10.10.1983

„Wir steigen in den Himmel auf“

Die wollen ihr Bewußtsein nach Art der Schamanen erweitern und Aufschluß erhalten über das Leben nach dem Tod: die „Transpersonalisten“ aus Kalifornien. Nach Gruppenbewegung und Okkultismus ist Transpersonalisation nun neue Psycho-Mode auch in Westeuropa. Ärzte und Psychologen sind da tätig - aber auch Scharlatane der Spiritisten-Szene. SPIEGEL-Redakteur Michael Haller nahm an Sitzungen der Transpersonalisten im kalifornischen Esalen teil: Gemeinsame Psychotrips in abstruse Geisterreiche der Phantasie. *
Samtig weich tönt die Stimme. "Sie versinken im Boden", raunt sie, "tiefer, immer tiefer. Sie verschmelzen mit der Erde ringsum."
Sternförmig, die Füße zur Mitte, liegen wir regungslos am Boden: 14 Erwachsene, alle in Rückenlage, die Augen geschlossen. Wir sinken und verschmelzen.
"Nun sind Sie tief drinnen in der warmen Mutter Erde, alles um Sie ist schwarz. Es herrscht tiefe Nacht", sagt die Stimme. Dann, nach einer kurzen Pause: "Jetzt sehen Sie über sich in weiter Ferne eine kleine, helle Öffnung: ein Stück Himmel."
Ein erleichtert seufzendes, vielstimmiges "Aaah!" breitet sich aus. Dann ist wieder nur unser Atem zu hören. In tiefen, gleichmäßigen Zügen entweicht er durch die offenen Münder, von leisen Stöhnlauten begleitet.
Wir, acht Männer und sechs Frauen, haben gerade mit einer "Meditations-Hypnose" begonnen. Sie soll uns Aufschluß geben, ob wir schon einmal, vielleicht vor 50 oder auch 500 Jahren, auf dieser Erde gelebt haben: als Mann oder Frau, Bauer, Kriegsknecht oder Königin, wer mag das noch wissen.
"A trip into your past life", hatte der Gruppentrainer versprochen, eine Traumreise in ein früheres Leben. Wir alle seien nämlich schon mindestens einmal auf der Erde gewesen, wüßten aber nichts mehr davon, erklärte er uns. Nun aber, unter der Hypnose, würden wir den Weg wieder zurückfinden, wie in einem Film, der rückwärts laufe. "Erst kommt Ihre Kindheit, dann die Geburt, dann die neun Monate als Embryo" - und dann tauche jene Zeit wieder auf, "als Sie schon einmal geboren wurden, schon einmal lebten und starben".
Im Grunde geht es um die nicht ganz neue Frage, was wohl unserem Bewußtsein die absolute Grenze setzt: Ist es der Horizont unserer fünf Sinne? Der Schritt vom Leben zum Tod? Oder etwa die Beschränktheit der Einbildungskraft, die unsere Phantasie - trotz Johannes-Evangelium, Timothy Leary und Erich von Däniken - in Grenzen hält?
Unsere Traumreise-Gesellschaft, von der Seligkeit des Gruppen-wir-Gefühls beflügelt, setzt sich über solche Erkenntnisfragen hinweg: Nichts scheint den Teilnehmern in diesem Augenblick so selbstverständlich wie ein kleiner Jenseitstrip.
Sie hätten solche Sessionen bereits mehrfach mitgemacht, gaben die meisten schon bei der Begrüßung zu erkennen. Gleichwohl seien sie keine realitätsblinde Sektierer, die ihrem Guru hinterherträumen. Tatsächlich sehen die Mitglieder unserer Mannschaft - die Hälfte kommt aus Europa, die übrigen sind Amerikaner und Leute aus Übersee - durchwegs wie ordentliche Wohlstandsbürger aus. Alle sind über 30, die meisten arbeiten in gehobenen Stellungen in Hospitälern, unterrichten an Hochschulen oder haben daheim eine Praxis mit gutgestellter Klientel.
Jetzt dämmern wir, vom sanften Singsang des Gruppenleiters geführt, in unseren Wunschträumen dahin und starren mit geschlossenen Augen auf ein kleines Stück Himmel, das sich uns öffnen soll.
Nein, dieser Psychotrip sei keine Seelenmedizin. Mit ihm solle niemand geheilt werden, stellte unser Trainer gleich zu Beginn klar. "Krank" und "gesund", die Fundamentalordnung der Medizin, gelte nämlich für das Seelisch-Geistige nicht. Was zähle, sei die Erweiterung: "Die rational denkenden Menschen kennen nur einen schmalen Pfad am Rand der ungeheuren Landschaft ihres Bewußtseins", erfuhren wir. "Verlassen Sie diesen Trampelpfad, erforschen Sie Ihr inneres Paradies."
Wir sind nicht die einzigen, die vom Weg abgekommen sind. In mehreren anderen Häusern rings um uns herum träumen, dämmern und schnaufen, tanzen und turnen, massieren und streicheln über hundert weitere Erwachsene in verschiedenen Gruppen.
Unter der Anleitung routinierter Trainer wollen sie alle das erleben, was sie "Bewußtseinserweiterung" nennen: den Ausbruch aus der Enge des eigenen Hirns, um für Augenblicke eins zu sein vielleicht mit dem Wind, den Sternen am Himmel und den Geschöpfen der Natur - oder um den totalen Ausstieg zu proben aus dem Raster von Raum und Zeit in eine mutmaßlich jenseitige Welt, in der unsere Vergangenheit gegenwärtig sein soll.
Solche Psychotrips gehören zum Standardprogramm des Therapiezentrums "Esalen". Es liegt an der felsigen Pazifikküste Kaliforniens, nur wenige Kilometer südlich von Big Sur, jener kleinen Siedlung am berühmten Traumstraßen-Highway Nr. 1, wo Henry Miller seine schönsten Lebensjahre schreibend verbrachte: "Big Sur und die Orangen des Hieronymus Bosch".
