28.03.1983

JAPANVerlorene Kinder

Tausende von Japanern ließen bei Kriegsende während der Flucht aus China ihre Kleinkinder zurück. Erst jetzt bemüht sich die Regierung in Tokio um eine Familienzusammenführung.
Wenn es dich noch gibt, Mutter", schluchzte der Mann in die Mikrophone, "dann hol mich bitte." Eines Tages, als er noch sehr klein war, so weinte der 41jährige, sei seine Mutter verschwunden. Er habe geglaubt, sie sei tot. Doch jetzt, Jahrzehnte später, sei er den weiten Weg nach Japan gekommen, um seine Mutter zu suchen: "Mama, Mama]"
Hinter ihm, aufgereiht vor den Kameras des Tokioter Fernsehens, vergruben zwei Dutzend Leidensgenossen ihre Gesichter in den Ärmeln ihrer meist blauen Einheitskluft: Chinesen in Japan.
Stockend rangen TV-Ansager wie Dolmetscher mit ihren Gefühlen; tränenreich durchlitt das fernsehbesessene Japan im März den jüngsten Akt staatlich betriebener Familienzusammenführung: Die Heimkehr - so die offizielle Lesart - von in China "in den Wirren zum Kriegsschluß auf tragische Weise zurückgebliebenen" Kindern japanischer Eltern.
Zu Hunderttausenden flohen japanische Zivilisten im Sommer 1945, vor allem im großjapanischen Marionettenstaat Mandschukuo im Nordosten Chinas, vor den anstürmenden chinesischen und sowjetischen Truppen heim ins Inselreich. Dabei ließen Tausende von Flüchtlingen ihre bei der überstürzten Flucht hinderlichen Kleinkinder zurück; sie gaben sie ihren chinesischen Bediensteten oder Nachbarn in Obhut oder setzten die Babys einfach aus.
Rund 3400 solcher "Kriegswaisen", wie diese Kinder in Japan genannt werden, hat Tokios Sozialministerium namentlich ausmachen können. Der buddhistische Abt Jisho Yamamoto, 81, der sich seit vielen Jahren mit "dieser beispiellosen Tragödie" beschäftigt, schätzt die Zahl der Scheinwaisen im gesamten asiatischen Invasionsbereich Großjapans auf etwa 10 000. Yamamoto: "In China allein leben noch über 7000."
Sie alle aber sind, obgleich japanisch geboren, als chinesische Staatsbürger aufgewachsen. Doch erst, als Tokio und Peking 1972, fast 30 Jahre nach Kriegsende, diplomatische Beziehungen aufnahmen, begann die japanische Regierung, sich um die Heimführung ihrer ausgestoßenen Kinder zu kümmern. Dann dauerte es noch bis zum Frühjahr 1981, ehe die ersten 47 Rückkehrwilligen auf Staatskosten in die Heimat ihrer Eltern geflogen werden konnten.
Bei beschämend kleinlichen Etats - 1982 nur rund 500 000 Mark - "wird es 15 Jahre dauern", errechnete die Zeitung "Sankei Shimbun", bis wenigstens die gut 1000 Männer und Frauen, die derzeit bei der japanischen Botschaft in Peking als "heimkehrwillige Waisen" registriert sind, eine Chance erhalten, nach ihren Eltern zu suchen.
Aber auch für diese wenigen wird die Wahrscheinlichkeit, noch Vater oder Mutter zu finden, zusehends geringer. In den vergangenen zwei Jahren wurden von 107 Kriegswaisen immerhin noch 72 bei der japanischen Verwandtschaft fündig. Doch Mitte März mußten aus einem neuen Pulk von 45 Heimkehrern mehr als die Hälfte unverrichteterdinge in ihre chinesische Erstheimat zurückfahren.
Zwar hatten Regierung und Kommunalverwaltungen den Heimkehrversuch festlich ausgerichtet. Geschenke und Tafelfreuden sollten die Spätheimkehrer bei Laune halten, protzig ausgerichtete Ausflüge den japanischen Kapitalismus in bestem Licht erscheinen lassen. Tokios S.177 Gouverneur Shunichi Suzuki traf sich sogar zu einem persönlichen Gespräch mit den chinesischen Japanern - im städtischen Zoo Ueno.
