17.10.1983

MITTELMEER

Stinkende Pfütze

Die Uno-Umweltschutzbehörde will helfen, das ökologisch verseuchte Mittelmeer zu retten - Erfolg frühestens in 15 Jahren. *

Der Patient sei jetzt unter Beobachtung, schrieb Frankreichs "Le Monde", "aber die Diagnose wird kaum vor ein paar Jahren vorliegen, und was die Therapie betrifft, muß noch alles - oder fast alles - gemacht werden".

Gemeint war das Mittelmeer. Die Anrainerstaaten (Ausnahme Albanien) waren 1979 übereingekommen, das südliche Randmeer Europas vor der ökologischen Katastrophe zu retten.

Seither ist allenfalls die Diagnose klarer geworden, dank der vom Umweltschutzprogramm der Uno (Unep) in Athen eingerichteten Koordinierungszentrale für den "Aktionsplan Mittelmeer", Beispiel für internationale Hilflosigkeit angesichts einer Lage, die sofortiges Handeln erfordert. 10 bis 15 Jahre soll es dauern, über 30 Milliarden Mark kosten, bis die Mittelmeergestade wieder leidlich sauber, die Fluten wieder leidlich klar sind.

Das "Mare nostrum" der alten Römer ist längst eine "stinkende Pfütze" geworden, wie Roms "Messaggero" befand. Die meist erst nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebauten Industrien in den Anrainerstaaten von der Türkei bis Spanien schütten jährlich Hunderte von Milliarden Tonnen Müll ins Meer, Quecksilber und Blei, Chrom, Zink und radioaktives Material sind nur einige der Schadstoffe (siehe Graphik Seite 206).

Größtenteils ungeklärt ergießen sich die Fäkalien der 100 Millionen Mittelmeeranwohner in die Fluten, wozu in den Hauptreisemonaten des Sommers die Exkremente von noch mal 100 Millionen sonnenhungrigen Touristen kommen.

Lästige, mitunter gar lebensgefährliche Quallenschwärme an den Küsten gehen hauptsächlich auf das Konto der Öltanker, die auf hoher See ihre Tanks ausspülen: Quallenfressende Tiere sind entweder ausgerottet oder meiden, wie die Karett-Schildkröte, ölverseuchte Gebiete.

Dennoch stimmt nicht, was die Touristen glauben, wenn sie sich nach dem Baden im Mittelmeer Ölklumpen von den Füßen reiben, unter Pilzen und Pickeln leiden oder nach dem Genuß quecksilberverseuchter Fische von Durchfall heimgesucht werden: Das Meer ihrer Sehnsucht wird nicht in erster Linie von Öltankern und Abwässern der Küstenstädte verunreinigt. "Der Löwenanteil der Giftstoffe", so der Athener Unep-Leiter Aldo Manos, "stammt aus Regionen, die drei-, vierhundert Kilometer von den Küsten des Mittelmeeres entfernt sind."

Ströme wie Nil, Po, Ebro oder Rhone transportieren gewaltige Mengen von Industriemüll, Fäkalien, Düngemitteln und Pestiziden zur Kloake Mittelmeer. Manos: "Wer das Mittelmeer retten will, der muß damit in den Fabriken von Lyon, in der Kanalisation von Mailand und auf den Feldern des Sudan anfangen."

Einer der ersten Warner war Anfang der siebziger Jahre der französische Tiefseeforscher Jacques Cousteau gewesen: Wenn keine Maßnahmen ergriffen würden, werde sich das Meer "Ende dieses Jahrhunderts in einen toten, schmutzigen See verwandeln".

Unep-Experten entwickelten nach langen Vorbereitungen und Konsultationen mit den Regierungen den "Aktionsplan Mittelmeer", dem 1975 auf einer Tagung in Barcelona 15 der 18 Anrainerstaaten zustimmten.

Ein Jahr später unterzeichneten diese Küstenländer sowie die Europäische Gemeinschaft die "Konvention von Barcelona zum Schutz des Mittelmeeres gegen Verschmutzung": Die nationalen Umweltbehörden sollten die unmittelbare Einleitung von Schad- und Schmutzstoffen unterbinden oder begrenzen.

Wieder vergingen mehrere Jahre, bis sich die Retter im Mai 1980 per "Protokoll von Athen" einig zeigten, nunmehr die festländischen Schmutzquellen - Industrie- und Stadt-Abwässer sowie Dünge- und Pflanzenschutzmittel, Ursache von 85 Prozent der Mittelmeerverseuchung - zu stopfen.

Auf eine Verbotsliste kamen Substanzen wie Quecksilber, Kadmium, gebrauchte

Schmieröle, krebserregende und radioaktive Stoffe. Eine "graue Liste" enthielt Stoffe, deren kontrollierte Einführung ins Mittelmeer unter bestimmten Einschränkungen zugelassen wird, darunter Arsen, Zink, Kupfer, Kobalt, Uran, Rohöl und Kohlenwasserstoffe.

Etliche der Signatar-Staaten nahmen Einzelheiten des Athener Protokolls in ihre Umweltschutzgesetze auf. Konkret aber war damit noch gar nichts erreicht. Streit entstand über Technologien, die zur Reinhaltung des Meeres geeignet sind, und wegen der Übergangszeiten, die älteren Industrieanlagen eingeräumt werden sollten, damit sie den neuen Umweltvorschriften angepaßt werden können.

