Atombombe einen "Machtvorteil" schaffen, wenn auch die Gegenseite sie besaß? Nur auf eine Art: durch eine überlegene Zahl von nuklearen Sprengsätzen, durch überlegene Technik, durch überlegene Trägersysteme. Überlegenheit ist die denknotwendige, unerläßliche, logischirre Voraussetzung für den, der Atomwaffen nicht nur aus Notwehr einsetzen will, um einen gegnerischen Atomangriff zu vergelten, sondern sie als Druckmittel und Drohpotential zu benutzen gedenkt, um den Gegner daran zu hindern, eine ganze Skala mehr oder minder wichtiger eigener Interessen zu verletzen.

Der ideale Fall von Überlegenheit wäre die Fähigkeit, den Gegner kampfunfähig zu bomben und selber völlig ungeschoren zu bleiben. Dann könnte der Überlegene seinem Kontrahenten schon bei geringen Verstößen fürchterliche Rache androhen.

Tatsächlich hatten die Vereinigten Staaten in den frühen fünfziger Jahren trotz der wachsenden Zahl sowjetischer Kernwaffen noch einen solchen Vorteil, weil die rote Luftstreitmacht außerstande war, diese Kernwaffen nach USA zu transportieren.

Darauf, daß Amerika noch sicher schien, stützte sich denn auch die alttestamentarische Doktrin von der "massiven Vergeltung", die Präsident Eisenhowers Außenminister John Foster Dulles 1953 wie ein zürnender Jahwe gen Moskau S.157 schleuderte: Sowjetische Übergriffe, ein Handstreich auf West-Berlin etwa, würden mit unverhältnismäßig schlimmen, eben "massiven" Atomschlägen auf die Sowjet-Union erwidert. Dulles tat, als werde er vor Leningrad und der Eremitage nicht zurückscheuen.

"Extended deterrence" ("erweiterte Abschreckung") nannten die strategischen Planer diese Art der Atomdrohung gegen "unakzeptable", wenngleich nicht-nukleare Aktionen des Gegners. Die Kritiker hielten es für einen "gigantischen Bluff" (Kernphysiker York).

Präsident Eisenhower, der alte Soldat, war derselben Meinung und schickte bis 1960 mehrere tausend "taktische" Atomwaffen zu seinen Truppen in die Bundesrepublik Deutschland. Sowjetische Übergriffe sollten schon atomar beantwortet werden - aber nurmehr begrenzt. Bereits von diesem Zeitpunkt an begannen Doktrin und Fakten auseinanderzuklaffen, löste sich, was Amerikas Strategen taten und planten, von dem, was Amerikas Politiker den verbündeten Völkern öffentlich erklärten.

Die Sowjets unterdes hinkten in Gewaltmärschen hinter der amerikanischen Überlegenheit her. Doch ihren Führern zeigte sich das Atomproblem schon aus Gründen der Geographie in einem völlig anderen Licht. Zwar ist die geopolitische Lage ihres Staates wenig verlockend. Aber anders als die Amerikaner haben die Sowjetführer keine überseeischen Militär- und Wirtschaftsinteressen, die sie für lebenswichtig halten für das eigene soziale und ökonomische System.

Sie haben nur ihr Territorium und die angrenzenden Vorfelder zu verteidigen. Zwar haben auch sie ferne Verbündete. Aber Fidel Castro hat ihnen - anders als die Westeuropäer den Amerikanern - nicht das Versprechen abverlangt, bei einem amerikanischen Angriff auf Kuba mit Atomwaffen zu reagieren. Die Männer im Kreml hatten und haben bis heute objektiv keinen Anlaß, sich in das Dogma zu verbeißen, sie seien ums Verrecken auf die Drohung mit dem nuklearen Ersteinsatz angewiesen - und wenn, dann höchstens einem chinesischen Großangriff gegenüber.

( Um so häufiger werden freilich von ) ( westlichen Politikern das sowjetische ) ( "Raketenrasseln" und "Chruschtschows ) ( Raketendrohung" vom November 1956 ) ( beschworen. Damals hatten ) ( Großbritannien, Frankreich und Israel ) ( gemeinsam Ägypten überfallen, um sich ) ( den Suezkanal zurückzuholen - eine ) ( Aggression, über die auch die ) ( Washingtoner Regierung äußerst empört ) war.

( Das Moskauer "Raketenrasseln" fand in ) ( einer Note an den britischen Premier ) ( Anthony Eden statt, in der ) ( Sowjet-Premier Bulganin sich zunächst ) ( bitter über die "barbarischen ) ( Bombardements ägyptischer Städte und ) ( Dörfer" und über den "Raubkrieg" ) ( insgesamt beschwerte. Bulganin weiter: ) ( "In welcher Lage hätte sich ) ( Großbritannien befunden, wenn es von ) ( mächtigeren Staaten angegriffen worden ) ( wäre, die über jede Art moderner ) ( Vernichtungswaffen verfügen? Und es ) ( gibt Länder heute, die ihre Marine oder ) ( Luftwaffe nicht an die Küsten ) ( Großbritanniens zu schicken brauchten, ) ( sondern andere Mittel hätten benutzen ) können, etwa die Raketentechnik.

