31.10.1983

SPIEGEL Gespräch„Ich kann mich verpuppen, sooft ich will“

Neutöner Karlheinz Stockhausen über kosmische Klänge, Pop-Musik und Wiedergeburt
SPIEGEL: Herr Stockhausen, sind Sie eigentlich Komponist oder Heilslehrer?
STOCKHAUSEN: Ich bin ausschließlich Komponist.
SPIEGEL: Glauben Sie nicht inzwischen, mit jedem Ton, den Sie schreiben, diese Welt vom Satan befreien zu müssen?
STOCKHAUSEN: Bei einem Ton habe ich noch nie an etwas anderes gedacht als an eben diesen Ton.
SPIEGEL: Aber wenn dann alle Töne beisammen sind, enthält das fertige Stück doch nach Ihrer Meinung eine geistliche Botschaft?
STOCKHAUSEN: Der Inhalt meiner Stücke war immer religiös, nicht nur bei Werken mit religiösen Texten. Der transzendentale Charakter war und ist immer da.
SPIEGEL: Wie kommt denn die transzendierende Wirkung Ihrer Kompositionen zustande, wenn Sie als komponierender Handwerker angeblich nur an Töne denken?
STOCKHAUSEN: Sehr glücklich bin ich, wenn sich in meinen Werken Gesetzmäßigkeiten wiederfinden lassen, die mit den Gesetzmäßigkeiten in der Natur und im Kosmos übereinstimmen. Dann weiß ich, daß sich in meiner Musik etwas _(Mit Redakteur Klaus Umbach in ) _(Stockhausens Haus in der Nähe von Köln. )
manifestiert, das mehr ist als meine Person und unsere Zeit.
SPIEGEL: Das klingt uns zu nebulös. Wir möchten wissen, ob Ihnen beim Komponieren gleichsam eine überirdische Macht die Hand führt.
STOCKHAUSEN: Früher habe ich zwischen zwei Tonreihen oft einen Bleistift zerkaut. In den letzten Jahren geht die kompositorische Arbeit schneller. Die Musik formt sich, als treibe das Gesetz für die große Form eines Werkes auch die kleinen Formen hervor. Wenn ich als Handwerker anfange zu bauen, kommen wie von selbst die Einzelheiten aus den großformalen Visionen, den Klangvisionen.
SPIEGEL: Sie behaupten, über ein "kosmisches Bewußtsein" zu verfügen? Was dürfen wir uns darunter vorstellen?
STOCKHAUSEN: Das Bewußtsein, daß alles, was man auf diesem Planeten tut, einen Sinn hat, wenn es in Übereinstimmung ist mit dem, was man vor dem Menschsein war, und dem, was man nachher sein wird. Alles, was ich hier als Komponist schaffe, sollte eine Beziehung haben zur Ordnung der Sterne und zu den universalen Gesetzmäßigkeiten.
SPIEGEL: Aha. In Ihrer Oper "Donnerstag aus Licht", die wiederum nur Teil des gigantischen Projekts "Licht" ist, gehen Sie offenbar noch weiter.
STOCKHAUSEN: Wieso?
SPIEGEL: Die Hauptfigur dieser Oper heißt Michael. Dieser Michael erinnert in seinem irdischen Geschick auffallend an Karlheinz Stockhausen und dessen Lebensgeschichte, andererseits setzen Sie ihn zur Rechten Gottes. Ist das nicht reichlich anmaßend?
STOCKHAUSEN: Das haben Sie nicht verstanden. In "Donnerstag aus Licht" ist der Erzengel Michael als Mensch dargestellt. Er ist eine Emanation des Erzengels Michael, des Meisters unseres Universums. Was dieser Michael in meiner Oper erlebt, muß typisch sein, und ich muß ihn so präzise beschreiben, wie Schriftsteller die Hauptpersonen ihrer Werke beschrieben haben. Das kann ich aber nur, wenn ich mich so nahe wie möglich an meine eigenen erlebten Erfahrungen halte. Auf diese Weise kommt es zu den Übereinstimmungen zwischen dem Menschen Michael in der Oper und meinen Erfahrungen. Im übrigen soll dieser Michael als Mensch frei sein für eine Welt von musikalischen, möglichst abstrakten Schwingungen.