Natürlich Kalifornien, Traumland selbst der Amerikaner, wo Computer-Chips und LSD, Hollywood und Space Shuttle der Stoff ihrer Träume sind: Es ist ja der von den Europäern, ihren Denktraditionen und ihren Überlebensängsten entfernteste Ort der abendländischen
Kultur, von wildschöner Natur noch urwüchsig umwuchert.
So auch Esalen. Wer sich die weite Reise und den Aufenthalt leisten kann - ein knapp fünftägiger Workshop mit Unterkunft kostet 1100 Mark -, jettet via Monterey ins Seelenparadies nach Big Sur, um später "bewußtseinserweitert" oder gar als "Wiedergeborener" heimzukehren - und wenn auch nur in seiner Phantasie.
Über fünftausend Leib- und Seelenkundige kamen im vergangenen Jahr aus Europa angereist. Sie verstehen sich als Wegbereiter einer neuen Bewegung, die in Kalifornien ihren Ursprung nahm und sich jetzt im deutschsprachigen Europa ausweitet: die "transpersonale Psychologie", eine Mixtur aus fernöstlicher Meditation, Naturvölkerheilkunde und abendländischer Esoterik.
Mit ihr sollen Körper, Seele und Geist zur Einheit verschmelzen: Eine "ganzheitliche" Methode der Bewußtseinserweiterung, die gestreßte Konsumfiguren in seelisch-geistige Übermenschen "transpersonalisieren" soll.
Die Urheber - allesamt Lehrer in Esalen - sehen in ihrer Menschenkunde nichts Geringeres als den "Glaubenskern der nachindustriellen Gesellschaft" - sozusagen die westöstliche Einheitsreligion der Menschheit von morgen.
Ihr Inhalt: Mensch, Natur und Lebenswelt seien einer kosmischen Ur-Ordnung unterworfen, deren Gesetze jedoch das logische Verstandesdenken nicht begreifen könne. Das analytisch operierende Bewußtsein der Abendländer sei nämlich dieser Kosmologie geradezu entgegengesetzt und handle deshalb im Grunde lebensfeindlich.
Angeführt von den Meisterdenkern der Aufklärung - Descartes und Newton - hätten die Europäer die analytische Rationalität in der Form der Technik zur Weltherrschaft gebracht - und schließlich den Vernichtungsfeldzug gegen die natürliche Lebenswelt in Gang gesetzt. Die Bedrohung durch den atomaren Blow-up sei genauso eine Folge des herrschenden Bewußtseins wie etwa die epidemische Verbreitung der Depression oder das Anwachsen streßbedingter und krebsartiger Erkrankungen.
"Unsere Krise zeigt, wie unsere Institutionen die Natur verraten haben", weiß der in Wien aufgewachsene, heute in Berkeley und Esalen lehrende 44jährige Atomphysiker und Buchautor Fritjof Capra. Um das Ganze der Welt zu retten, "benötigen wir eine spirituellökologische Perspektive", die den einzelnen Menschen - und in der Folge die Gesellschaft - transformiere.
In seinem Bestseller "Wendezeit" (SPIEGEL 33/83) feiert Capra die Einsichten der Atomphysiker als wegweisend für das transpersonale Denken: Sie seien vom mechanistischen Kausaldenken unserer Epoche abgerückt und würden die Welt nun als "systemische Ganzheit" begreifen, in der Geist und Materie - und so auch Forscher und Natur - untrennbar verbunden blieben.
Wie die Organismen in der Natur, so bildeten ihre neuesten Denkmodelle einander einschließende Systeme, die insgesamt auf ein kosmisches Grundmuster bezogen seien. Würden die Menschen nach dem gleichen Muster handeln, dann verhielten sie sich wahrhaft ökologisch.
Mit dieser "neuen Sicht der Wirklichkeit" sei nichts Irrationales gemeint, sondern ein "erweitertes Bewußtsein von Mensch und Natur", weiß der Arzt und gelernte Psychoanalytiker Stanislav Grof, Esalen-Lehrer und einer der Wortführer der Transpersonalisten-Bewegung. Dabei richte sich das neue Bewußtsein nicht gegen die Rationalität, es hebe diese vielmehr auf.
Dieser, die Menschheit rettende Weltensinn sei zwar mit der Logik des Verstandes nicht zu fassen. Gleichwohl, so die Esalen-Leute, könnten die Menschen seine Gesetze erfassen und befolgen - sofern sie nun eben ihr einseitig entwickeltes Bewußtsein erweitern.
Dies zu lernen pilgern Europas trendbewußte Psychofreaks zum Mekka der
Transpersonalisten an der Steilküste von Big Sur. "Deutsch ist hier die erste Fremdsprache", flachst Esalen-Teacher Steve bei der Begrüßung der Gäste, "wir sind ein Kurort für europäische Seelen."
Der liegt inmitten der wilden Küstenlandschaft auf einem kleinen Plateau: ein Park mit steinalten Rotholz-Bäumen, sattgrünem Rasen und üppigen Blumengärten. Ein Dutzend schlichte Holzhäuser, eine Werkstatt, die Gärtnerei, das Speisehaus mit Büros und eine Gemüsefarm, natürlich makrobiotisch, sind über das Gelände verteilt. Hoch über der Brandung des Meeres, in die Felsen der Steinküste eingehauen, dampfen die "hot tubs": die heißen Schwefelquellbäder, das Wahrzeichen von Esalen.
Früher nutzten die an der Küste heimischen Indianer, deren Stamm "Esselen" hieß, die Quellen als Heilstätte. Ihre Medizinmänner sollen weit herum als große Spiritisten, sogenannte Schamanen, gegolten haben.
Die genaue Bedeutung ihres zu Esalen gewandelten Namens kennt heute keiner. Irgendwie hätte er mit "Lebensenergie" zu tun, vermutet ein älterer Esalen-Therapeut, "vielleicht auch mit der magischen Kraft des Wassers".