Unersättlich verfolgte die Fernsehnation ihre verlorenen Kinder - bis ins Gebet: In Großaufnahme zeigten die TV-Kameras auf Votivtafeln gekritzelte Bitten nach einem Zeichen der Eltern.
Die kamen spärlich, vor allem auch, weil manche "Eltern in Japan nicht den Mut aufgebracht haben", wie der Kolumnist Yutaka Furutani anmerkte, "sich zu ihren Kindern zu bekennen".
Das hat guten Grund. Denn da die Kinder mittlerweile um die 40 Jahre alt sind, fast durchweg mit Chinesen verheiratet und der japanischen Sprache nicht mächtig, fällt eine Identifizierung schwer. Der mühsam artikulierte ursprüngliche japanische Name kann einen Hinweis geben, vielleicht auch die hinterlassene Uhr des Vaters, das eine oder andere vergilbte Photo.
Wichtigstes Indiz sind deshalb unveränderliche körperliche Merkmale - und das sind oft genug Kriegsnarben. Die müssen den heute "unauffindbaren" Eltern, müssen den Japanern insgesamt peinlich sein.
Denn mit den "Kriegswaisen" holt die Inselnation ihre bislang zu barmherzig bewältigte Vergangenheit ein: Häufig war das Wüten der aus China abziehenden kaiserlich japanischen Armee Ursache der offiziell so euphemistisch verniedlichten "Nachkriegswirren".
An einer langen Narbe am Hals erkannte die Japanerin Tome Ohata ihr totgeglaubtes Kind, die China-Waise Wang Shumei. Ein japanischer Militärpolizist hatte 1945 mit einem Schwert das Baby zum Schweigen bringen wollen - aus Angst, von einer Sowjet-Patrouille entdeckt zu werden.
Beim Rückzug aus China 1945 übten Japans Truppen allenthalben das Prinzip verbrannte Erde: Rücksichtslos wurden Dörfer in Brand gesteckt, Bahnstationen gesprengt.
Persönlich hatte der chinesische Offizier Nie Rongzhen ein schwerverletztes zweijähriges Kind aus einem brennenden Japaner-Dorf gerettet - den heute 39 Jahre alten Spätheimkehrer Cai Baosen. Japanisches Militär hatte die Sprengung der Bahnstation angeordnet; 700 japanische Flüchtlinge starben. Um den Erwachsenen Cai streiten sich - falschverstandene Wiedergutmachung - seit Wochen drei Familien in Tokio.
Altes Unrecht bringt so neues Unglück. Zwar hatten die chinesischen Behörden schon vor Jahren versprochen, den Japanern bei ihrer Kindersuchaktion behilflich zu sein. Gleichwohl warnte Pekings Vize-Außenminister Fu Hao vergangenes Jahr vor "neuen Tragödien" um die China-Waisen.
In China nämlich müssen sich nun Adoptiveltern, ihrer inzwischen berufstätigen Pflegekinder beraubt, um einen gesicherten Lebensabend sorgen, bleiben Eheleute und wiederum Kinder zurück, die den "Heimkehrenden" nicht nach Japan folgen wollen.
Das jedoch ficht das offizielle Japan nicht an. Ein hoher Beamter des Tokioter Sozialministeriums, das die Repatriierungsaktion leitet: "Die Sehnsucht unserer Landsleute in China nach dem Vaterland ist völlig verständlich."
Doch der Sehnsucht folgt oft Ernüchterung. Von 608 Spätheimkehrern, die bislang in Japan Verwandte gefunden haben, stellten lediglich 141 einen Antrag auf Wiedererlangung der japanischen Staatsbürgerschaft. Die große Mehrheit kehrte nach China zurück.

DER SPIEGEL 13/1983
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