( "Wenn Raketenwaffen gegen ) ( Großbritannien und Frankreich verwendet ) ( worden wären, hätten sie das ) ( wahrscheinlich eine barbarische ) ( Handlung genannt. Doch in welcher Weise ) ( unterscheidet sich davon der inhumane ) ( Angriff der Streitkräfte von ) ( Großbritannien und Frankreich auf das ) ( nahezu unbewaffnete Ägypten?" )

Für die Sowjets kam es vielmehr darauf an, den Vorteil zu nutzen, der für sie in der "absoluten Waffe" steckte - ein Nutzen, der für die russischen Nachahmer viel wesentlicher war als für die amerikanischen Schöpfer des Ungeheuers.

Die Vereinigten Staaten waren auch vor Hiroschima unbesiegbar - gerade vorher. Jetzt wurden sie verwundbar. Die gewaltige industrielle Produktionskraft, mit der Amerika zwei Weltkriege entschieden hatte, wurde durch gegnerische Atombomben relativiert.

Der Sowjetstaat dagegen war schon von Hitler-Deutschland allein fast erdrückt S.160 worden. Gegen die USA und den vereinigten Westen hätte er in einer Welt ohne Atomwaffen keine Chance gehabt. Durch den Besitz der Bombe wurde er unangreifbar, war er samt dem realen Sozialismus nicht mehr umzustürzen, weder von außen noch von innen.

Da sie eine "erweiterte Abschreckung" nicht brauchten, konnten die Sowjets sich darauf konzentrieren, den angedrohten atomaren Ersteinsatz durch die Amerikaner nach und nach auf allen Ebenen abzublocken, im interkontinentalen Bereich ebenso wie im "taktischen" der "Gefechtsfeldwaffen". Ihnen konnte es genügen, den Amerikanern jedwede Anwendung nuklearer Waffen zu riskant zu machen.

Lange Zeit jedoch waren die Sowjets weit entfernt davon, das zu erreichen. 1961, als John F. Kennedy die Präsidentschaft übernahm, legte ihm sein Verteidigungsminister Robert McNamara ein Memorandum "or: Die Luftwaffe unterstützt die Entwicklung einer Streitmacht," " die den Vereinigten Staaten eine für die Sowjet-Union " " glaubhafte Erstschlagskapazität verleiht aufgrund unserer " " Fähigkeit, den Schaden für uns und unsere Alliierten auf ein " " akzeptables Niveau zu begrenzen ... "

Erst im April 1982 hat Robert McNamara dies in einem Interview enthüllt. "Heute fährt mir der Schreck in alle Glieder, wenn ich das verdammte Ding bloß lese", sagt McNamara, weise geworden, über sein Schriftstück von damals. Denn es bedeutete ja, erläutert der frühere Pentagon-Chef, den Wunsch der Air Force nach einer "US-Streitmacht, die groß genug ist, um mit einem überraschenden Erstschlag einen so überwiegenden Teil der sowjetischen Nuklearkräfte zu zerstören, daß der Rest uns keine Sorgen mehr zu machen braucht, auch wenn sie ihn noch auf uns loslassen".

Tatsächlich gaben McNamara und Kennedy zusätzlich zur überlegenen US-Bomberflotte S.161 und zu den bereits vorhandenen Fernraketen vom Typ "Atlas" und "Titan" die damals fast unvorstellbare Zahl von runden eintausend modernen Feststoff-Raketen des Typs "Minuteman" in Auftrag.

McNamara heute zu Robert Scheer von der "Los Angeles Times": "Mein Gott, wenn die Sowjets dachten, daß dies unser Ziel war (die Erstschlagsfähigkeit zu erlangen), welche Reaktion würden Sie denn dann von ihnen erwarten? Ich denke, das erklärt eine Menge von dem, was sie taten."

Das Dramatischste, was sie taten, ist als Kuba-Krise vom Oktober 1962 in die Geschichte - und mehr noch in diverse Legenden - eingegangen. Vor der Aussicht, von der wachsenden Übermacht der USA ausweglos an die Wand gedrückt zu werden, trat Nikita Chruschtschow die Flucht nach vorn an: Er schickte 42 Mittelstreckenraketen per Frachtdampfer nach Kuba, um mitten im karibischen Swimmingpool des westlichen Riesen eine Gegendrohung aufzubauen.

Kennedy stellte Chruschtschow ein Ultimatum: Umkehr der sowjetischen Schiffe, die mit weiteren Raketen an Bord Kurs auf Kuba hielten; Abzug der schon auf Kuba ausge ladenen Raketen.

Nikita Chruschtschow beugte sich - er hatte keine Wahl. Die Sowjets waren vor der Küste des Gegenspielers auf jeder Stufe einer militärischen Auseinandersetzung heillos unterlegen - auf dem Meer, in der Luft und bis hinauf zu den strategischen Systemen. Binnen einer Stunde hätte die Air Force sämtliche russischen Schiffe in der Gegend versenken und alle die Raketen vom Primitivtyp SS-4 zerstören können, bei denen, selbst wenn sie fertig installiert gewesen wären, es einen halben Tag gebraucht hätte, sie startklar zu machen.

Politiker und Strategen aber zogen aus dieser bislang gefahrvollsten Konfrontation der beiden Kolosse höchst unterschiedliche und bis in die heutige Debatte weiterwirkende Schlüsse.

Die Gemäßigten fanden, daß Chruschtschow sein törichtes Wagnis nicht aus Übermut unternommen hatte, sondern aus einem von der amerikanischen Überrüstung verursachten Gefühl der Bedrängnis. Diese Vermutung deckt sich mit der historischen Kriegsursachen-Forschung: Wenn nicht gerade ein Psychopath wie Adolf Hitler sich austobt, dann werden Konfrontationen mit Kriegsrisiko meist aus "Furcht vor einem drohenden Verlust von Macht und Ansehen" (Historiker Michael Howard) angezettelt, nicht aus Kraftmeierei.

