04.04.1983

Die große Schlacht um Robben und Fische

Im März ging die Robbenjagd an und erregte weltweiten Protest: Brutale Jäger, die hilflose Tierbabys morden. Im Robbenkrieg scheinen die Fronten klar zu sein. Doch die Jäger sind nicht so grausam, die Robben nicht so bedroht, wie Tierfreunde behaupten. Eskimos und Neufundländer, die vom Robbenfang leben, stehen vor dem Ruin. Kanada und Europäische Gemeinschaft verstricken sich in einen Konflikt um Fische und Robben.
Auf dem Meeresgrund bei Savigsivik, nicht weit von der Stelle, wo früher die Eskimos ihre eisernen Speerspitzen aus dem Thule-Meteoriten brachen, wohnt eine böse Frau. Sie heißt Brigitte, und man nennt sie auch savssuma amatut, die Meereshexe.
Sie ist, so erzählen sich die Kinder von Thule, die Tochter des Fischmannes mit dem eisernen Schwanz. Sie treibt es mit Walrössern und Narwalen, frißt Heringe und Kabeljau tonnenweise und am Wochenende auch schon mal ein unschuldiges Eskimokind. "Man muß Fischmehl aus ihr machen", sagt Panigpak Daorana aus Narssarssuk. Und das ist der schlimmste Fluch, der einen auf Grönland treffen kann.
Brigitte Bardot macht im Thule-Distrikt in der Tat keine gute Figur - wenn man von den Airforce-Boys der "12. Raketen-Frühwarn-Gruppe" absieht. Das hat nichts damit zu tun, daß die Bardot mit ihren Formen nicht in das derbe Weiblichkeitsklischee der Grönländer paßt. Das hat materielle Gründe.
Früher bekam Panigpak für das Fell einer erwachsenen Sattelrobbe im Magazin der Königlichen Grönländischen Handelsgesellschaft in Dundas einen Sack Schiffszwieback, zwei Pfund Zucker, eine Schachtel Long-Rifle-Patronen, einen großen Beutel Mehl, einen Kanister Petroleum und, wenn die Saison sehr gut war, noch ein paar Tafeln Schokolade für die Kinder.
Heute reicht es gerade für Munition und Schiffszwieback. Viele Eskimos haben bitterlich gefroren in diesem Winter, weil sie Petroleum sparen mußten. Von dem Bonus, den die Dänen früher jedes Jahr nach der großen Fellauktion in Kopenhagen ausschütteten, haben die Grönländer schon seit Jahren nichts mehr gesehen.
Die Preise für Robbenfelle sind dahingeschmolzen wie ein Iglu im Frühling. Und schuld, meint Panigpak, sei Brigitte Bardot mit ihrem Feldzug gegen die Robbenjagd.
Robbenjäger Panigpak ist Leidtragender in einem Drama, das in den unwirtlichen Zonen Grönlands und Neufundlands zwischen dem 45. und dem 80. Breitengrad abläuft, dessen Auswirkungen aber auch im fast 5000 Kilometer entfernten Mitteleuropa spürbar sind.
Jahr für Jahr, wenn im März die Robbenjagd angeht, entsetzen sich Millionen Zeitungsleser und Fernsehzuschauer über das blutige Schauspiel im fernen Neufundland: Kräftige Robbenjäger schlagen mit Knüppeln niedliche kleine Robben tot und ziehen ihnen das weiße Fell vom oft noch zuckenden Körper.
Nur Brokdorf und die Startbahn-West setzten in der Bundesrepublik soviel Unmut gegen Umweltfrevel frei wie das Robbentöten. Am Tag, nachdem "Report" einen Film über die Grausamkeit der Jagd vor der neufundländischen Küste gesendet hatte, gingen im Bonner Innenministerium mehrere hundert Telephonate teils schluchzender Tierfreunde ein, die von der Bundesregierung Maßnahmen gegen das "Robbenmassaker" ("Bild am Sonntag") verlangten.
Rund 200 000 Jungrobben werden nach staatlich festgelegten Quoten pro Saison im Alter bis zu drei Wochen getötet. Wieviel Prozent eines neugeborenen Robbenjahrgangs das sind, ist aber bereits umstritten: Niemand weiß genau zu sagen, ob jährlich nur rund 250 000 oder über 500 000 Jungrobben geboren werden. Sicher ist nur, daß mehr geboren als getötet werden.
Unumstritten ist im übrigen beim großen Robbenschlachten fast gar nichts, der Fall entgegen dem Anschein kein Objekt für überschäumendes Engagement.
Der unter dem Feuer der Weltpresse und der Mithilfe bedeutender Regierungen ausgebrochene Konflikt ähnelt in einer Hinsicht dem absurden Falklandkrieg, der vor einem Jahr im fernen Südatlantik tobte: Der Aufwand scheint in krassem Mißverhältnis zur Sache zu stehen.
Im Norden geht es nicht um altertümlich anmutende Souveränitätsansprüche, sondern um einen kleinen, aber emotional bewegten und bewegenden Sonderkrieg S.141 innerhalb des modernen Weltkonflikts Ökonomie gegen Ökologie.
So verlaufen die Fronten: 25 000 grönländische Eskimos und mindestens ebenso viele Einwohner Neufundlands, die von der Robbenjagd leben, möchten diesem Gewerbe auch weiterhin nachgehen.
Die Tierschützer stehen dagegen. Sie haben - neben weniger plausiblen - ein sehr plausibles Argument auf ihrer Seite: Wahrscheinlich würde die Sattelrobbe heute nur noch im Zoo zu besichtigen sein, wenn der Protest der Naturfreunde nicht die Einsicht gefördert hätte, daß der Raubbau früherer Jahrzehnte auch wirtschaftlich nicht zu verantworten war.
