19.12.1983

HOLOCAUSTTip aus Breslau

Ein 40 Jahre altes Rätsel ist gelöst. Amerikanische Historiker haben den Mann identifiziert, der die Alliierten über den geplanten Judenmord Hitlers informierte. *
Auf den ersten Blick war es eine ganz normale Nachricht. "Ich habe Herrn Jäger gesprochen", stand da in dem Brief aus Warschau, geschrieben im September 1942, "er will alle Angehörigen der Familie Achenu außer Fräulein Eisenzweig auf den Landsitz Kewer einladen."
Doch der Empfänger ahnte, daß sich hinter der familiären Mitteilung ein grauenvolles Geheimnis verbarg. Gerhard Riegner, Vertreter des Jüdischen Weltkongresses in der Schweiz, brauchte nur ein paar Schlüsselwörter zu übersetzen.
Das hebräische Achenu heißt "unsere Brüder", und Kewer bedeutet nichts anderes als "Grab"; mit Jäger waren die Deutschen gemeint - im Klartext: "Alle Warschauer Juden, ausgenommen die Eisenarbeiter (= Eisenzweig), sollen deportiert und getötet werden."
Riegner hatte keinen Zweifel an der Echtheit der Nachricht, denn der Brief war ihm von einem Vertrauensmann zugespielt worden, den er selber ein paar Wochen zuvor kennengelernt hatte. Ende Juli 1942 war er in Zürich mit einem deutschen Industriellen zusammengetroffen, der ihm eine absurd anmutende Information anvertraute.
In Hitlers Hauptquartier, so der Deutsche, würden Pläne für eine "Endlösung" der Judenfrage geschmiedet; es sei vorgesehen, alle Juden aus dem deutschen Herrschaftsgebiet im Osten zusammenzuziehen und mit Giftgas umzubringen. Bevor er sich von Riegner trennte, um nach Deutschland zurückzureisen, nahm der Informant ihm das Versprechen ab, seinen Namen unter keinen Umständen preiszugeben.
Riegner, der 1933 aus Furcht vor dem Rassenwahn der Nazis aus Berlin in die Schweiz emigriert war, setzte sogleich alles daran, die Nachricht von dem bevorstehenden Massenmord den Alliierten zukommen zu lassen. Er erreichte schließlich, daß man ihn in der US-Gesandtschaft in Genf anhörte. Der Gesandte Leland Harrison gab die Riegner-Meldung nach Washington weiter, fügte allerdings in einem Begleitschreiben hinzu, daß er selber an der Richtigkeit Zweifel hege.
Durch den Brief aus Warschau alarmiert, setzte sich Riegner nun abermals mit Harrison in Verbindung. Am 22. Oktober 1942 übergab er dem Amerikaner einen Bericht, in dem alle Meldungen über antijüdische Aktionen des NS-Regimes zusammengefaßt waren. Riegners Hauptquelle war jener deutsche Industrielle, über den er inzwischen herausgefunden hatte, daß er einer 30 000-Mann-Firma vorstand und Kontakte zu hohen deutschen Diplomaten und Militärs unterhielt.
Doch Harrison wollte sich diesmal nicht auf Riegners Aussagen verlassen. _(Vor dem Abtransport in ein ) _(Vernichtungslager. )
Er wußte zu gut, daß er Washington mehr Beweise liefern mußte, um die Zweifel an der unglaublichen Nachricht zu zerstreuen. Von Harrison unter Druck gesetzt, glaubte Riegner, das dem Deutschen gegebene Wort brechen zu müssen. Er überreichte dem amerikanischen Gesandten die Originalfassung des Briefes aus Warschau und, in einem versiegelten Umschlag, den Namen seines Informanten.
Riegners Bericht fand jedoch in Washington nicht größere Aufmerksamkeit als seine erste Nachricht über den Plan der "Endlösung". Als "wildes Gerücht, von den Ängsten der Juden inspiriert", hatte damals der zuständige Bearbeiter die Botschaft aus der Schweiz abgetan.
Der Name des Deutschen, der die Information über den bevorstehenden Völkermord geliefert hatte, blieb fortan unbekannt. Über vierzig Jahre lang figurierte der Mann, der wohl als erster das Geheimnis der "Endlösung" enthüllte, immer nur als "der Industrielle".
Noch 1981 mußte sich der britische Historiker Walter Laqueur, der wie kein anderer die für Hitlers Kriegsgegner peinliche Geschichte von der "Unterdrückung der Nachrichten über Hitlers Endlösung" erforscht hat, mit Vermutungen behelfen (SPIEGEL 35/1981).
"Aller Wahrscheinlichkeit nach", so Laqueur, beginne der gesuchte Name mit dem Buchstaben S. Er war der Lösung denkbar nahe, ja in einer Fußnote nennt er sogar den Namen als einen in einer ganzen Reihe möglicher Informanten. Die Initialen E. S. standen auch auf jenem als Familienbrief getarnten Schreiben aus Warschau.