Folgerichtig besagt die Lehre der Gemäßigten, im Atomzeitalter müßten die großen Mächte aus purem Eigeninteresse auch die Sicherheitsbedürfnisse der anderen Seite anerkennen. Keine Macht dürfe die andere in die Enge treiben, so innig ihr Wunsch auch sein mag, den Weg des Rivalen auf den (wie Ronald Reagan es ausdrückte) "Kehrichthaufen der Geschichte" zu beschleunigen. Eine Überlegenheitsstrategie werde deshalb die Gefahren nicht bannen, nur untragbar steigern.

Die Falken rund ums Pentagon jedoch sahen sich nun gerade in ihrem Überlegenheitsglauben bestärkt. Sie ignorierten oder verfälschten die Ursache des sowjetischen Vorstoßes und pochten auf den Punkt, in dem sie kaum zu widerlegen waren: Nur die Übermacht der USA und die darauf gestützte Entschlossenheit des Präsidenten hätten Nikita Chruschtschow zum Rückzug gezwungen, ohne S.162 daß ein einziger Schuß fiel, geschweige denn eine Atombombe.

Aber hatte dafür das konventionelle Übergewicht der Amerikaner an dem für sie so günstigen Ort der Konfrontation nicht völlig genügt? McGeorge Bundy, der Sicherheitsberater John F. Kennedys, hat das "rst kürzlich in einem Rückblick auf die Kuba-Krise bestätigt: Na"h " meiner Auffassung wurden die Sowjets in der kubanischen " " Raketenkrise von der unvorteilhaften konventionellen " " Kräftebalance zum Einlenken veranlaßt, und nicht von der " " Aussicht auf einen möglichen Ersteinsatz nuklearer Waffen " " durch die USA. "

In den Augen der Falken aber wirkt das atomare Kräfteverhältnis auch bei Konflikten im konventionellen Bereich entscheidend mit. Angenommen, sagen sie, die Sowjets wären zwar konventionell unterlegen, doch bei den Atomwaffen überlegen oder auch nur gleichstark gewesen. Was dann? Den Einwand, daß es dann gar nicht zu dem Kuba-Abenteuer gekommen wäre, lassen Falken nicht gelten.

Sie argumentieren, ein Chruschtschow hätte bei atomarer Überlegenheit der Sowjets oder sogar bei Gleichstand versucht sein können, seine mißliche Lage durch die Drohung mit Atomwaffen zu kompensieren. Er hätte den Amerikanern erklären können, wenn sie es wagten, die nach Kuba fahrenden sowjetischen Schiffe aufzubringen oder zu versenken, dann kämen umgehend die ersten nuklearen Raketen geflogen.

Selbst wenn ein solches Gegenultimatum nicht ausgesprochen worden wäre, so die Falken, hätte das bloße Vorhandensein überlegener oder gleichstarker sowjetischer Nuklearkräfte bereits lähmend, mindestens einschüchternd auf den amerikanischen Präsidenten gewirkt. Er wäre dann unsicher gewesen, ob er es auf eine Eskalationsdrohung der Gegenseite ankommen lassen konnte. In diesem Fall hätte er womöglich den Mut nicht finden können, überhaupt ein Ultimatum an Moskau zu richten.

Strategen drücken das in der Öffentlichkeit freilich gewundener aus. Alexander Haig als Reagans erster Außenminister vor dem "enatsausschuß für Auswärtiges: Das Vertrauen, das wir in unsere " " nukleare Abschreckung setzen, beeinflußt unbedingt, wie wir " " uns in einer Krise verhalten. Unsere strategischen " " Fähigkeiten wirken auch auf die Einschätzungen unserer Gegner " " ein. Zweifel an unserer Abschreckungsfähigkeit können nur die " " Chance erhöhen, daß unser politischer Wille in " " Krisensituationen auf die Probe gestellt werden wird. "

So subtil, so magisch-schimärenhaft stellt sich den Überlegenheitsverfechtern die Wirkung aufgehäufter nuklearer Arsenale dar, die Wirkung der abertausend Sprengköpfe in den unterirdischen Silos, in den Bombenschächten, in den wochenlang getaucht fahrenden U-Booten.

Eine animistische Aura strahlt von den Waffen aus wie von den Fetischen primitiver Völkerstämme: Bei eigener Überzahl lassen sie den heimischen Staatsmann stark und kühn, seinen Gegner schwach und feige werden - und umgekehrt bei eigenem Defizit. "Psychostrategie" nennt Adelbert Weinstein von der "FAZ" dieses Voodoo mit nuklearen Vernichtungspotentialen.

Denn für die Falken auf beiden Seiten des Atlantik wurde die Kuba-Konfrontation zum Modell und Wunschbild schlechthin, wie man mit der Sowjet-Union bei Streitfällen auch anderwärts umzugehen habe. Da aber bei anderen Krisen näher an ihren Grenzen die Sowjets in der günstigeren Position wären, mußte die nukleare Überlegenheit der USA nach der Hardliner-Logik entsprechend eindrucksvoll bleiben, wenn sie die Moskauer Führung zum Nachgeben oder - besser noch - von vornherein zu striktem Wohlverhalten zwingen sollte.

