10.10.1983

POPMUSIKRausch und Elend

Mit Reggae-Rhythmen machen internationale Popgruppen Kasse. Gleich zwei Shows präsentieren nun den pulsierenden Beat Jamaikas - authentisch. *
In den frühen siebziger Jahren wurde der Reggae-Sänger Peter Tosh berühmt mit seinem Song "Legalize It", mit dem er für die Legalisierung des berauschenden "Ganja"-Krauts seiner jamaikanischen Heimat eintrat. Inzwischen hat sich Tosh'' Bewußtsein noch erweitert: "Reggae ist der Herzschlag aller Musik."
Das mag so sein. Der sanft pulsierende Baßbeat der jamaikanischen Popmusik pocht etwa auf Platz eins der deutschen Hitlisten in dem süßlichen "Sunshine Reggae" des dänischen Duos "Laid Back" oder auf der britischen LP "Labour Of Love", der Band "UB 40", die sich mit Neuaufnahmen von Reggae-Klassikern in die Spitzenreiterposition der internationalen Pop-Szene katapultierte. Das Rocktrio "Police" startete in
den siebziger Jahren mit einer Reggae- und New-Wave-Mixtur seine enorme Welt-Karriere.
Fernab von Jamaika, aus Australien, erzielte die Combo "Men At Work" mit Soft-Reggae weltweite Millionenauflagen. Dem Reggae fühlt sich die Ruhrgebietskapelle "Geier Sturzflug" verpflichtet, deren "Bruttosozialprodukt" zum ironischen Wende-Hit wurde. Und selbst noch Nenas weichgespültes "Nur geträumt" profitiert von der eigenwilligen Rhythmus-Betonung der Musik aus den Slums Jamaikas.
Den schleppenden Beat des Reggae hatte vor allen anderen der Jamaikaner Bob Marley, erster Pop-Superstar der Dritten Welt, in Massenkonzerten auf der nördlichen Erdhalbkugel verbreitet. Nach Marleys Tod vor zwei Jahren schien Jamaika wieder in die Pop-Provinz abzutauchen.
Mit Peter Tosh'' Meisterwerk, der LP "Mama Africa", aber meldet sich nun, allen weißen Verballhornungen seines Rhythmus zum Trotz, das zweite große Reggae-Original auf der internationalen Szene zurück. Tosh, 39, bis 1974 Weggefährte Bob Marleys in dessen Trio "The Wailers", wird derzeit bei einer Europa-Tournee fast gefeiert wie Marley selbst. In dieser Woche geht er auf Deutschland-Tournee.
Authentischen Reggae bietet zur gleichen Zeit ein Musical in Berlins Theaterzirkus "Tempodrom". Dort verarbeitet eine Gruppe schwarzer Jamaikaner aus der englischen Hafenstadt Bristol ihre Erfahrungen zu dem Reggae-Musical: "Black and White in Colour". Beide Shows vermitteln, was den Herzschlag des Reggae ausmacht: Elend und Rausch, Polizeiunterdrückung und Arbeitslosigkeit, aber auch das neue Selbstbewußtsein der Schwarzen - ob in Kingston (Jamaika) oder Brixton (London).
Jamaikas Reggae ist, wie der Blues US-Amerikas, die Musik der Sklaven-Nachkommen und entstand in den Elendsvierteln des "Shanty Town", dem Slum in der Hauptstadt Kingston. Ihren Namen trägt die Musik (zuvor Ska oder Bluebeat genannt) seit einer 1968 erschienenen Platte "Do The Reggay" der Gruppe "Toots and the Maytals".
Am intensivsten pflegten die religiösen Zirkel der "Rastas" ihre Musik - der Name leitete sich ab von dem Titel des Ras (= Fürst) Tafari, dem "König der Könige, dem Löwen von Juda", der als Kaiser Haile Selassie Äthiopien regierte und der für die erlösungsbewegten Sektierer als erstes gekröntes Haupt in Afrika zum Symbol für die ersehnte Rückkehr in ein schwarzes Utopia, ein Reich der Erlösung, wurde - Ausweg aus dem "Babylon" des Westens.
