24.10.1983

Gärtner der Blumen des Bösen

Karsten Witte über Bunuels Erinnerungsband „Mein letzter Seufzer“ Witte, 39, lebt als Filmkritiker in Berlin und publizierte unter anderem die Sammlung „Theorie des Kinos“. *
Meine Freundschaft mit Bunuel geht auf die Zeiten des Surrealismus zurück. Wie kann ich ihn vergessen, auch wenn ich weine?" bekundete der spanische Antifaschist Sigismund, von Franco ins Exil verjagt. Der dieses Zeugnis ablegte, den gab es nie. Pasolini ließ in seinem letzten Theaterstück "Calderon" eine literarische Figur so sprechen. Bunuel gehört zu Spanien wie Calderon.
Er wurde zum Begriff, und das war sein Verhängnis, gegen das er sich mit seinen Filmen wehrte. Der Begriff, den man sich von Bunuel zu machen beliebte, hieß Rätsel und Skandalon, seit sein Erstlingsfilm "Ein andalusischer Hund" (1928) die Wahrnehmung des Publikums am Sehnerv getroffen hatte. Ein Rasiermesser durchschnitt ein Auge. Beim Wiedersehen des Films trifft der Schmerz noch tiefer. Er ist schon da in der Erwartung. Dieser Schmerz verursacht, daß man von der Form des Films unwillkürlich absieht. Darin bestand die Revolution, die Bunuel im Kino anzettelte.
Auch wenn es in Wirklichkeit nur das Auge des toten Esels war, das hier zerteilt wurde, dessen Kadaver man in das Klavier kippte - aggressiver war kein Schock je von der Leinwand ins Gesicht des Zuschauers geschlagen. Bunuel war im Bunde mit den Exzentriks von Paris, die surrealistische Anschläge auf die gesamte Kunstwelt ersannen und ausführten, ohne die Stühle, auf denen sie so sicher saßen, anzusägen. Im Grunde war ihre Allianz von Avantgarde und Adel, der jene Akte finanzierte, ohne mit der Wimper zu zucken, das erstaunlichste Kunststück der Surrealisten.
Bunuels erster Streich war jener Film, in dem weder ein Hund noch ein Andalusier vorkommt. Sein letzter Streich war sein Buch der Erinnerungen, das jetzt vortrefflich (von Frieda Grafe und Enno Patalas) ins Deutsche übertragen wurde und "Mein letzter Seufzer" _(Luis Bunuel: "Mein letzter Seufzer". ) _(Athenäum Verlag. Königstein; 260 Seiten; ) _(36 Mark. )
heißt; obwohl es vermutlich sein vorletzter war, obwohl es Bunuel eigentlich nicht schrieb, sondern erzählte. Aufgeschrieben hat es sein Intimus und Drehbuchautor Jean-Claude Carriere, der die letzten Drehbücher für Bunuels Filme verfaßte und kürzlich Proust für Volker Schlöndorff einrichtete.
Der Leser des "Letzten Seufzers" ist frühzeitig gewarnt. "In diesem halbbiographischen Buch, in dem ich zuweilen vom geraden Weg abkomme - wie in einem pikaresken Roman - (...) sind vielleicht noch ein paar falsche Erinnerungen übriggeblieben." Halbbiographisch, falsche Erinnerungen und der Rest Erfindung? Nicht ganz.
"Ich liebe den Schelmenroman", lautet ein späteres Bekenntnis, das die Form seines Lebens wie die seiner Filme erschließt. Denn hier reiht Bunuel sich ein in beste spanische Tradition. Ein Pikaro ist mehr als ein Schelm. Er ist ein Landstörtzer, wie man barock zu sagen pflegte. Modern hieße das: ein Umtriebiger, ein neugierig Reisender zu Fuß, der naiv auszieht und desillusioniert, aber gewitzt heimkehrt, den Verlust der Unschuld ausgleichend mit dem Verlust an Vorurteilen. "Verstehen - welcher Horror! Welches Glück, fürs Unerwartete offen zu sein."
Schließlich ist jede Filmarbeit eine Operation der Sinnestäuschungen. Bunuels Leistung bestand in der Einzigartigkeit, in der er seine Täuschungen höher veranschlagte als die Selbsttäuschung des Publikums, das mit den Regeln der Konvention: Story, Stars, Schauwerte und Happy-End liebäugelt. Bunuel stellt seinen Fuß in diese Tür zur Verheißung und läßt nur einen Spaltbreit frei, der den Blick der Zuschauer in den Schwindel zieht. "Ich liebe Geheimgänge,
Bücherwände, die sich öffnen, Treppen, die in die Tiefe führen."
Sein Leben war, wie es hier fabuliert wird, ein Abenteuer, das keinem Nachgeborenen so noch gelingen kann. Bunuel, immer so alt wie unser Jahrhundert, starb mit 83 Jahren, zwar noch in seiner Zeit, die ihm aber schon entglitt. Traurig, alt und einsam sinniert er mit einem Pariser Freund in der Bar, die Zeit der Skandale sei endgültig vorbei. Anders gesagt, die Erschütterungen, die er einst verursachte, haben heutzutage ein globales Echo, mehr als nur lokale Resonanz. Das macht die Wirkungen diffus, denn sie treffen nicht mehr auf ein homogenes Publikum von Kennern, auch unter Feinden.
