12.12.1983

Passion einer Kuh, Passion eines Knechts

Heinz Ludwig Arnold über „Blösch“ von Beat Sterchi „Blösch“ ist der erste Roman des 1949 in Bern geborenen Erzählers Beat Sterchi. - Der Göttinger Literaturwissenschaftler Heinz Ludwig Arnold, 43, ist Initiator des „Weinpreises für Literatur“, den die „edition text + kritik“ für 1983 Beat Sterchi verliehen hat. *
Viele Jahre danach, als er sich eben zum letzten Mal auf die Fußspitzen gestellt hatte, um seine Karte für immer in den Schlitz Nr. 164 des Stempelkartenfächerkastens am Eingang zum Städtischen Schlachthof zurückzuschieben, da erinnerte sich Ambrosio an jenen fernen Sonntag seiner Ankunft im wohlhabenden Land." Dies ist der Anfang eines außergewöhnlichen Buchs, und er bezeichnet sein Ende.
Ein Buch, das mit einem solchen Satz beginnt, markiert damit seinen Anspruch, und sein Autor weiß, woher er kommt und wohin er will. Der Satz ist eine Huldigung an den Schriftsteller Gabriel Garcia Marquez und beruft sich auf dessen Roman "Hundert Jahre Einsamkeit", den sich die Menschen in Südamerika vorlesen und weitererzählen: ein Mythos ihres Raumes und ihrer Zeit.
Beat Sterchi, der von 1970 bis 1982 als Sprachlehrer in Honduras und Kanada gelebt hat und der viel in Mittel- und Nordamerika gereist ist, ist nicht nur bei Garcia Marquez in eine gute Schule gegangen; auch bei Dos Passos, Faulkner, Mordecai Richler - und bei Jeremias Gotthelf, seinem Landsmann. Aber er hat nicht nur von deren Literatur, deren Stil gelernt; vor allem hat er die Räume erfahren, in denen sie gelebt und gesehen haben: ihre Sehweisen, ihre Möglichkeiten, Wirklichkeit zu entdecken, anzuschauen, zu durchdringen.
Dem hektischen Oberflächenwandel, dem springlustigen Wechsel der literarischen Moden, die den deutschsprachigen Literaturbetrieb und seine Produkte seit den 70er Jahren mit einer scheinbaren Lebendigkeit versehen, war Sterchi nicht ausgesetzt. Sterchis literarische Heimat und Erfahrungswelt ist größer, weiter, tiefer; seine Sprache ist kraftvoller, mutiger, unbekümmerter - sie ist selbständig.
Ohne damit einen Rang- oder Stilvergleich anstellen zu wollen: Sterchis "Blösch" fährt in unsere dünnblütige Literaturwelt hinein wie einst "Die Blechtrommel" in die wechselnden Realismen der Nachkriegsliteratur.
Sterchis Erzählraum ist die Schweiz. "Blösch" erzählt, was der spanische "Fremdarbeiter" Ambrosio, der Frau und Kinder in Coruna zurückgelassen hat, um im wohlhabenden Land Geld für ihr Überleben zu verdienen, dort erlebt hat. Sterchis Güllen heißt Innerwald - ein imaginäres Dorf am Langen Berg; Dort, wo Ambrosio zu Anfang der sechziger Jahre einen Sommer lang auf dem Hof des Bauern Knuchel gearbeitet hat, beginnt die erinnerte Geschichte des Ambrosio. Und sie endet im Schlachthof der Innerwald benachbarten Stadt, nach sieben langen Jahren Arbeit, die Ambrosio fertiggemacht haben.
Und Blösch? "Kam in ihren Ställen aber einmal ein ganz und gar ungeschecktes Kalb zur Welt, so gaben sie ihm für sein strohrotes Fell den Namen 'Blösch'." Blösch ist die bewunderte Leitkuh auf dem Knuchelhof, als Ambrosio dort zu arbeiten beginnt, und sie endet als ausgemergeltes Kuhwrack, an jenem Tage im Schlachthof, der auch für Ambrosio der letzte dort ist.
Beat Sterchis Roman ist also die Geschichte von einem "Fremdarbeiter" in der Schweiz der sechziger Jahre und die Geschichte von einer Kuh. Und beide Geschichten gehören zusammen, sind die eine Geschichte von der benutzten, vernutzten, mißbrauchten Kreatur, ob Mensch, ob Tier. Bauernhof und Schlachthof sind die scheinbar gegensätzlichen, in Wahrheit aber einander entsprechenden paradigmatischen Orte eines Produktionsprozesses, der für viele steht: Tier und Mensch unterliegen, im doppelten Sinne des Wortes, denselben Gesetzen der Ausbeutung.
