02.05.1983

TOURISMUSLauwarm serviert

Die Zahl der deutschen Griechenland-Urlauber sinkt. Schuld daran sind zu hohe Preise und verschmutzte Strände.
Die Idylle ist nahezu perfekt: Ein junges Paar aalt sich in der Sonne, ganz allein am breiten Sandstrand. "Beim Zeus - wird das ein Urlaub dieses Jahr]"
Vermutlich ist der Berliner Werbeagentur Uniconsult mit diesem Anzeigenmotiv ganz ungewollt ein Volltreffer gelungen. Denn so einsam wie auf dem Photo des Vierfarbinserats werden wohl in diesem Jahr tatsächlich viele Strände der "längsten Küste am Mittelmeer" (Werbeslogan) bleiben - jedenfalls befürchten das griechische Hoteliers und Touristikunternehmen.
Der Niedergang für das klassische Reiseland hatte sich bereits in der letzten Saison angekündigt, als von Januar bis Oktober die Deviseneinnahmen aus dem Fremdenverkehr auf knapp 1,4 Milliarden Dollar absackten - ein Verlust gegenüber dem Vorjahr um 17,5 Prozent.
Die Talfahrt griechischer Badeziele in der Gunst sonnenhungriger Engländer, Franzosen, Skandinavier und Deutschen scheint sich in diesem Jahr noch zu beschleunigen. 1982 entschieden sich nur noch 600 000 Bundesbürger für Ferien in Hellas, rund 100 000 weniger als zwei Jahre zuvor. Und für die laufende Saison rechnen Experten mit einem weiteren Rückgang um zehn Prozent.
Viele Touristenhotels, sonst um diese Zeit längst im profitablen Frühjahrsgeschäft, blieben selbst Ende April noch geschlossen. Mehr als 100 Hotels sind praktisch pleite, leben von Bankkrediten und der Hoffnung auf bessere Zeiten. Aber: "Die bisherigen Anzeichen erlauben uns nicht, besonders optimistisch zu sein", erklärte Makis Phokas, Präsident des griechischen Hotelverbandes. Eine Trendwende ist nicht in Sicht.
Um glatte 35 Prozent, so behaupten die griechischen Bettenvermieter, seien die Kosten für den Hotelbetrieb innerhalb von zwölf Monaten gestiegen, vor allem durch erhöhten Aufwand für Steuern und Personal. Die Athener Zeitung "Kathimerini" errechnete: "Touristische Dienstleistungen sind in Griechenland um 20 Prozent teurer als in Spanien."
Urlaub in Griechenland, Mitte der siebziger Jahre von einigen deutschen Reiseveranstaltern bereits als preisgünstige Spanien-Alternative empfohlen, könnte damit zum schwer verkäuflichen Ladenhüter werden. Die Masse der "Paxe" (Branchenjargon) rollt lieber weiter nach Italien und Spanien.
Geschockt durch zweistellige Buchungsrückgänge der größten deutschen Veranstalter TUI und NUR Touristic, entschlossen sich die Verantwortlichen der Griechischen Zentrale für Fremdenverkehr (GZF) Ende März, der deutschen Hellas-Sehnsucht ein wenig aufzuhelfen. Gestützt auf die jüngste Drachmen-Abwertung, ließ der Frankfurter GZF-Chef Nikos Georgossopoulos verkünden: "Innerhalb eines Jahres stieg die Kaufkraft der Mark (in Griechenland) um 33 Prozent." Unverfrorener, S.208 wunderten sich PR-Profis, sei selbst in der lockeren Touristikbranche selten geflunkert worden.
Zwar stieg der Wechselkurs von 26,10 Drachmen für eine D-Mark (März 1982) auf mehr als 34 Drachmen, doch die hohe Inflation im Land (1982: 21 Prozent) wird alle theoretischen Kaufkraftvorteile wieder zunichte machen. Allein in den vier Wochen vor Ostern stiegen die Preise um fast fünf Prozent - das entspräche einer Jahresteuerungsrate von rund 60 Prozent.