Zwei amerikanische Historiker, die Professoren Richard Breitman und Alan M. Kraut, sind dieser Spur nachgegangen. Nachdem sie im US-Bundesarchiv jeden Hinweis geprüft und von den in Frage kommenden deutschen Industriellen einen nach dem andern ausgesondert hatten, sind sie jetzt sicher, den "geheimnisvollen Boten" endlich identifiziert zu haben. Es war der Generaldirektor der Bergwerksgesellschaft Georg von Giesche''s Erben in Breslau. Sein Name: Eduard Reinhold Karl Schulte.
Der 1891 in Düsseldorf geborene Schulte hatte 1925 die Leitung der Giesche-Gesellschaft übernommen. Die Firma produzierte Zink, Blei, Kohle und Schwefel, hatte bedeutende Besitzungen in Polen und eine Tochtergesellschaft in der Schweiz. Aufgrund dieser Verbindung konnte Schulte noch 1943 ohne Schwierigkeiten nach Bern reisen.
In der Weimarer Zeit der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei nahestehend, entwickelte sich Schulte nach 1933 zum erbitterten NS-Gegner. Nachdem Hitler in Polen eingefallen war, begann Schulte, geheime Nachrichten aus dem Nazireich an die Alliierten zu geben. Die Informationen, die er teils über polnische, teils über französische Kontaktleute lieferte, hatten Spitzenqualität.
Nach der Untersuchung von Breitman und Kraut meldete Schulte im Mai 1941, daß der deutsche Einmarsch in Rußland unmittelbar bevorstehe; im Januar 1942 lieferte er Informationen über die bevorstehende Kaukasusoffensive. Auch über Spannungen zwischen Hitler und seinen Generälen wußte er detailliert zu berichten.
Die Meldung über die Ausrottung der Juden mochte er nicht den üblichen Kanälen anvertrauen. Schulte fuhr selber in die Schweiz, um sich mit offiziellen Vertretern des Judentums in Verbindung zu setzen. Am 28. Juli 1942 traf er einen Mittelsmann in Zürich, der ihn mit Gerhard Riegner zusammenbrachte.
Schulte hatte guten Grund, seinen Partner um strikte Wahrung seiner Anonymität zu bitten. Auch wenn er volles Vertrauen zu dem Repräsentanten des Jüdischen Weltkongresses haben konnte - niemand garantierte ihm, daß sein Name, einmal auf einem konspirativen Papier festgehalten, nicht in falsche Hände oder am Ende gar auf die Fahndungslisten der Gestapo geraten würde. Allzu dicht war das Netz der Spitzel und Agenten miteinander konkurrierender Geheimdienste in der Schweiz.
Ein Jahr später beging Schulte dann doch einen verhängnisvollen Fehler. Bei einem Aufenthalt in Bern diktierte er in einem privaten Büro eine vertrauliche Botschaft und ließ sogar, ganz der korrekte Geschäftsmann, einen Durchschlag machen. Der Adressat des Schreibens war kein Geringerer als der Chef des amerikanischen Nachrichtendienstes in Europa, Allan Dulles, der in der Berner Herrengasse residierte.
Das Finale der Geschichte, so wie die US-Autoren sie jetzt in der amerikanischen Monatszeitschrift "Commentary" rekonstruiert haben, lief fast nach dem Strickmuster einer Agentenstory ab.
Schultes Sekretärin versäumt es, das Kohlepapier zu verbrennen, eine Stenotypistin aus demselben Büro nimmt es an sich, deren Liebhaber ist ein Agent des SS-Sicherheitsdienstes in Zürich. Als das Pärchen dahinterkommt, welche Bedeutung das Papier hat, und auch sogleich die Gestapo alarmiert, ist Schulte schon wieder in Breslau. Gerade noch rechtzeitig bekommt ein Zürcher Bekannter Wind von der Panne, Schulte kann gewarnt werden und, da sein Visum noch gültig ist, unbehelligt nach Basel fliehen.
Am 5. Dezember 1943 wurde dem Mann, der seinen Kopf riskierte, um Hitlers Judenmord zu verhindern, in der Schweiz Asyl gewährt. Ein paar Wochen später gelang auch seiner Frau die Flucht. Nach Kriegsende blieben sie in Zürich.
Von den westlichen Siegern bekam Schulte bald Dank und Anerkennung bescheinigt, in der britischen Auszeichnung wird er als "ein Freiwilliger im Dienst der Vereinten Nationen für die große Sache der Freiheit" gepriesen, unterzeichnet: Feldmarschall Montgomery.
Schulte selbst - er starb 1966 - hielt es nie für nötig, sich öffentlich über seine Aktivitäten im Widerstand gegen das Hitler-Regime auszulassen. Und der Mann, der die Schreckensmeldung des deutschen Industriellen, wenn auch letztlich folgenlos, in die Weltöffentlichkeit brachte, fühlt sich an sein Wort gebunden. Noch heute verschweigt Riegner beharrlich den Namen des Informanten von 1942: "Es war das einzige, was er je von uns erbeten hat."
Vor dem Abtransport in ein Vernichtungslager.

DER SPIEGEL 51/1983
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