Dem Mann jedoch, der Chruschtschow "niedergestarrt", der ihn hatte "zurückzucken" lassen, dem gefeierten Sieger John F. Kennedy waren bei seinem Gang zum Abgrund ganz andere Erkenntnisse gekommen. Wer Robert Kennedys Bericht über die "13 Tage im Oktober" liest, kann keinen Zweifel daran haben, wie tief der "Blick in die Hölle" eines Atomkriegs den jungen Präsidenten damals erschüttert und verändert hatte. In der Anspannung jener Krisentage war zwischen Kennedy und seinen Gegenspielern im Kreml sogar ein paradoxes Gefühl der Verbundenheit und der gemeinsamen Verantwortung entstanden. Robert "ennedy: In allen Gesprächen während der Krise betonte er (John F" " Kennedy), daß es zweifellos zum Krieg kommen würde, wenn wir " " die Sowjet-Union in eine Lage drängten, in der sie ihre " " nationale Sicherheit für bedroht hielte oder die sie als so " " demütigend empfinden müßte, daß sie die Achtung ihres eigenen " Volkes und anderer Länder einzubüßen glaubte ...

" Präsident Kennedy hielt den Sowjetführer (Chruschtschow) von " " Anfang an für einen vernünftig denkenden, intelligenten Mann, " " der einlenken würde, wenn wir ihm Zeit ließen und unsere " " Entschlossenheit bewiesen. Doch ein Irrtum, ein Fehler, ein " " Mißverständnis konnte noch jederzeit dazwischenkommen ... Die " " Möglichkeit der Vernichtung der Menschheit stand ihm immer " " vor Augen ... "

Um so mehr erstaunte den Präsidenten die Todesverachtung der "ato-Verbündeten in Europa: Die Nato-Länder ermutigten die " " Vereinigten Staaten zu fester Haltung; doch Präsident Kennedy " " meinte, daß sie die vollen Auswirkungen auf ihr eigenes " " Schicksal unterschätzten. Wenn wir einen Luftangriff gegen " " Kuba unternähmen und die Sowjet-Union ihn mit einem Angriff " " gegen die Türkei (und die dort stationierten US-Raketen) " " US-Präsident Kennedy, Verteidigungsminister McNamara (1961): " " "Blick in die Hölle" Mit Vizepräsident Lyndon B. Johnson " " (r.). erwiderte, würde die gesamte Nato in Mitleidenschaft " " gezogen ... "

Nach Kuba wollte der Präsident Konfrontationen nicht mehr kühn für sich entscheiden, sondern alles tun, damit es nie wieder eine gibt - weder in der Karibik noch an der Berliner Mauer. Die Kuba-Krise, die den Falken recht zu geben schien, brachte in Wahrheit die Wende zur Entspannungspolitik.

Heute, da es 20 Jahre her ist, erinnert sich die "Washington Post" an Kennedys "berühmte Rede über 'das wichtigste Thema auf Erden, den Weltfrieden'" im Juni 1963 und notiert voll Wehmut: "Noch im selben Jahr schloß Kennedy das Atom-Teststopp-Abkommen, das den Weg zu allen nachfolgenden Rüstungskontroll-Verträgen bahnte."

Wassilij Kusnezow aus Moskau war zu Besuch bei John J. McCloy, dem einflußreichen Big-Business-Anwalt und Diplomaten. In der Villa McCloys in Stamford, Connecticut, verhandelten die beiden an einem strahlenden Spätherbsttag 1962 über die letzte Phase des Rücktransports der sowjetischen Raketen auf Kuba, die, daran hielt der Russe fest, nicht weniger "legal" waren als amerikanische Raketen in der Türkei oder Italien. Es wurmte Kusnezow, daß alle Legalität nichts half - die Sache war durch Amerikas Übermacht entschieden worden.

Zwischendurch gingen die beiden in den Garten. Sie lehnten am Zaun (das hatte McCloy sich genau gemerkt) und schauten hinaus auf die glitzernde Bucht von Long Island, als der Russe sagte: "Ihr Amerikaner werdet so etwas niemals wieder mit uns machen können."

Nie mehr ein Kuba, nie mehr eine amerikanische Übermacht, die es dem US-Präsidenten erlaubt, der Sowjet-Union Ultimaten zu stellen: Dieser verbissene und mit dem Sturz Chruschtschows besiegelte Wille der Sowjetführer stand hinter der nun anlaufenden gewaltigen Nachrüstung der UdSSR. Trotz Entspannung blieben sie bei ihrem Entschluß, mit Washington strategisch gleichzuziehen. Man könnte auch sagen: Sie übernahmen den amerikanischen Overkill-Fetischismus, um von den Amerikanern als gleichrangige Supermacht anerkannt zu werden.

Die Strategie der "massiven Vergeltung" war nun nicht einmal mehr als Bluff zu halten. An ihre Stelle setzte Robert McNamara, US-Verteidigungsminister bis 1968, das Konzept von der "Mutually Assured Destruction", der "gegenseitigen gesicherten Zerstörung" zwischen USA und UdSSR. Die weidlich bespöttelte Abkürzung dafür, "MAD", bedeutet "verrückt" - und doch war der Grundgedanke wenigstens in der Theorie ein großer Schritt weg von der totalen Torheit und hin zu einem normalen Irrsinn im Umgang mit der Balance des Schreckens.

MAD, wörtlich genommen, war die Abkehr von der Drohung mit dem nuklearen Ersteinsatz gegen die andere Supermacht, war das Bekenntnis zu der These, Atomwaffen seien nur dazu da, zu verhindern, daß sie je benutzt werden.