Aber nicht nur die Preise sind es, die Urlaubern und Touristikunternehmen den Spaß an Griechenland vermiesen. Feriengäste und Veranstalter klagen über zumeist langweilige, oft lauwarm servierte Mahlzeiten und miserables Frühstück (Zwieback und Pulverkaffee), über chaotische Zustände auf Fähren und bei der Abfertigung an Flughäfen, über mangelhaften Service und abgewohnte Zimmer in vielen Hotels und über verdreckte Strände.
"Von Umweltschutz haben die noch nichts gehört. Abfall wird oft an den schönsten Stellen abgeladen", schildert Rudolf W. Kaestele, Chef des Münchner Hellas-Spezialisten Intercontinental Reisen, seine Erfahrungen. Im aktuellen Angebotskatalog des Unternehmens werden, ein Novum in der Schönwetterbranche, erstmals "diverse Unzulänglichkeiten" nicht mehr schamhaft verschwiegen, auf die der Reisende im "schönen Reiseland zum Verlieben" gefaßt sein müsse.
So erfahren Kaesteles Kunden, daß in den Hotels schon mal häufiger Strom und Wasser ausfallen, es an gutem Fachpersonal überall fehlt, Überbuchungen in Griechenland fast schon eine Selbstverständlichkeit sind, Mängel in den Zimmern nur sehr schleppend beseitigt werden und manche Swimming-pools zu Kloaken verkommen sind.
Verärgert reagieren deutsche Reiseveranstalter auch auf die seit einigen Monaten verschärfte Anwendung eines Gesetzes aus dem Jahr 1978. Danach ist es allen ausländischen Reiseleitern strikt untersagt, ihren Gästen archäologische oder historische Informationen zu vermitteln - heimische Fremdenführer sollen profitieren.
Statthaft sind nach dem Gesetz lediglich lapidare Fingerzeige auf die nächstgelegene Eisbude, das Postamt oder den Hauptbahnhof. Als kurios wird vor allem die Sonderregelung auf der Ferieninsel Korfu empfunden, die ausländische Reiseleiter dazu zwingt, aus dem Bus zu steigen und die ihnen anvertraute Gruppe im Stich zu lassen, sobald die Fahrt mehr als fünf Kilometer vom Ausgangsort wegführt.
Bis zu drei Monate Gefängnis oder eine Geldstrafe von umgerechnet 600 Mark riskieren nicht-griechische Reiseleiter, die etwa "auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel den eben eingetroffenen Touristen Hinweise wie ... und links sehen Sie jetzt die Akropolis ... geben", notierte die "Frankfurter Rundschau".
Gegen den "Maulkorb für deutsche Reiseleiter in Hellas" (so die Bonner "Welt") startete der Münchner Rechtsanwalt Ulrich Irmer Mitte März eine Anfrage im Europäischen Parlament. Irmer, Mitglied der Liberalen und Demokratischen Fraktion, wollte von der EG-Kommission wissen, was gegen die Diskriminierung "nicht-griechischer EG-Bürger" unternommen werden könne: Das Verhalten der griechischen Regierung stelle "einen klaren Verstoß gegen die Römischen Verträge dar", die es jedem EG-Bürger freistellen, in jedem beliebigen EG-Land zu arbeiten. Eine Antwort auf die Anfrage steht noch aus.
Um guten Willen zu zeigen, entschlossen sich die Griechen unterdes zu einer scheinbar noblen Geste: Sie wollen ausländischen Besuchern freien Eintritt in 34 Museen und archäologische Sammlungen einräumen. S.209 Doch die Großmut hat Grenzen. Die Vergünstigungen gelten nur für solche Institute, bei denen es ohnehin nie großes Gedrängel gab. So darf jetzt ein nicht sonderlich attraktives Museum in Sparta kostenlos besichtigt werden. "Da haben die den Kassierer entlassen", fand Klaus Vetter heraus, Chef der Studiosus-Reisen in München. "Deshalb dürfen die Leute da jetzt umsonst rein."
Andernorts, etwa an der Akropolis oder im bedeutenden Nationalmuseum von Athen, wurden die Eintrittspreise derweil in aller Stille mehr als verdoppelt.

DER SPIEGEL 18/1983
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