Die Zeiten, in denen "Greenpeace"-Kämpfer weiße Robben mit Sprayfarbe zeichneten, um sie für die Jäger wertlos zu machen, sind vorbei.
Der Konflikt heizte sich vorige Woche weiter auf. Vor dem Hafen von Saint John's auf Neufundland lag der Trawler "Sea Shepherd II" des Kapitäns Paul Watson mit 21 entschlossenen, vorwiegend jungen Leuten auf der Lauer, um den ersten auslaufenden Robbenfänger zu rammen.
Doch Morrissey Johnson, krachlederner Nestor der Neufundländer Fangschiff-Skipper, wollte den Durchbruch wagen. Für ihn sind die Leute von der "Sea Shepherd II" "keine Tierschützer, sondern potentielle Mörder, die kaltblütig ein Desaster herbeiführen wollen".
Die Robbenfänger hatten Treibstoff, Munition und Dynamit zum Aufbrechen des Packeises an Bord. Wenn die "Sea Shepherd II" einen an der falschen Stelle erwischt hätte, wären sie gemeinsam in die Luft geflogen.
Um den Feind daran zu hindern, das Boot zu entern, hatten sich die Männer von "Sea Shepherd II" mit elektrisch aufladbarem Stacheldraht eingeigelt. Morrisseys Leute wollten den Gegner vom Hubschrauber aus mit Taubenmist bombardieren.
Hysterie und Gladiatorengehabe schienen die Geschehnisse auf dem Robbenkriegsschauplatz zu bestimmen. "Wir sind bereit zu sterben", dröhnte Kapitän Watson.
So weit kam es nicht. Am vorletzten Wochenende enterte eine Abteilung "Royal Canadian Mounted Police" die "Sea Shepherd II" und nahm die Besatzung fest. Kapitän Watson hatte sein Schiff bereits in der Nacht zuvor verlassen, er wurde kurz vor der US-Grenze festgenommen.
Die Kanadier scheinen nach Jahren der Kompromißbereitschaft zur Härte entschlossen. Sie wollen sich "von den Milchbubis aus der Stadt", wie Jim Winter von der Neufundländer Gegenlobby die "Greenpeace"-Leute nennt, nicht unterkriegen lassen. Und die "Milchbubis" wollen, wie Watson sagte, "diese sinnlose Obszönität" ein für allemal beenden.
"Ich komme rüber und haue Ihnen was in die Schnauze, Sie dreckiger Hundesohn", bellte Neufundlands Fischereiminister James Morgan Journalisten am Telephon an, bevor diese ihr Anliegen auch nur formulieren konnten.
Minister Morgan eskalierte nach Kräften mit. Seine Fänger, so ließ er wissen, würden weiterfangen - ganz gleich, ob und wo sie die Felle absetzen.
Für Kanada mit seinen gewaltigen Ressourcen spielt der Robbenfellexport der Provinz Neufundland wirtschaftlich keine besondere Rolle: Es geht um höchstens zehn Millionen kanadische Dollar (etwa 20 Millionen Mark).
Und dennoch brachte der Streit um die Zehn-Millionen-Dollar-Frage zwei S.142 Giganten gegeneinander auf: Kanada, den zweitgrößten Flächenstaat der Erde, und die Europäische Gemeinschaft, die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Erde.
Nachdem vergangenes Jahr eine Protestflut rund drei Millionen Briefe zur Robbenfrage in den Straßburger Europarat gespült hatte, erlangte das Volksempfinden inzwischen Gesetzeskraft. Anfang März, kurz vor Beginn der diesjährigen Jagdsaison, verhängte die EG ein Einfuhrverbot für "Whitecoats", Felle von Jungrobben im Alter bis zu drei Wochen.
Die Kanadier schlugen vier Tage später mit einer drastischen Beschneidung der Fangquoten für die europäischen Fischereiflotten zurück.
Wenn es zum Fischereikrieg kommt, bleibt der deutsche Arbeitsmarkt nicht unberührt: Dann müssen rund 10 000 Beschäftigte allein in der Bremerhavener Fischereiindustrie um ihre Arbeitsplätze fürchten.
Die Robbenjäger werden von den Tierschützern beschuldigt, sie trieben Raubbau an der Natur. Die Jäger sehen es genau andersherum. Die Menschen, so sagen sie, töten zwar Robben, aber die Robben töten Fische. Die Frage bleibt: Welche Kreatur ist schützenswerter, Fisch oder Robbe?
Auf Grönland geht es darüber hinaus um ein soziokulturelles Anliegen: um die Erhaltung einer der letzten intakten Jäger-Kulturen der Erde, der Existenzbedingungen der Eskimos.
Natur- und Tierschützer stoßen sich auch an dem Verrohungseffekt, den das tausendfach reproduzierte Totschlagen hilfloser Kreaturen bei Menschen auslösen kann - und sie wehren sich gegen den Vorwurf, ihr gutgemeinter Protest deklassiere ein Volk von Jägern zu einem Volk von Sozialhilfeempfängern.
Im Brennpunkt dieses seltsamen Krieges mit den verwirrenden Fronten steht die Sattelrobbe (pagophilus groenlandicus), ein nicht gerade seltenes, aber doch exotisch anmutendes Tier, das Zoobesucher und Zirkusgäste durch seine Schwimmkünste beeindruckt, aber an Land schwerfällig auf seinen Flossen watschelt.
Es ist bei Geburt benachteiligt: Erst mit vier Wochen wird die junge Sattelrobbe schwimmfähig, so daß sie sich selbst ernähren und ihren Fängern leichter entkommen kann. An Land, wo sie geboren wird, ist sie hilflos.
