12.12.1983

KUNSTMARKTBitterer Stolz

Für 32 Millionen Mark plus Provision und Spesen kehrt das Evangeliar Heinrichs des Löwen heim. *
Der Auktionator begann bei einer Million Pfund, zwei Minuten später war der Preis für das angebotene Objekt, das vielumraunte Evangeliar Heinrichs des Löwen, auf 7,4 Millionen gestiegen - ungefähr das Doppelte des bisherigen Versteigerungs-Weltrekords. Den Zuschlag erhielt, letzten Dienstag bei Sotheby in London, ein Gentleman in der dritten Reihe, Nicholas Poole-Wilson vom Antiquariat Quaritch am Ort.
Daß er nicht auf eigene Faust so halsbrecherisch gesteigert hatte, war unverkennbar. Gleich neben dem Briten saß ein weißhaariger Herr, der schon einmal auf gleicher Szene spektakulär in Erscheinung getreten war. Der deutsche Alt-Bankier Hermann Josef Abs hatte 1978 als Drahtzieher im Vordergrund Teile der berühmten Kunstsammlung Hirsch für deutsche Museen gesichert. Nun ließ er zu seiner Rechten Poole-Wilson agieren, während links der New Yorker Händler Hans Peter Kraus auffallend stillhielt. Am Ende gehörte, teuer erkauft, das Evangeliar dem Land Niedersachsen zusammen mit mehreren deutschen Partnern. Zu teuer?
Drei Bieter hatten sich gemeldet. Wolfgang Goerigk, Chef des Hamburger Auktionshauses Dörling, ging zunächst
bis vier Millionen mit, pausierte kurz, hob dann wieder die Hand und gab bei sechs Millionen endgültig auf. Da ein erhoffter Auftrag Niedersachsens an ihn ausgeblieben war, bot er für ein privates europäisches Konsortium und mit dem Ziel, gegebenenfalls das Evangeliar wieder deutschen Stellen zu offerieren. Nur mit Abs und den Seinen als Konkurrenz, so sagt Goerigk, hätte er gezögert, überhaupt anzutreten. Denen hätte dann das Buch für eine Million zufallen können.
Doch bis 7,2 Millionen bot noch ein anderer mit: Steven Massey, Leiter der Bücher-Abteilung beim Auktionshaus Christie in New York. Wer ihn geschickt hatte, will er nicht preisgeben, sondern allenfalls eine Anfrage des schließlichen Käufers an seinen Kunden weiterleiten. Empört weist er die Spekulation zurück, er könne auch - angesichts der demonstrativen Gegenwart von Abs mit relativ geringem Risiko - bloß den Preis hochgetrieben haben.
Der Verdacht jedenfalls, Massey sei als Agent des kalifornischen Getty-Museums erschienen, wurde gleich nach der Auktion entkräftet. Das überreiche Institut, gewiß in der Lage, jeden Konkurrenten auszustechen, verlautbarte, es habe sich nicht beteiligt, da "unsere deutschen Freunde historisch, national und emotional ein überwältigendes Anrecht auf das Manuskript" besäßen. Mit entsprechender Zuversicht, wenn auch ohne festes Versprechen, war Wolf-Dieter Dube, Museums-Generaldirektor der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, schon Ende Oktober von Gesprächen in Los Angeles heimgekehrt.
Mit dem Händler Kraus war ein weiterer vermuteter Rivale als Abs-Kompagnon neutralisiert. Recht bewerten kann diese Strategie freilich nur, wer weiß, was Kraus sonst (für wen?) unternommen hätte und wie er nun bezahlt wird. Gleich zwei Agenten einzuspannen, ist immerhin ungewöhnlich, und außer Provisionen für die beiden ist auch noch ein zehnprozentiges Aufgeld des Auktionshauses zur Zuschlagsumme von 7,4 Millionen Pfund (gut 29 Millionen Mark) zu addieren. 35 Millionen Mark werden da leicht überschritten, Bankspesen für die Vorfinanzierung des Kaufs noch nicht einmal gerechnet.
Die schwere Last verteilt sich auf diverse Erwerber. Sechs Millionen Mark von der Bundesrepublik, 7,5 Millionen aus Bayern, drei Millionen von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz schlagen zu Buch, dazu private Spenden von bislang rund 2,5 Millionen - macht 19 Millionen. Den Rest hat Niedersachsen aufzubringen. Der begründete Stolz auf den Erwerb eines überragenden Kulturdenkmals hat einen bitteren Beigeschmack.
Wer mitzahlt, wird Miteigentümer. So bleiben Vereinbarungen auszuhandeln, wo das Evangeliar für wie lange hin soll. Als generellen Standort hat der niedersächsische Wissenschaftsminister die Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel bestimmt - "hoffentlich nicht unwiderruflich", wie der Braunschweiger Oberbürgermeister mahnt. Seine Stadt sei historisch legitimiert, und dort hätten Bürger auch besonders viel gespendet.
Kein Grund zu neuen Rivalitäten, diesmal auf engstem Territorium. In der riesigen Wolfenbüttler Handschriftenabteilung, bei spezialisierten Forschern und Restauratoren, mag das Manuskript auf Dauer am besten aufgehoben und auch ausgestellt sein. Es versteht sich aber, daß es zeitweilig nach Braunschweig zu wandern hat, genauso wie nach München und Berlin. _(Vorn l.: Abs-Verbündete Poole-Wilson, ) _(Kraus. )
Vorn l.: Abs-Verbündete Poole-Wilson, Kraus.

DER SPIEGEL 50/1983
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