Als die Unep-Retter im vorigen Jahr von Genf aus an die Front rückten, meldete die Athener Zeitung "Ta Nea": "Von jetzt an schlägt der Puls der Angst Europas um die Rettung des Mittelmeeres in Athen."

Die Angst Europas dürfte den Puls weiterhin auf hohen Touren halten, denn niemand kann behaupten, daß der Mittelmeerplan auch nur zum Teil schon realisiert würde. Dafür sind die einzelnen

Regierungen zuständig, und die lassen sich Zeit. Bis heute haben erst sechs Länder das Athener Protokoll von 1980 ratifiziert: Algerien, Ägypten, Frankreich, Monaco, Tunesien und die Türkei. Ausgerechnet Griechenland, das sich nachdrücklich um den Sitz der Umweltschutzkommision für das bedrohte Meer bemüht hatte, schaffte es bislang nicht, das Protokoll zu ratifizieren und seine Beitragszahlungen für 1982 und 1983 zu leisten.

Die Kompetenz der Unep-Sanierer ist ohnehin nur auf die Erstellung von Studien und Empfehlungen beschränkt. Jahresetat: 7,2 Millionen Dollar. Operationszentren in der Rettungsschlacht ums Mittelmeer sind außer Athen noch Antibes in Südfrankreich, Monaco, Malta, Split an der jugoslawischen Adriaküste und Tunis.

Phase I des Aktionsplans soll ein computergesteuertes Informations- und Forschungsprogramm schaffen, das sich auf Vorarbeiten in 84 Laboratorien der beteiligten Mittelmeerländer stützt. 13 Pilotprojekte loten dann Quellen, Ausmaß und Besonderheiten der Mittelmeerverschmutzung aus.

Libyens Gaddafi bat um Mithilfe bei der Ausarbeitung eines Gesetzes gegen Ölverschmutzung. Sogar Albanien, das die Barcelona-Konvention nicht unterzeichnete, bekundet neuerdings Interesse, beim großen Mittelmeerputz mitzutun.

Die Unep-Forscher wollen sich allerdings nicht nur auf Regierungen verlassen, sie rechnen auch mit dem "Druck der Öffentlichkeit", wie Stjepan Keckes, Chef der Unep-Meeresprogramme, zugibt. "Das Umweltbewußtsein der Bevölkerung nimmt ständig zu", glaubt Keckes, "und das können die Politiker nicht ignorieren."

Wohl sind Grüne und Alternative im Mittelmeerraum zur Zeit noch eher bei Touristen als unter den Einheimischen auszumachen, aber zuweilen tut sich doch etwas:

In seltenem Einvernehmen mit der griechischen Seemannsgewerkschaft hat die griechische Reederunion eine "Hellenische Vereinigung zum Schutz der Meeres-Umwelt" ins Leben gerufen, die sich der Bekämpfung von Ölpest und der Überwachung von Öleinleitungen ins Mittelmeer verschrieben hat. Gründer ist der Reeder-Tycoon Georgios Livanos, der es "als Grieche" unerträglich findet, daß "griechische Reeder seit dem Zweiten Weltkrieg ständig als verantwortungslose Seeverschmutzer identifiziert" würden.

Alle Aktivitäten der Unep, sagt Aldo Manos, "werden das Mittelmeer nicht über Nacht zu einem jungfräulichen Meer machen". Aber der Unep-Chef gibt sich zuversichtlich, daß "die ersten Erfolge in wenigen Jahren sichtbar sein" würden.

Das gilt sicher nicht für besonders stark belastete Gebiete, von denen es

zwischen Gibraltar und Iskenderun, Venedig und Bengasi Dutzende gibt - wie beispielsweise den Saronischen Golf vor der attischen Küste, der täglich eine Million Tonnen Abwässer schlucken muß.

Der griechische Tiefseeforscher Alexis Papadopoulos hat festgestellt, daß dort in einem Umkreis von 20 Seemeilen alles Leben abgestorben ist. "Selbst wenn die Abwässer auf Null reduziert würden", meint Papadopoulos, "würde man mindestens hundert Jahre brauchen, um den Saronischen Golf zu sanieren."

[Grafiktext]

VERSCHMUTZTES MITTELMEER ATLANTISCHER OZEAN FRANKREICH Marseille Rhone Venedig Po Genua Livorno Triest UNGARN RUMÄNIEN Rijeka JUGOSLAWIEN Split ALBANIEN BULGARIEN Istanbul SCHWARZES MEER PORTUGAL SPANIEN Ebro Valencia Alicante Malaga Straße von Gibraltar MAROKKO Oran Barcelona MALLORCA KORSIKA ITALIEN Rom Adria SARDINIEN Neapel Algier ALGERIEN MITTELMEER Tunis TUNESIEN MALTA Tripolis LIBYEN SIZILIEN Gebiete, in denen Ölrückstände abgelassen werden dürfen Bengasi Saloniki Patras Athen Saronischer Golf KRETA Izmit Izmir TÜRKEI ZYPERN SYRIEN LIBANON Beirut ISRAEL Haifa Tel Aviv Port Said Suez-Kanal Alexandria ÄGYPTEN Nil Durch Industrie-Abwässer oder Fäkalien stark gefährdete Gebiete schwach bis mittel stark bis sehr stark Hauptverschmutzer Zonen mit starker Ölverschmutzung Kilometer

[GrafiktextEnde]


DER SPIEGEL 42/1983
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