Unten, vor den Fenstern unseres Trainingsraums, tosen die Fluten gegen die Klippen. Ihr Brausen, durchmischt mit dem Duft von Eukalyptus, dringt in den Raum. Unwillkürlich schnaufen wir mit dem Rhythmus der Dünung. Zwischen Wasser und Land verschwimmen die Grenzen. Doch ein Jenseits ist nicht in Sicht.
"Durch die kleine Öffnung steigen wir zum Himmel auf", dirigiert nun die Stimme, "wir sehen tief unten die Erde und unseren schlafenden Körper. Wir fühlen uns federleicht, wir sind frei!"
Erst jetzt soll offenbar der Take-off für die Reise hinüber beginnen. "Wir überfliegen Raum und Zeit", flüstert die Stimme im Rauschen des Meeres, "und kehren zu versunkenen Orten unserer Vergangenheit zurück."
Noch bevor wir den Kopf verlieren, stellen sich Zweifel ein: Wieso sollen wir hier per Freizeittrip, so easy wie ein Kinogang am Samstagnachmittag, eines der Lebensrätsel der Menschheit klären können?
Mag ja sein, daß die meisten in unserer Gruppe tatsächlich schon seit Jahren regelmäßig meditieren, allmorgendlich Yoga oder auch ekstatische Trancetänze vollführen, wie sie nicht ohne Stolz berichten: Sie seien für übersinnliche Schauungen gut präpariert.
Oft genug aber versetzt der Glaube nicht Berge, eher schon Weltbilder, selbst wenn deren Grenzen so klar sind wie die zwischen Tag und Nacht: Wir dürfen alles phantasieren. Aber wir können niemals alles wissen.
"Die Erinnerung meiner vorigen Zustände", erkannte der Aufklärungsdichter Gotthold Ephraim Lessing vor 200
Jahren, selbst ein Verfechter des Glaubens an die Wiederholung des Lebens, "würde mir nur einen schlechten Gebrauch des gegenwärtigen zu machen erlauben." Es sei von der Schöpfung weise ausgedacht, daß die Menschen niemals Zugang zu ihrer im Jenseits aufgehobenen Vergangenheit hätten.
So blieb über die Jahrhunderte die Frage nach dem Jenseits das Thema der Mystik: Bilder aus dem Stoff, aus dem unsere Träume sind.
Dem Trend unserer Zeit folgend, machte die amerikanische Psychologin Helen Wambach aus dem Lebensrätsel eine empirische Frage: Sie hat 1977/78 die Imaginationen von 750 Testpersonen, die sie hypnotisiert und ins Jenseits geschickt haben will, per Fragebogen abgecheckt. Stolz verkündet sie, 90 Prozent ihrer Klienten hätten, kaum erwacht, aufregende Erlebnisse aus früheren Inkarnationen berichtet.
Ihre leichthändig erstellte Auswertung ("Es ist bewiesen: Es gibt ein Leben vor dem Leben") wurde unter dem Buchtitel "Leben vor dem Leben" ein Renner: Seitdem das krisengeschüttelte Diesseits so viel an Lebensqualität verloren hat, ist der Glaube an ein Tunix-Leben im Jenseits mächtig "in" - und der Aberglaube seiner Beweisbarkeit wieder verbreitet, diesmal nicht im Bayerischen Wald, sondern unter städtischen Bildungsbürgern, Jugendlichen und Intellektuellen.
Nach der Magic-&-Mystery-Tour der psychedelischen 70er Jahre und dem Ockultismus-Boom der frühen 80er lechzen die von der Aussicht auf den Weltuntergang geschockten Leute nach dem Phantasietrip mit der Zeitmaschine, vielleicht ins späte Mittelalter oder ins Jahr 3000. Atemberaubend wie die Apokalypse soll er sein - und dabei so komfortabel wie Disneys neues Plastic-Wonderland "Epcot" in Florida: zahlen, einsteigen, abfahren.
In jeder größeren deutschen Stadt gibt es inzwischen illustre Psychotrip-Zirkel, die dem Esalen-Vorbild nacheifern. Sie nennen sich "Esoterische Gesellschaft", "Transpersonales Zentrum", "Arbeitskreis Reinkarnationstherapie" oder schlichter, "Freunde der Erde".
Mit Anzeigen in der Esoteriker-Schrift "Esotera", aber auch im noch ganz am Diesseits orientierten Monatsheft "Psychologie heute", in Alternativ-Gazetten und Stadtteilzeitungen wie etwa dem Hamburger "Oxmox" bieten sie "esoterisch-spirituelle Erlebnisse" an - oder, per Workshop, auch gleich Gruppenreisen in frühere Inkarnationen.
Woche für Woche, schätzen Mitglieder der deutschsprachigen "Vereinigung für transpersonale Psychologie", würden sich zwischen Berlin und Zürich mehr als tausend Seelenpfleger in Kursen und Gruppen-Sessionen ins transpersonale Geschehen einweihen lassen.
Viele der Gruppenleiter sind jedoch Autodidakten ohne Therapieausbildung, viele auch abgesprungene Baghwan-Sanniasins - meist Amateure, die kaum mehr als den Esoterik-Jargon beherrschen und über "kosmische Energien" daherschwatzen, wenn ein seelisch labiler Kunde während des Trips ausrastet und ins Psychotische abzukippen droht.
Solche Psycho-Flippies in rosa Latzhose, schmuckem Baumwollhemd und Visa-Kreditkarte im Täschchen auf der Brust schweifen auch in Esalen barfüßig und verklärten Blicks über Wiesen und Felder. Und abends, nach dem Kniefall vor der untergehenden Sonne, sinnieren sie laut und wortreich darüber nach, ob sie einst als indianischer Schamane in Big Sur oder, noch lieber, vielleicht als Laotses Schüler im fernen Asien gewirkt haben: Ehre, wem Ehre gebührt.