Jedes Jahr im März, wenn die Jagd beginnt, ist auch die Regenbogenpresse dabei, nur in den letzten Jahren hat niemand zusehen dürfen. Die angeblichen Live-Erlebnisse werden überwiegend mit dem Herzen nachempfunden. Denn die kanadische Regierung läßt Journalisten zur Jagdzeit nicht mehr aufs Eis.
So entgeht ihnen wohl der grundsätzliche Widerspruch, in den sich die "Greenpeace"-Leute bei ihrem sonst imponierenden Kampf gegen die Verwüstung der Natur durch den Menschen im Fall ihrer Robbenkampagne verfangen haben: Den Eskimos lassen sie ein bißchen brutalen Darwinismus durchgehen, den Neufundländern aber nicht.
Denn für die Tierschützer besteht die Gattung der Robbenjäger aus good guys und bad guys. Die Guten sind die grönländischen Eskimos, die von der Jagd leben, was die Jagdkritiker auch gutheißen. Die Bösen sind die kanadischen Neufundländer, die gleichfalls von der Jagd leben, aber dennoch gebrandmarkt werden.
Die Unterscheidung nutzte den Eskimos auf Grönland im übrigen nichts: Die Kampagne der Tierschützer hat Robbenfelle ganz allgemein zur heißen Ware gemacht. Robbenmäntel werden von der Pelzwirtschaft so verschämt gehandelt wie Pornohefte am Zeitungsstand. Die Preise sanken und sanken, die Eskimos sehen ihre Existenzgrundlage heute so bedroht wie die Neufundländer die ihre. S.143
Es half auch nichts, daß sich Dänenkönigin Margrethe bei einem Grönlandbesuch demonstrativ modische Robbenfellmäntel ansah.
Die Naturschützer haben eingesehen, daß die Folgen ihres Feldzugs auch die Eskimos getroffen haben. Das zeigt schon der Persilschein, den sie den Grönländern nachträglich ausstellten.
Fleisch, Fell und Tran, so führen die "Greenpeace-Nachrichten" aus, würden auf Grönland "zu vielfältigen nützlichen Produkten verarbeitet". Und die Jagd sei für die Eskimos "noch heute ein wichtiger Wirtschaftsfaktor". Nur, das ist sie auch für die Neufundländer. Zwar verarbeitet Kanada die Robben nicht bis zum letzten Rest, aber daß es den Neufundländern ausschließlich um die Felle gehe, stimmt auch nicht: Das Fleisch, jedenfalls die besseren Partien, wird gegessen oder eingekocht.
Doch die Robbenromantiker sehen hier wesentliche Unterschiede: In ihrer Vorstellungswelt figuriert der Eskimojäger als edler Wilder, der mit dem Speer in der Faust der Natur ihren Tribut abtrotzt, um die Art zu sichern - obschon der Speer längst durch moderne Schußwaffen ersetzt ist.
Der Neufundländer dagegen erscheint als schnöder Geschäftemacher, der mit industriellen Teufeleien der wehrlosen Kreatur nachstellt, um - wie es auf einem Flugblatt der Schweizer Robbenstiftung heißt - dem "Blutrausch" zu frönen, damit die "Drahtzieher und Hintermänner ihre Profitgier stillen können".
Doch die Wilden sind nicht so edel und die Kanadier nicht so blut- und profitgierig, wie die Robbenfreunde sie darstellen. Vor Neufundland wird wahrscheinlich weniger grausam, weil schneller getötet als auf Grönland - und wohl auch nicht grausamer als mitunter in deutschen Jagdrevieren.
Allerdings - die Eskimos auf Grönland jagen nur erwachsene Robben. Aber nicht etwa, weil sie den unschuldigen Tierkindern eine Chance geben wollten, sondern weil auf und vor Grönland fast nur Altrobben leben.
Kanadische und - zum geringeren Teil - norwegische Fänger dagegen machen auschließlich Jagd auf wenige Wochen alte Tiere, die im März auf dem Packeis rings um die Mündung des Sankt-Lorenz-Stromes geboren werden. Erst später ziehen sie in Richtung Grönland.
Die weltweite Kampagne gegen die angeblich unweidmännische Robbenjagd hat in erster Linie die Grönländer getroffen. Denn die Felle der erwachsenen, von den Eskimos erlegten Robben sind am Markt besonders schwergängig, einfach, weil man sie leichter identifizieren kann als Jungrobbenfelle, die oft eingefärbt in den Handel kommen.
Wahr ist, daß die Jungrobben auf Neufundland für den Jäger besonders leichte Beute sind. Ein einziger kräftiger, gutgezielter Schlag mit dem "Hakapik", einer vorn zugespitzten Keule, tötet sie bereits. Nur jedes 20. Opfer, so will das Fischereiministerium in Saint John's ermittelt haben, kriegt einen zweiten Fangschlag hinters Ohr, bevor es gehäutet wird.
Alternatives Schlachtzeug, mit dem das Ministerium experimentierte, hat sich als unbrauchbar erwiesen: Giftspritzen töten langsamer und sind natürlich mit dicken Fäustlingen schwerer zu handhaben als Hakapiks. Und um eine Jungrobbe mit dem Gewehr zu erlegen, muß man meist zwei-, dreimal hinhalten. Die Gewehrkugeln reißen dann häßliche Löcher, die den Wert der Felle mindern.
Die Eskimos jagen vorwiegend mit dem Gewehr, im Sommer vom Kajak, im Winter vom Hundeschlitten aus, aber S.144 auch mit dem Schleppnetz. Zu diesem Zweck werden zwei Löcher ins Eis gehackt. Durch das erste Loch läßt man das Netz ins Wasser, aus dem zweiten wird es hochgezogen. Man braucht dann nur zu warten, bis sich die Robbe in den Maschen gefangen hat.