SPIEGEL: Also sind Sie doch ein Heilslehrer.
STOCKHAUSEN: Absolut nicht. Wer begriffen hat, daß ein bestimmter Mensch eine von unzähligen Emanationen eines großen Geistes sein kann, den wird es nicht überraschen, daß ich für die Figur des Menschen Michael auch aus meinem eigenen Leben etwas beisteuern kann.
SPIEGEL: Dieses hauseigene Gottesgnadentum hat Sie in den Verruf eines Scharlatans gebracht, der die Kombination von elektronischen Schwingungen und frömmelnder Erbauung erfolgreich vermarktet.
STOCKHAUSEN: Dazu kann ich nichts sagen. Das ist die "kölsche Art", einen fertigmachen zu wollen.
SPIEGEL: Ihr Selbst- und Sendungsbewußtsein drängt jedenfalls den Vergleich mit Richard Wagner geradezu auf. Ehrt oder erschreckt es Sie, mit dem Bayreuther Gesamtkunstwerker verglichen zu werden?
STOCKHAUSEN: Weder - noch. Mit Ausnahme weniger Passagen, etwa dem "Tristan"-Vorspiel, finde ich Wagner ziemlich vulgär. Der Vergleich mit Wagner ist oberflächlich, weil immer nur geschrieben wird, Wagner habe mit dem "Ring des Nibelungen" ein vierteiliges Werk komponiert, und ich wolle sogar eine siebenteilige Oper komponieren.
SPIEGEL: Ihr Kollege Mauricio Kagel hat einmal gesagt: "Ich bin der Auffassung, daß man uns (also die Komponisten) nicht braucht in dieser Gesellschaft." Sie dagegen halten sich wahrscheinlich für unentbehrlich?
STOCKHAUSEN: Was Kagel gesagt hat, stimmt für mich nicht. Seit ich meine ersten Noten geschrieben habe, konnte ich immer wieder erfahren, daß ich um Werke gefragt wurde.
SPIEGEL: Vielleicht liegt das daran, daß Sie sich angeblich auch als Wiedergeburt Mozarts oder Beethovens fühlen?
STOCKHAUSEN: Dummes Geschwätz, das herumgeistert, seit mir in einer Fernsehsendung diese Frage gestellt wurde und ich darauf nicht geantwortet habe. Fest steht für mich allerdings, daß ich mich in Träumen in früheren Existenzen gesehen habe.
SPIEGEL: Laut Ihrer Biographie sind Sie in dem bergischen Städtchen Burscheid aufs Gymnasium gegangen. Neuerdings behaupten Sie, auf dem Sirius die Schule besucht zu haben. Was stimmt denn nun?
STOCKHAUSEN: Ihre Frage verstehe ich nicht.
SPIEGEL: Wir sehen eine gewisse Diskrepanz zwischen der Penne in Burscheid und einer Unterweisung im Kosmos.
STOCKHAUSEN: Als Mensch war ich in Burscheid in der Schule, aber als Komponist bin ich nicht identisch mit Karlheinz Stockhausen.
SPIEGEL: Sondern?
STOCKHAUSEN: Dieser Musiker hat augenblicklich nur den Namen, den Sie kennen. Aber in Wahrheit hat er überhaupt keinen festen Namen. Das bin ich als Geist. Ich kann mich verpuppen, sooft ich will.
SPIEGEL: Woher wissen Sie das?
STOCKHAUSEN: Aus meiner inneren Erfahrung weiß ich, daß man sich aus seinem Körper lösen kann. Ich kann meinen Körper wie ein Automobil betrachten und mit ihm umgehen wie mit einem Automobil. Für mich ist klar, daß ich nicht identisch bin mit meinem Körper.