MAD bedeutete: Auch die Sowjet-Union würde eine "gesicherte" Vergeltungskapazität haben, die einen amerikanischen Erstschlag auf ihr Territorium übersteht und ausreicht, die Vereinigten Staaten im Gegenzug zu verwüsten.

Ein unverrückbares nukleares Patt, eine apokalyptische Falle, die den atomaren Angreifer zum sicheren Selbstmörder macht: Konnte McNamara dies wirklich so gemeint haben? Was sollte dann aus der "erweiterten Abschreckung" für die Nato-Verbündeten in Europa werden, was mit der Ersteinsatz-Drohung bei einem östlichen Angriff auf Nato-Gebiet? Wie konnte man sagen "Wer als erster nuklear schießt, stirbt als zweiter" - und doch bereit sein, als erster "die Tür aufzustoßen in die Unermeßlichkeit eines nuklearen Konflikts" (wie McNamara selbst es einmal ausdrückte)?

Es gab nur den einen Ausweg, die "erweiterte Abschreckung" - und im Ernstfall den Krieg - auf die potentielle Kampfzone in Mitteleuropa zu beschränken. Deshalb setzte McNamara die bis heute gültige Nato-Doktrin der "flexiblen Antwort" oder "abgestuften Erwiderung" durch.

"Flexible response" schraubte nun auch die US-Drohung zurück, bei einer sowjetischen Aggression über die bundesdeutschen Grenzen hinweg sehr frühzeitig taktische Atomwaffen einzusetzen: eine Drohung, die überhaupt nur wegen der blanken Unwahrscheinlichkeit eines solchen Angriffs zu verantworten war - und nicht, weil sie einen sonst unvermeidlichen Überfall "abgeschreckt" hätte. (Wenn dieser zentrale Nato-Glaubensartikel zuträfe, müßte man taktische Atomwaffen zur Friedenssicherung bevorzugt in Konfliktgebiete liefern, an Irak und den Iran zum Beispiel.)

Mit "flexible response" sollte das Bündnis auf eine Provokation hin nicht mehr blind nuklear reagieren. Die Truppen der Nato sollten sich gegen einen herkömmlich geführten Angriff zunächst auch herkömmlich wehren. Erst wenn die konventionelle Verteidigung zu scheitern droht, sollte der amerikanische Präsident entscheiden, ob er die taktischen S.166 Kernwaffen in Deutschland zum Einsatz freigibt.

Und wenn die ersten paar Dutzend Atompilze über dem Bundesgebiet und drüben in der DDR aufstiegen?

Auch dann sollte der Kampf begrenzt bleiben: begrenzt auf Mitteleuropa und auf taktische Kernwaffen so lange, bis der Gegner gestoppt ist oder den Angriff abbricht. Nur wenn der Gegner von sich aus über diesen geographischen und taktischen Bereich hinaus eskaliert, wenn er Großbritannien, Frankreich oder gar US-Heimatterritorium attackiert, käme auch die Sowjet-Union unter atomares Feuer - stufenweise.

Was Robert McNamara bezweckte, war nur zu logisch (und McNamara war nichts, wenn nicht logisch): Er wollte das Heimatterritorium beider Supermächte und ihre MAD-Maschinerie der wechselseitigen Vernichtung abkoppeln von all den Krisenherden und Konfliktmöglichkeiten rings um den Globus. Er wollte verhindern, daß eine Zuspitzung in Europa oder eine Interessenkollision der ost-westlichen Rivalen in der Dritten Welt in eine Katastrophe ausufert.

So wenig wie John F. Kennedy sah McNamara darin einen nervenschwachen Rückzieher, im Gegenteil. Er war einer Meinung mit seinem Berater, dem früheren Armee-Stabschef Maxwell Taylor, daß Amerika sich in Wahrheit nur selber einschüchtere und seiner Handlungsfähigkeit beraube, wenn es die unbegrenzte Abschreckung weiterhin mit begrenzten Auseinandersetzungen in Übersee verknüpfe. "aylor: Wenn wir uns an den nuklearen Knüppel klammern, tun wir a" " den Krisenschauplätzen zu wenig und agieren zu zaghaft. Der " " Knüppel macht uns nicht stark. Er lähmt uns durch die Furcht " " vor den Folgen, sollten wir ihn benutzen. Im Zweifelsfall " " schreckt er uns selber mehr ab als den Gegner. "

Im Kern meinte McNamara schon mit "flexible response" dasselbe, was er und andere Veteranen der Sicherheitspolitik heute meinen, wenn sie den Verzicht auf die atomare Ersteinsatz-Drohung fordern ("No first use"). Auch ohne die "unermeßliche" Nuklear-Option sollte auf die Vereinigten Staaten Verlaß sein - gerade dann. Auch ohne den "Knüppel" würden sie die Kraft besitzen, ihre globalen Interessen zu verteidigen.

John F. Kennedy hatte die Bereitschaft verkündet, "überall für die Freiheit zu kämpfen" - nicht-nuklear. In Vietnam wollten McNamara und Lyndon Johnson Freund und Feind den Beweis dafür liefern. Er fiel grausig aus.

Der Riese war außerstande, ein "Volk von Reisbauern" mit herkömmlicher Gewalt (einschließlich Napalm und "Agent Orange") zur Räson zu bringen. Doch die Hoffnung währte nur kurz, die Vietnam-Erfahrung könnte der Entspannung und Rüstungskontrolle förderlich sein, könnte Amerikas Machtelite dazu bewegen, den Kommunismus in der Dritten Welt und die eigenen Mittel nüchterner einzuschätzen.

