21.11.1983

ZYPERN

Gunst der Stunde

Türkenführer Denktas rief im Norden der Insel eine unabhängige Republik aus, will aber gleichzeitig den griechischen Zyprioten "die Hand reichen". *

Das Einreisevisum für die USA auf einem losen Blatt Papier - so kam am vorigen Donnerstag Rauf Denktas, 59, zur Debatte des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen in New York an.

Mit einem Ausweispapier der unabhängigen "Türkischen Republik Nordzypern", die der Volksgruppenführer und Präsident des türkischen Teils der Mittelmeerinsel zwei Tage zuvor ausgerufen hatte, wäre er kaum hereingelassen worden: Die USA haben, wie nahezu alle Staaten der Welt, das Denktas-Land bisher nicht anerkannt.

Denktas' Sezessionserklärung ist eines jener Ereignisse, die zugleich wenig und viel verändern: wenig für das geteilte, von 500 000 Griechen und 120 000 Türken besiedelte Zypern, da die Proklamation die Besiegelung eines seit 1974 herrschenden Zustands ist; viel in der internationalen Szene. Die Regierungen der Türkei und Griechenlands beriefen Dringlichkeitssitzungen in Anwesenheit ihrer Truppenführer ein, EG und Nato tagten, der Uno-Sicherheitsrat wurde zusammengerufen und alle, die sich betroffen fühlten, betonten immer wieder, wie unerwartet der Denktas-Akt für sie gekommen sei.

Dabei war überraschend eigentlich nur die allseits geäußerte Überraschung. Im Mai bereits hatte Denktas seinen langgehegten Plan publik gemacht, er werde, "was auch geschehen mag", einen unabhängigen Staat ausrufen.

Das ist den Regierungen des Westens und des Ostens nicht entgangen; vor einem Monat erst hatte sich Londons Verteidigungsminister Michael Heseltine bei einem Besuch in Ankara von Präsident Kenan Evren bestätigen lassen, daß die herrschenden türkischen Militärs Denktas' Ambitionen nicht eben gewogen seien. Doch wer immer vorsprach, stets sagten die Festlandtürken auch, ihre Brüder auf Zypern hätten natürlich ein Recht auf Selbstbestimmung.

So nimmt es nicht wunder, daß Ankara die neue Türkenrepublik als erster Staat anerkannte. Bis Freitag kam nur noch das islamische Bangladesch hinzu.

Verwunderlich war aber, daß auch Ankara von Denktas' Aktion überrascht

sein wollte. Atemlos jedenfalls, wenn das denn Verblüffung signalisiert, stürmte am Dienstag früh Außenminister Ilter Türkmen in das Büro des Präsidenten Evren, der gerade Bonns Botschafter Dirck Oncken empfing. Laut Oncken rief Türkmen "aufgeregt": "Denktas hat die Unabhängigkeit ausgerufen."

"Wir haben es aus dem Rundfunk erfahren", beteuerte später Regierungssprecher Akiman. Dabei hätte er eine Woche zuvor aus türkischen Zeitungen erfahren können, daß Denktas am 15. November die Sezession verkünden wollte, wäre den Zeitungen die Veröffentlichung nicht vom Militärzensor verboten worden. Aber die eigene Regierung hatte der Zensor ja sicher informiert.

Möglich, daß Ankara noch versucht hat, Denktas in letzter Minute von seinen Plänen abzubringen. Doch der wußte die Gunst der Stunde zu nutzen.

Seit den Türken-Wahlen am 6. November besteht eine Art Machtvakuum in Ankara: Die Militärregierung herrscht interimistisch, der Wahlsieger Turgut Özal übernimmt die Regierungsgeschäfte, wenn überhaupt, frühestens Ende des Monats. Özals Dank dürfte Denktas gewiß sein, denn die neue Regierung kann mit dem spektakulären Kraftakt des Zyperntürken nicht in Verbindung gebracht werden.

Denktas ging es um "vollendete Tatsachen", für die er "das Mutterland um Entschuldigung" bat. Bei den seit Jahren festgefahrenen Verhandlungen der beiden Volksgruppen auf Zypern erhofft er sich nun eine Stärkung seiner Position - die durch die Fakten auf der Insel bestimmt wird:

Schon bald nach der Unabhängigkeit Zyperns, welche die Ex-Kolonialmacht Großbritannien sowie Griechenland und die Türkei per Vertrag garantiert hatten, war der junge Staat aus dem Gleichgewicht geraten.

1963, als der Staatspräsident und Erzbischof Makarios der türkischen Minderheit die verfassungsmäßig zugesicherten Rechte beschnitt, kam es zu blutigen Unruhen, welche die Nato-Partner Türkei und Griechenland an den Rand eines Krieges führten.

1974 explodierte das Pulverfaß Zypern, als Athens Obristen beschlossen, Makarios zu stürzen, weil er ihnen nicht zu Willen war. Dem gewieften Ethnarchen gelang die Flucht, der als "Türken-Killer" verschriene Zeitungsverleger Nikos Sampson übernahm die Macht für acht Tage. Da besetzten türkische Truppen den Norden, die Athener Junta brach zusammen. 200 000 Griechen flohen gen Süden, Tausende Zyprioten bezahlten das griechische Abenteuer mit dem Tod. Und in der Folgezeit zogen Zehntausende Türken in den Norden.

