19.12.1983

Dir, o Mutter, ganz zu eigen

Seit der Wahl von Papst Johannes Paul II. hat die römische Kirche die Tradition ihrer "Marien-Päpste" wieder aufgenommen. Der Kult um die "Himmelskönigin" soll einerseits ein unerreichbares Frauen-Ideal beleben, andererseits die leiblichen und "furchterregenden" Eigenschaften des Weiblichen auslöschen.

Eine junge Frau bekommt ein uneheliches Kind. Ihr Verlobter stößt sie nicht von sich, hütet sich aber wohl, sie bis zur Geburt dieses Kindes anzurühren. Dann nimmt er sie zu sich.

Der Mann verschwindet aus der Geschichte. Die Frau bekommt weitere Kinder, vier davon heißen Jakobus, Josef, Simon und Judas.

Mit ihrem Ältesten hat sie wenig Glück. Er wird, obwohl von Beruf Zimmermann, ein aufsässiger Prediger und entfremdet sich seiner Familie, die ihn nicht mehr zu bändigen vermag. Er macht sich Feinde, und seine Feinde bringen ihn um.

Dies ist die Geschichte der "Jungfrau Maria", wenn man das älteste Zeugnis zugrunde legt. Es steht in der Schrift eines gewissen Markus, über den man Weiteres nicht weiß, verfaßt etwa im Jahre 70 der nach Jesu Geburt aufgestellten Zeitrechnung.

In den zuvor verfaßten Briefen des Apostels Paulus kommt diese Frau namentlich und als Person nicht vor. Jesus wird als "vom Weibe geboren" beschrieben.

In der später verfaßten Apostelgeschichte spielt sie eine Nebenrolle. Sie verharrt nach Jesu Himmelfahrt im Gebet mit den Aposteln neben anderen Frauen und Jesu Brüdern. Allgemein wird diese wohl zwischen den Jahren 80 und 100 verfaßte Apostelgeschichte dem Verfasser des Lukas-Evangeliums zugeschrieben. Bei Lukas, wie in dem Evangelium nach Mattäus, herrscht Entfremdung zwischen dem lebenden Jesus und seiner Familie.

Maria erscheint immer noch als eine Frau wie jede andere, die von der hohen Berufung ihres Sohnes nichts versteht und wenig davon hält. Sie kann Gottes Wort nicht hören und es demgemäß auch nicht "tun".

Und eben im Namen dieser Maria haben Polen wie Spanier ihre Kriege geführt. Die "Erneuerung" Portugals unter dem faschistischen Diktator Salazar wurde auf die Marien-Erscheinungen in dem portugiesischen Wallfahrtsort Fatima zurückgeführt. Ganze Länder und Nationen sind dieser Maria von den höchsten Fürsten der römischen Kirche anbefohlen worden. Die ganze Menschheit wurde ihr von Papst Pius XII. 1942 geweiht, als in Auschwitz die Gasöfen brannten.

Im vorigen Sommer erst hat der Papst aus Polen, Karol Wojtyla, seine Errettung von Mörderhand auf den "mütterlichen Schutz" dieser "heiligsten Jungfrau" zurückgeführt. Dem Kloster der "Schwarzen Madonna" von Tschenstochau verehrte er das blutbefleckte cingulum - laut "Bild" ein "Blut-Tuch", laut "Neue Zürcher Zeitung" eine "seidene Bauchbinde". Der Stoff wird in einem (Reliquien-)Schrein ausgestellt werden.

"Totus tuus", ganz der Deine, unter diese Devise hat der marien-seligste und, angesichts der polnischen Wirren, marien-gefährlichste Papst aller Zeiten sein Pontifikat gestellt: Der Spruch wird vom Papst selbst mit "Dir, o Mutter, ganz zu eigen" übersetzt. Wo immer dieser Papst seinen Fuß hinsetzt und die Erde küßt, hat Maria die Gewißheit, zur "Königin" des Landes ausgerufen zu werden, England aus Gründen des diplomatischen Takts ausgenommen.

Aber auch beim Papst-Verächter Martin Luther findet sich der Satz: "Billig wäre es gewest, daß man ihr einen güldenen Wagen bestellet und sie mit 4000 Pferden geleitet und vor dem Wagen her trommetet und geschrien hätte: Hier fähret die Frau über alle Frauen, die Fürstin unter dem ganzen menschlichen Geschlecht."

