31.10.1983

SYRIENBis in die Fugen

Moskau rüstet seinen einzigen Alliierten in Nahost mit Raketen auf: An Syrien kommt auch Washington nicht mehr vorbei. *
Der Kampf im Libanon ist zugunsten Syriens und seiner sowjetischen Gönner entschieden", behauptete Israels Ex-Stabschef und Ex-Premier Jizchak Rabin: Amerika müsse, "wie zuvor Israel, einsehen, daß seine politischen Ziele im Libanon nicht mit militärischen Mitteln zu erreichen sind".
Die blutigen Terroranschläge in Beirut sind für Politiker wie Rabin der Beweis dafür, daß nach dem Abzug der PLO aus Beirut vor einem Jahr die Gelegenheit für eine Pax americana in Nahost verpaßt wurde; nur damals sei ein direkter Dialog mit Damaskus denkbar gewesen.
Seither nämlich haben die Sowjets ihr Engagement in Syrien und ihre Rückendeckung für Syriens Expansion im Libanon verstärkt. Resultat: Syrien ist heute "bedeutend mehr als nur ein Alliierter der Sowjet-Union", urteilt der Tel Aviver Orientalist Jossi Ilmert.
Und Amerikas militärische Präsenz im Libanon richte sich im Grunde gegen den Sowjet-Alliierten Syrien, sei also Teil der Reagan-Obsession, den vermuteten sowjetischen Machenschaften überall auf der Welt Paroli bieten zu müssen.
Washington schätzt die Zahl der Militärberater aus der UdSSR (neben Fachleuten aus Bulgarien und der DDR) in Syrien derzeit auf mindestens 5000 Mann, die beim Aufbau einer schlagkräftigen syrischen Armee Beistand leisten und zum Teil auch im Libanon aufgetaucht sind.
Schon während der ersten Kampfhandlungen im Schuf-Gebirge, nach dem Rückzug der Israelis auf die Awwali-Linie, wurde eine halbe Hundertschaft sowjetischer Militärs in Zivil oder in Uniform gesichtet. Sie sollen versucht haben, ihre Anwesenheit in der Schuf-Kampfzone zu tarnen, hätten zugleich aber eine gewichtige Rolle in den Artillerie- und Panzerabwehr-Einheiten der Drusen gespielt.
Das Hauptquartier der Russen befand sich anfangs bei Schtaura; später, als sie im Schuf auf 150 Mann verstärkt wurden, standen die mürrischen und meist unbeliebten Gäste angeblich auch auf Kommandoposten in der ersten Linie.
So gab es einen sowjetischen Befehlsstand bei Bhamdun (Kommandeur: Major Alexander Atermajow, genannt "Abu Ali") und einen Posten in Alej, wo ein Hauptmann Braschpiniz die Drusen im Panzerknacken unterrichtete - so jedenfalls Geheimdienst-Erkenntnisse.
Auch vor der libanesischen Küste, im Kielwasser des amerikanischen Flottengeschwaders, wurden Russen geortet: Gedeckt von einer Raketen-Fregatte der "Kriwak"-Klasse kreuzt dort ein halbes Dutzend sowjetischer Fischtrawler, mit Antennen und Radartellern gespickt; mehrmals strichen sowjetische Spähflugzeuge vom Typ Tupolew Tu-126 an der Grenze der Territorial-Gewässer des Libanon entlang.
Die Regierung in Jerusalem glaubt, Moskau wolle im Libanon ganz bewußt Zeichen setzen. Sogar bei den "eindeutig von Profis begangenen Attentaten in Beirut" vermutet Israels Wissenschaftsminister (und Ex-Abwehrmann) Juval Neeman sowjetische Beihilfe. Beleg: Seit längerer Zeit schon habe sowjetisches und ostdeutsches Personal bei der Ausbildung von palästinensischen Kleinkriegern in Syrien mitgewirkt.
Libanons Präsident Gemayel fühlt sich denn auch schon als Wellenbrecher für den Westen: "Wir stehen im Kampf gegen den Warschauer Pakt", behauptete er gegenüber der "Los Angeles Times". Da war auch für Israels Regierungschef Schamir klar: "Wir wissen es genau: Hinter den Anschlägen auf die Amerikaner und Franzosen stand Syrien mit sowjetischer Zustimmung." Israels ehemaliger Stabschef General Eitan begründet das mit der Vermutung, nur Damaskus und Moskau seien daran interessiert, Amerika entweder noch tiefer in den Morast des Libanon zu locken oder zum völligen Rückzug zu zwingen.
Fest steht lediglich, daß die Sowjets ihre Machtbasis Syrien ausbauen. Seit dessen militärischer Schlappe zu Beginn der israelischen Libanon-Invasion hat Moskau Waffen im Wert von über zwei Milliarden Dollar nachgeliefert, darunter mehrere hundert Panzer T-72, die Syrien helfen sollen, bis Mitte 1984 zwei zusätzliche Panzerdivisionen aufzustellen, und Dutzende Kampfflugzeuge der Typen MiG-23, -25 und sogar -27.
