05.12.1983

„Lebend kriegen die mich nicht“

Die Ostlandflüge des Friedemann Späth Unter dem Namen „Wilhelm“ führt ein fliegender Fluchthelfer einen „Privatkrieg gegen die DDR“. Er kurvt entgegen westlichen wie östlichen Vorschriften im Tiefflug über die innerdeutsche Grenze und entging einmal nur knapp dem Abschuß durch sowjetische Hubschrauber, aber das schreckt den Hasardeur nicht ab. *
Wenn es über den Köpfen von DDR-Bürgern gelegentlich außerplanmäßig brummt, kommen vor allem zwei Möglichkeiten in Betracht.
Die eine: Ein polnisches Flugzeug, entführt oder entwendet, nähert sich im Tief- und Fluchtflug wieder einmal West-Berlin; seit 1980 landeten dort elf Maschinen.
Die andere Möglichkeit heißt Friedemann Wilhelm Späth.
Wie es die Polen-Flüchtlinge nach Westen zieht, lockt den 43jährigen Wachmann Späth aus dem schwäbischen Tuttlingen der Osten. Dort geht er, so oft Auftragslage und Nachtwächter-Dienst es zulassen, seiner riskanten Lieblingsbeschäftigung nach: Fluchthilfe per Flugzeug.
Späth nennt das seinen "Privatkrieg gegen die DDR". Dort, in Feindesland, heißt derlei "staatsfeindlicher Menschenhandel" und ist im Strafgesetzbuch mit maximal lebenslanger Haft ausgepreist.
Eine Pilotenlizenz besitzt Späth schon seit fünfzehn Jahren nicht mehr, seine Flugweise gilt amtlich als "risikoreich" und "rücksichtslos". 1968 hatte er sich mit gewagten Tiefflugmanövern einen Jux machen wollen und dabei ein zwölfjähriges Mädchen getötet. Das Landgericht Rottweil schickte ihn deshalb für achtzehn Monate ins Gefängnis.
Diese Selbst-Vernichtung seiner bürgerlichen Existenz - Späth diente damals der Deutschen Bundesbahn als Inspektor - führte offenkundig zu sozialistischen Anwandlungen. Während eines Hafturlaubs im Herbst 1970 klaute der "geborene Flieger" (Späth über Späth) vom Flugplatz Coburg-Steinrücken eine zweisitzige Piper PA-18 und setzte sich damit in die DDR ab.
Doch "die Genossen", wie Späth seither die Amtswalter im Osten nennt, zeigten sich von dem nach lustvollem Querfeldeinflug bei Magdeburg niedergegangenen Übersiedler nicht entzückt. Statt an die Reichsbahn, deren Züge Späth eigentlich hatte lenken wollen, reichten sie ihn an die rote Justiz weiter.
Die gestohlene Maschine durfte bald retour, doch Friedemann Späth, der nun gar nicht mehr wollte, mußte bleiben: Wegen Verletzung von Staatsgrenze und volkseigenem Luftraum verurteilte ihn ein Ost-Berliner Stadtbezirksgericht zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und _(Zwischen Trappstadt (Bundesrepublik) und ) _(Linden (DDR). )
sechs Monaten - für Späth die "reine Willkür".
So entschloß er sich, es der DDR als fliegender Fluchthelfer heimzuzahlen, sobald Freiheit und Freizeit dies zulassen würden. 1972 vorzeitig nach Westen entlassen, mußte er jedoch erst die bundesdeutsche Reststrafe von gut einem Jahr absitzen, und mit Geldverdienen sowie dem Ausbaldowern von Auftraggebern und Gelegenheiten gingen noch einmal bald vier Jahre hin, ehe Späth seinen Schwur aus dem Ost-Knast ("Ich komme wieder, Genossen") wahrmachen konnte.
Doch der große Coup, der ihn endlich zu seinem Flieger-Idol, dem Jäger-Baron Manfred von Richthofen, hätte aufrücken lassen, wurde es auch im September 1977 nicht. Zwar gelangte Späth, diesmal mit einer für 15 000 Mark gekauften Piper PA-18, via Dänemark und Polen ungehindert bis zu seinem Zielort Klein Behnitz im DDR-Bezirk Potsdam und auch wieder zurück, aber Flüchtlinge brachte er nicht mit.