Sterchi erzählt Blöschs und Ambrosios siebenjährige Geschichte im Wechsel unterschiedlicher Perspektiven an einem einzigen Tage, jenem letzten, den beide im Schlachthof erleben. Der innere Monolog eines Lehrlings folgt dem Ablauf dieses Tages und seiner Metzgerarbeit und führt unmittelbar das Grauen des routinierten Tötens, Ausräumens, Zerschneidens und Verwertens jener "Ware" Kalb, Kuh, Schwein vor, die auf dem Knuchelhof seinerzeit noch nach alter Weise gehalten wurde.
Denn der Knuchelbauer hält nichts von technischen Neuerungen in der Landwirtschaft, vor allem nicht im Stall, wo es um die Tiere geht. Bei ihm sollen die Zitzen der Kühe nicht von der Melkmaschine mißhandelt, sondern von pfleglicher Hand geradezu zärtlich gemolken werden - auch könnte ja sein, daß die "Ware", wie die Bauern in Innerwald ihr Vieh heißen, unter den Maschinen leidet.
Knuchel schaut auf eine Ordnung, die ihm noch immer den Erfolg sichergestellt hat. Die Kühe sind seiner persönlichen Aufmerksamkeit gewiß, bei ihm haben sie noch Namen und Rang, leben in einer nach Leistung gegliederten Hierarchie, die der Bauer jedes Jahr aufs neue herstellt mit der Verleihung von Glocken, unterschiedlich in Größe und Klang.
Und Blösch trägt seit je die größte Glocke, denn Blösch ist von allen Knuchelkühen die prächtigste und trächtigste, auch wenn sie zum Kummer des Bauern Jahr um Jahr nur Stierkälber wirft - Blösch ist die Leit- und Lieblingskuh vom Knuchelhof.
Eine heimatlich getönte heimelige Idylle in hellstem Grün, die Sterchi da in einer fast Gotthelfschen Sprache beschwört - unbeirrt ausmalend, wie schön das Land doch sei, um dagegen die Grauenhaftigkeit der industriellen Tötungsmaschine Schlachthof um so dunkler und blutiger herauszumalen? Sterchi also ein grünelnder Alternativer, der den Aussteigern die Literatur schreibt, die ihnen noch fehlt?
Nichts weniger als das. Die bäuerliche Welt, die Sterchi schildert, ist düster und brüchig, auf andere Weise als im Schlachthof grausam und verletzend - diese Welt zerfällt zwischen den fesselnden Bedingtheiten der Vergangenheit und den verändernden Forderungen der Zukunft: Da ist die Borniertheit in den Köpfen und die Härte der Herzen, die
Gier und der Geiz und die Konkurrenz, die vom Druck der Industrialisierung draußen noch verstärkt wird. Sterchi zeigt in seiner ruhigen, kraftvollen Sprache eine zerreißende Welt der Gegenwart, der Gleichzeitigkeit von Leben und Tod, in die der einst natürliche Wandel der Zeiten gefallen ist.
Denn als Knuchel den Ambrosio kommen läßt, braucht er ihn dringlich - das Bewahren seiner alten Vorstellungen vom Bauern hat seinen Preis: Knuchels Handgelenke sind vom Melken entzündet, und die Viehhändler wollen weißfleischige Kälber, nicht die gesunden rotfleischigen. Knuchel ahnt wohl, daß sein sympathisch anmutendes Beharren auf den althergebrachten Methoden bäuerlicher Produktion dem Wettbewerb in der Landwirtschaft nicht mehr lange standzuhalten vermag.
Aber Knuchel hat noch für eine Weile Glück: Ambrosio ist ein guter Arbeiter, ein einfühlsamer flinker Melker, einer, dem die alte Weise behagt, auch wenn ihm vieles unverständlich, ja unheimlich ist auf dem Knuchelhof. Und in Innerwald. Denn die Innerwaldner mögen keine Fremden auf ihrem Land; der Käser nörgelt an der vom Spanier gemolkenen Milch herum, die Leute im Dorf lästern über Ambrosio und Luigi, den Italiener vom benachbarten Bodenhof, Gesellschaft finden die beiden nur beim alten Feldmauser, dem outlaw von Innerwald, den die Dörfler später in den Selbstmord treiben.
