04.04.1983

SCHRIFTSTELLERFreier Lauf

Die Firma Bayer will das Erscheinen eines Zukunftsromans über die Macht des Leverkusener Chemie-Multis im Jahr 1996 verhindern.
Der Chemiekonzern Bayer ist im Städtchen Dormagen nördlich von Köln für unmenschliche Lebensbedingungen verantwortlich: Über der Ortschaft weht giftiger Wind, das Trinkwasser ist faulig, Kinder kommen mit Mißbildungen zur Welt. Erdacht und notiert hat das Horror-Szenario der Düsseldorfer Schriftsteller Klas E. Everwyn, 53. In seinem Science-fiction-Werk "Der Dormagener Störfall von 1996" schildert das "drastische Talent" ("Die Zeit") Everwyn in "ätzender Prosa" ("Die Welt") die Allmacht des Industriekonzerns über die Einwohner des rheinischen Städtchens.
Doch ob das Everwyn-Manuskript überhaupt und, wenn ja, auch ungekürzt auf dem Buchmarkt erscheinen darf, steht dahin. Vorerst jedenfalls verbietet eine einstweilige Verfügung der 12. Zivilkammer des Landgerichts Düsseldorf dem Träger des NRW-Förderungspreises für Literatur, seine phantastische Geschichte in der ursprünglichen Fassung "zu verbreiten".
Erwirkt hat den Gerichtsbeschluß der Leverkusener Bayer-Konzern, der in Dormagen auf einem sechs Quadratkilometer großen Gelände ein Chemiewerk betreibt und in der "modernen Industriestadt im Grünen" (Stadtwerbung) 12 737 Arbeitsplätze unterhält. Was für Schriftsteller Everwyn "reine Fiktion" ist, die "Denkanstöße geben" soll, legen die Bayer-Chefs, so Konzernsprecher Wolfgang Schmidt, als eine Sammlung von "ehrverletzenden, gegen das Werk und seine Mitarbeiter gerichteten falschen Behauptungen" aus. Schmidt: "So was lassen wir uns nicht bieten."
Die "Schmähschrift" (Schmidt) verdankt der Chemiekonzern, der sich gern grün gibt ("Bayer forscht für den Umweltschutz"), ausgerechnet jenen, die sich ansonsten stets um bestes Einvernehmen mit dem größten Arbeitgeber vor Ort bemühen: den Dormagener Stadtvätern. Die hatten 1979 noch ein paar Mark im Kulturbeutel übrig, die sie für zwei schriftstellerische Auftragsarbeiten ("Dormagener Federkiel") unter die Dichter bringen wollten.
Gewonnen wurden für die gewünschte "Prosaarbeit mit eingebauten Erzählpassagen" unter "Bezug zur sozialen Situation unserer Stadt, zum Beispiel ... Expansion der chemischen Industrie" (Auftragsbedingungen), der Neusser Literat Josef Ippers und der Düsseldorfer Schreiber Everwyn. Doch während Ippers mit seinem Stück über den lokalen Behindertenklub ("Die Liebe der Elfe") bei den Honoratioren Anklang fand, sorgte das Everwyn-Werk für Mißtöne.
Die Arbeit, beschied Stadtdirektor Paul Wierich den Düsseldorfer Literaten kühl, sei "literarisch etwas verschroben". Eine "Weitergabe, Veröffentlichung oder Vertreibung" sei deshalb "nicht beabsichtigt".
Everwyn möchte sein Werk nicht in der Schublade verschwinden lassen. Unterstützt von Dormagener Jungsozialisten und einer Bürgergruppe ("Dormagener Verlagsinitiative"), eröffnete der Schriftsteller vor wenigen Wochen den Ratsherren, "daß das Buch dann eben im Selbstverlag erscheinen wird".
( Klas E. Everwyn: "Der Dormagener ) ( Störfall von 1996". Dormagener ) ( Verlagsinitiative, c/o Detlev Zenk, ) ( Krefelder Straße 77, 4047 Dormagen; 108 ) ( Seiten; 8 Mark. )