Statt dessen wurde er erneut bestraft - sechs Monate Freiheitsentzug auf Bewährung wegen "fortgesetzter unbefugter Führung eines Luftfahrzeugs in Tateinheit mit unerlaubter Mitführung einer Waffe ... sowie Zuwiderhandlungen gegen Anordnungen über ein Gebiet mit Flugbeschränkungen" (SPIEGEL 38-40/ 1978).
An diesem fünf Jahre alten Befund werden sich demnächst die Amtsrichter von Fulda orientieren können. Denn kaum war die Bewährungsfrist für die Kasseler Verurteilung abgelaufen, startete der "wilde Friedemann", wie ihn die schwäbischen Heimatzeitungen nennen, wieder zu seinen inzwischen ideologisch verbrämten Ostlandflügen.
Mindestens fünfzehnmal, so klagen ihn die Fuldaer Staatsanwälte jetzt an, soll er in diesem und im vergangenen Jahr verbotenerweise in der Luft gewesen sein, davon zweimal über dem Hoheitsgebiet der DDR und der Tschechoslowakei - und "damit wissen die über meine Aufklärer- und Fluchthelfer-Tätigkeit noch längst nicht alles", sagt Späth.
Als Auftraggeber und Finanzier in allen fraglichen Fällen fungierte der Ingenieur Gert-Michael Schmitt aus dem südhessischen Heusenstamm. Der hatte im September 1981 auf Geschäftspapier des Langener "Ing.-Büro Mec" bei Späth nachgefragt, ob er wohl für "einige Ideen, die ich verwirklichen will", auf ein "gewisses sportliches Interesse Ihrerseits - vielleicht sogar auf eine Zusammenarbeit - rechnen" dürfe.
Späth deutete diese konspirativen Anspielungen sogleich richtig. Bei einem Gespräch in Schmitts Wohnung rückte der aus der DDR gebürtige Ingenieur rasch damit heraus, daß er den einen oder die andere aus Ostdeutschland herauszuschleusen gedächte und dafür den rechten Mann suche.
Von der ursprünglichen Schmitt-Idee, dafür einen motorisierten Hängegleiter vom Typ Firebird M 1 zu benutzen, kam man allerdings bald ab. "Diese Dinger", so Späth, "erschienen mir als zu unsicher, und außerdem hatte ich damit keine Erfahrung."
Ausreichend Erfahrung dagegen hatte er mit dem einmotorigen Hochdecker Piper PA-18. Und da traf es sich gut, daß seine ehemalige Maschine dieses Typs mit dem Kennzeichen D-EHCK, die Späth 1977 für seinen ersten Fluchthelfer-Flug von dem Dortmunder Mathematik-Professor Josef Conrad erworben und später an diesen zurückverkauft hatte, wieder zu haben war.
Als Interessent kreuzte im Juni vergangenen Jahres, nachdem er sich durch
ein paar Flugstunden schlau gemacht hatte, Gert-Michael Schmitt bei Conrad auf. Er stellte sich, wie der Professor heute erinnert, "als Diplom-Ingenieur vor, der bei einer Baufirma in Algerien ein Mordsgeld machte und die Maschine erst mal im Urlaub und später in Afrika fliegen wollte".
Für 22 000 Mark wechselte das Fluggerät den Besitzer, und kulanterweise überflog es Verkäufer Conrad gleich vom damaligen Standort Hamm zum Privatflugplatz Fulda-Jossa. Dort hatten sich Schmitt und Späth, letzterer unter seinem zweiten Vornamen als "Herr Wilhelm", inzwischen als "Wald-und-Wiesen-Flieger" vorgestellt, einen Hallenplatz gemietet und auch gelobt, dem örtlichen Fliegerverein beizutreten.
Vom 23. Juni 1982 an wurde das Flugzeug mit der Kennung Delta-Echo-Hotel-Charlie-Kilo ausweislich des Bordbuches nur noch vom Herrn "Wilhelm" geflogen, insgesamt 29mal. Und Herr Wilhelm tat, was Herr Späth so gerne tut: über der DDR herumkurven.
Am 3. Juli 1982 startete er morgens um 5.15 Uhr unbemerkt und ohne Flugleiter vom Flugplatz Pegnitz-Zipserberg in Oberfranken mit dem Ziel Okrouhla (Scheibenreuth) in der CSSR.