Und bald kann auch Knuchel, der sich dem allen widersetzt und der sich deshalb zunehmend isoliert, Ambrosio nicht mehr halten. Er verschafft ihm einen Arbeitsplatz im Schlachthof der benachbarten Stadt.
Kapitel um Kapitel wird dieser Roman komplexer, Schicht um Schicht löst Sterchi die scheinbare Idylle der bäuerlichen Knuchelwelt auf und verwandelt sie in jene Tötungsindustrie des Schlachthofs, in der die tierischen Opfer ihren menschlichen "Verarbeitern" immer ähnlicher und die tötenden Schlächter schließlich selbst als die Opfer gezeigt werden.
Dort trifft, an jenem letzten Tag, mit dem Sterchis Roman beginnt, Ambrosio nach sieben Jahren wieder auf Blösch, die nun bis zum letzten ausgebeutete ehemalige Leitkuh des Knuchelhofs - mit Eutern, die von Melkmaschinen verunstaltet sind und bezeugen, daß sich auch auf dem Knuchelhof inzwischen einiges geändert hat.
Dieser letzte Tag steht für alle Tage in den sieben Jahren zuvor, an denen der Ausbeutungsprozeß stattgefunden hat. Als Ambrosio Blösch erkennt, erkennt er sich selbst in ihr: _____" Aber caramba! Dieser ausgemergelte Leib, der so " _____" himmelschreiend elendiglich aus einem Viehwaggon auf die " _____" Rampe herausgezerrt worden war, der so kläglich in den " _____" Morgennebel gemuht hatte, dieser Leib war auch Ambrosios " _____" Leib. Die Wunden Blöschs waren seine Wunden, der " _____" verlorene Fellglanz war sein Verlust, die tiefen Furchen " _____" zwischen den Rippen, die hutgroßen Löcher um die " _____" Beckenknochen, die gruben sich auch in sein Fleisch, was " _____" der Kuh fehlte, das hatte man auch ihm genommen. Blöschs " _____" Hinken und Schleppen und Zögern, das war er, da ging " _____" Ambrosio selbst am Strick. Ja, er hatte gelacht über die " _____" Passivität, über die Anspruchslosigkeit der Knuchelkühe, " _____" aber was da auf der Rampe einmal mehr vorgeführt wurde an " _____" bedingungslosem Gehorsam, an Unterwürfigkeit und " _____" ziellosem Muhen, das hatte er mittlerweile zu seinem Ekel " _____" an sich selbst kennengelernt. In Blösch hatte sich " _____" Ambrosio an diesem Dienstagmorgen selbst erkannt. "
Und nicht nur Ambrosio. Auch die Schlächter Gilgen und Rötlisberger, deren Lebensgeschichte Sterchi erzählt, erkennen sich als Opfer eines ausbeuterischen Produktionsprozesses. Während in der Tötebucht das mittägliche Schweinemetzgen beginnt, bleiben sie in der Kantine und saufen mit Ambrosio. Der Roman stürzt in ein furioses Ende. Die drei führen eine geschmückte Kuh vorbei an der Tötebucht durch den Schlachthof, schlachten sie auf alte Weise und trinken ihr Blut; und die Schlächter eilen herbei - das Schweinemetzgen gerät zum Chaos - und trinken mit: ein Ritus, der die Schlächter eins werden läßt mit ihren Opfern - Opfer auch sie.
Sterchi hat den gewaltigen Stoff dieses Buchs auf ungezwungen selbstverständliche Weise gemeistert, der vielschichtige
Roman ist sehr bewußt und genau organisiert, ohne daß die vielfach wechselnden Erzählperspektiven irgend künstlich oder aufgesetzt wirkten. Man spürt, bei welchen Schriftstellern er in die Schule gegangen ist, und crkennt, wie souverän er das, was er da gelernt hat, in etwas ganz und gar Eigenes verwandelte.
Dies ist kein Erstlingsroman, dem eine gutwillige Kritik die leider heute übliche Talentbescheinigung beizufügen sich unterstehen sollte. Beat Sterchis "Blösch" fordert nicht kritische Leisetreterei. Dieses Buch setzt für Literatur und Kritik neue Maßstäbe, an die sie sich werden gewöhnen müssen.
Von Arnold, Heinz Ludwig

DER SPIEGEL 50/1983
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.