Wenn eine Eigenschaft Bunuel besonders auszeichnet, dann ist es sein Witz der Selbstbescheidung. Im vollkommenen Gegensatz zu seinem Ex-Freund Dali war Bunuel ein Genie der Untertreibung. Mit dem Schock-Moment ging er sparsamer um als seine Interpreten, die oft, wo er nur Lunten legte, ein Feuerwerk abfackelten.
Ihm ging es nie um die großen Begriffe. Er liebte Implosionen, dieser bedächtige Anarchist. Dazu paßt sein trockener, ja manches Mal brutaler Lakonismus, der, beispielhaft in dem Film "Der diskrete Charme der Bourgeoisie", unbekümmert um den allgemeinen Takt von einem außerordentlichen Martini-Dry-Rezept plaudert wie vom Totenkult in Mexiko. Das alles ist, wie neuerdings nur noch ohnmächtig behauptet wird, eine Frage des Zusammenhangs. Bunuel betreibt, noch in diesem Buch, den Abbau logischer Prioritäten, den Nicht-Sinn des angenommenen Sinns. Der Körper steht nicht tiefer als der Geist, das Abstrakte ist nicht kostbarer als Konkretes. "Mein letzter Seufzer" ist eine ungenierte Sinnenfibel, die offen, aber nie obszön - Bunuel haßte die literarische Kraftmeierei von Hemingway und Steinbeck - die Dinge beim Namen nennt. Wer seine Filme von Symbolen wimmeln sieht, vertuscht eilig ihre Wirklichkeit.
Bunuel führte ein Leben, das viele Leben hatte. Er war Jesuitenschüler, Poet, Surrealist, Regisseur, Darsteller, Polit-Kommissar der Republikaner, Spanier, Fast-Amerikaner, Mexikaner, Wahl-Franzose, Sadist im Film und braver Familienvater, treuer Freund und Herrensöhnchen (senorito), Waffenfetischist und stoischer Philosoph. Wer nur das Eingangskapitel: "Gedächtnis" und den Schluß des Buches: "Schwanengesang" (wieder so eine unverschämt poetische Wendung, die Schlimmeres kaschiert) liest, mag sich an beste Essayistik, wie an Montaignes Text über das Altern, erinnert fühlen.
Zum Glück ist "Mein letzter Seufzer" keine Fundgrube nur für Filmhistoriker. Dann schon eher, wie es dem Regisseur gefiele, eine Fallgrube, denn abgerechnet mit der Affäre Film hatte Bunuel weit vor dem "Letzten Seufzer". Die hier ausgebreiteten Details waren in unzähligen Interviews, Biographien und Einzelpublikationen ausgebreitet. Was fehlte, war der Zusammenhang des Weges, den Bunuel durch die poetischen und politischen Bewegungen einschlug. Hier ist er. Seine Einmischung in den Spanischen Bürgerkrieg in offizieller _(Mit Catherine Deneuve. )
Mission, der Öffentlichkeit Bilder vom Kampf zu präsentieren; seine Porträts der Poeten von Lorca bis Rafael Alberti, seine Händel mit dem Maler Dali, der sich als sein Ehrabschneider erweisen sollte, seine vorsichtige Auflehnung gegen den Gruppenpapst der Surrealisten.
Er mochte Breton nicht sonderlich. Als der Trotzki im mexikanischen Exil besuchte, sagt Bunuel, soll Trotzki nur komisch über seinen Hund gesprochen haben. Das ist möglich, aber gemein. Denn Breton hielt nach seiner Rückkehr aus Mexiko 1938 in Paris eine öffentliche Rede zum Jahrestag der Oktober-Revolution. Da ist von Trotzkis Hund natürlich keine Rede, sondern vom politischen Profil des Theoretikers der permanenten Revolution, für die Breton einen Blick besaß.
Bunuel, der ohne Rangabstufung mit Grafen und Revolutionären, mit Philosophen und Pistoleros umging, macht in der Schilderung seiner Begegnungen keinen Unterschied. Er nimmt sie an, er stößt sie ab. Wenig Zeit bleibt zu verweilen. Schon kommt der nächste interessante Mensch, dessen Eigenart illustriert sein will. Kurzer Prozeß, ohne Urteil, könnte dieses Verfahren lauten. Die Anklage gerinnt zur Anekdote, das Delikt zu einem Gag. Das ist vermutlich der Stilisierung dieser Erinnerungen durch deren Aufschreiber zu verdanken, der Bunuels Monolog, um ihn vom Fleck zu bringen, pointiert wie einen Dialog.