Dorthin, auf eine flugzeuggerechte Wiese nahe der Landstraße 21 halbwegs zwischen Cheb (Eger) und Stara Voda (Altwasser) hatte Auftraggeber Schmitt zwei Freunde aus dem thüringischen Rudolstadt bestellt: den damals 39jährigen Angestellten Helmuth Schmidt und den Gastwirt Peter Kothe, 28.
Um die für Privatflieger strikt gesperrte Flugüberwachungszone ADIZ (Air defence and identification zone) entlang der Grenze zum Warschauer Pakt kümmerte sich Wilhelm/Späth schon längst nicht mehr. Im Tiefflug brauste er bei Mähring über die St.-Anna-Kirche und unmittelbar danach über die tschechische Grenze.
Pünktlich zur vereinbarten Zeit landete er an der angegebenen Stelle, und getreu seiner Selbstbeschreibung als "Termin- und Datenfetischist" ließ er sich von Schmidt und Kothe erst einmal deren DDR-Personalausweis zeigen, ehe die "Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland" (Späth) begann.
Weil die beiden zusammen immerhin fast vier Zentner auf die Waage brachten, mußte sämtliches Fluchtgepäck im Scharnitzer Wald zurückbleiben. "Wer in die Freiheit will", dozierte der Pilot, "muß froh sein, wenn ich ihn in nackigem Zustand raushole."
Trotzdem gelang es Späth erst beim zweiten Versuch, die überladene Maschine knapp über die Baumwipfel hinweg und mit gefährlich hochdrehendem Motor nach Hause zu bringen. Wäre auch dieser zweite Start mißglückt, hätte laut Späth "einer dableiben müssen. Das wußten die; ich bin ja der Kommandant, und da haben die zu gehorchen".
Nach der Landung schlüpfte Kommandant Späth in die Rolle eines Empfangschefs: Mit einem feierlichen "Sie betreten jetzt den Boden der Bundesrepublik Deutschland", einem Zehrgeld und der Telephonnummer von Finanzier Schmitt entließ er seine Passagiere in Richtung Pegnitzer Hauptpost.
Bei der polizeilichen Anmeldung und dem späteren Bundesnotaufnahme-Verfahren, so schärfte er ihnen noch ein, sollten sie unbedingt angeben, ein Lastwagenfahrer habe sie aus der DDR herausgeschmuggelt - "und das", so Späth heute, "haben die beiden später wohl auch ausgesagt".
Daheim in Tuttlingen spielte Späth wieder, wie er selber sagt, "den Biedermann" und genoß sein "Bomben-Erfolgsgefühl" nur im stillen. Flucht-Unternehmer Schmitt kam derweil weiter für Spesen und Flugkosten auf, und da die nächste Passage auf sich warten ließ, brach Späth am 15. September 1982 vom bayrischen Schwandorf erst mal zu einem Erkundungsflug auf, um in Übung zu bleiben.
Wie gewöhnlich mit abgedeckten Tragflächen-Kennzeichen mogelte er sich abermals über die deutsch-tschechische Grenze - diesmal mit ausreichend Muße, um sogar Uhrzeit (11.35 Uhr) und Position (12 Grad 35 Minuten östlicher Länge) zu notieren. Bald darauf schwenkte Späth nach Norden ab, überflog zwischen Klingenthal und Johanngeorgenstadt das Erzgebirge, kiebitzte bei Reichenbach in Verteidigungsanlagen der Nationalen Volksarmee, umkurvte das Hermsdorfer Autobahnkreuz und _(Peter Kothe und Helmuth Schmidt, am 4. ) _(Juli 1982. )
inspizierte einen Landwirtschaftsflugplatz östlich von Rudolstadt, der fürs nächste illegale Schnäppchen in Aussicht genommen war.
Während des zweieinhalb Stunden dauernden DDR-Rundfluges photographierte Späth, was ihm so vor die Kamera kam. In akkurater Heimarbeit archivierte und beschriftete er später diese Bilder und notierte etwa zur Aufnahme des Rudolstädter Bahnhofgeländes: "Man kann ohne weiteres eine Bombe abwerfen." Und ein Photo von DDR-Grenzanlagen kommentierte er mit Hinweis auf das eingegangene Risiko: "Ein Kopf-ab-Bild."