Die Falken Amerikas sahen es anders. Mit Zorn und Sorge reagierten sie auf die Symptome für die rapide verfallende Macht ihres Landes, die sie ringsum zu erkennen glaubten: Ölkrise, Kubaner in Afrika, Salt-Rüstungskontrollverhandlungen mit der UdSSR auf der Basis der Parität. Die Falken sammelten sich in ihren Horsten (in konservativen Aktionskomitees und Denkfabriken, die dem Pentagon und der Rüstungsindustrie nahestehen) und setzten zu einem Gegenangriff an, der sich breit entfaltete und unaufhaltsam wurde, als Amerikas Schirmherr der Golfregion, der Schah von Persien, Anfang 1979 stürzte.

Die rechten Strategiedenker zerpflückten die von McNamara eingeführten, doch auch von Nixon und Kissinger befolgten militärischen Rezepte in sämtlichen Punkten - von MAD über "Flexible response" bis zum nicht-nuklearen Dschungelkampf. Ihre Kritik im einzelnen ist aber nicht zu verstehen ohne die gemeinsame und allesdurchdringende Grundüberzeugung der Falken.

Paul Nitze, heute Reagans Unterhändler für Mittelstreckenwaffen in Genf, hat sie 1980 mit der Kargheit eines Cato in die Worte gefaßt: "Die Sowjets wollen keinen Krieg. Sie wollen die Welt."

Die Sowjets stecken hinter allem, was die Vereinigten Staaten schädigt, schwächt, demütigt und von ihren Verbündeten trennt - denn die Vereinigten Staaten sind das einzige wirkliche Hindernis für die Kremlherren in ihrem Streben nach globaler Herrschaft.

Diese eherne Prämisse der Falken wird klarer, wenn man sie andersherum formuliert: Ohne die Sowjet-Union könnte niemand auf der Erde der nicht nur erstrebten, sondern real existierenden Hegemonie der Vereinigten Staaten widerstehen. Nur die Sowjet-Union setzt der Vormacht Amerikas Grenzen: das ist, was die Falken meinen. Das ist, was sie erbittert.

Denn wieviel leichter ließe sich mit den Unzufriedenen und Aufsässigen in der Dritten Welt fertig werden, fänden sie nicht Zuspruch und Hilfe bei der Sowjet-Union. Kein Castro könnte sich halten, auch kein Chomeini, obwohl die Sowjets den Ajatollah ebensowenig mögen. Und doch ist es die UdSSR, die eine amerikanische Intervention im Iran äußerst unratsam macht.

Amerikas Scheitern in Indochina wurde in falkischer Sicht einzig durch die Sowjet-Union verursacht. Die Streitmacht der USA mußte "mit einem auf den Rücken gefesselten Arm" kämpfen, sie wurde von ihrer Regierung gehindert, mit voller Power auf Nordvietnam einzuschlagen, sie durfte keine taktischen Atomwaffen einsetzen, obwohl dies S.168 mehrfach gefordert und erwogen wurde. Sie durfte nicht, weil Washington wieder einmal Bedenken hatte wegen der Weltmeinung und - für die Falken entscheidend - wegen möglicher Repressalien der Sowjets.

Das war das eine. Doch man hätte gar keine Atomwaffen gegen die Vietcong gebraucht, hätte Moskau ihnen nicht fortlaufend den Nachschub und die Ausrüstung geliefert, ohne die sie keine Chance gehabt hätten. Deshalb hätte Amerika, wenn es noch mit rechten Dingen zugegangen wäre, eine konsequente Seeblockade gegen Nordvietnam verhängen müssen, meinte - wie die meisten Falken - Elmo Zumwalt, ehemals Admiral und Vorsitzender der Stabschefs im Pentagon. Kein einziges Schiff der Sowjet-Union oder sonst eines kommunistischen Landes hätte nach Haiphong durchkommen dürfen, dafür hätte die U.S. Navy schon gesorgt.

Eine Konfrontation wie vor Kuba, diesmal im Golf von Tonking. Elmo Zumwalt hätte auch die sowjetischen Nachschublieferungen an Ägypten im Oktoberkrieg 1973 gern durch ein Ultimatum unterbunden. Aber er sah so gut wie seine Mitfalken, wo in diesen beiden und ähnlichen Fällen das Problem lag. Zumwalt: "Wären die Sowjets wieder zurückgezuckt? Wären sie wieder ausgewichen?"

Man konnte sich dessen "absolut nicht mehr sicher" sein. Und für alle seine Mitstreiter stimmte der Ex-Admiral die Urklage der Falken an: "Wir können keine Konfrontation mehr wagen, weil die Überlegenheit unserer strategischen Waffen dahin ist. Wir können dem Gegner keine Abfolge von Eskalationsschritten mehr androhen, die er mehr zu fürchten hätte als wir."

Fast war es umgekehrt. Besonders die nukleare Ersteinsatz-Option bei einem östlichen Angriff auf das Gebiet der Nato stand auf immer wackligen Beinen - eine Einschätzung, die sich Mitte der siebziger Jahre auch bei den europäischen Bündnisexperten durchsetzte.