Esalens gestandene Lehrer immerhin finden solch eitle Vermarktung des Reinkarnationsgedanken lächerlich. "Die Idee der wiederholten Leben kann man nicht beweisen", sagt der in Esalen lehrende, bald 70jährige Mediziner und Anthropologe John C. Lilly, Erfahrungen mit früheren Inkarnationen seien eine "rein subjektive Realität": Jeder einzelne könne solche Imaginationen nur ganz für sich erleben, etwa während der Meditation in einem schalldicht geschlossenen, sargähnlichen Behälter, in dem der Klient schwerelos in einer Salzlösung schwimmt und so die Illusion der Zeit- und Raumlosigkeit erlebt. Dieser sogenannte Samadhi-Tank ist eine Erfindung von Lilly.
Inzwischen hat unser Gruppenleiter das Tonbandgerät in Betrieb gesetzt. Zwei riesige Bose-Boxen beschallen uns mit elektronisch erzeugten Sphärenklängen des deutschen Psychedelic-Komponisten Georg Deuter: "Wings of Love".
Für vier Mitglieder der Gruppe wird daraus kein liebebeschwingter Flug: Ein jüngerer Mann aus Boston und eine Psychiatrie-Ärztin aus Düsseldorf steigen abrupt aus; eine lähmende Angst sei ihnen durch das Gedärm gekrochen, berichten sie später beim "sharing", dem mündlichen Erlebnisaustausch. Ein älterer Herr im hellblauen Trainingsanzug, im Alltag Pharma-Chemiker in San Francisco, beginnt plötzlich unartikuliert zu schreien; er wirft sich auf seiner Matte hin und her, als sei er im Fieberwahn. Neben ihm liegt Harald, Mitte 30, ein stämmig gebauter Psychologie-Dozent aus Hannover. Mit sonorer Baßstimme hatte er sich der Gruppe als Intellektueller vorgestellt, der nur aus wissenschaftlichem Interesse an der Übung teilnehme. Jetzt wimmert er mit der Sopran-Fistelstimme eines Dreijährigen leise vor sich hin und flüstert immer wieder: "Papi, laß mich nicht allein, ich habe dich doch so lieb."
Alle vier seien während ihres Rückwärtsganges bei frühkindlichen Schockerlebnissen "hängengeblieben", erläutert später der Trainer, sie hätten ihre seelischen Traumen von damals wiederbelebt. "Die Kinder", weiß er, "verlieren ihre Angst vor der Geisterbahn um so schneller, je öfter sie an den Gruselgestalten vorbeifahren und diese als Schimären zu durchschauen lernen." Ganz ähnlich sei es mit frühkindlichen Traumen: Die vier brauchten nur mehrere Male zu ihren Gespenstern zu reisen, dann würden diese ihre Schreckensmacht verlieren.
Fünf andere Teilnehmer bleiben wie tot liegen, sie sperren sich am Ende der Deuter-Sphärenreise gegen die Rückkehr. Erst die dirigierenden Worte unseres Reiseführers zwingen sie zum Aufwachen. Sie seien tatsächlich bis an die Schwelle ihrer Geburt zurückgegangen, erfahren wir.
Sie hätte sogar die dunkle Enge des Gebärkanals und die Rutschfahrt durch den Uterus in der Vision eines engen,
feuerspeienden Erdschachtes nochmals erlebt, behauptet eine ältere, französisch sprechende Dame aus Kanada. Noch weiter zurück, gar in ein früheres Leben, sei sie aber nicht gekommen. Ein "typisches Geburtstrauma" - raus aus der molligwarmen Gebärmutter, rein in die kalte unfreundliche Welt - halte sie im Bann, belehrt uns der Trainer. Auch diese Barriere ließe sich mit ein bißchen Geduld und Übung überwinden.
Die restlichen drei blicken nach ihrer Landung im Hier und Jetzt eher glasig in die Runde. Reden möchten sie nicht.
Solch gelenkte Traumreisen unter Hypnose sind indessen keine Esalen-Erfindung, sondern schon immer das Thema der mit Wahn und Verrücktsein befaßten Medizin - und seit der Zeit von Sigmund Freud auch eine, freilich umstrittene Methode ("Hypnotismus") der Seelentherapie.
Der sich "Hypnotherapeut" nennende Thorwald Dethlefsen in München etwa macht seit rund zehn Jahren eifrig Reklame für seine "Heilung durch Reinkarnation": Lebensprobleme sollen sich im Lichte angeblich früher gelebter Leben lösen lassen. Kritiker vermuten jedoch, Dethlefsens hypnotisierte Patienten würden ihre aktuellen Konflikte doch nur auf die vom Therapeuten erwünschten Muster projizieren; die Erinnerung an ein früheres Leben sei phantasiert und therapeutisch bedeutungslos.
Ob Projektion, Fiktion oder Imagination: Für die Esalen-Leute ist die Hypnose-Fahrt in Richtung früheres Leben ohnehin keine Glaubensfrage, sondern eine - allerdings beliebte - Technik unter vielen, um den Erlebnishorizont ihrer Klienten auszudehnen - einfach "in Richtung Unendlichkeit", wie es in einem Workshop-Programm "Bewußtseinserweiterung und Selbsterfahrung" heißt: Körpertraining, Meditationsübungen und Gruppenarbeit seien "nicht dazu da, zu heilen, sondern zu verändern": Der veränderte ist der genesene Mensch.
"Transformation", Wandel und Veränderung, hieß schon das Zauberwort, mit dem die zwei Kalifornier Michael Murphy und Richard Price aus abgestumpften Abendländern allseits bewußte, für Sinnlichkeit offene Individuen machen wollten und darum vor 20 Jahren das Zentrum gründeten.
