28.02.1983

TERRORISMUSLetzte Adresse

Den Terror-Überfall auf die Wiener Opec-Zentrale im Jahre 1975 muß nun die deutsche Justiz verhandeln.
Monatelang hielt der Coup von Carlos die Bundespolizeidirektion Wien, Abteilung I, auf Trab. Nach dem Überfall auf die Opec-Zentrale und der Geiselnahme der Konferenzteilnehmer am 21. Dezember 1975 wurden Zeugen gleich scharenweise vernommen, Hunderte von Protokollen gefertigt, und der Terrorfall bekam, durchaus angemessen, ein langes Aktenzeichen: I Pos 353/II/75 res.
Neben Carlos war damals der westdeutsche Terrorist Hans-Joachim Klein in Aktion gewesen, der sich bald darauf aus der Terrorszene löste und die Untergrundgenossen zur Umkehr aufrief (SPIEGEL 32/1978). Mit zur Crew hatte auch eine Frau gehört: Nada. Dahinter verbarg sich, wie die Fahnder bald herausfanden, die deutsche Terroristin Gabriele Kröcher-Tiedemann, heute 31.
Als die Gesuchte zwei Jahre später im schweizerischen Delemont nach einer Schießerei mit Polizisten festgenommen und daraufhin zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde, zeigten sich die österreichischen Behörden plötzlich desinteressiert. Weil sie am Sitz der Opec-Zentrale offenbar ein Auflodern terroristischer Aktivitäten fürchteten, überließen sie die weitere Bearbeitung dem Wiesbadener Bundeskriminalamt.
Gabriele Kröcher-Tiedemann sei damals, so das Wiener Justizministerium, "eindeutig der deutschen Terroristenszene zugerechnet" gewesen. Und deshalb findet die prozessuale Aufarbeitung des Opec-Überfalls nach acht Jahren weitab vom Schuß statt: in Köln.
Daß der Kölner Staatsanwalt Rolf Hahn seit August letzten Jahres gegen Gabriele Kröcher-Tiedemann extern wegen zweifachen Mordes und auch wegen der Entführung des Wiener Industriellen Walter Palmers ("der Textilkönig") ermitteln muß, ist bloßer Zufall. Vor ihrer ersten Verhaftung am 7. Juli 1973 nach einer Schießerei in Bochum hatte die Terroristin zusammen mit der immer noch flüchtigen Kornelia Ebbefeld für wenige Monate im Kölner Stadtteil Holweide gewohnt - unter dem Decknamen Anneliese Jürgens. Suitbertsstraße 36, war die letzte Adresse, die Fahnder ermitteln konnten.
Knapp zwei von acht Jahren saß Gabriele Kröcher-Tiedemann damals ab. Dann wurde sie von den Entführern des CDU-Politikers Peter Lorenz zusammen mit vier weiteren Gesinnungsgenossen freigepreßt - ab in den Jemen. Erst hatte sie gar nicht mitfliegen wollen. Der ebenfalls auf diese Weise freigepreßte Terrorist Rolf Pohle konnte sie damals bereden und zurück auf Terrorkurs bringen. So kam sie ins Fernsehbild: in der Flugzeugtür neben Pastor Heinrich Albertz, winkend und lächelnd.
Dieser Film und auch TV-Aufnahmen, die vor dem Abflug von Gabriele Kröcher-Tiedemann in ihrer Zelle gemacht worden waren, sollen jetzt dazu beitragen, die Beschuldigte zu überführen. Denn anhand der bewegten Bilder haben die meisten Zeugen des Opec-Überfalls jene Nada als Gabriele Kröcher-Tiedemann identifiziert.
Der Deutschen wird Mord angelastet. Nachdem der Wiener Sicherheitsbeamte Anton Tichler erfolglos versucht hatte, dem anstürmenden Carlos die Maschinenpistole zu entreißen, flüchtete er in einen Aufzug. Dort wurde er von Nada gestellt.
