24.01.1983

WÖRTERBÜCHERVokabeln vom Computer

Nach fünfjähriger Entwicklungsarbeit bringt der Langenscheidt-Verlag sein erstes elektronisches Wörterbuch auf den Markt.
Nicht nur als ein "Spielzeug für Elektronik-Freaks", sondern auch als "eine neue Generation von Arbeits- und Lernhilfen" kündigte der Langenscheidt-Verlag in der vergangenen Woche sein neues Wörterbuch Englisch - Deutsch, Deutsch - Englisch an.
Lästiges und in der Schule - weil mit Geräusch verbunden - auffälliges Umblättern entfällt. Die Handhabung des neuen Wörterbuches "Alpha 8" entspricht der Knopfdruck-Gesellschaft: Nur die ersten beiden Buchstaben eines deutschen oder englischen Wortes müssen eingegeben, dann muß eine weitere Taste gedrückt werden, und der Computer gibt an, welche Wörter er mit den gewählten Anfangsbuchstaben auf Lager hat.
Nicht größer als ein Taschenrechner und ganze 70 Gramm leicht hält Alpha 8 jeweils 4000 englische und deutsche Wörter auf Abruf bereit - einige mehr, als ein deutscher Abiturient laut Beschluß der Kultusministerkonferenz in Englisch kennen muß, doch 6000 Wörter weniger, als Langenscheidts kleinstes Wörterbuch "Liliput" enthält.
Fünf Jahre lang hat Langenscheidt an der Entwicklung des neuen Wörterbuches gearbeitet. Zunächst war der Elektrokonzern Siemens als Hardware-Lieferant im Gespräch, doch dessen Computer-Fachleute resignierten angesichts der kalkulierten Entwicklungskosten von rund zehn Millionen Mark. Die japanische Sharp Corporation, die bereits Erfahrungen mit ähnlichen Geräten hatte, übernahm daraufhin die Hardware-Produktion, während Langenscheidt die Software lieferte.
Eine "sensationelle Neuheit", wie Langenscheidt behauptet, ist Alpha 8 freilich nicht. Vor rund dreieinhalb Jahren hatte die Deisenhofener Firma MBO gemeinsam mit der Warenhausgruppe Hertie ein elektronisches Wörterbuch auf den Markt gebracht. Allerdings konnten im MBO-Gerät nur 1100 Wörter S.172 oder Redewendungen gespeichert werden.
Abgesehen von der geringen Kapazität, ist für Dr. Anton Schmuck, den Leiter der Langenscheidt-Elektronik-Abteilung, das MBO-Gerät jedoch ein Flop gewesen, weil "die lexikographische Leistung gleich Null war". Alpha 8 hingegen biete einen "repräsentativen Wortschatz" an, der auf dem Know-how erfahrener Wörterbuch-Macher beruhe und die "neuesten Frequenzuntersuchungen" berücksichtige.
Daß in der Tat bei Alpha 8 Fachleute am Werk gewesen sind, wird durch die grammatikalischen Angaben und die zahlreichen Hinweise auf Mehrfachbedeutungen bewiesen. Als besonderen Clou besitzt das elektronische Wörterbuch eine "Memo-Taste", die einen Zufallsgenerator in Gang setzt, mit dem Vokabeln abgefragt werden können.
Alpha 8 ist, laut Schmuck, erst der Anfang: Im Februar erscheint ein elektronisches Wörterbuch Französisch-Deutsch, Deutsch-Französisch, und an einer Erweiterung des Wortschatzes auf 8000 Vokabeln - die technischen Voraussetzungen sind bei gleicher Größe des Gerätes gegeben - wird gearbeitet.
Zunächst aber möchte Langenscheidt mit dem 149 Mark teuren Gerät "die Akzeptanz des Marktes" testen. Dabei beruft sich der, nach eigener Einschätzung, "größte Wörterbuchverlag der Welt" - kontrollieren läßt sich das nicht, weil Langenscheidt keine Auflagenhöhen angibt - auf seine traditionelle Aufgeschlossenheit für neue Medien: 1902 wurden die ersten Sprachkurse auf Schallplatten gepreßt und in den siebziger Jahren die ersten Video-Cassetten produziert.
Jetzt also auch etwas für Elektronik-Freaks. Nur - was ein Freak ist, weiß Alpha 8 nicht.

DER SPIEGEL 4/1983
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