04.04.1983

ALTERNATIVERauhe Töne

Underground-Aktivisten experimentieren mit der Tonkassette. Entwickelt sich ein Medienverbund für die Szene?
Es kam der Tag, da sollte die Säge sägen.
Umgeben von starken Polizeieinheiten und heimlich im Morgengrauen, so rückten im November 1981 die Waldarbeiterkolonnen in den Forst bei Frankfurt ein.
Der Polizei-Angriff auf das Hüttendorf der Startbahn-West-Gegner rollte: Knüppel und Tränengas gegen Steine und Wurfgeschosse. Dann fielen die ersten Bäume.
Schrill tönte der Lärm von Motorsägen auch rund 20 Kilometer weiter nördlich, in den Frankfurter Stadtteilen Nordend und Bockenheim. Dort hatten Startbahngegner Kassettenrecorder in die offenen Fenster gestellt. Vom Band schallte, lange vorher präpariert, das Gekreisch von Sägen: akustisches Memento an einen politischen Kampf.
Solch enge Bindung zwischen Medium und Publikum ist das wichtigste Merkmal einer ungemein experimentierfreudigen Subkultur, die seit Anfang der achtziger Jahre die Tonkassette auf neue Anwendungsmöglichkeiten untersucht.
Vor rund 20 Jahren zur Serienreife gebracht, gedacht erst mal als handliche Diktierhilfe, ist die Tonkassette dabei, der Schallplatte den Rang abzulaufen.
Schon hat - ökonomischer Erfolg - in den USA der Absatz bespielter Tonkassetten den von Schallplatten übertroffen. Schon hat - kultureller Durchbruch? - der britische Pop-Manager Malcolm McLaren die Gruppe "Bow wow wow" ausschließlich per Kassette lanciert.
Per Kassette rief der Ajatollah Chomeini aus dem Exil seine Glaubensbrüder zum Sturm gegen den Schah auf, per Kassette erteilte er seine Lektionen.
Und seit die Mikrochiptechnologie die Kassettengeräte auf "Walkman"-Größe schrumpfen ließ, seit Kassetten auch beim Joggen, Radfahren und Schwimmen abgehört werden können, ist die Experimentierlust am ersten weltweit genormten elektronischen Medium noch gewachsen.
"Einen wunderschönen guten Tag" wünscht, per Rundbrief an die Gemeinde, der "Medienexperimentor" (eigene Berufsbezeichnung) Werner Pieper und kommt zur Sache: "Wir sehen uns hoffentlich bei einem der Vollmondessen" - da versammeln sich allmonatlich Künstler, Produzenten, Geschäftsfreunde.
Der gelernte Koch betreibt, zusammen mit dem Geiger Lutz Berger sowie der Bauchtänzerin Nadina Leganovic, das Tonkassetten-Label "Transmitter"
( "Transmitter ) ( Cassetten-Medienexperimente", Alte ) ( Schmiede, 6941 Löhrbach. )
im Odenwald-Dorf Löhrbach.
Auf "Transmitter"-Kassetten gibt es neben Klavierstücken des Mystikers G. J. Gurdjieff und Tips für Psychotrips von Timothy Leary etwa einen Sampler mit einem "Regionalprogramm", der in Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Szene-Blatt "Ketchup" erstellt wurde und auf dem sich, neben anderen, die Gruppen "Dosenbeer", "Synthikat" sowie "Sport-Spiel-Spannung" austoben.
Enge Bande zur Nachbarschaft nicht nur im Lokal-Sinn pflegt das Berliner Kassetten-Kollektiv "Stechapfel".
( Stechapfel Verlag und Produktion, ) ( Görlitzer Straße 74, 1000 Berlin 36. )
Im ersten Stock eines Kreuzberger Altbaus, über Berlins erster instand besetzter Wohnung, produziert der Verlag Tonträger für Freunde und Genossen.
Monatelang besprach der zum Über-Ich der Hausbesetzer- und Freak-Szene avancierte Kabarettist Wolfgang Neuss einen Tonträger. Bestseller bei "Stechapfel" sind eine Kassette der ewig schocklüsternen Hausfrau Helga Goetze und Ausschnitte aus Reden Rudi Dutschkes.
