04.04.1983

„Unterhosen sind nicht erlaubt“

SPIEGEL-Reporter Rolf Kunkel über eine absonderliche Form britischen Kampfgeistes
Reg Mellor, "König der Frettchen-Kämpfer", läuft in der winzigen Wohnstube seines Häuschens auf und ab, während er die Regeln des Sports erklärt, in dem er es relativ spät in seinem Leben zur Meisterschaft brachte.
"Unterhosen tragen ist nicht erlaubt", sagt der 74jährige Champion, der sich ärgert, daß einige Zeitungen seine Leistung verharmlosen, weil sie ausgerechnet dieses wichtige Detail verschweigen.
"Die Zähne der Frettchen dürfen nicht stumpf gefeilt sein, Doping ist verboten, die Wettkämpfer müssen nüchtern und die Tiere hungrig sein. Aber glauben Sie mir, die kleinen Bastarde beißen auch dann, wenn sie nicht hungrig sind."
Vier Bahnstunden nördlich von London, in der Grafschaft Yorkshire, der Heimat der legendären Frettchen-Kämpfer, können sich selbst ältere Leute nicht genau erinnern, wann der merkwürdige Zeitvertreib, den die Engländer "ferretlegging" nennen, zum ersten Mal vor Publikum stattfand. Sicher ist nur, daß der Sport, bei dem sich alles unterhalb der Gürtellinie abspielt, in der hügeligen Moor- und Weidelandschaft seinen Ursprung hat.
Was dem Kumpel in Wattenscheid seine Brieftauben, sind für Yorkshires Bergleute und Bauern die Frettchen: Man züchtet, kauft und verkauft sie (Preis: zwischen zwei und 100 Pfund), schleppt sie an Wochenenden mit zur Karnickeljagd - oder stellt sich mit ihnen zum Wettkampf auf die Bühne.
Den Sieg erringt derjenige Teilnehmer, der es am längsten aushält, daß sich ein oder mehrere Exemplare der spitzzahnigen Gattung in seiner oben und unten verschlossenen Hose tummeln. Am besten läßt sich die Entwicklung des skurrilen Kampfsports "ferret-legging" (von ferret = Frettchen und leg = Bein) an der phänomenalen Steigerung des Weltrekordes ablesen.
Vor zehn Jahren galten 40 schmerzhafte Sekunden als das Äußerste, was der Mensch zu ertragen in der Lage ist.
Selbst als Mitte der siebziger Jahre erstmals die magische Einminuten-Grenze übertroffen wurde, hätte sich niemand vorstellen können, daß die offizielle Rekordzeit heute fünf Stunden und 26 Minuten beträgt - aufgestellt im vergangenen Jahr von einem kleinen, schnauzbärtigen, am ganzen Körper tätowierten Mann, der nun vor mir steht und dabei ist, seine Hose aufzuknöpfen.
Reg Mellor lebt in Barnsley, einer Kleinstadt mit 50 000 Einwohnern. Das Gute an Barnsley, spottet Reg, sei, daß es hier nach einem Atomkrieg kaum anders aussehen wird als vorher. Nicht mal mehr im Wetterbericht werde die Gegend erwähnt; es interessiert niemand, ob es hier regnet oder nicht.
Kürzlich lachte ganz England über Barnsley: Der Ort, den zu meiden die Briten meilenweite Umwege in Kauf nehmen, hatte sich ein Touristikbüro eingerichtet. Nein, sagt die Dame am Schalter mit verwundertem Blick, einen Stadtplan gibt es nicht, aber natürlich kann sie den Weg zu Reg Mellor beschreiben. Reporter aus englischsprachigen Ländern wie Australien und Südafrika, ein Filmteam aus den Vereinigten Staaten, die Leute von der BBC, haben schon nach ihm gefragt und wollten "einen der letzten richtigen Männer unserer Zeit" (Kommentar in einem TV-Film) in Aktion sehen.
Weltmeister Reg Mellor stellt sich in der Kaminecke vor einem glühenden Feuer aus Yorkshire-Kohle in Positur, auf dem Fußboden zappeln mehrere Frettchen in einem zugebundenen Kartoffelsack, ein durchdringender Gestank hängt in der Luft.
"He, ihr Bastarde", mit geübtem Griff packt der Hausherr eines der gelblichweißen Pelztiere am Nacken und hält es in die Luft. Es klopft, Nachbar Malcolm steht an der Tür. "Tust du sie wieder rein, Reg?" In die Hose reintun bedeutet in der Sprache der Frettchen-Kämpfer: mit dem Training beginnen.
Reg knöpft die Hose auf, stopft das Tier hinein, schnallt den Gürtel zu und schickt einen Blick zum Himmel, der nur als schnelles Stoßgebet gedeutet werden kann. Derweil tobt das Frettchen, bewaffnet mit Krallen, so spitz wie Nadeln, und 16 kleinen, messerscharfen Zähnen, vehement in seinen Beinkleidern herum und sucht nach einem Ausweg.
Wenn Reg zum Wettkampf antritt, bindet er vor den Augen der Jury die Hosenbeine an den Fußenden zu und läßt gleich zwei dieser blutrünstigen, einen halben Meter langen Fleischfresser in seine Hose. Möglichst weit muß sie sein, sonst kann es leicht passieren, daß die Tiere, die der Wettkämpfer nie vorher gesehen hat, in Panik geraten.