Und wie werden die Robben dann getötet? "Wieso töten?" fragt Arrutaq, der Lagerverwalter der Grönländischen Handelsgesellschaft in Dundas, "die ersticken doch von selbst; nur Geduld muß man haben."
Edle Wilde? Wildnis und Edelmut sind nur bedingt miteinander vereinbar, Jagd ist so oder so mit Umbringen verbunden, auch wenn der Jäger noch so edlen Herzens mit der Kreatur fühlt, eine Erkenntnis, der sich die Tierschützer nur ungern stellen.
Die kanadische Bundesregierung in Ottawa muß Güterabwägung betreiben. Kanada sitzt einerseits am kürzeren Hebel, weil die kanadischen Fischer im Konfliktfall ihren Fisch nicht mehr nach Europa verkaufen könnten.
Andererseits würden bei totalem Jagdverbot die Robben in ein paar Jahren Kanadas atlantische Fischereigewässer leerfressen. Und das wird teuer.
Robben vermehren sich, wo man sie läßt, schneller, als den Fischern lieb sein kann. Auf den Farne-Inseln vor der nordostenglischen Küste etwa wurden in den 30er Jahren pro Jahr 120 Robben geboren, 1960 schon über 1000, zehn Jahre später gar 2000 - obwohl sie regelmäßig bejagt wurden. Die professionelle Jagd, schrieb das "Marine Population Bulletin", sei notwendig, um die Bevölkerungsexplosion unter den Robbenpopulationen unter Kontrolle zu halten.
Das heißt für die Kanadier: Wenn sie dem Drängen der Robbenlobby nachgeben, droht der kanadischen Fischerei-Industrie mittelfristig das Ende.
Die Rechnung ist einfach: Eine Robbe frißt etwa sieben Kilo Fisch am Tag, und zwar vom besten Kabeljau etwa. Die rund anderthalb Millionen Robben in grönländischen und neufundländischen Gewässern vertilgen schätzungsweise dreieinhalb Millionen Tonnen Fisch im Jahr. Das ist ein dutzendmal soviel, wie der gesamten deutschen Fischereiflotte im Wirtschaftsjahr 1981/82 ins Netz ging, und die 330fache Fangquote, die Kanada der EG für kanadische Küstengewässer eingeräumt hat.
Die Zahlen gelten für den gegenwärtigen Bestand. In zehn Jahren wäre die Menge mindestens doppelt so hoch, wenn die Robben nicht mehr gejagt würden. Aber den Tierschützern geht es um die Robben, nicht um die Fische - und den Wahlkämpfern um die Stimmen derer, die mit den Robben fühlen.
Den Durchbruch zum EG-Embargo gegen Robbenfelle brachte der deutsche Bundestagswahlkampf. "Bild" schritt voran, mit Schlagzeilen wie dieser: "Kanzler Kohl: Jetzt schnell den kleinen Robben helfen".
FDP-Chef Genscher gab sich in einem Kurzinterview mit "Bild am Sonntag" als Tierfreund zu erkennen: "Das Robbenschlachten ist grausam. Es kann auch durch wirtschaftliche Erwägungen nicht gerechtfertigt werden. Ich fühle mich solidarisch mit den vielen Bürgern unseres Landes, die sich gegen die Robbenschlächterei auflehnen."
"Bild am Sonntag" ernannte den Außenminister daraufhin zum "Mann des Monats", so daß der "BamS"-Mann in der eigenen Partei als "Robben-Hood" veralbert wurde. Und Großwildjäger Franz Josef Strauß setzte nach: "Wenn sich jetzt Genscher vor Brigitte Bardot die Robbenrettung an die blanke Brust heftet, dann geht das wirklich zu weit."
Umgekehrt fühlten sich viele Bürger, wenn schon aus keinem anderen Grunde, wegen der Robben mit Genscher solidarisch. Die Frage, ob die FDP-Fraktion im Bundestag mehr für das Überleben der Robben getan hat oder die Robben mehr für das Überleben der FDP, steht weiter im Raum.
Die SPD verpaßte auch hier den Anschluß. CSU-Innenminister Friedrich Zimmermann beanspruchte für sich das Urheberrecht an dem Bonner Beschluß, einen deutschen Ad-hoc-Importstopp für Robbenfelle zu verhängen, wenn die EG untätig bleibe.
Der Bigotterie sind auf diesem Kriegsschauplatz der großen Worte kaum Grenzen gesetzt. Das EG-Embargo ändert entgegen dem Anschein nichts an der Tötungspraxis. Es untersagt nur den S.145 Import von weißen Jungrobbenfellen der bis zu drei Wochen alten Tiere. Nach durchschnittlich 22 Tagen aber wirft die kleine Robbe ihr weißes Fell ab und schlüpft in einen grauen Pelz, und graue Robbenfelle dürfen weiterhin eingeführt werden. Das heißt: Nun werden die Robben nicht mehr im Alter von zweieinhalb Wochen erschlagen, sondern mit dreieinhalb Wochen.
Deutsche Kürschner, so heißt es verbandsamtlich, verarbeiten schon seit Jahren keine Jungrobbenfelle mehr. Pelzmäntel aus Seehund, in den 50er Jahren noch Statussymbol der Frau des kleinen Mannes wie der Kaninchenmantel, werden in Deutschland heute kaum noch produziert. Die allermeisten Robbenfelle gehen in die Schuhindustrie.