Denn was würde geschehen, wenn die Nato taktische Atomgranaten und -raketen abschießt und Pershings vom alten Typ la über 700 Kilometer weit auf die Nachschubzentren des Warschauer Pakts in Polen fliegen läßt? Würden die Führer des Pakts, wenn sie das Wagnis der Offensive schon auf sich genommen haben, ihre Truppen dann zurückpfeifen, um Waffenstillstand nachsuchen und mit roten Ohren beteuern, man habe nur mal ausprobieren wollen, ob die Nato ihre Atomdrohung wirklich ernst meint?

Da war es im Zuge des ausgebrochenen Wahnsinns wahrscheinlicher, daß die Sowjets dann ihre taktischen Atomwaffen abfeuern, vielleicht sogar gleich mit ihrer Mittelstreckenrakete SS-20 antworten. Gerade diese Waffe ist auch in den Augen der westlichen Strategen besonders geeignet, den nuklearen Ersteinsatz der Nato zu verhindern. Gregory Treverton vom Londoner Institut für Strategische Studien: "Die SS-20 zeigt ein traditionelles Ziel der sowjetischen Anstrengungen: die Nato vom Rückgriff auf nukleare Waffen abzuschrecken."

Genauer: Diese Rakete könnte die Entschlossenheit zumindest der europäischen Nato-Verantwortlichen lähmen, den Schritt über die atomare Schwelle zu tun. Sie macht all die taktischen Kernwaffen in der Bundesrepublik und Westeuropa, würden sie ersteingesetzt, offenkundig noch selbstmörderischer für die Europäer als ohnedies schon. Damit nicht genug. Denn wenn es nach der noch immer öffentlich propagierten "Nato-Triade" von konventionellen, taktisch-nuklearen und US-strategischen Waffen ginge, dann wäre spätestens jetzt das strategische Arsenal der USA an der Reihe gewesen, die "gegenabschreckende" SS-20 durch eine noch höhere Eskalationsdrohung in Schach zu halten. Im hirnrissigen Psychopoker der Strategen hätte das die Abschreckungswirkung durchgehend wiederhergestellt.

Doch eben diese Aufgabe innerhalb der Nato-Strategie konnte das US-Arsenal nach Überzeugung der Kritiker längst nicht mehr erfüllen - selbst wenn der amerikanische Präsident es noch gewollt hätte. Denn wie sollte der amerikanische Präsident bei einem regionalen Atomkrieg in Europa (oder anderswo) die Sowjets durch die strategische Drohung S.170 davon abhalten, die SS-20 gegen nichtamerikanisches Gebiet einzusetzen? Wie kann er drohen, nach dem regionalen nun auch noch den globalen Atomkrieg zu eröffnen, wenn der Gegner seinem Land ebenso unerträglichen Schaden zufügen kann wie er dem Sowjetstaat?

Die Falken sahen das ganz klar und richtig: Nur McNamaras MAD war bei einem Gleichstand der strategischen Potentiale noch möglich - die gegenseitige Vernichtung, wenn einer verrückt genug ist anzufangen. Die "erweiterte Abschreckung", von der Amerikas Weltgeltung nach Falkenmeinung abhängt, verlangt dagegen, daß der Präsident sich die Verrücktheit leisten kann, die nukleare Schwelle zu überschreiten und notfalls auch auf alle nachfolgenden Stufen der Eskalation des Schreckens vorauszusteigen.

Der Präsident kann sich das aber nur leisten (oder beim Gegner den Eindruck erwecken, er könnte es), wenn er den Gegner auf jeder dieser Stufen empfindlicher zu bedrohen vermag als umgekehrt, wenn also die Sowjet-Union um ein entscheidendes Stück tiefer im Risiko steckt (und ihre Führer das spüren) als die Vereinigten Staaten.

Dafür genügt Gleichgewicht nicht, dafür braucht man Überlegenheit und nochmals Überlegenheit: Das war das Ceterum censeo der Falken, darauf lief ihre Kritik an den in ihren Augen völlig unzureichenden Rüstungsprogrammen und an dem Rüstungskontrollvertrag Salt II "inaus. Die Sowjets brauchen keine Erstschlagsfähigkeit. Sie " " stellen uns einfach vor vollendete Tatsachen und sagen " " "Schaut her". Sie marschierten in Afghanistan ein, und was " " zum Teufel war das beste, was wir dagegen tun konnten? Wir " " zogen unsere Teilnahme an ihrer gottverdammten Olympiade " " zurück. Das letzte Mal, wo sie so etwas probierten und ihre " " Raketen nach Kuba brachten, haben wir ihren Hintern da " " hinausgekickt. Die Sowjets brauchen nicht auf den Knopf zu " " drücken. Sie haben die Überlegenheit. Sie haben die " " Abschreckung, und wir haben sie nicht. "

Das sind die wohlerwogenen Ansichten von Richard DeLauer, Staatssekretär für militärische Forschung und ranghöchster Wissenschaftler in Weinbergers Pentagon, "einer der Architekten des strategischen Plans der Reagan-Regierung" (US-Zeitschrift "Science").

DeLauer macht klar, was die Reaganauten mit ihrem verwirrenden Gerede von der "Schwäche" der USA und von der sowjetischen "Marge der Überlegenheit" (so Ronald Reagan) wirklich meinen: Amerika ist in ihren Augen schwach, weil es nicht stark genug ist, die Sowjet-Armee per Ultimatum und nuklearer Drohung aus Afghanistan hinauszuscheuchen. Amerika ist unterlegen, weil die Sowjet-Union imstande ist, Amerika von nuklearen Pressionen abzuhalten.

