10.10.1983

Schnapsideen mit Schnaps begossen

Sigrid Löffler über die Uraufführung von Friedrich Dürrenmatts Komödie „Achterloo“ Sigrid Löffler ist Kulturredakteurin beim österreichischen Nachrichtenmagazin „Profil“ und Mitglied der Kritiker-Jury des Berliner Theatertreffens. *
Weil er ein Ende nicht finden konnte, machte zu schlechterletzt der Autor selber Schluß mit seinem Stück. Kaum hatte sich ein barmherziger Vorhang über das Finale der Komödie "Achterloo" gesenkt - ein Tohuwabohu von Gemetzel und Zerstörung unter irren Patienten und ihren irren Irrenärzten -, da trat zum Finish Friedrich Dürrenmatt im Chefarztmantel vors Publikum des Zürcher Schauspielhauses und erläuterte sich selbst und das Gesehene: Ein Rollentherapiespiel sei''s gewesen, im Auftrag der Klinik Waterloo - äh, Achterloo, und er selber heiße Gotthelf Ephraim - äh, Gotthold Lessing.
Aber vielleicht war''s auch nur ein Schauspieler, der in der Maske Dürrenmatts einen Verrückten spielte, der einen Irrenarzt spielte, der sich für Lessing hielt? Wer wollte das nach drei Stunden Uraufführung des jüngsten Dürrenmatt-Stückes "Achterloo - eine Komödie", noch so genau wissen.
"Achterloo", so hatte der 62jährige Schweizer Moralist und Pessimist in Interviews verlauten lassen, sei "der Versuch, ein Fazit aus meiner Theaterarbeit zu ziehen", sei "so etwas wie das Endspiel meiner Dramaturgie". Und weil die Weltpolitik heute das reinste Schmierentheater sei, habe sich der Satz von den Brettern, die die Welt bedeuten, umgekehrt - auf der Bühne könne nur mehr das reale Welttheater mittels Theater-Zitaten dargestellt werden: als Weltirrenhaus, dessen Insassen wir alle seien.
Mit diesem Dreh hat Dürrenmatt sein Schluß-Stück ästhetisch legitimiert: Tatsächlich ist "Achterloo" ein als Dürrenmatt-Komödie maskiertes Potpourri aus lauter Theater-Zitaten von Büchner über Peter Weiss bis - natürlich - Dürrenmatt, eine Collage von Second-hand-Bühnenschnipseln.
In der psychiatrischen Klinik von Achterloo "irgendwo bei Waterloo" spielen Patienten ein Rollentherapiestück, in dem Napoleon, Kardinal Richelieu und der Ketzer Jan Hus aufeinandertreffen und das polnische Freiheitsdrama vor und nach dem Gewaltstreich vom 13. Dezember 1981 darstellen - Napoleon mit Jaruzelski-Sonnenbrille und Jan Hus mit Walesa-Schnurrbart.
Eigentlich möchte Napoleon-Jaruzelski ja nur in die Heia, aber kaum hat er Zweispitz und Stiefel abgelegt, um sich aufs Feldbett zu schmeißen, da platzen Störenfriede herein und halten ihn wach: der amerikanische Gesandte Benjamin Franklin, der einen unerwünschten Nichtangriffspakt vorschlägt; der sowjetische Chefideologe Robespierre auf Erkundungsbesuch, den allerdings ein Herzinfarkt befällt, ehe er den sowjetischen Einmarsch anordnen kann; der Büchnersche Barbier Woyzeck, der''s einfach nicht fertigbringt, dem General und Parteichef Napoleon auftragsgemäß beim Rasieren die Kehle zu schlitzen, und der statt dessen seinen Rivalen Fouche abmurkst; die Büchnersche Marion, deren gastliches und spionageträchtiges Bett von Polit-Prominenz und hohem Klerus gleichermaßen frequentiert wird; der störrische und gefräßige Arbeiterführer Jan Hus, der mit seinen ständigen Generalstreikdrohungen den Parteichef Napoleon leider zur Verhängung des Kriegsrechtes zwingt.
Schließlich erscheint der Kreml-Chef Karl Marx in höchsteigener Person, um beim polnischen Genossen Nabulione nach dem Rechten oder Linken zu sehen.
Von allen Verrückten ist Karl Marx sicher der bedauernswerteste - so gespalten wie der ist keiner. Ständig tritt er in Mehrfachgestalt auf, ist überhaupt nur aus Propaganda-Gründen mit sich selbst identisch, wird von Marx 2 als "Spinner" und "Opa" beschimpft und von Marx 3 nicht einmal gegrüßt. Kein Wunder, daß er klagt: "Manchmal kommt es mir vor, ich sei überhaupt nicht spielbar. Ich fürchte, ich hab mich von mir entfremdet. Ich stecke bis zum Hals in einer geradezu haarsträubenden Identitätskrise."
Als der so geplagte Napoleon-Jaruzelski, Dürrenmatts Verräterheld, endlich ins Feldbett klettern will, fällt Marion leider aus der Rolle: Sie hält sich plötzlich für die biblische Judith und ihn für Holofernes, vielleicht spielt sie aber auch nur die Verfolgung und Ermordung des Jean Paul Bonaparte, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Achterloo unter Anleitung des Herrn de Dürrenmatt. Der Mord wirkt jedenfalls als ein Signal: Das Therapiespiel schnappt über in allgemeinen Amoklauf, der Irrsinn geht mit dem Stück und der Welt durch.
Und die Zitatenwut geht mit Dürrenmatt durch. Die Grundmetapher der "Physiker" - die Welt als Irrenhaus - muß als Aufhänger herhalten für die altbekannte Klapper-Mechanik der Dürrenmattschen Dramaturgie: ein Theater der zynischen Kabarett-Nummern, der zu Gags verdorrten Spielzüge, der zu Stichworten und Pointen verkürzten Figuren.
In diesem Totentanz der Ideologien ist Dürrenmatt kein Kalauer zu dürr und zu matt zum Mitklappern. Da gilt schon als pikante Geistreichelei, wenn der polnische Napoleon dem amerikanischen Gesandten chinesischen Tee einschenkt; da werden Schnapsideen prompt mit Schnaps begossen, und Kardinal Richelieu - die bedauernswerte Maria Becker - muß eines dürftigen Späßchens wegen Trappist werden, "damit ich endlich den Mund halte".
Das reale Welttheater freilich reagierte, wie Dürrenmatt es ihm zudachte: aufs Stichwort. Exakt zur Uraufführung in Zürich erhielt Lech Walesa, der reale Jan Hus, den Friedensnobelpreis. _(Mit Fritz Schediwy und Jürgen Cziesla. )
Mit Fritz Schediwy und Jürgen Cziesla.
Von Sigrid Löffler

DER SPIEGEL 41/1983
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