Ob Wojtyla die Mutter Jesu schlicht zur "Königin der Dolomiten" ernennt; ob einer seiner Vorgänger sie 1920 zur "Schutzpatronin der Flugreisenden" machte: Die Päpste bewegen sich hier auf sicherer Schiene.

1854 verkündete Pius IX., um seine Unfehlbarkeit zu demonstrieren, den für alle Katholiken verbindlichen Glaubenssatz (Dogma), Jesu Mutter sei "unbefleckt", durch besonderen Gnadenakt, also frei von der kirchlicherseits erfundenen "Erbsünde", empfangen worden, "makellos". Ihr Leib, so wurde später kommentiert, sei durch die Geburt auch "unversehrt" geblieben. Daß ein Mann

gezeugt hatte, wurde nicht ausgeschlossen.

1950 setzte Pius XII. noch einen drauf, indem er "mit völliger Sicherheit und ohne jeden Irrtum", wiederum glaubensverbindlich also, zum Dogma erhob, diese Mutter sei mit "Leib und Seele" in den Himmel aufgenommen worden. Ihr Leib durfte nicht zu Asche, er durfte den Würmern nicht preisgegeben werden.

"Höchste Gleichgestaltung mit Jesus", jubelte der Münchner Dogmatiker Michael Schmaus zu Recht: Nahezu-Gottheit der Maria, praktische Ausweitung der Trinität (Vater - Sohn - Heiliger Geist) durch eine Gottgöttin.

Da kann sie denn nun auch die Kugel eines Attentäters lenken, denn so heißt es im Maien- und Mariengebet:
" Wer hat je umsonst deine Hilf'' angefleht, "
" wann hast du vergessen ein kindlich Gebet ... "
" So glaub'' ich und lebe und sterbe darauf: "
" Maria hilft mir in den Himmel hinauf. "

Dies alles kann nicht das Werk einfältiger oder herrschsüchtiger Päpste gewesen sein, sosehr die Arroganz der Macht sich ins Spiel gedrängt haben mag. Vielmehr, es müssen Bedürfnisse, verdrängte und zwecks Verdrängung instrumentierte Bedürfnisse gewesen sein, denen die katholischen Völker ihre "Himmelskönigin" verdanken.

Hatte schon der alte Stammesgott Jahwe, Alleinherrscher, der er war, genug damit zu tun, die umliegenden Konkurrenz-Gottheiten Astarte und Ischtar abzuwehren, Göttinnen der Liebe, der Fruchtbarkeit und der Zeugung, so gab es später Bedürfnisse, die sich mit dem männlichen Christengott, ein Gott in drei Personen, nicht befriedigen ließen. Sogar Jahwe hatte sich mit der Zeit eine als weiblich vorgestellte "Weisheit Gottes" (griechisch "Hagia Sophia") gefallen lassen müssen, die ihm zur Seite stand.

Schon im zeitlich letzten, dem Johannes-Evangelium, etwa um das Jahr 100 (?) niedergeschrieben, erhält Jesu Mutter eine besondere und absichtliche, eine herausgehobene Bedeutung. Sie ist anwesend bei der ersten der beschriebenen Wundertaten, sie wirkt mit bei der Verwandlung von Wasser in Wein auf der Hochzeit zu Kana, schon als "Mittlerin": "Was er euch sagt, das tuet."

Und wieder voller Absicht wird sie unter das Kreuz gestellt und dem "Lieblingsjünger" Johannes zur späteren Obsorge anbefohlen. Sie vermittelt gewissermaßen zwischen alt und neu, sie beglaubigt den Evangelisten mit Namen Johannes und dessen anders nicht nachweisbare Präsenz unter dem Holz. Aus dem Evangelium nach Johannes tritt diese Frau, von der wir sonst so wenig wissen wie von dem Evangelisten selbst, ihren Siegeszug in den Himmel an.