"Are you a policeman?" fragte sie. Tichler, der ihr den Rücken zukehrte, nickte und hob langsam die Hände. In diesem Moment feuerte die Terroristin aus ihrer "Makarow"-Pistole. Aus kürzester Entfernung traf sie den Polizisten ins Genick. Tichler war sofort tot. Ihr zweites Opfer soll der Leibwächter des irakischen Erdölministers gewesen sein. S.69
Später erinnerte sich der saudische Minister Ahmed Saki el Jamani an einen Dialog zwischen Nada und Carlos. Sie, zum Boß: "Ich habe zwei umgebracht." Er, lachend: "Schon recht, ich selbst habe einen getötet."
Der kuweitische Erdölminister Kasimi hatte als Ohrenzeuge dieses kurzen Gesprächs den Eindruck, Carlos "wollte uns gegenüber irgendwie renommieren".
Zeuge Jamani schilderte die Täterin auf "20 bis 30 Jahre", die "ein wenig arabisch", aber "fließend englisch" spreche.
Mit Carlos unterhielt sich Nada nur auf Französisch oder auf Spanisch; gleichzeitig hörte sie die aktuellen Nachrichtensendungen des österreichischen Rundfunks mit. Gabriele Kröcher-Tiedemann spricht mehrere Sprachen, und Carlos bestätigte indirekt die Herkunft seiner Begleiterin: Sie käme, sagte er in der Opec-Zentrale, "aus einem deutschsprechenden Land Europas".
Dreiundzwanzig Monate nach dem Opec-Attentat tauchte sie wieder in Wien auf. Die Polizei geht davon aus, daß sie damals, am 9. November 1977, zusammen mit dem Deutschen Rolf Clemens Wagner, Regie führte beim Kidnapping des Millionärs Palmers. Bei der Freilassung kassierte die Bande umgerechnet 4,5 Millionen Mark.
Als Gabriele Kröcher-Tiedemann wenig später zusammen mit Christian Möller in einer Schweizer Polizistenfalle steckenblieb, fanden die Beamten in ihrem Auto einen Teil des Palmers-Lösegeldes. Auch eine andere Spur war aufschlußreich: Akkurat hatte die Terroristin in einem Notizbuch registriert, wer welchen Anteil kassierte.
Auch dieser Fund ließ die Wiener Justiz ungerührt, und so stellte das Bonner Bundesjustizministerium am 7. April 1981 beim Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement ein Auslieferungsgesuch. Zwei Haftbefehle lagen bei: wegen des Opec-Überfalls und der Palmers-Entführung.
Ursprünglich hatte die Bundesanwaltschaft das Verfahren selber betreiben wollen. Da aber das schweizerische Recht den Tatbestand der terroristischen Vereinigung nicht kennt und die deutsche Justiz ihn aus auslieferungsrechtlichen Gründen der Beschuldigten deshalb auch nicht vorwerfen darf, entfiel die Zuständigkeit der Bundesanwaltschaft. Als Tatvorwurf blieben nach der Schweizer Zustimmung zur Auslieferung am 30. Juni 1982 Mord und Geiselnahme übrig. Generalbundesanwalt Kurt Rebmann empfahl, wegen der 73er Deckadresse, als Gerichtsort Köln.
Möglich ist, daß der Kölner Ermittler Hahn das Palmers-Verfahren als "unwesentliches Nebendelikt" einstellt und aus den fast 80 Aktenordnern nur die Vorgänge im Wiener Opec-Gebäude herausdrechselt. Am ehesten zu beweisen sei der Mord an Polizist Tichler, meinen Staatsanwälte. Noch in diesem Jahr soll der Prozeß vor dem Kölner Schwurgericht beginnen.
Achthundert Kilometer weiter südöstlich, in Wien, müht sich derweil das Justizministerium um ein sachgerechtes Dementi des damaligen Rückzugs. Das Ministerium habe, erklärt Sprecher Sepp Rieder, "der Bundesrepublik im Fall Kröcher-Tiedemann Priorität lassen wollen". Nie und nimmer sei es "darum gegangen, eine unliebsame Angeklagte von uns fernzuhalten".

DER SPIEGEL 9/1983
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