Insgesamt habe die deutsche Pelzwirtschaft, so verlautbarte das Bundeslandwirtschaftsministerium, 1980 nur 7074 Robbenfelle aus Kanada eingeführt. Das war korrekt. Aber die kanadischen "Whitecoats" kommen zum allergeringsten Teil direkt aus Kanada. Die meisten werden über Norwegen, Dänemark und Großbritannien eingeführt - letztes Jahr über 150 000 Stück, die meisten braun eingefärbt, so daß sie nicht als Jungrobbenfelle zu erkennen sind.
Wieso das Töten von Robben von vielen Menschen als unmoralisch angesehen wird, das Töten von Haustieren und jagdbarem Wild jedweder ungefährdeten Art aber nicht, ist noch kaum ausgelotet: Wer aus Rehkitzhaut Fensterleder macht, handelt im Einklang mit dem ethischen Grundwertekatalog der Tierschützer, wer aus Jungrobbenfellen Schuheinlegesohlen macht, dagegen nicht.
Schon die Terminologie legt zweierlei Maß an. Spanferkel sind keine Schweinebabys, Jungrobben aber Robbenbabys. "Baby-Steinbutt" wiederum, oft auf den Karten guter Restaurants zu finden, wird trotz seines Namens gern gespeist.
"Das Robbenbaby", schreibt der Schweizer Philanthrop Franz Weber in einem Patenschaftsappell, "ist mit seinem dichten, weißschimmernden Pelz, mit seinen großen, schwarzen Kinderaugen ... wohl das schönste Tierbaby überhaupt." Spanferkel haben nun mal keine "Kinderaugen". Das ist ihr Pech. Robben aber weinen angeblich sogar, wenn sie Schmerz empfinden - das macht sie dann so menschlich.
Auch die Legende von heulenden Robbenmüttern, die sich verzweifelt den keulenschwingenden Mordgesellen entgegenwerfen, um ihr Junges zu schützen, ist durch die empirische Zoologie nicht gedeckt. Solche Fälle sollen vorgekommen sein, gewiß. Aber Mutterliebe gehört nachweislich nicht zu den markantesten Eigenschaften weiblicher Robben.
Sie währt maximal drei Wochen, nämlich bis das Baby sein erstes Fell abwirft. Dann setzt sich die Alte ab, ohne sich weiter um ihr Junges zu kümmern. Wenn die verlassene Jungrobbe keinen küstennahen Liegeplatz erwischt hat, der ihr das Fischen erleichtert, muß sie verhungern.
Doch auch das gilt nur für Erstgeborene. Robbenmütter ernähren immer nur ein einziges Junges. Zweitgeborene werden gar nicht erst gefüttert, sondern sterben oft ein paar Tage nach der Geburt den Hungertod, weil sich die Alte nicht um sie kümmert. Robbenmütter sind insofern Rabenmütter.
Immerhin: Man muß kein berufsmäßiger Tierschützer sein, um Schlachtszenen abstoßend zu finden, wie sie im Dezember "Report" dem schockierten deutschen Fernsehvolk im Film darbot. Blut auf Eis - das wirkt besonders mörderisch.
Teile des Films hatten Mitte der 60er Jahre schon einmal eine Welle der Empörung entfacht. Naturschutzpapst Bernhard Grzimek gründete damals, nachdem er ihn gesehen hatte, spontan eine "Bewegung gegen die Apathie der kanadischen Regierung".
Zunächst beschimpften ihn die Kanadier als "gekauften Agenten der südwestafrikanischen S.146 Karakulzüchter", die ihnen das Wasser abgraben wollten. Aber wenige Monate nach Grzimeks Appell verabschiedete das zuständige Fischereiministerium in Ottawa ein Vorschriftenpaket, in dem alle wesentlichen Einwände der Tierschützer berücksichtigt waren.
Ein jährlich korrigiertes Quotensystem legt die Zahl der zur Jagd freigegebenen Tiere fest, Regierungsinspektoren fahren auf den Fangschiffen mit, und sogar die Keulen sind seither in Dicke, Länge und Materialbeschaffenheit bis ins Detail vorgeschrieben.
Im Jahr darauf schickte Grzimek einen eigenen Inspektor nach Neufundland. Grzimek: "Wir hatten keine Einwände mehr, es war alles in Ordnung."
Auch Colin Platt, Inspektor der Internationalen Tierschutzorganisation Ispa, der das norwegische Fangschiff "Nordvag" eine Saison lang begleitete, fand die Jagd bis auf wenige Ausnahmen "zufriedenstellend".
Das Batelle-Laboratorium in Columbus, US-Staat Ohio, hat fast ein Jahr lang mit alternativen Tötungsmethoden experimentiert - mit Laser und Elektroschocks, mit Enthaupten, Gas, Giftspritzen und Ultraschall. Ergebnis: Der dicke Knüppel ist unter den gegebenen Umständen das sicherste Tötungsinstrument.
Tierschützer Grzimek hält seit Jahren Distanz zur Robbenschützerszene. Einmal, weil ihn deren laute Sprache abstößt, zum anderen, weil er als Naturschützer keine grundsätzlichen Einwände gegen die Jagd hat, solange sie die Natur nicht aus der Balance bringt.
Im Kampf um Werte und Gefühlswerte scheint ein Tatbestand immerhin festzustehen: Die Sattelrobbe zählt nicht einmal bei engster Auslegung der Schutzbedürftigkeit zu den vom Aussterben verurteilten Arten. Tierschützer Grzimek: "Sie ist keine bedrohte Spezies."