Alles habe damit begonnen, daß er im Sommer 1950, als Psychologiestudent in Stanford, in die Vorlesung des berühmten Kulturanthropologen Frederic Spiegelberg geraten sei, der gerade über die indischen Brahmanen las, erinnert sich der 52jährige Murphy. Bald habe er Spiegelbergs Freunde, darunter den deutschen Theologen Paul Tillich, den indischen Yogameister Swami Prabhanvananda und dessen damaligen Schüler, den Schriftsteller und Drogenkenner Aldous Huxley, kennengelernt.
Transpersonalisiert worden sei er jedoch vom indischen Yogi und Freiheitskämpfer Sri Aurobindo. Spiegelberg hatte ihn mit dem Hinweis empfohlen, er sei neben Heidegger der bedeutendste Philosoph des 20. Jahrhunderts. In seinem Hauptwerk ("The Life Divine") schildert Aurobindo, wie im Verlauf spezieller Meditationen und Körperübungen eine ungeahnte "Freiheit des Überbewußten" erlangt werden könne. Dies sei für ihn, Murphy, der Schlüssel gewesen: "Er verknüpfte das abendländische Denken mit der meditativen Intuition Asiens und gab damit eine Anleitung zur Evolution des Bewußtseins" als westöstliche Einheit.
Im Sommer 1960 traf Murphy "eher zufällig" auf den privatisierenden Psychologen Richard Price. Sie kamen auf die Idee, Aurobindos strenge Schule des Überbewußtseins für die seelisch labileren Abendländer zu temperieren und per Bewußtseinserweiterung populär zu machen: Unter dem Dach eines für jedermann offenen, undogmatisch geführten Aschrams sollten Übungen und freier Erfahrungsaustausch stattfinden.
Murphys Großvater, ein wohlhabender Landarzt, hatte 1910 den felsigen Abhang südlich von Big Sur mit der Absicht gekauft, die Schwefelquellen für ein gewinnbringendes Kurhotel zu nutzen. Er baute die Quellfassungen und ein Wirtschaftshaus. Dann verstarb er.
Als Murphy und Price 1961 das Gelände inspizierten, hatte sich dort gerade eine Evangelistensekte einquartiert. Bei den Quellen, die auch von Henry Miller und seinen Freunden regelmäßig benutzt wurden, hauste eine romantisch in Naturverehrung entrückte Jugendgruppe der damals so genannten "Beat Generation", unter ihnen eine junge Musikerin mit dem Namen Joan Baez.
Mit Hilfe der Camper richteten Murphy und Price das Gelände her, bauten Holzhäuser, legten Gärten an. Nach der Eröffnung im Spätsommer 1962 wirkten die Freunde von früher, aber auch Carl Rogers, John Levy und Arnold Toynbee als Esalen-Dozenten - getreu der Zweckbestimmung des Instituts: "In den Bereichen der Erziehung, Religion, Philosophie, der Körper- und Verhaltenswissenschaften erforscht Esalen jene Trends, die der Förderung menschlicher Fähigkeiten und Werte dienen."
Die meditationsunfähigen Abendländer, allemal die auf Effizienz getrimmten Amerikaner, sprachen auf die schöngeistigen Vorträge der Gelehrten indessen nicht an.
Um ihnen den Einstieg in die Bewußtseinserweiterung zu erleichtern, suchten nun die Esalen-Gründer nach immer neuen Techniken. Neben Tanz und Gymnastik wurden hart zupackende Massagetechniken entwickelt, mit dem Ziel, Körper und Seele in der urwüchsigen Einheit des zivilisierten Wilden zu spüren. Dieses Programm hatte Erfolg - Esalen wurde unter Amerikas Sensitivity-Freaks bald berühmt und populär.
Doch den Esalen-Gründern war die Vermittlung solch neuen Körpergefühls nicht genug: Aurobindos westöstliche Überbewußtheit, immerhin, sollte ja vor allem Seele und Geist umfassen. Darum
interessierten sich Michael Murphy und Richard Price besonders für Methoden zur Überwindung der seelischen Widerstände gegen das, was ihr Guru mit Bewußtseinserweiterung gemeint hatte: den totalen Ausstieg aus dem rationalen, vom Verstand kontrollierten Denken.
Über die Grenzen der USA hinaus berühmt und berüchtigt wurde Esalen Ende der 60er Jahre denn auch nicht wegen seines "bodywork" genannten Körperkults, sondern durch die Gruppentherapie - "eine Art Nebenprodukt" der Suche nach der von Michael Murphy erträumten Überbewußtheit.
Der Psychiatrie-Professor Abraham Maslow, Urheber der inzwischen weltweit verbreiteten Humanistischen Psychologie, und der aus Deutschland stammende Fritz S. Perls, Arzt und Begründer der Gestalttherapie, galten Mitte der 60er Jahre als tonangebende Esalen-Lehrer. Beide waren Kritiker der damals modischen Verhaltenspsychologie wie der klassischen Psychoanalyse. Sie fanden, die unterdrückten Gefühlsbereiche sollten nicht zerredet oder wegsublimiert, vielmehr hochgeholt und ausgelebt werden.
Jeder hatte grundverschiedene Therapie-Konzepte entwickelt. Gleichwohl gingen beide vom Credo der Ganzheitlichkeit der menschlichen Natur aus, die beim Industriegesellschaftsmenschen in verschiedene Empfindungssegmente zersplittert sei: Der Kopf wisse nicht mehr, was das Herz spüre, das Herz fühle nicht, was der Bauch empfinde, und so weiter.
Statt nun auch noch die Lebens- und Leidensgeschichte nach Art der Freudschen Tiefenpsychologie analytisch zu zerlegen, sollten besser die Empfindungsbereiche "im Hier und Jetzt erlebt und integriert" (Perls) werden: Jeder einzelne müsse zu der in seiner Natur archetypisch angelegten, ganzheitlichen "Gestalt" als Lebensform finden.
Auf Anregung von Stanislav Grof nannte Maslow diese "auf transzendente Erfahrung und Werte" gerichtete Lebensweise transpersonalistisch. Der Name war geboren.