SPIEGEL: Und wieso hat Ihr Geist seine Kompositionslehre ausgerechnet auf dem Sirius absolviert?
STOCKHAUSEN: Das weiß ich auch nicht. Wahrscheinlich, weil sich Sirius so _(1981 in der Mailänder "Scala". )
unglaublich in mich eingeprägt hat. Das konzentrierte sich so in den Jahren 1972 bis 1975. Da sind zwei wichtige Träume, und alles in mir konzentrierte sich auf Sirius. Daraufhin habe ich das Werk "Sirius" komponiert.
SPIEGEL: Kein Komponist der Vergangenheit und Gegenwart hat offenbar einen ähnlich guten Draht ins All. Sind Sie ein galaktischer Einzelfall?
STOCKHAUSEN: Ich glaube nicht.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich denn überhaupt noch mit der Zunft verbunden, nehmen Sie noch teil an der zeitgenössischen Musik anderer Komponisten?
STOCKHAUSEN: Eigentlich habe ich nur Pierre Boulez verfolgt. Und was Boulez in seinem neuesten Stück "Repons" versucht, ist für ihn erstaunlich. Er hat alle Konzessionen, die er früher an die routinierte Welt machte, an den Nagel gehängt.
SPIEGEL: Und außer Boulez?
STOCKHAUSEN: Was sonst gemacht wird, kann ich nicht richtig beurteilen, denn ich arbeite ununterbrochen und habe keine Zeit, das Schaffen anderer zu verfolgen.
SPIEGEL: Vor Jahren haben Sie einmal für Interpreten Ihres Werkes "Aus den sieben Tagen" geschrieben: "Ich stelle Dich ein wie einen Empfänger. Ob Du aber rein klingst oder nicht, dazu mußt Du selbst helfen." Verstehen Sie sich vielleicht auch auf musikalische Telepathie?
STOCKHAUSEN: Wir haben Aufführungen "intuitiver Musik" gemacht (die von mir so definiert und zu einem Begriff wurde). Dabei haben wir manchmal mit geschlossenen Augen im selben Augenblick einen Akkord oder mehrere Akkorde exakt zusammengespielt. Nach der Wahrscheinlichkeit kann das ohne Periodizität gar nicht vorkommen. Für uns Musiker sind das Zeichen dafür, daß wir in einem solchen Moment identisch denken und fühlen.
SPIEGEL: Ist Ihr Publikum eine Sekte, erschließen Sie sich und Ihre Musik nur vor einem Zirkel Eingeweihter?
STOCKHAUSEN: Auf keinen Fall.
SPIEGEL: Wäre es im Sinne Ihres "kosmischen Bewußtseins", wenn sich Ihnen die Zuhörer wie in Trance ausliefern würden?
STOCKHAUSEN: Es wäre mir lieber, sie würden aufpassen. Mit geschlossenen Augen zuzuhören, finde ich gut, aber nicht duselig. Der Geist muß hellwach sein.
SPIEGEL: Bei Ihren Konzerten überwiegt auffallend junges Publikum. Halten Sie es für möglich, daß zwischen Ihren Kompositionen und der heutigen Popmusik-Mode eine innere Harmonie besteht?
STOCKHAUSEN: Das ist längst erwiesen. Pop-Künstler, die heute weltberühmt sind, haben schon früh und immer wieder meine Musik als ihren Fixpunkt benannt. Als die Beatles mich auf dem Cover ihrer Platte "Sgt. Pepper''s Lonely Hearts Club Band" abbildeten und das Photo über das Orchester der Einsamen Herzen setzten, gab es viele fragende Reaktionen. In Italien gibt es seit Jahren eine Pop-Bewegung, die sich auf meine Musik bezieht. Auch in meinen Kompositionsseminaren waren bekannte "Rock-Musiker" und "Pop-Musiker". Manche hörten am Tage Stockhausen, und abends spielten sie in den Gruppen "Jefferson Airplane" oder "The Grateful Dead".