Für Bunuel ist jedes Geschöpf gleich, das heißt nicht: gleich gut oder gleich schlecht. Ein Immoralist ermittelt in Sachen Freispruch. Bringt ihm die Blumen des Bösen, und er wird ihr Gärtner sein! Es war Andre Bazin, der die Verwandtschaft Bunuelscher Helden mit denen von Genet entdeckte. Etwas altmodisch sprach Bazin in seinem Vergleich der beiden noch von der Umwertung der Werte, aber er wußte, wovon er sprach. Wußte Bunuel, als er seinem Schreiber den "Letzten Seufzer" beichtete, auch immer, wovon er nicht sprach?
Als er 1955 wieder in Europa, den Film "Cela s''appelle l''aurore" (Morgenröte) drehte, wurde Jean Genet beauftragt, das Drehbuch zu schreiben. Trotz Honorarzahlung - aber was bedeutet das für Genet - lieferte er nie ein Drehbuch ab. Wie kam es zu dieser Nicht-Zusammenarbeit? Was hätte, umgekehrt, daraus werden können! "Das Drehbuch", erinnert sich Bunuel, "habe ich zusammen mit Jean Ferry, einem Freund der Surrealisten, geschrieben." Genet war kein Freund der Surrealisten, Schwamm drüber. Von ihm in Bunuels Erinnerungen kein Wort.
Merkwürdig nehmen sich auch die seit langem zurückgehaltenen Informationen zu Bunuels Überlebensarbeit am New Yorker Museum of Modern Art aus. Mittellos kommt der Regisseur 1939 dort an. Die berühmte Filmabteilung des Museums vertraute ihm Leni Riefenstahls "Triumph des Willens" (1935) an, das Dokument vom Nürnberger Parteitag, in Wahrheit eine Ausstattungsrevue erster Ordnung, die viele Zuschauer zum Faschismus hinriß. Bunuel, so will es die linke Legende, schnitt Riefenstahls Film zu einer neuen Fassung um, die "eine dem Original konträre ideologische Richtung hat", wie im Bunuel-Buch der Reihe Film (Band 6, Hanser Verlag, München 1975) zu lesen stand.
Jetzt liest man''s anders. "Hitlers und Goebbels'' Reden sollten auch in gekürzter Form eine Kontinuität behalten. (...) Ich habe einen neuen Schnitt gemacht, neue Anschlüsse. Alles ging sehr gut." Nicht alles ging gut. Auch diese Fassung war noch gesundheitsschädlich. "Chaplin lachte wie ein Irrer. Er ist vor Lachen sogar vom Stuhl gefallen." Die Folgen dieses Falls sind bekannt. Sie hießen, als Chaplin sich gefangen hatte, "Der große Diktator". Wäre es nicht an der Zeit, das Museum of Modern Art führte Bunuels Version vom "Triumph des Willens" öffentlich vor? Vielleicht fällt keiner mehr vom Stuhl. Vielleicht wissen wir mehr, wenn Leni Riefenstahl 1984 ihre Erinnerungen, wie angekündigt, vorlegt.
Auch über seinen Ton-Mann bei dem zweiten Anschlag auf die Film-Kultur: "L''Age d''Or" ("Das Goldene Zeitalter", 1930) sagt Bunuel nichts. Das war zu erwarten. Der paßte nicht zu ihm. Aber wie er auf jenen verfiel, möchte man wissen. Den Ton zum "Goldenen Zeitalter" machte ein Dr. Peter Paul Brauer von der Tobis-Klangfilm, wie der Abspann sagt. Dieser Doktor war schon 1930 ein aktiver Kämpfer, nicht gerade auf der Linie Bunuels. Er stand vielmehr im Dienst der NSDAP. Auf Goebbels'' Wunsch wurde Brauer 1939 Produktionschef der Filmfirma Terra, wegen Unfähigkeit aber schon bald wieder entlassen. Seiner Regiefähigkeit ist der im bundesdeutschen Fernsehen immer wieder gern gesehene Streifen "Die schwedische Nachtigall" (1941) zu verdanken.
Zum Abschluß keine zusammenfassende Formel, die mit Bunuel, dem unsterblichen Landstörtzer, versöhnte, sondern bloß die Erinnerung an jene Formeln, die in der deutschen Filmkritik der vergangenen Jahrzehnte für Bunuel gefunden wurden. Oder galten sie nicht ebenso gut oder schlecht für einen Filmregisseur wie Ingmar Bergman? Dem Protestanten, der das Schauspiel von der Macht der Schuld inszenierte, im Vergleich mit dem Katholiken Bunuel, der das Schauspiel von der Ohnmacht der Scham inszenierte? Keine Angst, ich halte mich nicht bei den militanten Sinnsuchern auf, die Trost in jeder Empörung finden, anstatt über die so üppig gespendeten Tröstungen sich zu empören. _(Mit Fernando Rey und Maria Gabriella ) _(Maione. )
Luis Bunuel: "Mein letzter Seufzer". Athenäum Verlag. Königstein; 260 Seiten; 36 Mark. Mit Catherine Deneuve. Mit Fernando Rey und Maria Gabriella Maione.
Von Karsten Witte

DER SPIEGEL 43/1983
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