Doch der Späh-Flug kostete Späth nicht einmal Bares, und eine Lizenz hatte er ohnehin nicht mehr zu verlieren. Größere Sorgen bereitete ihm zu jener Zeit allenfalls der Gemütszustand seines Geldgebers. Der nämlich zeigte sich vom geflüchteten Freund Helmuth Schmidt mittlerweile in Geldangelegenheiten bitter enttäuscht und klagte seinem Partner Späth zur Jahreswende, er sei vorläufig "auf Tauchstation gegangen" und habe "viel dazulernen müssen".
Postwendend begann die gewerbsübliche Paranoia: Das nunmehrige Trio Späth, Schmitt und Kothe beargwöhnte den undankbaren vierten Mann, bei Besuchen im Ostblock dem DDR-Staatssicherheitsdienst auf den Leim oder sogar hilfreich zur Hand gegangen zu sein. Jedenfalls wurde ein bereits ausgearbeiteter Fluchtplan aufgegeben, überdies eine andere "Zielperson" ausgeguckt. "Die sollte ich", so Späth, "am 21. Mai dieses Jahres rausholen."
Doch daraus wurde nichts, obwohl Späth von seiner Mission als Ein-Mann-Luftwaffe bereits so berauscht war, daß er sich "erstmalig einen Frontalangriff auf die DDR" über die zwischendeutsche Grenze hinweg befahl. Diesmal startete er im Morgengrauen direkt vom Heimatflugplatz Fulda-Jossa, vertrödelte, um nicht zu früh zum arrangierten Treff zu erscheinen, eine Viertelstunde über Bamberg und überflog um 7.50 Uhr bei Nordhalben westlich des Übergangs Rudolphstein die DDR-Grenze.
Alsbald kam die "Zielperson" in Sicht, die geduldig auf einer Wiese nahe der Kreisstadt Pößneck ihres Befreiers aus dem Westen harrte. Doch der, das Gras war viel zu hoch, konnte nicht landen, und so photographierte er noch ausgiebig die 20 000-Seelen-Gemeinde von allen Seiten, bevor er sich auf der nun schon vertrauten Einflugroute wieder davonmachte. "Die Genossen sind dermaßen schlafmützig", wußte Späth, "da fliege ich doch auf dem kürzesten Wege wieder raus."
Aber die östliche Staatsmacht war hellwach an diesem Morgen. Etwa 20 Minuten vor der rettenden Bundesgrenze machte Friedemann Späth mit ihr Bekanntschaft. Wie und mit welchen Folgen das geschah, schilderte er später so: _____" Plötzlich höre ich über mir ein Rauschen und sehe " _____" einen riesigen Hubschrauber, ungefähr 50 bis 60 Meter " _____" über mir. Ein riesiges Ding mit militärischem " _____" Tarnanstrich und einem roten fünfzackigen Stern an der " _____" Seite. Ich bin furchtbar erschrocken, aber irgendwie habe " _____" ich mich wieder gefangen und gedacht: Cool bleiben, gar " _____" nicht reagieren. Der macht vielleicht einen " _____" Patrouillenflug, der weiß doch gar nicht, wer ich bin. " _____" Aber dann ist der eingeschwenkt und mit ungefähr 30, 40 " _____" Meter Sicherheitsabstand an mir vorbei. Deutlich habe ich " _____" Ausleger für Raketen gesehen und nach vorne heraus " _____" Maschinengewehrläufe. Das hat mich total gelähmt. " _____" Der Hubschrauber ist dann abgeschwenkt, vor mir " _____" hergeflogen und hat dabei einen großen Schwenk nach " _____" Südwesten gemacht, um mir anzudeuten, daß ich ihm nun " _____" hinterherfliegen soll. Das habe ich natürlich nicht " _____" gemacht. Als er merkte, daß ich ihm nicht folgte, kam er " _____" zurück und flog ganz dicht über mich rüber. Dabei hat es " _____" mich furchtbar geschüttelt durch die Böen der Rotoren. " _____" Dadurch kamen bei mir die Lebensgeister wieder, und ich " _____" habe mir gesagt: Der macht dich fertig, ein Entkommen " _____" gibt es gar nicht, aber lebend kriegen die mich nicht. " _____" Und während der Hubschrauber einen neuen Anflug " _____" vorbereitete, habe ich hinter mich nach der Kamera " _____" gegriffen und das Ding mit schweißnassen Händen " _____" photographiert. " _(Oben: Bahnhofsgelände von Rudolstadt ) _((Thüringen); ) _(unten: Autobahnkreuz bei Hermsdorf. ) _____" Ich konnte ja meine Lage weder verbessern noch " _____" verschlechtern, und