Auch die Umweltschutzbehörde der Vereinten Nationen hält die Robbe nicht für eine vom Aussterben bedrohte Art. Im Gegenteil: Zählungen aus der Luft lassen keinen Zweifel daran, daß die Robbenbestände vor Labrador und Neufundland wieder schneller wachsen, als die Jäger sie dezimieren. Nach Erkenntnissen der "Internationalen Kommission für Nordatlantische Fischerei" haben sie sich in den letzten zehn Jahren von 1,2 auf 2 Millionen erhöht - freilich, vor etwa 50 Jahren waren es noch 10 Millionen.
Aber: Damals schwammen an der Packeisgrenze zwischen Thule und der Mündung des Sankt-Lorenz-Stromes auch noch viel mehr Fische. Die heute gegenwärtige Gefahr einer Überfischung lag noch in weiter Ferne.
So steht denn also Robbenschutz gegen Fischschutz - dermaßen kompliziert ist Tierschutz geworden. Aber Tierschutz steht auch gegen Menschenschutz: Neufundland ist die ärmste Provinz Kanadas, fast die Hälfte der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. In Twillingate schwankte die Arbeitslosenquote in diesem Winter zwischen 80 und 90 Prozent.
Das heißt nicht, daß irgend jemand hungert, auch selbständige Unternehmer bekommen Sozialhilfe, wenn sie Pleite machen. Aber einem Neufundländer Robbenjägei ist der Weg zum Sozialamt tief zuwider.
Die Greenpeace-Kampagne ist eine von drei großen Plagen, von denen Neufundland in den letzten Jahren heimgesucht wurde:
Seit die Stahlindustrie weltweit dahinsiecht, bleiben die Neufundländer auf ihrem Eisenerz sitzen. Dann kam die Flaute auf dem Zeitungspapiermarkt. Die Papiermühlen mußten Feierschichten einlegen und ihre Produktion Schub um Schub zurückfahren. Es hagelte Entlassungen.
Natürlich blieben auch die vielen kleinen Holzfäller, die den Papierfabriken zuliefern, von der Baisse nicht verschont. Die Preise hängen dermaßen durch, daß die Lumberjacks kaum noch den Treibstoff für ihre Skidoos und ihre Lastwagen beim Holzeinschlag erwirtschaften - obwohl es den Rohstoff umsonst gibt.
Wenn die kanadische Regierung im Robbenkrieg nachgibt oder auch nur die Fangquoten weiter reduziert, wird es leer werden in Kanadas atlantischen Gewässern. Und ohne Fisch geht es auch mit der letzten neufundländischen Industrie zu Ende.
Ersatz ist nirgendwo in Sicht. Ottawa hat riesige Summen für den Ausbau von Wasserkraftwerken in Aussicht gestellt. Aber wer braucht schon mehr Strom bei rückläufiger Industrieproduktion?
Die wenigen Großen der Branche können einen schlechten Winter verkraften. Aber für die Kleinen ist eine ausgefallene "Ernte" existenzbedrohend. Und S.147 90 Prozent der zur Zeit 7000 kanadischen Lizenzträger sind Kleinunternehmer mit Einkommen unter 15 000 Dollar im Jahr.
Die meisten "Speedboats" sind in diesem Jahr im Schuppen geblieben. Die Einzeljäger haben sich, wo Jobs zu haben waren, auf den großen Booten verdingt, wo sie am Gesamtertrag beteiligt werden. Dort ist die Gewinnaussicht geringer, aber auch das Risiko.
Auf Grönland werden keine Quoten festgesetzt. Die mühsamen Jagdmethoden der Eskimos sichern den Bestand zuverlässiger als staatliche Verordnungen. Auf ganz Grönland werden nicht mehr als 10 000 bis 20 000 Robben im Jahr gefangen oder geschossen. Das ist, grob gerechnet, ein Prozent der Sattelrobben-Bestände zwischen der grönländischen und der kanadischen Küste.
In Narssarssuk hat in diesem Winter noch keiner Robbenfleisch gegessen. Die Robben stehen weit draußen vor der Küste. Der Winter in Thule war der kälteste des Jahrhunderts: Temperaturen bis 55 Grad minus. Die Robben konnten ihre Atemlöcher im zwei Meter dicken Eis des Thule-Fjords nicht offenhalten und zogen weit nach draußen aufs Packeis. Deshalb geht es den Eskimos im Bezirk Thule in diesem Jahr noch schlechter als früher.
Dänemark, das die autonome Rieseninsel verwaltet, ist bemüht, die Fehler, die es im Süden gemacht hat, nördlich des Polarkreises - der Schlittenhundgrenze, wie die Eskimos sagen - zu vermeiden.
An der Südwestküste, wo vier Fünftel der Bevölkerung leben, hat die Zivilisation die alten Kulturen bereits verdrängt. Das Gebiet um Thule ist das letzte Reservat, in dem die Eskimos noch heute so leben wie vor Jahrhunderten - wenn man davon absieht, daß sie Gewehre statt Bogen aus Treibholz und Metalltöpfe statt Töpfe aus geschnitztem Speckstein verwenden.
Die wirtschaftliche Monokultur der Eskimos ist von der Robbenjagd so abhängig wie die Almwirtschaft von der Rindviehzucht. Und Angelpunkt im Überlebenszyklus ist die Robbe.
Robben haben, seit man denken kann, eine zentrale Bedeutung im Leben der Eskimos gespielt. Die Grönländer nähen aus Robbenfellen und Robbensehnen Kleidung, aus den Knochen machen sie Harpunenspitzen. Robbenfleisch ist das wichtigste Grundnahrungsmittel in der Arktis - das tägliche Brot der Eskimos.
