24.10.1983

FILMAlte Welle

„Atemlos“. Spielfilm von Jim McBride. USA 1983. 99 Minuten, Farbe. *
Es gibt ein paar Filme, die man nicht ungestraft ein zweites Mal verfilmt, weil man sich dann nicht nur mit dem Schatten der Vergangenheit, sondern mit der Aura eines Kultfilms auseinandersetzen muß: "Casablanca" ist ein solcher Film, den es folgerichtig nur einmal gibt; die Nachfolgefilme der Marx Brothers ("Eine Nacht in Casablanca") oder Woody Allens ("Mach''s noch einmal, Sam") sind keine Remakes, sondern Parodien.
Jetzt hat sich der ehemalige amerikanische Underground-Filmer Jim McBride waghalsig darauf eingelassen, Godards "Außer Atem" neu zu verfilmen, die Schaumkrone der Neuen Welle sozusagen, einen Film, den seine Fans nicht mehr sehen müssen, um die Augen zu verdrehen, weil sie ihn im Kopf haben.
"Außer Atem" (von 1960), bei dem Truffaut für Godard das Drehbuch schrieb, war ein Low-Budget-Film, nach Art der amerikanischen B-Pictures produziert und gedreht: mit einer Kamera aus der Hand, mit einer Kulisse der Realität, nämlich den Champs-Elysees, und mit Darstellern, denen man eher ein Lebensgefühl als eine Rolle zudiktiert hatte, so daß sie oft frei improvisieren konnten.
Es war die Geschichte des kleinen Gauners und Autodiebs Michel, der gleich zu Beginn mehr aus Versehen einen Polizisten erschießt und dessen Tage seitdem gezählt sind. Jean-Paul Belmondo spielte ihn mit einem knittrigen Jungsgesicht, aus dem ständig eine Zigarette hing. Während er von Humphrey Bogart träumt, sich teure Straßenkreuzer zusammenklaut, um mit Hut und Sonnenbrille durch Paris zu kurven, verliebt er sich in die amerikanische Studentin Patricia, die ein bißchen unbedarft durch Paris stakst und sich als Journalistin ein paar Francs dazuverdient.
Jean Seberg spielte diese Amerikanerin in Paris: Ihre Unberührtheit war ihr Sex-Appeal; sie war die nüchterne, kühle Blonde mit der Kurzhaarfrisur, die der Latin Lover und proletarische Beau in Brand steckt. Was dabei rauskam, war eine amour fou für drei Tage, für die er, klar doch, bei einem Showdown ebenso aus Versehen abgeknallt werden mußte, wie er den Bullen abgeschossen hatte, und bei der sie ihn verraten mußte, um sich aus dem Strudel zu befreien.
Da der Film 1960 spielte, durfte man annehmen, daß diese Patricia jetzt, über 20 Jahre später, als Mutter mit drei Kindern in Massachusetts in einem weißen Haus mit grünem Rasen lebt und wahrscheinlich im Elternbeirat sitzt. Doch in Wahrheit hat Jean Seberg Selbstmord gemacht, ist Belmondo zum fröhlich rauhbeinigen Abziehbild des ewigen Schlägers und Verführers geworden, _(Oben: Mit Valerie Kaprisky und Richard ) _(Gere; ) _(rechts: mit Jean-Paul Belmondo und Jean ) _(Seberg. )
eher ein Industrie-Artikel als ein Filmheld - hat Jim McBride "Außer Atem" einfach noch einmal verfilmt.
"Atemlos", wie der Film in Deutschland heißt, um Verwechslungen vorzubeugen und zu fördern, spielt jetzt in Kalifornien und Nevada. Der Auto-Ganove zockt in Las Vegas und knallt den Polizisten, der ihn sich wegen Geschwindigkeitsüberschreitungen greifen will, auf der Fahrt nach Hollywood ab.
Aus der amerikanischen Studentin in Paris ist eine französische Architektur-Studentin an der UCLA geworden - und schon das gibt den ersten Bruch: Wenn die spröde Amerikanerin mit wohlwollender Neugier in Paris zu ihrem Lover sagte, "Ihr Franzosen denkt doch immer nur an Sex", dann klang das überzeugender, als wenn jetzt die Französin das gleiche zu ihrem amerikanischen Freund sagt: Irgendwie kommt einem L. A. als Stadt der Liebe überfordert vor.
Doch wäre diese Überschätzung Hollywoods noch am leichtesten zu verkraften. Schlimmer ist schon, daß Valerie Kaprisky sich zwar wunderbar dazu eignet, im neuen "lui" mit Haut und Haar im Gegenlicht irgendwelche Geilhuber anzutörnen, als Zeittyp aber etwa so aussagekräftig ist wie die Frauen und Bräute des Dallas- oder Denver-Clans. Wenn sie es mit ihrem Ganoven zu Wasser und im Bett treibt, hat man eigentlich immer das Gefühl, gleich müßte der Werbespot für Spülweich oder Superhart kommen, für den Deo-Stift mit dem gewissen Etwas.
Daß schöne Menschen in gepflegter Umgebung sich heftig suchen und heftig umarmen, macht noch keinen Kultfilm.
Den Belmondo-Part spielt das neue Hollywood-Idol Richard Gere, und es ist anzunehmen, daß sich McBride seinetwegen auf das "Atemlos"-Abenteuer eingelassen hat. Richard Gere, der den Dandy und Gigolo in "Ein Mann für gewisse Stunden" ebenso überzeugend spielte wie den militärisch in Zucht und Drill gebrachten Prolo-Macho in "Ein Offizier und Gentleman", gilt seither als Alleskönner, der noch dazu mit seiner virilen Ausstrahlung alle Frauen und manche Männer erreicht.
Als überdrehter Autoknacker und Herzensbrecher, der mit quietschenden Reifen zu seinem Tod kurvt und seine letzten Tage mehr durchtänzelt als durchläuft, zieht Gere eine so überdrehte Nummer ab, daß man eigentlich statt der schauspielerischen Leistung nur die Eitelkeit sieht, mit der Gere vorführen will, daß er auch noch Robert de Niro sein kann.
So ist der Film, wenn überhaupt, ein Denkmal für Robert de Niro, der aus einer Schmonzette ein Zeichen für eine Zeitstimmung gemacht hätte. McBrides Film begnügt sich mit den Trompe-l''oeil-Wänden Hollywoods, vor denen das Traumpaar endlos entlangläuft. "Außer Atem" - eine einzige Werbefläche (in Farbe) für "Atemlos".
Hellmuth Karasek
Oben: Mit Valerie Kaprisky und Richard Gere; rechts: mit Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 43/1983
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