Außerdem versprach Moskau Spähflugzeuge vom Typ Tupolew Tu-126. Sowjets helfen beim Bau eines neuen Flugfeldes an der libanesischen Grenze und errichten rings um Damaskus ein Netz von Radar-Anlagen.
Und neue sowjetische Raketen kommen auch. Aus bisher drei Stützpunkten in Syrien können die vor mehreren Monaten gelieferten, sowjetischer Kontrolle unterstehenden Sam-5-Luftabwehr-Raketen starten. Sie bedrohen nicht nur den israelischen Luftraum, sondern auch US-Flugzeuge im östlichen Mittelmeer.
In den letzten 14 Tagen wurden aber auch mobile taktische Raketen des Typs SS-21, mit deren Stationierung in der DDR und CSSR Moskau auf die Nato-Nachrüstung antworten will, im Gebiet um Damaskus aufgestellt: 18 Batterien zu je sechs Geschossen.
Anders als in der DDR, anders auch als die Sam-5, sollen die SS-21 von syrischem Bodenpersonal bedient werden, wenn auch unter Leitung sowjetischer Offiziere, die sich auf mehrjährigen Aufenthalt im Orient einrichten.
Der militärische Sinn der Aufrüstung scheint zu sein, den Syrern die strategische Parität mit Israel zu sichern, besonders bei der Luftabwehr, aber auch in der offensiven Schlagkraft: Die SS-21 mit einer Reichweite von 120 Kilometern ersetzt die bisher in Syrien stationierte FROG-7 (Radius 60 Kilometer); die neue Waffe bedroht Flugplätze im israelischen Norden und mehrere Städte, darunter den großen Hafen Haifa.
Zwar könnten die SS-21 - wie auch die Sam-5 - im Ernstfall durch Israels Luft-Boden-Raketen
getroffen werden. Das aber würde einen präventiven Schlag der israelischen Luftwaffe voraussetzen.
Immerhin weigerten sich die Sowjets, ihren syrischen Freunden alle Wünsche zu erfüllen. Sie liefern nicht die mehrmals angeforderten Scud-C-Raketen (450 Kilometer Reichweite). Und die USA beruhigten Jerusalem auch, die Sowjet-Union werde niemals so verrückt sein, den unberechenbaren Syrern eine atomare Potenz zu geben. Damit wollen die Amerikaner zugleich ihre eigene Weigerung begründen, den Israelis die seit 1975 erbetenen Pershing 1 zu verkaufen.
Syriens Staatschef Assad konnte auch bei seinem letzten Geheimbesuch in Moskau am 10. September keine Scud C lockermachen. Als Entschädigung boten ihm die Sowjets an, im Notfall gegen eine israelische Aggression mit Sowjet-Truppen zu intervenieren. Im Schweizer Fernsehen bestätigte Assad, Verhandlungen über eine direkte sowjetische Hilfeleistung gegen israelische Provokationen seien im Gange.
Massive Drohungen dieser Art haben Israel früher durchaus zum Einlenken veranlaßt, etwa als Sowjet-Premier Bulganin im Sinai-Krieg von 1956 mit Raketen drohte oder der Kreml im Oktober 1973 warnte, ohne sofortigen Waffenstillstand werde die Sowjet-Union Israel "bis in die Fugen zerstören".
US-Politiker fürchten, wachsende sowjetische Härte und das neuerdings spürbare Zaudern Israels könnten Syrien zu neuen militärischen Handlungen ermutigen - im Libanon und vielleicht sogar auf den Golanhöhen. Deshalb drängte Washington unmittelbar nach den Bombenattentaten in Beirut auf eine koordinierte amerikanisch-israelische Aktion gegen syrische Raketenbasen an der libanesischen Grenze.
Das kriegsmüde Israel, sonst immer zu Offensiven bereit, war diesmal davon nicht angetan. Inzwischen hat auch Washington solche Pläne zumindest vorläufig wieder aufgegeben. Aber über eine engere militärische Zusammenarbeit zwischen den USA und Israel soll in wenigen Wochen bei einem Besuch von Premier Schamir in Washington wieder gesprochen werden.
Dem Ex-Premier Rabin kommt das zu spät: "Das verstärkte sowjetische Engagement in Syrien hat die Lage eindeutig zugunsten Moskaus verschoben und den 'point of no return' erreicht."
In Jerusalem setzt sich die Einsicht durch, angesichts der syrischen Entschlossenheit sei das Libanon-Regime des Präsidenten Amin Gemayel auf Dauer kaum zu halten. Wahrscheinlich werde sich Gemayel nach der Genfer Versöhnungskonferenz zu einem Arrangement mit Damaskus gezwungen sehen, das heißt: zur Anerkennung der "legitimen Rechte Syriens im Libanon" - und weder Israel noch die USA könnten eine solche Stärkung Syriens aufhalten.

DER SPIEGEL 44/1983
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