Es wird nichts weggeworfen. Das minderwertige Fleisch fressen die Hunde, und der Hundeschlitten ist im nördlichen Grönland noch immer das wichtigste Verkehrsmittel. Der Motorschlitten hat ihn nicht verdrängen können - weil er von Batterien abhängig ist, die im Winter einfrieren. Schlittenhunde springen immer an, vorausgesetzt, daß sie regelmäßig gefüttert werden - meist mit Robbenfleisch.
Die besten Stücke halten die Jäger für sich und ihre Familien zurück. Zum Beispiel die vitaminhaltige Leber. Rohe Robbenleber gilt, auf Grönland wie auf Neufundland, als Delikatesse ersten Ranges.
Die Häute gehen nur zum geringeren Teil in den Export. Robbenfell ist in Nordgrönland noch immer Werkstoff Nummer eins. Man macht daraus Kleidung, Stiefel, Zelte, Kajaks. Der Robbenhaut-Kajak aus dem 15. Jahrhundert, den der Grönlandforscher Eigil Knuth auf Peary Land nördlich von Thule aus dem Eis grub, war bis auf geringfügige Unterschiede in Material und Machart nicht von den Umiaks zu unterscheiden, wie sie die Eskimos von Thule noch heute herstellen.
Robben waren - und sind - so bedeutend, daß Pastor Hans Egede, der im 18. Jahrhundert Nordgrönland missionierte, das "Lamm Gottes" in seinem Katechismus gegen den "Seehund Gottes" austauschte.
Nicht einmal das Paradies der Eskimos ist ohne Robben denkbar. Es ist, wie die vorchristliche Mythologie lehrt, ein S.148 "Ort, an dem es immer reichlich leicht zu jagende Robben gibt".
Solche Mystik liegt dem Neufundländer, lag ihm vor allem während der wilden Zeiten des hemmungslosen Robbenfangs fern. Peter Troake aus Twillingate auf Neufundland hat die Zeit noch miterlebt, jene Bonanza-Jahre, in denen die Fangschiffe oft so randvoll mit Robbenhäuten heimkehrten, daß bei mittlerem Seegang das Wasser über die Reeling schwappte. Troake ist mit 74 Jahren Kanadas ältester aktiver Robbenfänger.
Auf den alten hölzernen Dampfern gab es damals nicht mal Kojen. Sie schliefen auf den frisch erlegten Fellen, jede Nacht eine oder zwei Lagen höher, bis sie mit dem Kopf an die Decke stießen. Zwei, drei Wochen lang wateten sie in Blut und Schmieröl und lebten von Salzfisch, Robbenfleisch und Steckrüben mit Mehlpudding - bis das Schlacht-Schiff voll war.
Damals scherte man sich noch nicht um Ökologie. Tier- und Naturschutz standen nicht im Lexikon. Die Fangmengen wurden dann zwar begrenzt, aber die Sprache ist dieselbe geblieben. Robben werden vor Neufundland noch heute nicht "gejagt", sondern "geerntet". Der legendäre Captain Abram Kean kehrte 1934 im Alter von 79 Jahren mit seiner millionsten Robbe nach Saint John's zurück und bekam dafür sogar noch einen englischen Verdienstorden.
Die Robbenjagd ist ein mühseliges und gefährliches Geschäft. 1914 blieben von 120 Männern der "Newfoundland" 77 draußen im Eis. Solomon French, der einzige Überlebende der "Huntman", die auf ein Riff aufgelaufen war, klammerte sich eine ganze Nacht lang an einen Felsen im eisigen Meer. Als man ihn am nächsten Morgen herauszog, hatten ihm Eisschollen beide Beine schwer gequetscht. Dennoch fuhr er ein Jahr später wieder mit.
Auch heute kommen fast jedes Jahr ein paar von den Jägern nicht mehr zurück, obwohl die Küstenwacht während der Fangsaison im März und April ständig in Alarmbereitschaft ist.
Die Befürworter der Robbenjagd behaupten, daß Tierquälerei, wie sie in den 20er Jahren der Schriftsteller George Allan S.149 England beschrieb, heute nicht mehr vorkomme. England: "Einige der Robben, noch erschreckend lebendige Wesen, sind keineswegs tot, wenn sie am Fischerhaken herangezerrt werden, sie drehen, winden und krümmen sich vor Schmerzen."
Der für die PR der Robbenlobby tätige Jim Winter meint, schon die Gegenwart des Fischerei-Inspektors verhindere heute Grausamkeiten. "Ein gewissenhafter Jäger braucht immer drei Schläge, einen für den Kill, einen für den Fischerei-Inspektor, einen für Greenpeace."
Ob der Inspektor aber stets so genau hinsieht? Und außerdem sind auch eine Menge Solojäger und Drei-, Vier-Mann-Teams in kleinen Booten unterwegs, auf denen kein staatlicher Aufpasser mitfährt.
Winter weiß ein Argument, das für die zarten Gefühle der Robbenjäger sprechen soll: "Die Jäger haben mehr Herz für kleine Robben als Greenpeace. Meinen Sie, sonst würden sie sich ausgestopfte Whitecoats aufs Sofa legen?"
Auch Jim Winter ist angeblich Tierfreund. Den kleinen silbernen Hakapik trägt er nur aus Trotz gegen die Heuchelei in der Welt am Rollkragen. Winter versteht nicht, was die Greenpeace-Leute gegen den Hakapik haben. Er sei schließlich nicht weniger human als die Kolotuschka, ein ähnliches Jagdwerkzeug, mit dem die Russen im Weißen Meer jagen. Und auf den Pribilof-Inseln vor Alaska dürfen amerikanische Staatsbürger gleichfalls Robben mit Keulen totschlagen, obwohl die Vereinigten Staaten die Einfuhr - aber eben nur die Einfuhr - von Robbenfellen verboten haben.