Bis heute kontrollieren 22 000 türkische Festlandsoldaten 37 Prozent der Insel - die fruchtbarsten und touristisch reizvollsten Land- und Küstenstriche sowie die wichtigsten Industriegebiete.

Doch während die geschäftstüchtigen Griechen ihren Landesteil allen Widrigkeiten zum Trotz zu einem Wirtschafts-Boom führten, verarmt der Norden.

Die Zyperntürken, dazu 25 000 Neusiedler aus Anatolien, mit denen der 18prozentige Bevölkerungsanteil statistisch auf 22,5 Prozent hochgetrieben wurde, waren nicht in der Lage, die verlassenen Felder, Obstplantagen und Fabriken der geflüchteten Griechen zu bewirtschaften. Weite Teile der einst blühenden Kulturen sind versteppt, die einstmals übervollen Tourismus-Zentren wie Famagusta, Salamis oder Kyrenia verrottet.

Alle Versuche, die Lage auf der geteilten Insel zu normalisieren und die verfeindeten Volksgruppen miteinander zu versöhnen, schlugen fehl. Hoffnung bot erstmals wieder, im August dieses Jahres, eine Initiative des Uno-Generalsekretärs Javier Perez de Cuellar, eines Zypern-Kenners, der lange Uno-Vertreter auf der Insel war.

Seine Initiative fußte auf einer Dokumentation der unterschiedlichen Standpunkte von Türken und Griechen und enthielt Vorschläge ("Indikatoren") zu

einem Kompromiß. So sollten sich etwa die Zyperntürken auf 23 bis 30 Prozent des Inselterritoriums zurückziehen, in der Legislative mit 30, in der Exekutive mit 40 Prozent repräsentiert sein, wobei das Amt des Präsidenten einem Griechen, das des Vizepräsidenten einem Türken zustehen sollte.

Zypern-Präsident Spyros Kyprianou wollte nach anfänglichem Zögern über die Uno-Vorschläge zumindest reden, während Denktas, fixiert auf seinen Staat, keine Stellung zu der Dokumentation bezog. Er beharrte lediglich auf einem "Gipfeltreffen" mit Kyprianou, was ihn diplomatisch als gleichwertig aufgewertet hätte gegenüber dem international und völkerrechtlich anerkannten Präsidenten.

Kyprianou erklärte sich nach anfänglichem Zögern gesprächsbereit, doch Denktas, dem Kyprianous Bedingungen nicht paßten, zog seinen Brachialweg zur Lösung des Zypern-Problems vor.

Kurios an seiner Unabhängigkeitserklärung ist, daß er keineswegs die Freiheit von der Türkei anstrebt, der er militärisch und wirtschaftlich völlig ausgeliefert ist: Ankaras Truppen sollen bleiben. Und daß er den Griechen auf Zypern "die Hand" reicht, weil "die Proklamation des neuen Staates die Bildung einer echten Konföderation nicht behindern, sondern fördern wird".

Gemeint ist eine Konföderation, wie sie der Uno-Vorschlag nicht vorsieht. Denktas will einen Staatenbund Zypern mit zwei vollkommen unabhängigen Verwaltungen, die nach außen hin repräsentiert werden durch eine gemeinsame, aber machtlose Ober-Regierung.

Um diesem Ziel näherzukommen, um ein stärkeres Faustpfand zu haben, brach Denktas 100 Seemeilen vor der Küste des Libanon eine gefährliche internationale Krise vom Zaun.

Daß nicht sogleich geschossen wurde, war in erster Linie dem Umstand zu verdanken, daß Griechenlands oft hitzköpfiger Premier besonnen reagierte.

Statt Truppen zu entsenden wie 1974 die Türken, entschloß sich der Sozialist in Athen zur Kampfführung auf diplomatischer Ebene. Am Freitag nahm der Uno-Sicherheitsrat mit 13 gegen 1 Stimme eine Resolution an, in der es hieß, Denktas' Unabhängigkeitserklärung sei "rechtlich ungültig", und forderte ihre Rücknahme.

Denktas scheint das nicht tragisch zu nehmen, ihm geht es vor allem um eine Verhandlungsposition, von der aus er nachgeben kann, und um "die Kenntnisnahme unserer Existenz" (siehe Seite 140).

Seinen Außenminister Kenan Atakol ließ er bereits andeuten, ein Widerruf der Sezession sei unter bestimmten Bedingungen nicht auszuschließen - wenn die Inselgriechen anerkennen, daß "wir gleichberechtigte Bürger erster Klasse und keine ethnische Minderheit sind".

[Grafiktext]

britische Stützpunkte Flughafen 15. November 1983: Proklamation der unabhängigen Türkischen Republik Nordzypern Rizokarpaso Karavas Kyrenia Morphou Nikosia Lefka Tymbou Famagusta Polis ZYPERN Dekelia OLYMPUS (1953 m) Larnaka Paphos Limassol Akrotiri Bevölkerung Zyperns in Prozent (ohne türkische Soldaten): Griechen Türken 3 sonst. Kilometer GRIECHENLAND Ankara TÜRKEI Athen ZYPERN MITTELMEER

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DER SPIEGEL 47/1983
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