Eine Liebesgöttin und Himmelskönigin wurde auch im alten Israel verehrt, ihre Tempelhuren, die Kedeschen, huldigten ihr mit heiligem Dienst. Nur genoß sie nicht die Gunst des Herrn. Zu dem nach Ägypten emigrierten Jeremia, im siebten Jahrhundert vor der Zeitrechnung, spricht der Herr:
" Oder siehst du denn nicht, was sie in den Städten "
" Judas und in den Straßen Jerusalems treiben? "
" Die Kinder lesen Holz zusammen, die Väter zünden das "
" Feuer an, und die Frauen kneten Teig, um der "
" Himmelskönigin Kuchen zu backen, und man bringt fremden "
" Göttern Trankopfer dar, um mich zu kränken. "
" Kränken sie aber mich dabei - spricht Jahwe - und "
" nicht vielmehr sich selbst zu ihrer eigenen Schande? "

Das Volk fühlte sich aber weder gekränkt noch verunehrt:
" Da gaben alle Männer, die wohl wußten, daß ihre "
" Frauen anderen Göttern Rauchopfer darbrachten, und alle "
" Frauen, die in einem großen Haufen zusammenstanden (und "
" alles Volk, das im Lande Ägypten und in Patros wohnte), "
" dem Jeremia folgende Antwort: "
" "Was das Wort betrifft, das du im Namen Jahwes uns "
" verkündet hast, so hören wir nicht auf dich. Wir werden "
" vielmehr das Wort, das wir gegeben haben, ganz und voll "
" ausführen: nämlich der Himmelskönigin Rauchopfer "
" darzubringen und ihr Trankspenden auszugießen, wie wir "
" und unsere Väter, unsere Könige und unsere Vorsteher es "
" in den Städten Judas und in "
" den Straßen Jerusalems getan haben, wobei wir uns "
" satt essen konnten und uns wohl befanden und kein Unglück "
" erlebten. Aber seit wir aufgehört haben, der "
" Himmelskönigin Rauchopfer darzubringen, hat es uns in "
" allem gefehlt und sind wir durch Schwert und Hunger "
" aufgerieben worden." "

Das war die Zeit, da man, so die essenische Damaskusschrift, "den Astarten" diente, der babylonischen Ischtar und der westsemitischen Astarte. Der alte Jahwe mag sich nicht schlecht gewundert haben, seine weiland Nebenbuhlerin etliche Jahrhunderte später als eine Art schwesterlicher Halbgöttin wieder vorzufinden, diesmal nicht mehr unter dem Namen Astarte oder Ischtar, sondern als Mirjam-Maria.

Theodor Reik in Berlin, ein Freud-Biograph, sah in der Unterdrückung des Göttinnenkults Zeichen eines "immer stärker werdenden homosexuell-femininen Verhältnisses zum göttlichen Vater, zu Jahwe", einer Beziehung von "libidinöser Intensität", die freilich angesichts der gewaltsamen Hinausdrängung der Göttin auch haßerfüllt ist und nur in trotzigem Gehorsam durchgehalten werden kann.

Auch die Christen, wie vor ihnen die Israeliten des Propheten Jeremia, brauchten eine Himmelskönigin, der sie Kuchen backen konnten, eine große Mutter. Doch sie wurde ihnen halb angedeutet, halb vorenthalten. Freud trifft nur die halbe Wahrheit mit seinem Diktum, die christliche Religion habe die Muttergottheit wiederhergestellt.

Hatte schon der patriarchalische Vatergott nur durch "Zerlegung" in Vater und Sohn gerettet werden können - im Evangelium nach Johannes hat man es durchaus noch mit einer Zwei-Personen-Göttlichkeit zu tun -, so wurde nun auch, und der Prozeß dauerte an die 400 Jahre, das Weib Maria in irdische und himmlische Bestandteile zerlegt, um die unberechenbaren Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttinnen des hellenistischen Orients abzuwehren. Erst im Jahre 381, auf dem Konzil von Konstantinopel, wurde der Versuch, eine Dreieinigkeit von Vater, Mutter und Sohn zu installieren, endgültig abgewehrt.