falls ich durchkommen sollte, ärgere " _____" ich mich nachher grün und blau, wenn ich keine Photos " _____" habe. Dabei entdeckte ich plötzlich einen weiteren " _____" Hubschrauber neben mir. In dem Moment habe ich eine " _____" Kamikaze-Einstellung gekriegt: Die machen dich so und so " _____" fertig, aber bevor das geschieht, fliege ich in den einen " _____" rein, und dann liegen wir beide unten. Also habe ich " _____" meine Maschine hochgerissen und sie dann so abgekippt, " _____" daß die rechte Tragfläche den Rotorblättern bedrohlich " _____" nahe kam. Da hat der seinen Hubschrauber sofort nach oben " _____" weggezogen und bestimmt gedacht: Der Bursche ist " _____" bekloppt, ein Selbstmörder, der bringt uns alle um. " _____" Ich hatte ja nicht zwischen was Gutem und was " _____" Schlechtem zu wählen, sondern ich bin ja sowieso " _____" erledigt, ich komme ja nicht mehr raus aus der DDR. Und " _____" die ganze Zeit bin ich immer genau nach Süden geflogen, " _____" denn der Süden war meine einzige Rettung. Aber dann kamen " _____" weite freie Felder, wo ich den Hubschraubern total " _____" wehrlos ausgeliefert war. Da habe ich eine " _____" Hochspannungsleitung gesehen und bin runter, unten " _____" durchgeflogen und dann nach einigen Masten auf die andere " _____" Seite. Das haben sich die Hubschrauber natürlich nicht " _____" getraut, sondern die sind seitlich in respektvollem " _____" Abstand geblieben. Plötzlich höre ich ''rätsch'' rätsch, " _____" rätsch'' und sehe über dem dunklen Wald " _____" Leuchtspurgeschosse, drei oder vier Bahnen, genau " _____" parallel. Wo die mich getroffen haben, bemerkte ich " _____" allerdings nicht, das ist wahrscheinlich durch die " _____" stoffbespannte Tragfläche durchgegangen wie durch Butter. " _____" Diese Schießerei hat dann die ganze Zeit in " _____" unregelmäßigen Abständen angehalten, aber irgendwann habe " _____" ich in mehreren Kilometern Entfernung die Grenzanlagen " _____" gesehen. Kurz vor der Grenze war eine Ortschaft, und da " _____" bin ich haarscharf über die Dächer. Danach kam der " _____" Doppelzaun, und wie ich da rüberfliege, sehe ich, daß der " _____" eine Hubschrauberpilot seinen Kasten plötzlich ganz " _____" brutal rumreißt und noch vor dem Metallgitterzaun die " _____" Grenze entlang fliegt. Der hatte einen Heidenrespekt vor " _____" dem Nato-Bereich. "
Knapp zwei Stunden später landete Späth wieder in Fulda-Jossa, doch nicht früh genug, um den neugierigen Flieger-Kollegen zu entgehen. Einer von ihnen, der ehemalige Starfighter-Pilot Wolfgang Verch, ließ sich denn auch durch Späths ahnungsloses Getue nicht beirren und beharrte darauf, die Piper PA-18 sei beschossen worden. Und wie zur Bestätigung meldete sich in diesem Moment die Flugüberwachung aus Hof und fragte telephonisch nach dem Piloten der D-EHCK, die am Morgen die ADIZ durchflogen hatte.
Die Enttarnung des "Herrn Wilhelm" war nur noch eine Frage der Zeit. Späth machte sich zwar eilig davon, aber drei Tage später klingelte morgens die Tuttlinger Kripo in der Albrecht-Dürer-Straße 17. Als der Beamte den vom Nachtdienst müden Bewohner aufforderte, seinen Personalausweis herzuzeigen, und dann auf die Vornamen Friedemann Wilhelm stieß, "hat der", so Späth, "richtig gelächelt wie über eine angenehme Überraschung". Am selben Tag gab auch die DDR Laut: Im Zentralorgan "Neues
Deutschland" wurde das Kennzeichen der Späth-Maschine veröffentlicht und zugleich eine geharnischte Anklage gegen den "Luftraumverletzer" und dessen "provokatorisches" Treiben. "Nur dem besonnenen Handeln der für die Sicherung des Luftraumes der DDR verantwortlichen Kräfte", so umschrieb "ND" den Einsatz der sowjetischen Kampfhubschrauber vom Typ Hind Mi-24, sei "es zu verdanken, daß es ... zu keinen schwerwiegenden Folgen kam".