SPIEGEL: Ihre zahlreichen Schallplatten stehen in den Läden - wenn überhaupt - allerdings meist im klassischen Sortiment zwischen Mozart und Tschaikowski. Möchten Sie lieber mit der neuen deutschen Welle treiben?
STOCKHAUSEN: Stockhausen-Aufnahmen gehören nicht nur in die sogenannte "klassische Abteilung". Meine Konzerte sind voll von jungen Menschen, die auch experimentelle Rock- und Pop-Abende besuchen, und diese Jungen betreten kaum eine Klassik-Abteilung, finden also auch nicht ihren Stockhausen.
SPIEGEL: Wagen die Pop-Musiker eigentlich mehr als die sogenannten E-Musiker?
STOCKHAUSEN: Nein, leider nicht, weil sie hoffnungslos kommerzialisiert sind. Bei mir sind die Aufführungsbedingungen strenger als in der Pop-Musik. Nicht selten nimmt sich das Publikum in den Pop-Konzerten während des Zuhörens durch Drogen, durch Alkohol die Wahrnehmungsschärfe.
SPIEGEL: Im Ausland kommen Sie weitaus besser an als in Deutschland. Haben die Deutschen keine Antenne für Ihre kosmischen Klänge?
STOCKHAUSEN: In Westdeutschland ist seit etwa 1968 gegen mich eine gezielte Polemik inszeniert worden, die politisch orientiert war. Man hat meine Musik denunziert, zuerst als "zerebral", dann als "naiv", als "nebulös".
SPIEGEL: Wer ist "man"?
STOCKHAUSEN: Die Namen der Autoren können Sie alle im Archiv finden. Es sind Leute, die in Radiostationen, Zeitungen und Zeitschriften das Sagen hatten und haben. Meine Musik und auch ich persönlich, so wurde vorgeworfen, seien elitär, ich würde mich "vom Volk abwenden", "gegen die Gesellschaft richten".
SPIEGEL: Sie schreiben ja auch nicht gerade Volksmusik für den "Blauen Bock".
STOCKHAUSEN: Was heißt das? Die Polemik gegen mich enthielt Vorwürfe, _(Am 15. Oktober 1983 in Donaueschingen: ) _(einer der sechs Schlagzeuger mit ) _(magischen Instrumenten. )
die das Dritte Reich gegen Arnold Schönberg, Alban Berg und Igor Strawinski erhoben hat oder die heute in der Sowjet-Union gegen solche Kunst erhoben werden.
SPIEGEL: Sie fühlen sich allen Ernstes als Opfer einer pseudo-faschistischen Koalition in den bundesdeutschen Medien?
STOCKHAUSEN: Nationalsozialistische und sozialistische Kunstpropaganda sind sich bedenklich ähnlich. Ich habe nichts mit Politik zu tun, und meine Musik hat nichts mit Politik zu tun.
SPIEGEL: Dafür um so mehr mit himmlischen Botschaften. Gibt es für Sie keine politische Musik?
STOCKHAUSEN: Sie existiert ja. Aber da muß ich an Schönberg denken, der Hanns Eisler schrieb, er solle lieber bessere Musik schreiben, als sich das politische Mäntelchen umzuhängen. Im übrigen habe ich in schnellem Wechsel erlebt, daß die Kunst nacheinander braun, dann schwarz, dann rot, dann gelb, dann grün sein sollte.
SPIEGEL: Räumen Sie der Musik eine so weitgehende Kraft und Bedeutung ein, daß sie politisch wirken kann, ohne direkt politische Musik zu sein?
STOCKHAUSEN: Ich denke schon. Die Menschen, die heute die politischen Geschicke bestimmen, würden bei regelmäßigem und konzentriertem Hören guter Musik andere Menschen. Sie würden dann Entscheidungen treffen, die anderer Natur wären.
