19.12.1983

BÜCHERMensch in der Revolte

Kenneth Patchen: „Schläfer erwacht“. März Verlag, Berlin; 436 Seiten; 49,80 Mark. *
Das umfangreiche Werk von Kenneth Patchen ist hierzulande bisher kaum bekannt, der Autor ein leider viel zu geheimer Tip. Es gab lediglich beim Limes Verlag eine Übersetzung des "süffigsten" seiner drei in den 40er Jahren geschriebenen Anti-Romane (dem dank des Titels "Erinnerungen eines schüchternen Pornographen" sogar mehr als eine Auflage beschieden war, zuletzt als Reprint bei März), doch ist der jetzt bei Erscheinen des neuen Bandes längst nicht mehr lieferbar.
"Aus der Reihe treten und draußen bleiben", formuliert Patchen seine Haltung, "abweisen / abweisen / laß dich nicht zum Narren halten / die Welt ist brutal und übel / nach ihren Spielregeln kannst du nie gegen sie gewinnen / also weise den ganzen Schwindel zurück / zeige ihnen, wo du stehst."
Sein "Schläfer erwacht" steht da als erratischer Block in der Buchlandschaft dieses Herbstes: ein großer Wurf von 430 Seiten, dessen offene Form der Collage die Einbeziehung des pazifistischen Pamphlets von alttestamentlichem Donner ebenso erlaubt wie zarte Liebesszenen, apokalyptische Schreckensbilder wie pastorale Utopien. Es stehen alltägliche Dialoge im flapsigen Umgangston neben seherischen Botschaften von unverkitschtem Pathos, konkrete Poesie und typographisch-visuelle Spielereien (bis hin zur schwarzen Seite a la "Tristram Shandy") neben linearen Short-Story-Elementen oder der von rigider
Interpunktion befreiten anarchistischen Tirade gegen Konformismus und gesellschaftlichen Muff.
Patchen galt der Kritik mit seinen ersten Gedichtveröffentlichungen in den 30er Jahren (bekräftigt auch durch seine Bilderbuchherkunft: geboren 1911 als Sohn eines Stahlarbeiters in Ohio) als proletarischer Autor, war in den 40ern dann mit der in "Schläfer erwacht" kulminierenden Prosa-Trilogie der amerikanische Surrealist und wurde schließlich in den 50ern, als er die Poetry-and-Jazz-Bewegung initiierte, zum großen alten Mann der Beat-Generation gestempelt.
Dabei hat sich der Einzelgänger nie irgendeiner Gruppe angeschlossen oder auch nur zugehörig gefühlt. Patchens Spielart des Surrealismus in "Schläfer erwacht" ist bestes Beispiel für einen "Surrealismus im Dienste der Revolution", ohne daß der Autor sich in die verkürzte Sichtweise Aragons und anderer flüchtet und sein Heil bei Väterchen Stalin sucht. Faschismus und Krieg tauchen auf als besonders eklatante Vergegenständlichungen von Macht, Gewalt und menschlichem Elend, die es allesamt zu überwinden gilt auf dem Weg zur Utopie des Goldenen Zeitalters. Patchens Mission als Künstler ist die Revolution des Bewußtseins und der Haltung - und im Gegensatz zu den Beats, mit denen er die Verbundenheit zum Jazz teilt, ist er nie cool, bleibt er stets ein Empörer, ein Mensch in der Revolte.
Die zentrale Botschaft seines Werks bis zu seinem Tod im Jahre 1972 ist eine Verquickung von "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder" und, ja, "Unter dem Pflaster ist der Strand".

DER SPIEGEL 51/1983
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