Das mißfiel den Bayer-Chefs. Die Chemiewerke, so argumentieren deren Anwälte, würden in dem Manuskript "ohne den Versuch einer Verfremdung" als "Giftküche übelster Art", ihre Mitarbeiter als "gewissenlose Profitmacher" dargestellt - ein Bild, das geeignet sei, den Konzern in seinem "Ansehen als Wirtschaftsunternehmen und Mitglied des Gemeinwesens herabzuwürdigen": S.61
Die Ehrenrührigkeit der Aussagen, so argumentieren die Juristen, werde auch nicht dadurch gemindert, daß der Autor "die wesentlichen Vorgänge als Gegenstand seiner Behauptungen und Abwertungen in die Zukunft verlegt".
Mit einer langen Liste entsprechender Textstellen begründeten die Juristen ihren Antrag. So monieren die Anwälte Everwyn-Phantasien von durch Bayer-Emissionen verkümmerten Obstbäumen. Das Unternehmen möchte auch nicht verbreitet sehen, daß Bayer-Bosse sich die Dormagener Stadtväter gefügig machen oder, Hand in Hand mit Dormagener Ärzten, die Bevölkerung über die Gefährlichkeit von Störfällen belügen.
Eine solche Zukunft sei, so die Anwälte, schlicht "ausgeschlossen". Schließlich fühle sich der Bayer-Konzern "seit jeher in besonderem Maße dem Umweltschutz verpflichtet" und habe deshalb "weit über die gesetzlichen Anforderungen hinaus Einrichtungen für die Reinhaltung von Wasser und Luft" geschaffen.
Die Empfindlichkeit des Chemieunternehmens ist verständlich. Denn in Dormagen und Umgebung war der Konzern bisher durchaus im Spiel, wenn sich Bürger über Umweltschäden beklagten. So sickerten mal im Werksbereich unbekannte Mengen organischer Chlorverbindungen in den Boden, dann wieder trat eine Rauchwolke auf, die auch in 15 Kilometer Entfernung noch zum Himmel stank - Vorfälle, die Everwyn überhaupt erst zu seinem Werk anregten und die er in Rückblenden auf die siebziger und achtziger Jahre mitverarbeitete.
Um die Geschichte gleichwohl als Phantasieprodukt kenntlich zu machen, versah der Autor sein Werk mit dem Untertitel "Eine Legende". Everwyn: "Weil eine Legende eine phantastische Erzählung ist, habe ich meinem Vorstellungsvermögen freien Lauf gelassen. Das darf einem Dichter doch nicht verboten werden."
Diese Auffassung teilt auch der Berliner Urheberrechtskommentator Wilhelm Nordemann: "Herr Everwyn schreibt in seiner Legende eigentlich nur, daß solche Entwicklungen nicht auszuschließen sind. Das ist eine freie Meinungsäußerung, die nach dem Grundgesetz jedem zusteht."
Auch der Justitiar der Arbeitsgemeinschaft Literarische und Sachbuchverlage beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Ferdinand Sieger, verteidigt Everwyn: "Der Persönlichkeitsschutz einer Firma darf in diesem Fall nicht über die Kunstfreiheit gestellt werden. Das ist eindeutig eine Überspannung des Persönlichkeitsrechts, zumal der Autor nicht den Anspruch erhebt, Tatsachenbehauptungen aufzustellen."
Während der Schriftstellerverband seinem Mitglied Everwyn gegen Bayer "volle Unterstützung" (Justitiar Rainer Oxfort) gewähren will und Everwyn-Anwalt Ingo Nantke "zuversichtlich" ist, "schon in der nächsten Runde vor Gericht gegen Bayer zu obsiegen", möchte der Leverkusener Konzern das Buch geändert oder verbannt wissen.
Bayer-Sprecher Schmidt: "Ich höre den Böll zwar schon heulen, aber das Verfahren werden wir trotzdem knallhart durchexerzieren."
S.58 Klas E. Everwyn: "Der Dormagener Störfall von 1996". Dormagener Verlagsinitiative, c/o Detlev Zenk, Krefelder Straße 77, 4047 Dormagen; 108 Seiten; 8 Mark. *

DER SPIEGEL 14/1983
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