DeLauer, doch er nicht allein, enthüllt die abenteuerlichen Ambitionen, die geostrategischen Allmachtsträume hinter dem Rüstungsprogramm Reagans, an dem der Präsident hartnäckig festhält, trotz des sich abzeichnenden Wirtschaftsruins und trotz der verspäteten PR-Bemühungen, ihn zum Friedenshelden umzufrisieren. Dieses Rüstungsprogramm aber schließt jede Rüstungskontrolle oder gar Abrüstung auf der Grundlage der Parität mit der Sowjet-Union schlichtweg aus.

Wie auch anders? Für die Falken bedeutet Gleichgewicht ja bereits den Verlust der Macht, den Zerfall des westlichen Bündnisses, das Ende amerikanischer Glorie. Colin S. Gray, profiliertester Vordenker der Reaganauten aus der jüngeren Generation, in der Falken-Gazette "Air Force Magazine": Ein echter strategischer Gleichstand würde " " für die USA, ihre Freunde und Alliierten die Katastrophe " " bedeuten. Wenn die Vereinigten Staaten nicht fähig wären, " " einen Eskalationsprozeß zu beherrschen, um der UdSSR unseren " " Willen aufzuzwingen, wie könnten dann sowjetische Gewinne auf " " einem regionalen Kriegsschauplatz wieder rückgängig gemacht " " werden? Wie könnte ein US-Präsident, der verantwortlich " " handelt, dann einen Eskalationsprozeß überhaupt einleiten? " ...

" (Deshalb) dürfen USA und Nato kein wirklich ausgewogenes " " Abkommen über Mittelstrecken- und strategische Waffen mit der " " UdSSR anstreben, das die funktionale Überlegenheit (der USA) " " ausschlösse. Das wäre der Weg in die Handlungsunfähigkeit, in " " die lokale Niederlage oder ins allgemeine Desaster ... "

Aber woher soll eine "funktionale Überlegenheit" kommen bei gesicherter gegenseitiger Vernichtung? Wie soll sie aussehen?

MAD, so glauben die Falken fest, sei nicht das Ende. Amerika brauche eine Strategie "jenseits von MAD" ("Beyond MAD"), wie Kenneth Adelman einen seiner Artikel überschrieb - derselbe 36jährige Jungfalke Adelman, den Reagan jüngst in einer seiner launigen Anwandlungen zum Chef der Washingtoner Abrüstungsbehörde nominierte (ohne damit freilich die Gegenliebe des Senats zu finden, siehe Seite 112).

Jenseits von MAD aber liegt NUTS. Das heißt soviel wie "bekloppt" und steht für "Nuclear Utilization Strategy": "Nukleare Anwendungs-Strategie".

Im nächsten Heft

Paul Nitze erfindet den "gewinnbaren" Atomkrieg - Wie Amerikas Falken die Sowjet-Union "einseitig abschrecken" wollen - Die Schwierigkeit, mit einer "enthaupteten" Sowjetführung über das Kriegsende zu verhandeln

S.146

Frage an George Bush: "Erreicht man bei den strategischen Waffen

nicht einen Punkt, wo wir und die Russen einander so oft auslöschen

können, daß es gleichgültig ist, ob wir zehn Prozent oder zwei

Prozent höher oder niedriger liegen als die Gegenseite?"

Bush: "Ja, wenn man glaubt, daß es bei einem nuklearen

Schlagabtausch keinen Gewinner geben kann. Ich glaube das nicht."

Frage: "Wie gewinnt man einen nuklearen Schlagabtausch?"

Bush: "Wenn man ein überlebensfähiges Kommandosystem hat, ein

überlebensfähiges Industriepotential, Schutz für einen Prozentsatz

der Bürger, und wenn man die Kapazität hat, dem Gegner mehr Schaden

zuzufügen als der uns zufügen kann. Auf diese Art wird es einen

Gewinner geben ..."

George Bush, Chef des Geheimdienstes CIA bis 1977, heute

Vizepräsident der USA, in einem Interview mit der "Los Angeles

Times", Januar 1980.

*

S.147

Russen beherrschen die Sowjet-Union, die Russen sind der Feind. Wenn

man den Krieg verhindern wolle, müsse man die Russen abschrecken.

Wenn die Abschreckung versage, müßte man vor allem Russen töten.

Wenn man Russen qua Russen tötete, würde man das Auseinanderbrechen

des russischen Imperiums beschleunigen.

*

S.148

Die Reagan-Leitlinie rechnet mit einem längeren konventionellen

Krieg, wenn die Sowjet-Union angreift, schreibt aber vor, daß "die

Vereinigten Staaten weitere Optionen für den Einsatz nuklearer

Waffen vorbereitet", wenn konventionelle Mittel "nicht ausreichen

sollten, eine zufriedenstellende Beendigung des Kriegs zu sichern".

Wenn eine solche vorbedachte Eskalation durch die USA zu einem

"strategischen Staatschefs Giscard, Callaghan, Carter, Schmidt:

Raketen für Europa Beim Gipfeltreffen auf Guadeloupe im Januar 1979.

Präsidentenberater Brzezinski "Ich meine russische Russen"

Nuklearkrieg mit der UdSSR" führe, müßten die Vereinigten Staaten

"die Oberhand behalten und imstande sein, die Sowjet-Union zu

zwingen, um die frühestmögliche Beendigung der Feindseligkeiten zu

für die USA günstigen Bedingungen nachzusuchen".

*


DER SPIEGEL 8/1983
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