Dieses Konzept wurde bald in den USA, dann in Europa zum Trendmacher des prickelnd neuen "feelings" westlicher Großstadtneurotiker: In Encounters und Selbsterfahrungsgruppen toben sie sich seither ein paar Stunden pro Woche in ihren "Gruppen" genannten Horden aus. Da darf man die anderen Groupies, meist wildfremde Menschen, anschreien und anheulen, hauen und streicheln, küssen und beißen, bei den Frauen auch mal an den Brüsten saugen, je nach Trieb und Laune. Hauptsache, es ist "echt".
Solch plumper Psycho-Massensport hat indessen nichts mit Transpersonalisation zu tun, sondern ist bestenfalls modischer Ausdruck der Langeweile beziehungsgestörter Mittelständler. Die Esalen-Leiter - neben Murphy und Price ist inzwischen die Gestalttherapeutin Nancy Lunney Chefin des Zentrums - halten die "Encounter"-Mode inzwischen auch für einen Irrweg: Die Transpersonalisation des Abendländers setze doch immerhin "Selbsterfahrung und Spiritualität" voraus, sagt Nancy, das schöne Gruppenfeeling sei höchstens "Rückhalt und Stimulans".
Das meint: Bewußtseinserweiterung müsse zwar - wie im Fall unserer Hypnose-Meditation - vom Trainer "begleitet" und von der Gruppe "mitgetragen" werden; im Grunde aber bleibt sie das sprachlose Einzelerlebnis im Reich der Phantasie, das, laut Nancy, wie ein "mystisches Einweihungsritual" ablaufe.
Mit dieser Einsicht ist nichts Okkultes, auch kein Aberglaube gemeint, sondern "Schamanismus", die uralte Zauberlehre vor allem der Naturvölker, die in den letzten Jahrzehnten von den Abendländern wiederentdeckt worden ist.
Führende Kulturanthropologen wie Mircea Eliade und Joseph Campbell berichten, daß die Mythen annähernd aller nichtbiblischen Religionen den Glauben an die Wiederholung des Lebens enthalten,
wenn auch manchmal in verschlüsselter Form. Und in fast allen Kulturen gebe es auch seit Urzeiten Hypnoseähnliche "Einweihungsrituale für Schauungen jenseits von Leben und Tod" (Campbell), die sich um die Wiedergeburt drehen.
Auch das "transpersonale Erlebnis", daß Mensch, Natur und Kosmos zur Ganzheit verschmelzen, scheint unter Schamanen rund um die Welt bekannt zu sein: Die buddhistischen Lama in den tibetanischen Klöstern haben offenbar die gleichen Erlebnisse wie etwa die Derwische der muslimischen Sufi-Sekte, die chinesischen T''ai-Chi, die Heilkünstler der Karibu-Eskimo oder die Trancetänzer der I-Kung in Afrika - und, auf ihre Art, hatten dies auch einst der heilige Franz von Assisi und die Theresia von Avila.
Nur: Der Weg dorthin dauert allen Berichten zufolge viele Jahre, ist äußerst beschwerlich und oftmals vom Verlust des Lebens, zumindest der seelischen Gesundheit bedroht. Vor allem aber: Er steht nur "Auserwählten" offen, wobei diese Auswahl möglicherweise auf Merkmalen basiert, die in unserer Kultur "Verrücktsein" signalisieren.
Esalen-Gründer Price und Murphy indessen hatten keine strapaziöse Klosterschule für ein paar Auserwählte im Sinn: Die wäre ohne Massenzulauf geblieben. Sie suchten vielmehr psychedelische Techniken, um den Klienten im abgekürzten Verfahren den bequemen Einstieg ins vermeintlich Übersinnliche zu liefern: Mystik für jedermann, wie sie der Drogentrip bietet.
Damals, Ende der 60er Jahre, war der Glaube an die schöne neue LSD-Welt unter Kaliforniens Intellektuellen ohnehin verbreitet.
Wer Nützliches über den Zusammenhang zwischen Bewußtsein, Verhaltensänderung und Drogen zu berichten hatte, wurde nach Esalen geholt: Meskalin-Kenner Aldous Huxley ("Die Pforten der Wahrnehmung") und LSD-Prophet Timothy Leary ("Politik der Ekstase") etwa und der damalige Ethnologiestudent aus Los Angeles Carlos Castaneda. Der erzählte Wunderliches über seine Drogen-Erfahrung mit dem Peyotlkaktus und seine angeblichen Lehrjahre bei einem Yaqui-Indianer namens Juan Matus ("Don Juan"). Die Trip-Idee schlug ein, nun als Schamanismus verpackt.
Inzwischen sind Castanedas fünf Trip-Bücher - trotz oder auch wegen aller Zweifel an ihrer Authentizität - weltweit Bestseller, ist der tödlich verunglückte Autor bei seinen Fans zur Mysteriengestalt entrückt.
Und längst auch wird solch fragwürdige Schamanen-Psychedelik, zur sagenhaften Überbewußtheit mystifiziert, massenhaft konsumiert: Ständig werden irgendwelche Indianer, Filipinos und brasilianische Indios von Esoteriker-Vereinen quer durch Europa als wundersame Schamanen auf Tournee geschickt, die - wie etwa alljährlich im Tiroler Alpbach - mit allerlei Hokuspokus ihr andächtiges Publikum für ein paar Minuten ins Freizeit-Nirwana schicken.
Auch wenn bei solchen Sessionen keine Drogen verabreicht werden, so haben die Rituale doch eindeutig Trip-Charakter: Am Ende der kurzen Psycho-Reise wartet kein kosmisches Überbewußtsein, sondern oftmals Brechreiz und Migräne.