Dies war, zugegeben, ein Rückzugsgefecht. Auf dem Konzil von Ephesus, wohl nicht zufällig am Sitz der Mutter-Gottheit Artemis, wurde Maria 431 mit dem Ehrentitel "Gottesgebärerin" ausgezeichnet; wurde verherrlicht wie auch gleichzeitig ihrer Fraulichkeit und Leiblichkeit beraubt. Nach Ephesus in Kleinasien, der Legende zufolge, soll der Johannes-Evangelist Jesu Mutter zu sich genommen haben, getreu der Weisung des am Kreuz Sterbenden: "Weib, siehe, das ist dein Sohn!"

Die "Himmelskönigin" war nun von allem Irdischen, von allem Unsauberen gereinigt, sie ist die Frau aller Frauen, frei von Trieben und Begierden. Spiegelbildlich ist in der rabbinischen Literatur viel von ihrer Menstruation die Rede, denn hier blieb bei allem Sauberkeitsbestreben ein schwacher Punkt.

Alles, was unsauber, unreinlich, befleckt eben, an ihr als einer Frau haften konnte, hatten die Christen ihr nun genommen, samt ihrer weiblichen Sexualität: "Die Frau, die nichts dabei fühlt." Kein Phallus war je in sie eingedrungen, die Geburt des Einen hatte sie "leiblich unversehrt" überstanden, weitere Kinder nicht bekommen.

Sie wird "überschattet" (Lukas) von einem Neutrum, das sich seinerseits der Anfechtung, weiblich gewesen zu sein und demgemäß auch wieder weibliche Züge anzunehmen, nur mühsam erwehren konnte.

Dieser Heilige Geist ist das göttliche Urwesen, das Männliches und Weibliches einschließt, so hatten es die Juden aus ihrer babylonischen Gefangenschaft mitgebracht. Laut dem Kirchenvater Augustinus überschattete er die Jungfrau durch deren Ohren. _(Es finden sich aber auch andere, ) _(volksnähere Vorstellungen, etwa in "Des ) _(Knaben Wunderhorn": "... schwang sich in ) _(ihren Willen, schwang sich in ihren ) _(Schoß, er war so stark von Kräften, von ) _(meisterlichen Geschäften." )

Die Mutter war nun erhöht, die Frau abgetrennt. Hinfort konnte Maria als Beispiel dienen für alle jene Mütter, die ihre Söhne für Ziele und Zwecke opfern sollten, vorzüglich im Kriege. Sie konnte zum Gefäß einer männlichen Zeugung herabgewürdigt werden. Schon bei Paulus _(Mit Kardinälen, knieend 2. v. l. sein ) _(Kriegsminister Xaver de Merode. )

werden die Männer ermahnt, ihr Gefäß sauberzuhalten. Sie hat keinen Anspruch, ihr Kind oder ihre Kinder zu behalten. Sie hört auf eine Stimme "von oben", es ist die eines oder des Mannes. Der Name des Engels "Gabri-El" besagt nichts anderes als "Mann Gottes".

Die Enteignete eignet sich so sehr als makellos Erhobene oder Erhabene, daß sie sich selber nicht im Wege steht, was sterblichen Menschen sonst kaum gelingt. Ohne Rest, zu tragen peinlich, hat und ist sie verinnerlicht, derart willenlos und nur noch "Magd des Herrn", daß sie zum Trösten wie geschaffen scheint. Heiter ist ihr Antlitz, bis der gemarterte Sohn (Goethe: "Ach neige, du Schmerzensreiche") entseelt in ihrem Schoße liegt, nur für drei Tage tot und zu Höherem berufen; welch ein Auftrag für die Künstler, diese Pieta abzubilden!

Hinfort spendet die Kirche "Wort" und "Segen", wo die Frau Phallus und Samen erwarten dürfte. Der Heilige Geist erscheint in Gestalt einer Taube, "eines der weibischsten phallischen Symbole", so der Freud-Biograph Ernest Jones, und nicht wie Zeus der Leda (Rilke: "... und wurde wirklich Schwan in ihrem Schoß"). In Babylon, von dessen Ufern die Juden etliche neue Vorstellungen zurück nach Hause brachten, brütete der Geist als Mutter-Göttin über dem Abgrund. Damit war es nun vorbei, auch er mußte sich anpassen.

Die Himmelsgöttin verdrängte den Heiligen Geist. Zwar, von der offiziellen Thronliste blieb sie gestrichen, aber sie war anschaulich.