SPIEGEL: Wieso?
STOCKHAUSEN: Sie wären nicht länger so verkrampft, durch intellektuelle Schemata blockiert, sondern könnten polyphon denken, empfinden, sie wären sensibler, humorvoller, religiöser.
SPIEGEL: Sprechen Sie diese Wunderwirkung nur Ihrer oder jedweder Art von Musik zu?
STOCKHAUSEN: Nicht jeder Musik. Vor allem müßte der betreffende Politiker die Musik wirklich oft und ungestört hören, möglichst mittels Kopfhörern, mit geschlossenen Augen, damit er die Tonschwingungen und Prozesse genau verfolgen und mitvollziehen könnte.
SPIEGEL: Ihre metaphysische Hochschätzung der Musik hört offenbar da auf, wo es ums Geschäft geht. Sie besitzen ja schließlich nicht umsonst einen eigenen Verlag, der nach irdischem Soll und Haben funktioniert.
STOCKHAUSEN: Jedwede Polemik in diesem Zusammenhang scheint mir überhaupt nicht angebracht. Ich habe mich 1975 schweren Herzens entschlossen, einen eigenen Verlag zu beginnen. Mein damaliger Verleger ...
SPIEGEL: ... die hochangesehene "Universal Edition" in Wien ...
STOCKHAUSEN: ... hatte seinerzeit von über 40 druckreifen Werken, die fest unter Vertrag waren, 23 nicht veröffentlicht.
SPIEGEL: Und die können Sie nun nicht selbst herausbringen?
STOCKHAUSEN: Nein. Es gibt da Stücke, die von mir als jungem Komponisten unter Vertrag genommen wurden und die ich deshalb nicht zurückbekomme.
SPIEGEL: Dafür wirft Ihr Verlag doch vermutlich um so mehr in die Familienkasse ab.
STOCKHAUSEN: Irrtum. Das soll er auch nicht. Durch meine Partituren will ich nichts verdienen. Die meisten werden verschenkt. Das Geld, das ich als Dirigent und Klangregisseur sowie durch die Aufführungsrechte einnehme, geht zu 100 Prozent wieder in den Druck neuer Partituren.
SPIEGEL: Wenn Sie heute irgendwo in der Welt als Interpret Ihrer Werke auftreten, sind fast immer Mitglieder Ihrer Familie mit von der Partie. Arbeitet Ihre Sippschaft mit hohem Profit?
STOCKHAUSEN: Man kann alles so lange verdrehen, bis es sich für bissige Vorwürfe eignet. Viele Leute können offenbar auch Musik und Musikleben nur noch ökonomisch betrachten. Erstens sind unter meinen Kindern ausgezeichnete Musiker, und zweitens sind sie idealistischer als die meisten Interpreten. Ich bewundere in Indien, Indonesien und Japan die Tradition, daß mehrere Generationen einer Familie zusammen Musik machen.
SPIEGEL: Ihr Sohn Simon komponiert inzwischen sogar emsig. Hilft es ihm in der Branche, daß er einen wohltönenden Nachnamen hat?
STOCKHAUSEN: Derlei Publicity hat Simon nicht nötig. Er macht experimentelle Musik und will, wie er selbst sagte, ein Pionier werden wie ich. Er wird hoffentlich die Live-Elektronik realisieren, die bisher niemand richtig ernst genommen hat.
SPIEGEL: Ihr Herzenswunsch ist die Landung einer fliegenden Untertasse vom Sirius auf dem Flughafen Köln/ Bonn. Meinen Sie das ernst?
STOCKHAUSEN: Klar. Denn im Falle einer solchen Landung würden die Menschen erkennen, daß es auch noch andere Wesen gibt.
SPIEGEL: Und wie würden Sie persönlich die kosmischen Gäste empfangen?