Die Populär-Ethnologen Michael Harner ("Der Weg des Schamanen") und Joan Halifax ("Die andere Wirklichkeit der Schamanen") bieten bereits im Doit-yourself-Verfahren "den Umgang mit Naturkräften" an. Diese hätten sie so weit dem westlichen Lebensstil angepaßt, daß sie im täglichen Leben "zur Verschmelzung der spirituellen und rationalen Seite" (Harner) benutzt werden könnten.
Wie das geht, führt Harner in seinen Esalen-Kursen nach der "Man nehme"-Kochbuch-Methode vor: zum Beispiel eine Bongotrommel. Und ein Schamanenlied per TB-Kassette. Und eine schöne entspannte Stimmung. Und ein paar tiefe Atemzüge - und schon geht''s up, up and away, wenn auch nur in den geistleeren Raum der Selbstsuggestion.
Diese, per Trip-Erlebnis phantasierte pseudokosmische "Einheit" erklärt Transpersonalist Michael Harner zum bedeutungsvollen Einweihungsritual nach Art des "Zauberflöten"-Tamino: Wie Mozarts symphonische Gesänge in der Oper, so würden auch Bongotrommeln den Weg ins Transzendente weisen, sozusagen als Abkürzung.
Daß diese sagenhafte Überbewußtheit nicht nur von "Eingeweihten", sondern von jedermann eingeübt werden könne, begründen die Transpersonalisten mit der Gehirnforschung der letzten 20 Jahre: Nach umfänglichen Tests mit Patienten, bei denen die Verbindung zwischen beiden Gehirnhälften ("Corpus callosum") operativ durchtrennt worden war, kam der Physiologe Roger Sperry 1966 zu dem Schluß, daß "jede Gehirnhemisphäre ihre eigene Denkweise und ihr eigenes Gedächtnis" habe: Mit der linken Seite dächten die Menschen logisch, in Begriffen und im Nacheinander, mit der rechten würden sie intuitiv, spontan und kreativ ihr Dasein erfassen.
Daraus folgern die Transpersonalisten, die Abendländer hätten das in der linken Gehirnhälfte sitzende analytische Denken einseitig trainiert und sollten endlich auch die im rechten Gehirn
schlummernden spirituellen und intuitiven Fähigkeiten entfalten - mit anderen Worten: Das rationalistisch-mechanistische Weltbild des Isaac Newton sei durch ein metaphysisches zu ersetzen, das beide Hirn- und Bewußtseinssphären umfasse. "Die kosmische Ordnung", weiß Michael Harner, sei nämlich "die Synthese beider Bewußtseinssphären", sei identisch mit Aurobindos Überbewußtheit, wie auch seit je Inhalt des Schamanentums.
Die Absicht der Transpersonalisten, den gleichsam hirnfusionierten Menschen zu erzeugen, ist möglicherweise nur eine Einbildung, die seichte Freizeittrips als neuen Lebenssinn mißversteht.
Nichts gegen den Glauben an ein Leben vor oder nach dem Tod: Dieses mag Wahrheit, Hoffnung - oder auch nur eine Illusion der von der Endlichkeit ihres Daseins Enttäuschten sein. Und vielleicht führt der Einweihungsweg der Schamanen, wer kann es wissen, zu einer fernen, unserer Kultur fremden Glaubensgewißheit einer kosmisch begründeten Einheit von Mensch und Natur.
Do ch gerade die Existenz der Schamanen als verehrte Ausnahmen besagt doch, daß wir, der Rest der Welt, nicht so einfach umsteigen können ins Überbewußtsein kosmischer Ur-Ordnung, selbst wenn es dieses Allwissen gäbe.
Die bunten Phantasietrip-Visionen haben darum mit Offenbarung, mit Einweihung und Reinkarnation soviel gemein wie die Muppet-Show mit dem Gottesdienst der katholischen Kirche: die Lust am Unbegreiflichen.
Die Vermutung liegt darum nahe, daß der Psychotrip auf biochemischem Wege im Hirn der entrückten Transpersonalisten einen Zustand simuliert, der oberflächlich den Erlebnissen eingeweihter Schamanen ähnelt.
Doch während der Schamanenweg tatsächlich zu einem veränderten - und sei es zu einem verrückten - Bewußtsein führt, ist beim Psychotrip auch die Veränderung nur simuliert: Am Ende jedes Trips blicken die Leute so engstirnig und einseitig in den Alltag wie zuvor.
Es bleibt freilich der therapeutische Effekt solcher Selbsterfahrung: Die Probanden berichten von der Überwindung gewisser Existenzängste und von einem Zuwachs an Selbstvertrauen.
Die von ihrer Hirnfusionserweiterung überzeugten Transpersonalisten haben sich inzwischen zu einem weltumspannenden Netzwerk, der "International Transpersonal Association" (ITA) verdichtet, mit Niederlassungen in den USA, Asien und Westeuropa.
Ihre ersten Konferenzen fanden anfangs noch im Kreise der Kalifornier statt. Im Februar letzten Jahres ging die Tagung mit 700 Teilnehmern im vornehmen Oberoi-Tower-Hotel von Bombay über die Bühne, mit Swami Muktananda und Klostermutter Theresa als Gaststars.
Die jüngste ITA-Tagung Ende August im Schweizer Alpen-Konferenzort Davos
hatte das Thema: "Individuelle Transformation und universelle Verantwortung". Über tausend Teilnehmer mühten sich in Vorträgen, Filmvorführungen und Gruppenübungen, die "kosmische Ganzheit" mit dem west-östlich erweiterten Bewußtsein zu erspüren.
Einer der Hauptreferenten in Davos war Stanislav Grof, Gründungspräsident der Gesellschaft. Seine Lichtbildschau zeigte Malereien über angeblich vorgeburtliche Erlebnisse, die mit Hilfe psychedelischer Drogen freigesetzt würden.
Der aus der Tschechoslowakei stammende Grof hatte bereits Ende der 50er Jahre in der Klinik in Prag ausgedehnte Versuche mit der Trip-Droge LSD unternommen. Seit Mitte der 60er Jahre lebt Grof in Kalifornien, seit Beginn dieses Jahres gehört er zur Programmdirektion von Esalen.