Das zweite große Thema der Slum-Musik schon in Bluebeat-Tagen indes war handfester: Es ging ums Leben der "rude boys" im Getto, die rüden Eckenlungerer und Straßenschläger, die Klein-Dealer mit dem Traum vom schnellen Geld. Das Black-and-White-Musical in Berlin behandelt die europäische Variante beider Leitmotive, mit politischen Konsequenzen.
Mit der selbstverständlichen Arroganz der Kolonialherren betritt der Polizist die Bühne - Razzia in einer schäbigen Spelunke, Unterschlupf nichtsnutziger Schwarzer: Eine Schlüsselszene in der bunten Tanz-Saga um den 16jährigen Anthony, der die Schule verläßt, weil sie ihn "programmieren" will. Jobs findet er nicht, nach einer Kette von Enttäuschungen kommt es zur Explosion: Rassenkrawall im Getto St. Paul''s, 7000 Einwohner im Nordosten von Bristol, auf der Bühne _(Rechts Autor Reynold Duncan. )
dargestellt mit Feuerzauber und Krach vom Band.
In einem bluesartigen, schwermütigen Song schildert die dicke Mami des jugendlichen Helden die Sehnsucht der schwarzen Einwanderer in England. Aber als Anthonys Schwester zur Prostitution gezwungen und gedemütigt wird, besinnt sie sich auf afrikanisches Erbe: Dumpf rollen Buschtrommeln, ein Medizinmann mit Maske vertreibt weiße Peiniger: Mutter Afrika.
"Professionell gestalteter Ablauf", huldigte das Berliner Stadtmagazin "Zitty" dem Vorjahres-Musical "Freedom City" des Bristol-Trupps, und "Bodennähe" konstatierte das Berliner "Volksblatt". Der Sender Freies Berlin jubelte: "Was diese Leute da tun - es ist nicht zu fassen." Denn der augenrollende Dilettantismus der Amateurschauspieler wird ausgeglichen durch brillante Tanzszenen.
Die Truppe, deren "Arts Opportunity Theatre" als eine Art Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für arbeitslose Jugendliche gegründet wurde, spielt eigenes Leben nach - Britanniens erste Nacht der Anarchie am 2. April 1980 in Bristol. Die Bühnen-Spelunke heißt "Black and White Cafe", sie steht in Wirklichkeit kaum 200 Meter entfernt von den Proberäumen der Truppe. Und die Darsteller auf der Bühne gehören zu den Steinewerfern der Krawalle.
Als am späten Nachmittag Polizei-Einheiten provozierend auf der "front line", dem Herzstück des Farbigengettos, weiße Präsenz demonstrieren, wurde der Rassenkrawall unabwendbar. Die Ereignisse von Bristol sind das Muster für alle folgenden Unruhen in Englands schwarzen Slums:
Das Fernsehen berichtete, sofort fielen die Plünderer ins Viertel ein. Vor Lloyds Bank brannten Autos, am Sussex Place splitterten Schaufensterscheiben, dunkle Gestalten (nicht nur Schwarze) schleppten Farbfernseher in Bedford-Lieferwagen.
Gegen sechs Uhr abends zog sich die Polizei zurück und legte einen weiträumigen Sicherheitskordon ums Viertel (20 Prozent Arbeitslose). Erst um Mitternacht kehrten Polizei und Ordnung zurück.
Den Sieg feierten die Jungs aus dem Getto auf ihre Weise. Über die kleine Wiese, die sanft von Ashley Street zur "front line" abfällt, karriolten bekiffte Schwarze auf Fahrrädern. Viele trugen die mächtige "Dreadlock"-Lockenfrisur der Rastas, andere gewaltige Wollmützen in den Regenbogenfarben Rasta-Äthiopiens. Selig feierten (weiße) Punks mit.
Die "Explosion der Entwürdigten" ("Black and White"-Autor Reynold Duncan, gebürtig in Guyana) auf der Bühne betanzt und besingt die Rude-Boy-Welt wie etwa Bob Marley, der Knäste von innen kennt, wie der poppige Jimmy Cliff, dessen Film "The Harder They Come" zum Kultfilm wurde. Ein Song der Reggae-Truppe "The Maytals" heißt "54-46 that''s my number" - es ist die Gefängnisnummer ihres Sängers Toots.