Wenn professionelle Frettchen-Händler über das in nördlich gemäßigten Breitengraden lebende Frettchen - Mustela putorius furo - sprechen, dann reden sie von "Piranhas mit Füßen", von "pelzgeschmückten Teufeln, halb Ratte, halb Eichhörnchen", oder von der "einzigen lebenden vierbeinigen Kreatur, die nur aus Spaß tötet". Für Reg Mellor sind Frettchen schlicht Kannibalen. "Schlimmstenfalls fressen sie dir die Augen raus, um an dein Gehirn zu kommen, sie sind total unberechenbar."
Wie alle seine Kameraden nahm der ehemalige Bergmann die empfindlichen Pelztiere schon als Schulbub mit auf die Jagd, aber da sie, wenn sie naß und kalt sind, ihren Tötungs-Job mit wesentlich weniger Enthusiasmus betreiben, als wenn sie warm und trocken gehalten werden, steckte er die Frettchen bei Regenwetter in die Hose; und es regnet immer, wenn die Briten dieser Gegend auf Jagd gehen - so mag die seltsame Sportart entstanden sein.
Manche Engländer halten sich Frettchen als Haustiere, eine Gewohnheit, die zahlreiche Unglücksfälle nach sich zog: 1978 wurde in London ein sechs Monate altes Baby totgebissen; es vergeht kein Jahr, in dem nicht Säuglinge und Kinder angefallen werden. Anhänglich gegenüber niemandem, lassen Frettchen nur eine positive Charaktereigenschaft S.246 erkennen: Zäh und beharrlich beenden sie, was sie einmal angefangen haben. Gewöhnlich bedeutet das, alles zu beißen, was ihnen vor die Zähne kommt.
"Schauen Sie genau hin", sagt Reg und streckt seinen Unterarm aus. Wie bei einem Fixer haben sich die vielen Einstichnarben in der Armbeuge verknorpelt. Nach jedem Biß setzt er sich selbst eine Penicillin-Spritze, eine Vorsichtsmaßnahme, die er für nötig hält, weil die Veterinäre Angst haben, die Tiere zu berühren, und daher zu wenig über ihre Krankheiten bekannt ist. Man weiß, daß so ein Frettchen einem den Daumen abbeißen kann.
Ich blicke auf die Tätowierung einer nackten Frau, die sich über Regs ganzen rechten Oberschenkel windet. Seine fast haarlosen Beine sind übersät mit winzigen, bleichen Narben. "Versuchen die Tiere nicht, in den Penis zu beißen?" "Was heißt versuchen, sie hängen dran, an jeder Seite eines. Manchmal ist er so dick angeschwollen." Reg deutet auf eine Rolle mit Butterkeksen, die auf seinem Tisch liegt.
Die Regeln des "ferret-legging" erlauben dem Wettkämpfer, die Tiere zu packen, sobald sie beißen (nur von außerhalb der Hose), aber das ist keine leichte Aufgabe, denn ein Frettchen, das sich festgebissen hat, läßt nicht mehr locker. Die "Encyclopaedia Britannica" meldet, es sei möglich, das Tier zur Aufgabe zu zwingen, indem man heftig einen bestimmten Punkt über den Augen drückt. Reg Mellor bevorzugt einen handlichen Schraubenschlüssel.
Der Weltmeister der Frettchen-Kämpfer ist ein stolzer Mann, deshalb hätte er vor etlichen Monaten - Reg wollte die Sechs-Stunden-Marke brechen - beinahe seinen Abschied genommen, so deprimiert war er.
Die Tiere weilten schon über fünf Stunden in seiner Hose -, wenn sie genügend Blut gesaugt oder sich müde gelaufen haben, schlafen sie ein - als er feststellte, daß außer zwei in der ersten Reihe sitzenden Männern sämtliche 500 Zuschauer nach Hause gegangen waren. Okay, hatte er seinen beiden treuesten Fans zugerufen, ich spendier euch hinterher ein Bier. Worauf der eine erwiderte: Beeil dich, Opa, wir sind hier, um die Stühle wegzuräumen.
Die Einnahmen aus Rekordversuchen und sonstigen Auftritten stiftet Reg den karitativen Einrichtungen seiner Heimatstadt, er selbst lebt von der Rente.
Zwar ist Reg wie jeder echte Champion daran interesssiert, daß sein Sport einer breiten Öffentlichkeit bekannt wird, deshalb ist er auch zu Konzessionen bereit, zum Beispiel trägt er neuerdings bei Wettkämpfen auf Wunsch des Fernsehens eine weiße Hose ("Man sieht das Blut besser"), aber kaufen läßt er sich nicht. Ein PR-Mann aus Los Angeles, der ihn mit einem attraktiven Angebot nach Übersee locken wollte, mußte unverrichteter Dinge wieder abreisen.
Reg erzählt davon im Pub an der Ecke, wo er mit großem Hallo begrüßt wird. Am Tresen stehen ein paar prächtige Exemplare von Yorkshire-Männern, die nicht so aussehen, als hätten sie vor irgend etwas Angst, aber mit Reg würde keiner von ihnen auf die Bühne gehen. Der hat so was, meint einer, der kann die Frettchen irgendwie beruhigen, bei ihm sind die Tiere wie verhext.
Reg Mellor will kein Held sein, er hört es nicht gern, wenn von seinem Talent, seinem Mut und seiner schier übermenschlichen Konzentrationsfähigkeit geschwärmt wird.
"Alles Nonsens", verrät der Champion, "du mußt nur die Fähigkeit besitzen, dir ins Glied beißen zu lassen und dabei so zu tun, als sei nichts geschehen."

DER SPIEGEL 14/1983
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