Tierfreund Franz Weber aus Basel hat den Neufundländern für den Aufbau einer Alternativwirtschaft mit Robben ein Angebot gemacht: Er wollte einen Teil der Dollar-Millionen, die, wie Jim Winter das nennt, "die dummen, kleinen amerikanischen Ladys in Tennisschuhen" jährlich für den Robbenschutz spenden, in eine Spielzeugfabrik auf Neufundland investieren. Dort sollten arbeitslose Robbenfänger Spielzeugrobben aus Kunststoff herstellen.
Doch daß ein gestandener Robbenjäger wie Morrissey Johnson mit seinen Fäusten, die für Steuerruder und Hakapik gemacht sind, Kuscheltierchen mit Sägemehl füllt, war denn doch eine zu komische Vorstellung. Die Neufundländer lehnten ab.
Die Neufundländer halten sich für Moralisten. Bei vielen spürt man noch den Schuß Calvinismus im Blut, den ihre Vorväter aus England mitgebracht haben und den die Isolation im hohen Norden zwei Jahrhunderte lang konservierte. Sie gehen regelmäßig zur Kirche, trinken kaum Alkohol und lassen auch nachts die Haustür unverschlossen.
Nirgendwo auf dem amerikanischen Kontinent ist die Kriminalitätsrate so niedrig wie bei den Neufundländern. "Poor but honest" stand früher auf ihrer Fahne - arm, aber ehrlich - "und solche Leute müssen sich von Europäern, auch von Deutschen, vorwerfen lassen, sie seien so unmenschlich wie die KZ-Barbaren von Bergen-Belsen", sagt Jim Winter.
Hubert Waterman hat sogar einen seiner Söhne auf Calvins Namen taufen lassen. Waterman sowie seine Söhne Herald, Raymond Calvin und John sind Fischer und Robbenjäger, in der Familie die fünfte Generation. Ihr Jahr zerfällt in vier Jahreszeiten: die Hummersaison, die Kabeljausaison, die Lachssaison und die Robbensaison. Diesmal hat das Jahr für sie nur drei Jahreszeiten. 1981 hatten sie 1050 Felle heimgebracht, 1982 werden sie kein einziges heimbringen. Bei einem Verkaufserlös von 30 Dollar pro Stück hätten sie zugesetzt.
Bis vor drei Jahren sind sie noch mit der hölzernen "Hubert and Sons" auf Fang gefahren, die sie aus selbstgefällten Bäumen gebaut hatten. Dann warfen sie zusammen und kauften sich gemeinsam für 510 000 Dollar die "North Queen", ein stattliches 20-Meter-Schiff, um das sie jeder in Twillingate beneidete.
Heute beneidet sie keiner mehr. Seit Monaten leben sie mit ihren Familien nur noch von eingemachtem Robbenfleisch, Brot und Kaffee. Aber soviel kann man sich gar nicht vom Mund absparen, wie die Watermans brauchen, damit das Schiff nicht unter den Hammer kommt.
Sie wollen es noch nicht wahrhaben, aber der Bankrott ist sicher nicht mehr abzuwenden. Auf Herald, Raymond Calvin und John wartet die Sozialfürsorge - ebenso wie auf Panigpak Daorana im grönländischen Thule-Bezirk.
Eskimos und Neufundländer haben sonst nicht viel gemeinsam. Aber in einem Punkt sind sie sich alle einig: Schuld an all dem Elend habe die Hexe von Savigsivik, Brigitte Bardot, die sogar in einem Kinderbuch beschrieben hat, wie eine Horde von schlitzäugigen Killern über eine heile Robbenwelt herfällt.
Nach einem Besuch auf Neufundland hatte sich der Star in "Paris-Match" wie folgt zur Sache eingelassen: Wie herrlich. Ich " " sah die kleinen, ganz weißen Babys, die wie kleine Wollknäuel " " ausschauen ... Mir war nach Lachen und nach Weinen zugleich " " ... Vorsichtig, um es nicht zu erschrecken, kroch ich auf ein " " Seehundkind zu, nahm es sanft in den Arm. In diesem " " Augenblick erlebte ich eine einzigartige und unvergeßliche " " Liebe zu diesem winzigen Tier, das Glück, mein Gesicht in " " sein Fell drücken zu dürfen, seine Zutraulichkeit zu erfahren " " ... Kleine Seehunde, ich habe euch lieb. "
So hätte es sein können. Tatsächlich aber war es anders: Die Bardot war am Arm ihres damaligen ständigen Begleiters in Blanc Sablon in Labrador erschienen, hatte aber den von Greenpeace bereitgestellten Hubschrauber, der sie aufs Eis bringen sollte, verpaßt und daraufhin zornig kehrtgemacht.
An die "kleinen Wollknäuel", die sie später für "Paris-Match" beschrieb, war sie nicht dichter als ein paar Meilen herangekommen.
Und auf dem Schmusephoto von BB mit der kleinen Robbe, das um die Welt ging, hielt der Star nach Vermutungen der Agentur "Canadian Press" ein ausgestopftes Tier im Arm.
S.149
Wie herrlich. Ich sah die kleinen, ganz weißen Babys, die wie kleine
Wollknäuel ausschauen ... Mir war nach Lachen und nach Weinen
zugleich ... Vorsichtig, um es nicht zu erschrecken, kroch ich auf
ein Seehundkind zu, nahm es sanft in den Arm. In diesem Augenblick
erlebte ich eine einzigartige und unvergeßliche Liebe zu diesem
winzigen Tier, das Glück, mein Gesicht in sein Fell drücken zu
dürfen, seine Zutraulichkeit zu erfahren ... Kleine Seehunde, ich
habe euch lieb.
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DER SPIEGEL 14/1983
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