21.11.1983

FILMFlucht mit Hip Hop

„Wild Style“. Spielfilm von Charlie Ahearn. USA 1983. 88 Minuten; Farbe. *
Wenn es Nacht wird in der Bronx, schlägt Zoro zu. Mit einer Tasche voller Farbsprühdosen dringt er ein ins U-Bahn-Depot, verwandelt mit starken Strichen und bunten Farben die Waggons in mobile Gemälde, verschwindet wieder auf den leisen Sohlen seiner Sneakers und läßt ein Geheimnis zurück: Wer ist Zoro?
Nur soviel ist klar: Zoro ist einer aus dem jugendlichen Guerilla-Heer, das Nacht für Nacht illegal (Sachbeschädigung!) in New York einen einsamen Fight kämpft, um die eigene künstlerische Handschrift in der ganzen Stadt bekanntzumachen.
Der nächtliche Graffiti-Sprüher signiert sein Werk aber nicht wie die Maler der Kunstgalerien mit dem "richtigen" Namen; sein übergroß auf U-Bahn-Wagen verewigtes Pseudonym ist ein Markenzeichen ohne Wert und unbezahlbar wie jede wahre Kunst.
Jener andere Zorro, der im Kino als Degen-Held maskiert gegen Ungerechtigkeiten focht, lebte als Nicht-Zorro in wohlhabenden Verhältnissen. Zoro, dem Helden des Films "Wild Style", fehlt mehr als nur ein r im Namen, denn er ist ein jugendlicher Hispano-Amerikaner aus dem heruntergekommenen Teil der Bronx, der inzwischen dem ganzen Stadtteil den Ruf eines Riesenslums eingetragen hat. Wie der Mehrheit der Schwarzen und Puertoricaner in Harlem und Brooklyn war auch Zoro die Chancenlosigkeit in die Wiege gelegt worden.
In seinem witzigen und lebendigen, vom ZDF koproduzierten und dort schon im April (unter dem Titel "Graffiti") ausgestrahlten Off-Hollywood-Film erzählt der New Yorker Charlie Ahearn halbdokumentarisch die Geschichte Zoros, der sich tagsüber als schüchterner Typ auf den Straßen der South-Bronx rumtreibt.
Weil dort viel los ist, die Jugendlichen sich statt mit der Kanone als Rapper mit scharfem, schnellem Sprechgesang bekriegen, die Breakdancer ihre abenteuerlichen Kopf- und Rücken-Pirouetten trainieren und abends in der Disco die Jockeys auf mehreren Plattentellern ihre Scratch-Schlachten mit rhythmischen Kratzgeräuschen austragen, kann Ahearn die vitale Vielfalt der New Yorker Jugend-Subkultur aufblättern.
In den siebziger Jahren ist auf den Straßen der New Yorker Slums von unterprivilegierten Jugendlichen erfunden und entwickelt worden, was jetzt, unter dem schnellen Begriff Hip Hop, weltweit Furore macht. Neue Stile in Musik, Tanz und Malerei sind entstanden und nun endgültig über die Grenzen jener trüben Wohngegenden ins Showbusiness
und auf den Kunstmarkt vorgedrungen.
Rap, Scratching, Breakdance, Electric Boogie und Graffiti sind neue Vokabeln des Mainstream-Showgeschäfts. Sogar deutsche Großflächen-Unterhalter wie Gottschalk oder Fuchsberger verzieren ihre Frohsinns-Sendungen nun mit Breakdance-Einlagen. Und Unterprivilegierte aus Deutschlands Ausländervierteln versuchen wie ihre New Yorker Vorbilder, sich mit Tanzakrobatik einen Fluchtweg aus Diskriminierung und Hoffnungslosigkeit zu öffnen.
Ahearns Film zeigt die New Yorker Hip-Hop-Szene und ihre Stars in dem entscheidenden Augenblick, als die Underground-Kultur im Stadium der Vermarktung ankam. Weil Zoro von Hause aus arm ist und das Leben ihm kaum mehr zu bieten hat als die besessene Lust an der nächtlichen Sprüharbeit im Depot, kann er auf Dauer den luxuriösen Kampf für eine vom Kommerz unbefleckte Kunst nicht gewinnen.
Eine Journalistin, die eine Hip-Hop-Story recherchiert, führt Zoro in die Kunst-Schickeria von Manhattan ein, und unter einem teuren Comicbild von Lichtenstein schreibt eine reiche Kunstbeflissene mit dem Hang zum Neuen dem Sprayer aus der Bronx den ersten Scheck für eine Auftragsarbeit aus.
Auf spielerische Weise präsentiert der Film die Auseinandersetzungen in der Brust des Straßenkünstlers, der an seinen puristischen Prinzipien festhalten möchte und schließlich etwas Nützliches tut, indem er den Hintergrund einer großen Hip-Hop-Show mit einem mächtigen Sprühgemälde angemessen visuell ausgestaltet. Im Finale stehen dann all jene Cracks der Subkultur auf der Bühne, die jetzt weltweiten Respekt genießen: Afrika Bambaataa, Fab 5 Freddie, Grandmaster Flash, Chief Rocker Busy Bee, die Rock Steady Crew, die Cold Crush Four Brothers, das Rap-Duo Double Trouble, die Fantastic Freaks und viele andere mit ebenso schönen Namen.
Ein bierernster Problemfilm über die Anfechtungen eines Künstlers ist Ahearns Film in keiner Sekunde. Denn die Szene, die er beschreibt, ist hip und, wie die schwarze Kultur schon immer, geprägt von coolem Humor. Resignation und Hoffnung, Zynismus und überlebenswichtige Egomanie gehen in "Wild Style" eine wilde Ehe ein, deren Nachkommen nun auch bei uns die frohe Botschaft des Hip Hop verbreiten.
Arnd Schirmer
Von Arnd Schirmer

DER SPIEGEL 47/1983
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