Wie ihre Vorgängerin Ischtar stand sie auf der Mondsichel, die Venus wurde ihr Sternzeichen, wie ihre Verheißungen ausstrahlende Schwester Aphrodite, auch diese nicht von natürlicher Geburt, wurde sie stella maris: "Meerstern, ich dich grüße, o Maria hilf."

Der alte Donnerer Jahwe hatte einen (zu) hohen Preis dafür entrichtet, daß er in Gestalt seines Heiligen Geistes weibliche Attribute mitübernehmen und einer Menschenfrau beiwohnen mußte.

Die Jungfrau als Jungfrau, die Mutter als einzige Gottesmutter und keine neben ihr, sie wurde vom christlichen Abendland offenkundig gebraucht. Sie könnte aber auch zufällig ins Credo gekommen sein, wie es schon 431 heißt "geboren von der Jungfrau Maria".

Hier muß man sich klarmachen, daß die Evangelien vor ihrer späteren Übersetzung ins Lateinische nur in griechischer Sprache vorlagen und nicht etwa in der Volkssprache Aramäisch oder der Schrift- und Kultsprache Hebräisch. Die Autoren konnten Griechisch lesen und schreiben. Sie waren in der hellenistischen Welt mehr oder minder zu Hause, ihre Kenntnisse der jüdischen Sitten und Bräuche hingegen geben zu Zweifeln Anlaß.

Alle vier Evangelisten, wobei man die Zahl nicht wörtlich nehmen darf, es waren wohl mehr, wollten den Nachweis erbringen, daß die Schrift des alten Bundes sich in ihrem "Jesus, der Christus" erfüllt hatte. Die alten jüdischen Schriften aber lagen ihnen schon in griechischer Übersetzung, in der "Septuaginta", vor, die in Alexandrien und lange vor Christi Geburt angefertigt worden war.

Das Wort "Jungfrau" beruht schlicht auf einem Übersetzungsfehler, und der Name Maria könnte aus älteren Schriftstellen abgeleitet sein.

Die ältere Schwester des Mose, die Pharaos Tochter auf den im Schilfkorb schlummernden Säugling Mose aufmerksam machte, das ausgesetzte Kind derart "rettet", heißt nämlich Mirjam (Maria) und wird in der hebräischen Bibel mit dem sonst seltenen Namen "alma" bezeichnet.

Das Wort bedeutet "Junge Frau". Prominent kommt es beim Propheten Jesaja (7,14) vor. Der Prophet hat dem König Achas etwa um das Jahr 730 vor der Zeitrechnung ein "Zeichen" prophezeit: "Seht, die junge Frau ("alma") wird empfangen und einen Sohn gebären, den wird sie Emmanuel nennen." Sogar katholische Gelehrte halten für möglich, daß mit der jungen Frau nichts weiter als die Königin gemeint war. Aus dem Zusammenhang geht hervor, daß der Prophet an ein Zeichen in naher Zukunft dachte. Übersetzt las sich das in der

Septuaginta nicht als "junge Frau", sondern als "Jungfrau". Die Jungfrauen-Geburt war hellenischem Denken so wenig fremd, siehe die Kopfgeburt der Pallas Athene aus dem Haupt des Zeus, wie sie dem jüdischen Denken unvorstellbar schien.

Den Evangelisten nun erschien die Prophezeiung des Jesaja, in der nur noch von einer "Jungfrau" die Rede war, ergiebig wie keine andere. Maria, die junge Mutter, wurde in eine Jungfrau zurückverwandelt. Und so sangen dann die deutschen Katholiken des 20. Jahrhunderts:
" O komm, o komm, Emmanuel! Nach Dir sehnt sich Dein "
" Israel. "

Es gab griechische Götter, die Menschenfrauen heimsuchten, und die heidnischen Cäsaren Roms figurierten seit Augustus als Halbgötter. Es gab ebenso altjüdische Könige, die sich als von Jahwe gezeichnet oder gezeugt betrachteten. Nur, eine einzige einfache Frau, mit der ein Gottvater seinen einzigen eingeborenen Sohn zeugen konnte, diese Vorstellung wäre den alten Griechen lächerlich und den alten Juden gotteslästerlich erschienen. Sie hatte den einen Vorteil: Sie wurde gebraucht.