Allein das Bonner Kanzleramt ließ seinen Bürger Späth nicht im Stich: Ein DDR-Diplomat wurde schon am Tage nach dem Kamikaze-Flug einbestellt und mit "scharfem Protest wegen des Schußwaffengebrauchs" versehen. Es war wie immer, und Friedemann Späth fand das "eine Ermunterung zum Weitermachen". Die DDR-Vertretung wies diesen Protest zurück, und das Bundeskanzleramt tat mit dem Ost-Berliner Einspruch dasselbe.
Seitdem steht die Piper, deren rechtmäßigen Halter nicht einmal die Staatsanwaltschaft exakt anzugeben vermag, angekettet, versiegelt und ohne Räder als "Augenscheinobjekt" in der Halle des Motorflugvereins Fulda; die rechte Tragfläche ist mehrfach durchschossen.
Warum er bei seiner letzten Reise in die DDR so knapp am Tod vorbeigeflogen ist, darüber macht sich Späth so seine Gedanken. "Da kann Verrat im Spiel gewesen sein." Auf jeden Fall sieht er dadurch weder seine Zusammenarbeit mit Auftraggeber Schmitt ("Ich bin strenggenommen der Fuhrknecht von Herrn Gert-Michael Schmitt") noch seinen Privatkrieg mit der DDR als beendet an.
Er will weiter seinen "Erfahrungsvorsprung" als fliegender Fluchthelfer nutzen, "den hier in der Bundesrepublik niemand aufweisen kann" (siehe Interview). Die erneut fällige gerichtliche Abstrafung stört ihn dabei ebensowenig wie die Aussicht, nie wieder einen deutschen Pilotenschein zu bekommen.
Er meint, da einen Ausweg zu sehen, denn "überall reicht doch der Arm dieser niederträchtigen Burschen" in den westdeutschen Behörden, die ihm die Lizenz entzogen, "nicht hin, jedenfalls nicht um den halben Erdball. Ich will meinen Feinden keine Hinweise geben, aber - mal ganz theoretisch gesprochen - es wäre doch möglich, daß ich eines Tages mit einer im Ausland erworbenen Lizenz und einem im Ausland zugelassenen Flugzeug wieder da bin".
[Grafiktext]
Späth-Flüge in die CSSR und in die DDR mit einem einmotorigen Sportflugzeug vom Typ Piper Pa - 18 Hermsdorf DDR Rudolstadt Gera Aufforderung zur Landung und Attacken durch sowjetische Kampfhubschrauber vom Typ Hind Mi-24 FULDA-JOSSA Pößneck Reichenbach Rudolphstein Johanngeorgenstadt Klingenthal am 21. Mai 1983 Hof Cheb (Eger) Okrouhla am 3. Juli 1982 Bamberg CSSR Mähring BUNDESREPUBLIK PEGNITZ-ZIPSERBERG Nürnberg am 15. September 1982 SCHWANDORF BUNDESREPUBLIK DDR Kartenausschnitt Kilometer
[GrafiktextEnde]
Zwischen Trappstadt (Bundesrepublik) und Linden (DDR). Peter Kothe und Helmuth Schmidt, am 4. Juli 1982. Oben: Bahnhofsgelände von Rudolstadt (Thüringen); unten: Autobahnkreuz bei Hermsdorf. Plötzlich höre ich über mir ein Rauschen und sehe einen riesigen Hubschrauber, ungefähr 50 bis 60 Meter über mir. Ein riesiges Ding mit militärischem Tarnanstrich und einem roten fünfzackigen Stern an der Seite. Ich bin furchtbar erschrocken, aber irgendwie habe ich mich wieder gefangen und gedacht: Cool bleiben, gar nicht reagieren. Der macht vielleicht einen Patrouillenflug, der weiß doch gar nicht, wer ich bin. Aber dann ist der eingeschwenkt und mit ungefähr 30, 40 Meter Sicherheitsabstand an mir vorbei. Deutlich habe ich Ausleger für Raketen gesehen und nach vorne heraus Maschinengewehrläufe. Das hat mich total gelähmt. Der Hubschrauber ist dann abgeschwenkt, vor mir hergeflogen und hat dabei einen großen Schwenk nach Südwesten gemacht, um mir anzudeuten, daß ich ihm nun hinterherfliegen soll. Das habe ich natürlich nicht gemacht. Als er merkte, daß ich ihm nicht folgte, kam er zurück und flog ganz dicht über mich rüber. Dabei hat es mich furchtbar geschüttelt durch die Böen der Rotoren. Dadurch kamen bei mir die Lebensgeister wieder, und ich habe mir gesagt: Der macht dich fertig, ein Entkommen gibt es gar nicht, aber lebend kriegen die mich nicht. Und während der Hubschrauber einen neuen Anflug vorbereitete, habe ich hinter mich nach der Kamera gegriffen und das Ding mit schweißnassen Händen photographiert.