"Transmitter", "Stechapfel", ein gutes Dutzend kassettenfreundlicher Läden wie "Unterm Durchschnitt" in Hamburg, "235" in Bonn, "Rhizom" und "Scheißladen" in Berlin, zeitweise bis zu fünf Fanzines,
( Wortschöpfung aus "fan" und "magazine" ) ( - schnell produzierte, oft nur ) ( photokopierte Mitteilungsblätter, meist ) ( in splittrigem Punk-Look mit oft nur ) ( geringer Auflage. )
dazu ganze Seiten, S.232 die, in wie der Kölner Neue-Musik-Zeitschrift "Spex", für Kassetten-Rezensionen freigehalten werden - bei den politischen und musikalischen Underground-Aktivisten zählt inzwischen (Kassetten-) Beweglichkeit mehr als Größe, herrscht Bedarf an rauhen Tönen, so diese nur authentisch sind.
Bei den Musikschaffenden war es ironischerweise gerade der Verkaufserfolg der sogenannten Neuen Deutschen Welle, der den jungen Wilden die Lust an der Platte gelegentlich verleidete.
"Leg dir zuerst ein styles Image zu: die zeitgemäße Frisur, die chicen Klamotten und ''ne abgefahrene Geschichte. Dann fall über die Metropolen her. Überzeuge einen Plattenmulti. Kauf dir die besten Instrumente" - so beklagte das Kassetten-Label "Infam" den Ausverkauf einer einst heißen, spontanen Musik, die einmal mit Punk ("Hier sind drei Akkorde, nun gründe eine Band") begonnen hatte.
Die Kassette aber, so hofft der Hamburger Musikkritiker und -produzent Alfred Hilsberg, bietet eine neue "Basis für neue Bewegung in der Musik". Denn wie kein Tonträger sonst ermöglicht die Kassette spontane Arbeit und schnelle Rückkoppelung zu Kollegen in Metropolen und Provinz.
Inzwischen nämlich können noch die lautesten Klangwilden ihre Kassetten in der hellsthörigen Neubauwohnung produzieren.
Gitarristen und Bassisten spielen auf elektrischen Instrumenten, den Kollegen-Krach hört jeder nur im Kopfhörer. Sogar das Schlagzeug bleibt stumm:
Für knapp 200 Mark bieten Kaufhäuser elektronische Musikmaschinen an - kleine Computerkästen von der Größe S.233 eines Zigarettenkartons aufwärts. Sie können Perkussionsgeräusche vorfertigen und als Klangfolgen einspeichern.
"Da da da" - ihren Monoton-Sound würzt "Trio" mit dem Kunstklang solcher Musikmaschinen, die oft auch als Rechner benutzt werden können. Anspruchsvollere Geräte, ab 400 Mark, können mit ganzen Schlagzeug-Partituren programmiert werden.
"Da begab sich aber", resümiert der Münchner Geschichts- und Philosophiestudent Molto Menz zum zweijährigen Jubiläum seines "Cassetten und Zeitvertreibs"
( "Du bist so gut zu mir - Cassetten und ) ( Zeitvertreib", Molto Menz, ) ( Gravelottestraße 3, 8000 München 80. )
die zeitgemäße Wiederbelebung der Hausmusik, "daß zu Beginn der achtziger Jahre das Kopieren von Kassetten so günstig wurde, daß man bei der Produktion von akustischen Botschaften keine zentralistischen großen Brüder mehr brauchte."
Nur einen Tag muß warten, nur drei bis vier Mark pro Stück muß investieren, wer seine Kassette beim Profi hundertmal kopieren läßt - da senkt sich so manche Hemmschwelle.
Alternative Kassetten-Kopierer verlegen auch noch die Vervielfältigung ins Wohnzimmer und ziehen ihre Kopien an parallel geschalteten Recordern.
Die Kassette, so meinen die Fans, könne der Popmusik jenen flüchtigen Charme zurückgewinnen, den Dinosaurier-Produktionen wie etwa Pink Floyds "The Wall" luftdicht begraben. Wie "Zigarettenschachteln am Kiosk" will "Bow wow wow"-Malcolm McLaren, ehemals Manager der Ur-Punk-Truppe "Sex Pistols", Kassetten losschlagen.