Der Schweizer Tiefenpsychologe C. G. Jung nahm an, daß es ein Urbild der Mutter in der unbewußten Tiefe jeder Menschenseele gebe, die im kollektiven Unbewußten der Gesellschaft gründe. Dieser "Mutter-Archetypus", so C. G. Jung, beinhalte "die hegende, nährende Güte, eine orgiastische Emotionalität und unterweltliche Dunkelheit". Seine Wurzeln lägen im Urgrund der menschlichen Kultur - im dunkeln.

In Traumbildern und Mythen komme nun dieses "Mutter-Imago" zum Vorschein: die ummauerte Stadt zum Beispiel, die Höhle im Erdreich, das nährende Tier, das Kloster - aber auch die Hexe, das verschlingende wilde Tier und der Tod seien Sinnbilder des Archetypus.

Viele dieser Bilder, so Jung, dienten zur Beschreibung der Mutter- und Erdgöttinnen früherer Kulturen. In ihnen komme die innere Widersprüchlichkeit des Archetypus bildhaft zum Ausdruck, so vor allem in der Verquickung von unverletzter Jungfräulichkeit und orgiastischer Sexualität.

So gesehen fand in dem von der katholischen Lehre kultivierten Marien-Mythos die Amputation einer archetypisch begründeten Ganzheit statt: Maria ist zum Bild der nährenden Amme verstümmelt; das Urweibliche, die verlangende Frau und Gattin, ist verschwunden - und dies mit Grund.

Unberechenbar wie die urwüchsigen Naturgewalten, so erschien den Männern das Weibliche: lebensspendend durch die Geburt zwar - doch auch immer mit Verführung, Untergang und Tod verbunden. Die Ursprungs-Göttin der frühgeschichtlichen Mythen, die Erdenmutter Gaia, war "mit breiten Brüsten der feste und ewige Sitz aller Götter", wurde aber als doppelgesichtiges Wesen verehrt, das Fruchtbarkeit spenden wie auch Unheil stiften konnte.

Geburt und Tod, beides vereint in der Einheit von Sinnenlust und Schmerz: Mit vielfältigen kultischen Handlungen wurde in Umzügen, Freudenfesten und Opferhandlungen die Mutter Erde als Ursprung des Lebens gefeiert und besänftigt.

In allen Religionen wurde der Ackerbau als Ausdruck weiblicher Naturkraft angesehen.

Im Frühjahr, vor der Aussaat, mußte mancherorts die erste Furche, Sinnbild der Vagina, von einem nackten Mädchen gezogen werden. Dieses hielt eine Phallus-Nachbildung als Kultgegenstand in der Hand. Als handele es sich um eine sexuelle Vereinigung, wurden Neugeborene auf die nackte Erde gebettet, ebenso Sterbende und gebärende Mütter. Noch heute sind solche Bräuche bei den Naturvölkern weit verbreitet. Aber auch der Wojtyla-Papst küßt, wenn zu Besuch, den Mutterboden.

In den Kulturen des Altertums verloren die weiblichen Gottheiten nach und nach ihre Vormacht, was nicht nur feministisch gesinnte Religionsgeschichtler mit dem Übergang vom urzeitlichen Matriarchat auf die Männerherrschaft erklären: Während früher Macht und Besitz (auch?) von den Frauen verwaltet wurden und die Partnersuche für die Hausstandsgründung Sache der Mädchen war, errangen nun die Männer den höheren Status, die Väter das Vorrecht.

Bis zur Blütezeit der griechischen Kultur spiegelte sich in den Sagen und Mythen die Machtverschiebung als regelrechter und regelloser Machtkampf unter den zahlreichen Gottgestalten, den der Gottvater Zeus zunehmend autoritär - und so auch im Interesse des Patriarchats - entschied.

Die Göttin Pallas Athene, Urbild des Weibes, trug auf späteren Darstellungen nun keine Waffen mehr, sondern Spindel und Hausgerät.

Auch die einst als unfaßbar-wilde Muttergottheit verehrte Artemis erschien den Griechen nun als sanfte, mithin den Männern ungefährliche Jungfrau.