STOCKHAUSEN: Ich würde die Interpreten meines Werkes "Sirius" anrufen, und wenn mich die Gäste vom Sirius um einen musikalischen Beitrag bäten, gäbe es wieder eine Aufführung von "Sirius" im Kreuzgang des Bonner Münsters.
SPIEGEL: Und wann, glauben Sie, wird die Zeit reif sein, daß auch die Sterblichen hienieden die wahre Größe und Botschaft Ihres Tuns erkennen?
STOCKHAUSEN: Sie denken sehr positivistisch. Dieser Planet Erde hat nach meiner Erfahrung eine andere Funktion. Er ist eine Schule und wird immer neue Anfänger, Mittelschüler, Hochschüler und Absolventen haben. Es gibt auch keine Zeit, die "reif" ist. Alle Musik wird gebraucht, nicht nur die von Stockhausen.
SPIEGEL: Halten Sie sich für unsterblich?
STOCKHAUSEN: Ja. Jeder Geist ist unsterblich, wenn er will.
SPIEGEL: Herr Stockhausen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. _(1978 im Kreuzgang des Bonner Münsters. )
*KASTEN
Karlheinz Stockhausen *
wird weltweit als "berühmtester deutscher Nachkriegskomponist" ("Le Figaro") angesehen und hat "vermutlich mehr als irgendeiner seiner europäischen Kollegen dazu beigetragen, die Musik in bislang unberührte Klangsphären zu erweitern" ("New York Times"). Nachdem der 1928 im rheinischen Mödrath geborene Lehrersohn zunächst weitgehend in serieller Technik und mit elektronischen Mitteln komponiert hatte, wandte er sich von etwa 1968 an in Stücken wie "Musik im Bauch", "Wandelklänge zur Meditation" oder "Sirius" immer missionarischer einer tönenden Privat-Metaphysik zu.
Ob bei Auftritten in der Villa Hammerschmidt, in den libanesischen Grotten zu Jeita oder im Kugelauditorium der Expo 1970 in Osaka, wo 20 Solisten sechs Monate lang täglich fünfeinhalb Stunden Stockhausen darboten - stets führte ein "kolossaler teutonischer Ego-Trip" ("Sunday Times") das Publikum in angeblich kosmische Klangwelten und brachte dem "musikalisch-galaktischen Religionsstifter" ("FAZ") den Ruf ein, "mit Phantasie und Chuzpe, Fleiß und priesterlichem Charisma" ("Die Zeit") eine zwischen "Poona und Oberammergau" ("Frankfurter Rundschau") taktierende Musik-Ideologie zu verkünden. 1973 berichteten zwei Psychiater, Stockhausen-Interpreten litten häufig an "Depressionen", "abdominellen Beschwerden" und "Impotenz" und würden vor Aufführungen mit "Ohropax" und Kopfschmerztabletten versorgt.
Als Stockhausens ehrgeizigstes Projekt erscheint sein siebenteiliges Gesamtkunstwerk "Licht", das Wagners Nibelungen-"Ring" quantitativ um ein Mehrfaches übertreffen soll und in Raten erscheint: Der Teil "Donnerstag", soeben auch auf Schallplatte veröffentlicht, kam 1981 in der Mailänder "Scala" heraus; "Kathinkas Gesang als Luzifers Requiem", ein Bruchstück aus "Samstag", hatte Mitte Oktober bei den Donaueschinger Musiktagen Premiere: eine szenisch-musikalische Seance für Flöte und sechs Schlagzeuger, die, so Stockhausen, "die Seelen der Toten durch Lauschen zu klarem Bewußtsein" führen soll. Den kompletten "Samstag" will die "Scala" im Mai 1984 im Mailänder "Palazzo dello Sport" uraufführen.
Mit Redakteur Klaus Umbach in Stockhausens Haus in der Nähe von Köln. 1981 in der Mailänder "Scala". Am 15. Oktober 1983 in Donaueschingen: einer der sechs Schlagzeuger mit magischen Instrumenten. 1978 im Kreuzgang des Bonner Münsters.
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 44/1983
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