05.12.1983

Vogelpredigt vom Bariton

SPIEGEL-Redakteur Klaus Umbach über Messiaens „Franziskus“-Oper *
Andacht ist nicht gerade ein Aufputschmittel für die Oper. Kniefälle bringen die Gattung auch kaum weiter. Es ist ein Kreuz mit dem Geistlichen auf der Bühne und der Versenkung im Parkett. Schließlich, bei allen Heiligen: Kaum jemand taugt so wenig zum Opernhelden wie der mittelalterliche Klosterbruder Franz von Assisi, Bariton.
Was immer den französischen Komponisten Olivier Messiaen bewogen haben mag, ausgerechnet mit dem introvertierten Bettelmönch aus Umbrien und einigen seiner seelenverwandten Kuttenträger dem lahmenden zeitgenössischen Musiktheater aushelfen zu wollen - er hat in gutem christlichen Glauben eine meisterhafte Komposition an den falschen Mann gebracht: Sein Dreiakter "Saint Francois d'Assise", der letzte Woche in Paris uraufgeführt wurde, ist als Oper ein frommer Betrug.
Vier Jahre, bis 1979, hat Messiaen, der Lehrer von Xenakis, Boulez und Stockhausen, an den acht Bildern seines Bühnenerstlings komponiert. Noch einmal vier Jahre hat er auf die Orchestrierung verwandt. Der Prediger der Armut wird geradezu luxuriös besungen.
Sieben Brüdern in Christo, einem Leprakranken und einem Engel voll Vibrato, der unermüdlich mit seinem ein Kilo schweren, papageienbunten Flügel 36 Stufen rauf und runter schreiten mußte, 102 kamelhaarfarben gewandeten Choristen und einem 98köpfigen, aus dem Graben auf Bühne und in Logen überquellenden Orchester hat Messiaen fast fünf Stunden Vollbeschäftigung verschafft. Eine inszenierbare Oper ist das gigantische Sanctus nicht geworden.
Absolution für seinen Fehltritt kann der unerschütterliche Katholik Messiaen allerdings nicht erwarten. Mochte der uraufführungssüchtige Rolf Liebermann, 1975 noch Prinzipal der Pariser Oper, ihm den Auftrag auch mit Engelszungen, sogar im Elysee-Palast, mit Pompidou als Ohrenzeuge, eingeredet haben, Messiaen ahnte, daß er "für das Theater nicht begabt" war und sich auf "einen unmöglichen Plan" eingelassen hatte. Er hätte sein Verhältnis zum lieben Gott nicht an die große Glocke der Grand Opera hängen sollen.
Das Stück, das jetzt, nach 36 Orchesterproben, von dem japanischen Dirigenten Seiji Ozawa mit dem verschämten Untertitel "Franziskanische Szenen" virtuos aus der Taufe gehoben wurde, ist, obwohl länger als Wagners "Parsifal" und also viel zu lang, nicht einmal ein Bühnenweihfestspiel, sondern ein richtig altmodisches Oratorium, fürs Opernhaus so untauglich wie Händels "Messias".
Messiaen selbst hat das Libretto aus Bibelworten und franziskanischen Schriften zusammengestellt. Es gibt keine Handlung, geschweige denn Action, sondern nur ein paar historisch-legendäre Heiligenbilder, in denen Messiaen, der fromme Ornithologe, seinen Franziskus über Gott und die Welt der Vögel sprechen läßt. Doch mit gefalteten Händen ist eben noch keine brauchbare Oper geschrieben worden.
Dabei ist die Partitur bei all ihren quantitativen Umschweifen über 2200
großformatige Notenblätter vom Besten, was die zeitgenössische Musik seit langem hervorgebracht hat.
Trotz des Riesenorchesters, das Messiaen für seinen Anwalt der Entsagung aufbietet, versagt er sich allem bloß ohrenbetäubenden Lärm, mit dem viele Modernisten die Schwarzen Löcher in ihren Partituren zustopfen. Statt dessen macht dieser Patriarch der Neutöner - er wird diese Woche 75 - noch einmal vor, daß er als Landsmann und Erbe Debussys glühende, flimmernde und fahle Farben zu einer gleißenden Palette zu mischen versteht.
Unbeirrt von allen Glaubenskriegen seiner Zunft setzt er Cluster aus Tontrauben und schrille, bissige Dissonanzen bruchlos gegen Kantilenen wie von Puccini und satte Akkorde in schönstem Dur. Mal prangt das Blech mit Brucknerschem Pathos, dann wiederum girrt das glänzend gesetzte Holz wie bei Boulez, und ein paarmal kichert scheinbar sogar Till Eulenspiegel seine lustigen Streiche mitten ins Tedeum.
Keine Schreie, kein Sprechgesang, kein gesprochenes Wort, aber auch nirgends Arien, Duette, Ensembles. "Meine Sänger singen", sagt Messiaen. Das stimmt erfreulicherweise, nur singt leider jeder seine Litanei immer allein.
Allerdings, wenn Messiaen, dieser fanatische und enzyklopädisch beschlagene Vogelkundler, im zweiten Akt zur "Vogelpredigt" abhebt und seinen Franziskus mit Bruder Masseo inbrünstig den Bühnenhimmel absuchen läßt (so wie er selbst, fast lebenslang, in der Provence, in Colorado oder auf exotischen Südsee-Inseln Auge und Ohr nach oben gerichtet hat), dann hebt im Orchester für fast eine volle Stunde ein bukolisches Tirili an.
Alle sind sie da: Amsel und Drossel, Turteltaube und Zaunkönig, Hoaka, Fukuro
und Hototogisu, der kleine japanische Kuckuck mit dem grauen Kopf. Selbst was sonst nur unter dem Himmel Australiens oder Neuschottlands zum Lobe des Herrn zwitschert, hat Messiaen mittels Flöte, Horn oder Xylophon nach Assisi einfliegen lassen.
Aber ein "Spectacle" ist eben auch Theater. Und so ließ der italienische Regisseur Sandro Sequi zur Vogelpredigt minutenlang runde, pop-bunte Lichterflecken durch die Pariser Oper kreisen und illuminierte die Stätte der Inbrunst mit dem Tingeltangel einer Disco.
Zur Stigmatisierung des heiligen Franziskus ergoß sich blutrotes Licht über die Rampe, und bei jeder Gelegenheit wurden Kruzifixe, kleine oder gummilinsenhaft wachsende haushohe, mittels Laser auf Gazetücher und Kulissenwände geschlagen. Die Bühne war mehrfach in kleine Guckkästen unterteilt. Mal stand da verloren ein Kirchlein, das ins gelangweilte Auge sprang, mal öffnete sich ein stiller Klosterhof, in dem sich nichts tat.
Auf steilen Treppen mußte der Chor das Langspiel durchstehen, ohne sich zu rühren, dort erging sich auch molto adagio der Engel mit seinen pelzbesetzten Flügeln. Vor diesem Stilleben schließlich die frommen Männer gesenkten Hauptes auf bühnenbreiter Kriechspur.
Der Premiere von Frankreichs neuem musikalischen National-Heiligtum machte der Pariser Erzbischof höchstselbst seine Aufwartung (die Beauvoir auch), dem Papst soll es in Rom vorgeführt werden. Für die zeitgenössische Musik ist das Werk ein Segen, fürs Theater ein Fluch.
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 49/1983
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