Doch trotz dieses Macht- und Rollenwandels blieb die Götterwelt der Antike eine gleichsam emanzipierte, im Zusammenspiel der Geschlechter tolerante Großfamilie, die sogar im Intimbereich weder Scham noch Scheu besaß.

Ganz anders das Christentum, das aus der streng patriarchalischen Tradition der altjüdischen Religion hervorgegangen war: Die Trinität aus Gottvater, Sohn und Heiligem Geist schien für uneingeschränkte Männerherrschaft zu stehen, da ja der Heilige Geist zum Inbegriff des Neutrums abgewandelt worden war. Und auch die Jünger des Herrn Jesu waren Männer, ihre Tafelrunde ein Männerbund.

Und doch lag das radikal Neue des Christentums im Gedanken der Menschwerdung Gottes: Jesus Christus war ein Menschensohn und als solcher von einer Frau zur Welt gebracht worden. Aber unter welchen Umständen war dies geschehen?

Versteht man Kulte und Mythen als Mittel zur Bewältigung von Angst, dann hatten die antiken Muttergott-Riten vornehmlich die Aufgabe, den Männern die Furcht zu nehmen vor der Urtümlichkeit des Weibes, sie sanft zu stimmen und ihren Schoß fruchtbar zu machen für die Nachkommen: Spiegel des männlichen Narzißmus.

Der christliche Glaubenskern hat nun aber nicht so sehr Lebensbewältigung, sondern Erlösung zum Inhalt: Der Gang des Gottmenschen auf Erden sollte ja nicht nur ein Sinnbild für das Leben schlechthin sein, sondern das Leitbild jedes einzelnen, der den entsagungsreichen Weg der Erlösung in der Nachfolge des einen Erlösers zu gehen bereit war.

Wie der Buddhismus, so setzte auch das Ur-Christentum Askese und Entsagung an den Anfang, faßte Demut und Selbstbeherrschung als Tugenden und versprach die ewige Seligkeit als Erfüllung allen Seins in den Himmeln wie auf Erden.

Die Erlösungssucht, vom Christentum mit dem Jüngsten Tag, dem Eingang ins Paradies, veranschaulicht, faßt der Buddhismus als Nirwana, der chinesische Taoismus als Harmonie, wobei göttliche Vollkommenheit verheißen wird.

Der vollkommene Gottmensch, der aber zu leiden hat unter der Unzulänglichkeit des Daseins - dies ließ sich kaum treffender zur Anschauung bringen als im Doppelbild der Jungfrau-Mutter, die in vollkommener Reinheit den Gottessohn in die Welt hinein gebiert und zugleich unter Wehen und Schmerzen entläßt.

Daß und wie nun der zeugende Vater zugegen war, wird unerheblich, stört sogar, weil menschliche Zeugung nicht Menschwerdung des Vollkommenen, sondern Vergötterung des Unvollkommenen zur Folge hätte.

Die Mythen der Maya-Kultur Mittelamerikas etwa erzählen, daß die Gottgestalten Hunahpu und Xbalanque aus dem Speichel eines Getöteten von einer unbefleckten Jungfrau empfangen wurden. Der persische Weltheiland Saoshyant entstand der Sage nach aus dem Samen Zarathustras, der sich aber nicht in die Empfangende ergoß, da sie Jungfrau bleiben sollte.

In den asketisch ausgerichteten Erlösungsreligionen war nun die patriarchalische Tradition mit dem Gedanken der Askese zum männlichen Prinzip - Gottvater und dessen Sohn als Gottmensch - verschmolzen worden. Dementsprechend wurde die Idee des Vollkommenen als Gegensatz zur Urtümlichkeit der Natur und so auch des Weiblichen mit seinen unergründlichen Verlockungen gesehen.

Der Mythos schildert die Geburt des Gottmenschen darum als "unbefleckt" von Trieben und Instinkten, die Mutter Gottes ist gleichsam die Frau ohne Unterleib, die "Magd des Herrn", die in ihrer Dienstleistung sich selbst erfüllt.

Die Legende von der Geburt des Gottmenschen Buddha beginnt im Himmel. Dort erhält er den Auftrag, zur Erlösung der Menschheit auf die Erde hinabzusteigen.

Doch nur eine jungfräuliche Königin sei imstande, den Erlöser in ihrem Schoße aufzunehmen.