Am Donnerstag vor der Generalprobe in Bristol vermißte Autor Duncan seinen Hauptdarsteller - den hatten Polizisten auf Verdacht festgenommen, tags drauf war er wieder frei. Und bei dem Bruder des "Zion Band"-Leaders gab es einen Tag später eine Hausdurchsuchung - ohne Ergebnis, aber auch ohne Mitteilung über den Zweck der Übung.
Profi Peter Tosh hat seine eigenen Erfahrungen mit der Sprengkraft seiner Musik. 1978, als in Jamaika Killerkommandos der politischen Parteien wüteten, sollte ein Reggae-Konzert, neben anderen mit Bob Marley und Peter Tosh, zur Versöhnung beitragen. Tosh schleuderte der im Stadion anwesenden politischen Führungsspitze seine Meinung über die verrotteten Verhältnisse entgegen und hielt sich, wie immer, an seinem Standard-Requisit fest, dem "Spliff" genannten Joint in Trompetenform: Trotz Verbots konsumieren rund zwei Drittel aller Jamaikaner das Ganja-Kraut, als Überlebensmittel. Bei den Rastas, die vegetarisch leben, Alkohol und Nikotin verschmähen, ist Kiffen sogar Teil der Religions-Ausübung - ähnlich dem katholischen Weihrauchschwenken.
Drei Monate nach dem "Friedenskonzert" wurde Tosh von der Polizei halbtot geschlagen, auf "Mama Africa" bringt er mit dem sarkastischen "Peace Treaty" zur Erinnerung, daß fast alle der Konzert-Organisatoren des Friedensfests inzwischen auf dem Friedhof ihre Ruhe fanden.
Prominenter Zuschauer beim Kingston-Konzert war Mick Jagger. Die Rolling Stones nahmen den hochgewachsenen Mann aus dem Getto für ihr Label unter Vertrag, produzierten seine LP "Bush Doctor", und Jagger sang gar ein Duett mit dem neuen Star.
Tosh'' internationale Karriere kam in Gang, wenn auch als Berg-und-Tal-Fahrt. Auf "Mama Africa" singt der Sklaven-Nachfahre ein hinreißendes Liebeslied auf den Schwarzen Kontinent. Mit einer Reggae-Version des Chuck-Berry-Klassikers "Johnny B. Goode" konnte er sich in Single-Hitlisten eintragen.
Im Konzert tritt er in weißem Umhang auf wie ein Priester, greift zur Gitarre in Form einer Maschinenpistole und beschwört die Größe seines Gottes Jah, den Spliff immer zur Hand. Was optisch manchmal wirkt wie Oberammergauer Mummenschanz, ist nicht bloß Requisit, sondern gehört zum soliden Fundament des Reggae. Dessen Puls, geschlagen von einer kompakten Band, macht neben Tosh'' Präsenz den Erfolg der gegenwärtigen Tournee aus.
In der Bundesrepublik freilich darf nicht jeder Tosh'' neue Show sehen und hören. Die Münchner Kreisverwaltung untersagte seinen Auftritt, weil, so unter anderem die Begründung, "aus allen Teilen Süddeutschlands Besucher und sog. ''Kommunen'' anreisen" könnten, "um sich mit Betäubungsmitteln einzudecken".
Betäuben darf sich Bayerns Jugend bei jenem anderen exotischen Ritual, dem Oktoberfest, wo Oberbürgermeister Erich Kiesl zeremoniell ein Faß aufmacht. Tosh, der Alkohol für eine Droge des Teufels hält: "Die haben Angst vor grünen Blättern. Aber sie wollen, daß Jugendliche umfallen, angefüllt mit Bier."
Tosh wird München vorenthalten bleiben. Die "Black and White"-Kollegen aber kommen, in Farbe.
Rechts Autor Reynold Duncan.

DER SPIEGEL 41/1983
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