Er erzählt viele Geschichten über seine Drogen-Experimente und die von ihm erschaute "Topographie" des - wie er sagt: perinatalen - Bewußtseins.
"Ohne jede Anstrengung" hätten die Versuchspersonen "erschütternde Todes- und Wiedergeburtserlebnisse" durchgemacht, sie seien förmlich "vom Kosmos verschlungen", wieder "ausgespuckt" und zur Welt gebracht worden.
Seit das Experimentieren mit LSD verboten ist, hat Grof eine spezielle und doch simple Technik entwickelt: anhaltend tiefes und sehr schnelles Atmen, die sogenannte Hyperventilation, die ein Absinken des CO2-Gehalts im Blut bewirkt. Schon der schwedische Hellseher Emanuel Swedenborg soll sich vor 230 Jahren durch Hyperventilation in Trance versetzt haben. Ein Eingeweihter ist freilich auch Swedenborg nicht geworden.
Im Therapiezentrum Esalen macht sich unsere Gruppe für einen Seelentrip mit Stanislav Grof bereit. Die LSD-Ersatzdroge Sauerstoff soll uns aus dem "rationalistisch-materialistischen Denk-Gefängnis" (Grof) für ein paar Stunden hinübertragen in die rechte Hirn-Hemisphäre und weiter zur kosmischen Überbewußtheit:
Wir üben Stanislavs "holonomische Integration", kurz: den Transpersonalisten-Trip.
Diesmal liegen wir in zwei Reihen nebeneinander. Nach mehreren autogenen Entspannungsübungen beginnen wir auf Grofs Anweisung mit dem tiefen, schnellen Atmen. Der Raum ist abgedunkelt, _(Beim "Schamanen-Seminar" in ) _(Alpbach/Tirol. )
aus den Lautsprechern dröhnt Rachmaninows Symphonische Dichtung "Die Toteninsel".
Nach einer halben Stunde bleiben sechs Leute schreiend und wimmernd wieder in frühkindlichen Träumen hängen. Weitere vier wälzen sich am Boden, die Arme und Hände wie in einem epileptischen Anfall spastisch verkrampft - die für Hyperventilation typischen Symptome. "Euer rationales Bewußtsein will die Kontrolle nicht verlieren", erläutert Stanislav, die Klienten sollten den Trip fortsetzen und "durch diese Sperre hindurchgehen".
Inzwischen begleitet uns der monotonrhythmische Gesang der Halveti-Jerrahi-Derwische des Scheichs Muzaffer. Unsere Gruppe schnauft und röchelt unablässig im Takt.
Weitere zwei Leute brechen ab, stehen langsam auf. Im Schwindel mit den Händen immer wieder Halt suchend, verlassen sie den Raum. Die verbliebenen sieben reisen, stetig tief atmend, mit Scheich Muzaffer durch die blauen Wolken ihrer Phantasie.
Später, beim "sharing", erzählen sie Erlebnisgeschichten wie aus Tausendundeiner Nacht: Hinter ihre Geburt zurück in den jenseitigen Allheitszustand seien sie flugs zurückgekehrt. Zwei Herren mittleren Alters, der eine aus Österreich, der andere aus Deutschland, wollten gar in einem früheren Leben als Derwische über die Höhen der anatolischen Landschaft gezogen sein - ein netter Zufall.
Ihnen sei der Einstieg ins Transpersonale geglückt, lächelt Grof, im Schneidersitz auf dem Boden hockend, eines Tages könnten sie nach Lust und Laune aus ihrem Körper aussteigen und sich mit den "Bewußtheiten anderer Lebewesen" transpersonal verschmelzen.
Nicht minder Ausdruck eines eigenartig erweiterten Bewußtseins waren auch die Darlegungen unseres Gruppenmitglieds Anne-Marie, einer leicht ergrauten Psychotherapeutin aus Frankfurt mit Doktortitel und einer Freudschen Vollanalyse hinter sich.
Spät in der Nacht, als unsere Meditationsgruppe Feierabend machte und wir alle nackt unter freiem Himmel in Esalens heißen Schwefelwassern planschten, hielt sie astrologische Vorträge über geheimnisvolle Wirkungslinien zwischen Planetenbahnen, Weltgeschick und Reinkarnation.
Glaubt man Anne-Marie, dann ist das letzte Quartal dieses Jahrhunderts eine Zeit auch des kosmischen Wertewandels, weil die Sonne derzeit vom Sternenbild der Fische zu dem des Wassermanns wandert - "eine Epoche schwerster Krisen", nicht nur auf der Erde; und darum auch eine Zeit der "Neubesinnung auf unseren kosmischen Ursprung", wie sie sagt.
Woher sie dieses Wissen habe? Anne-Marie rechnet sich zu einer bereits neuen Bewegung, Avantgarde der vermutlich nächsten Psycho-Welle, die über Europa hereinbrechen wird. Sie nennt sich "Die sanfte Verschwörung im Zeichen des Wassermanns" und setzt die Transpersonalisten-Bewegung als globales Gesellschaftsprogramm eines "New Age", einer neuen Epoche, fort.
Die "Verschwörer" - fast alles Transpersonalisten und Lehrer in Esalen - sind fest davon überzeugt, daß sich ihre kosmische Weltordnungs-Idee mit derselben Notwendigkeit durchsetzen wird wie einst die Botschaft der Urchristen im dekadenten alten Rom.
Doch wie einst die weltweite Christianisierung, so wird wohl auch diese Globalverschwörung, kommt sie zustande, kein Weg der Erlösung sein, sondern zum Opium fürs Volk verkommen - und schließlich so enden wie jeder andere Seelentrip: mit innerem Schaudern und ein bißchen Kopfweh.
Beim "Schamanen-Seminar" in Alpbach/Tirol.
Von Michael Haller

DER SPIEGEL 41/1983
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