"Einstürzende Neubauten", New-Wave-Gruppe aus Berlin, vertreibt Konzertmitschnitte S.236 auf dem Eigenlabel "Eisengrau". Zwei Musiker, sonst bei der Gruppe "Fähnlein Fieselschweif", haben sich für eine Kassette als "Kleines Schwingvergnügen" zusammengetan - lohnend für den Endverbraucher, mehr noch für die Kommunikation mit Kollegen.
Klaus Schmidbauer vom Pforzheimer "Intoleranz"-Label, Betreuer von rund 90 Musikern, ist von der Platte wieder ganz aufs Band gekommen: "Das Medium Kassette könnte so was wie eine Arche Noah sein."
Kein Wunder: Da (wie eine Bertelsmann-Studie nachweist) Jugendliche häufiger Kassetten-Recorder als Plattenspieler besitzen, entdecken auch die linken Medienstrategen ihre Liebe zur Kassette.
Sogenannte Medien-Pakete sowie eine Zeitschrift für Vereinsmitglieder produziert in Frankfurt die "Network Medien-Cooperative":
( Network Medien-Cooperative. Verlag und ) ( Medienservice, Hallgartenstraße 69, ) ( 6000 Frankfurt 60. )
Zigarrenkistengroße Pappschachteln mit einer oder zwei Kassetten und einem gehefteten "Begleitbuch" als Dreingabe.
Zwischen Titeln wie "Eins, zwei, drei, vier - die Arbeitszeit bestimmen wir", zwischen allerlei Pädagogischem und Belehrendem etwa zum Thema Behinderte, Ausländer oder zur Geschichte der Arbeiterbewegung wurden die "Network"-Dokumentationen der brutalen Polizei-Einsätze in Gorleben und an der Startbahn West zu Rennern in der linken Szene.
Die langfristigen Ziele der Kassetten-Theoretiker aber reichen weiter: Ein Verbund aus alternativen Druck- und Elektronikmedien soll ihnen, endlich, S.237 das zeitgemäße Gegenstück zu jenem roten Rundfunk bescheren, den Bert Brecht 1932 gefordert hatte und der nicht mehr "Distributions-", sondern "Kommunikationsapparat" sein soll.
Das bedeutet nicht sehr viel mehr, als daß jedem Hörer jede Möglichkeit gegeben werden sollte, selber Programm zu machen.
Manche Ton-Strategen haben auch schon eine Vorstellung, welche ersten Schritte zu tun wären. "Privater Rundfunk? So schon", warb im Herbst 1980 die Netzwerk-Genossenschaft. Und Mitte April will eine "Assoziation Freier Radios", der Zusammenschluß illegaler Piratensender und ihrer Freundeskreise (SPIEGEL 22/1981), auf einem Kongreß in Erlangen die Marschrichtung in eine alternative Medienzukunft festlegen: "Kein Kommerz auf Megaherz."
Radikalere Äther-Täter indes setzen auf den Medien-Propheten William Burroughs.
Der Amerikaner: "Geräuscheffekte von Krawallen können einen tatsächlichen Krawall auslösen, wenn eine Krawallsituation gegeben ist. Trillerpfeifen vom Tonband werden Bullen auf den Plan rufen, Schüsse vom Tonband, und sie ziehen ihre Waffen: ''Mein Gott, die killen uns]''"
Da ist die Alltagspraxis einstweilen zahmer. Erst mal wollen "Stechapfel", "Transmitter", "Network" und der "Cassetten und Zeitvertreib" einen gemeinsamen Katalog aller ihrer Kassetten herstellen und einer sorgfältig ausgeguckten Zielgruppe zugänglich machen.
Für die lernt "Zeitvertreib"-Menz jetzt Blindenschrift.
S.229 "Transmitter Cassetten-Medienexperimente", Alte Schmiede, 6941 Löhrbach. * Stechapfel Verlag und Produktion, Görlitzer Straße 74, 1000 Berlin 36. * Wortschöpfung aus "fan" und "magazine" - schnell produzierte, oft nur photokopierte Mitteilungsblätter, meist in splittrigem Punk-Look mit oft nur geringer Auflage. * S.233 "Du bist so gut zu mir - Cassetten und Zeitvertreib", Molto Menz, Gravelottestraße 3, 8000 München 80. * S.236 Network Medien-Cooperative. Verlag und Medienservice, Hallgartenstraße 69, 6000 Frankfurt 60. *

DER SPIEGEL 14/1983
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