DER SPIEGEL 49/1983
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 49/1983
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Lebend kriegen die mich nicht“

Video 03:35

Seemann mit YouTube-Kanal Mitten durch die Monsterwellen

  • Video "Missglückte Verkehrskontrolle(n): US-Motorradcops kollidieren" Video 00:56
    Missglückte Verkehrskontrolle(n): US-Motorradcops kollidieren
  • Video "Video zur Blutmondfinsternis: Wann, wie, weshalb?" Video 03:10
    Video zur Blutmondfinsternis: Wann, wie, weshalb?
  • Video "Drohnenbilder: Flug über zeitweise abgeschnittenes Alpendorf" Video 01:23
    Drohnenbilder: Flug über zeitweise abgeschnittenes Alpendorf
  • Video "Bei Feyenoord-Niederlage in Zwolle: Traumtor von Altmeister van Persie" Video 00:45
    Bei Feyenoord-Niederlage in Zwolle: Traumtor von Altmeister van Persie
  • Video "Shutdown in den USA: Die Verzweiflung der Staatsbediensteten" Video 02:15
    Shutdown in den USA: Die Verzweiflung der Staatsbediensteten
  • Video "Erste Parlamentsrede: Ocasio-Cortez teilt gegen Trump aus" Video 01:08
    Erste Parlamentsrede: Ocasio-Cortez teilt gegen Trump aus
  • Video "Animation: Die Deutschen und der Müll" Video 02:03
    Animation: Die Deutschen und der Müll
  • Video "Speed-Junkies: Die Sucht nach Adrenalin" Video 23:10
    Speed-Junkies: Die Sucht nach Adrenalin
  • Video "Seehofers Abschied als CSU-Vorsitzender: Den richtigen Zeitpunkt verpasst" Video 03:35
    Seehofers Abschied als CSU-Vorsitzender: "Den richtigen Zeitpunkt verpasst"
  • Video "Hawaii: Taucher schwimmen mit riesigem Weißen Hai" Video 01:16
    Hawaii: Taucher schwimmen mit riesigem Weißen Hai
  • Video "Neuer Porsche 911: Eine Runde mit Mark Webber" Video 01:48
    Neuer Porsche 911: Eine Runde mit Mark Webber
  • Video "Geschäftsaufgabe wegen Brexit: Verrückt ist noch nett gesagt" Video 03:11
    Geschäftsaufgabe wegen Brexit: "Verrückt ist noch nett gesagt"
  • Video "100 Jahre Frauenwahlrecht: Schauspielerin rezitiert aus historischer Rede" Video 04:34
    100 Jahre Frauenwahlrecht: Schauspielerin rezitiert aus historischer Rede
  • Video "Unterhaus-Sprecher John Bercow: Der einzige Gewinner" Video 02:55
    Unterhaus-Sprecher John Bercow: Der einzige Gewinner
  • Video "Videoreportage zur Lawinengefahr: Herrn Bergmayrs Gespür für Schnee" Video 05:34
    Videoreportage zur Lawinengefahr: Herrn Bergmayrs Gespür für Schnee
  • Video "Seemann mit YouTube-Kanal: Mitten durch die Monsterwellen" Video 03:35
    Seemann mit YouTube-Kanal: Mitten durch die Monsterwellen