Die Auserwählte heißt Maya, eine junge Königsgattin, die ein Enthaltsamkeitsgelübde abgelegt hat und zurückgezogen

im abgelegensten Teil des Palastes auf einem Blumenlager lebt.

Eines Tages, während Maya meditiert, senkt sich der Bodhisattva in der Gestalt eines weißen Elefanten zur rechten Seite in den Mutterleib. Vom Tag dieser unbefleckten Empfängnis an wirkt die Gottesmutter als Wunderheilerin und Hellseherin. Dämone weichen vor ihrem Anblick, Blinde werden unter ihrer Berührung sehend.

Am Tag der Geburt des Buddha stehen die Flüsse still, die Feuer erlöschen.

Stehend, mit den Händen im Gezweige eines Feigenbaums Halt suchend, gebiert Maya ihren Sohn Gautama Siddhartha, indem dieser, unbefleckt von jeder Verunreinigung, seitlich ins Freie kommt.

Sieben Tage später, so heißt es, sei dann die Gottesmutter Maya "zum Himmel erhoben" worden: eine lichterglänzende Himmelfahrtsgeschichte, die derjenigen der Christusmutter durchaus gleicht.

Die Parallelen in den Geburtsgeschichten der Gottmenschen sind besonders augenfällig in der Erzählung des Islam-Begründers Mohammed. In zahlreichen Suren des Koran tritt "Maryam" (wörtlich: "die Gottesfürchtige") als einziger Elternteil auf. Ein Josef wird nicht erwähnt, ausdrücklich soll der Prophet Jesus - einen solchen kennt der Islam - "keinen irdischen Vater" gehabt haben.

In der 19. Sure wird erzählt, daß die jungfräuliche Maryam von einem himmlischen Geist überraschend Besuch erhalten habe. Die Ankündigung, daß sie einen Sohn gebären werde, verwunderte sie: "Wie soll ich einen Knaben haben, da kein Mann mich berührt hat?" Die 66. Sure läßt keinen Zweifel mehr, daß die Schwangerschaft der Jungfrau auf den Geist-Besuch zurückgeht.

Und in der dritten Sure jubelt der Engelschor: "O Maryam, in der Tat hat Allah dich auserwählt und gereinigt und dich unter den Weibern aller Geschöpfe erkoren. O Maryam, sei deinem Herrn untertan und wirf dich zu Boden."

Der Akt der Befruchtung fand laut Mohammeds Erzählung durch indirekte Beatmung statt: Der Engel habe in den Schlitz des Hemdchens der Maryam hineingeblasen, allerdings erst, nachdem sie dieses abgelegt und über den Stuhl gehängt hatte. Erst nach dem Weggang des Himmelsboten ("ein vollkommener Mann") habe die Frau das befruchtete Hemd wieder übergestreift - und sei sogleich schwanger geworden.

Erste Geburtswehen seien gekommen, als Maryam draußen im Garten war. Da habe sie sich gegen den Stamm einer Palme gestemmt und den Knaben Isa (Jesus) hockend zur Welt gebracht.

Von einer Himmelfahrt der Maryam ist im Islam allerdings nichts bekannt. Sie ist entbehrlich, da der Islam keine

Erlösungsreligion darstellt: Das Reich Allahs soll unerreichbar und die Gottmenschen sollen als Propheten des Herrn mit dem Diesseits verhaftet bleiben.

Das Ende Maryams wird in der islamischen Erzählung so geschildert: Maryam habe den Jünger Johannes nach Rom begleitet und dort mit ihm gepredigt. Als sie von Häschern verfolgt wurde, habe sich plötzlich die Erde geöffnet und sie in sich aufgenommen - eine Symbolik, die an vorchristliche Erdmutterkulte Kleinasiens erinnert.

Nicht daß der islamische Glaube den Frauen mehr Rechte eingeräumt hätte, als dies die Christen taten. Vielmehr: Die Geschichten des Koran entstanden rund 600 Jahre nach Christi Geburt, zu einer Zeit, als auch im Christentum die Rolle der Frau aufgewertet und erweitert wurde.

Tatsächlich schafften die Frühchristen die heidnischen Religionen nicht einfach ab, sondern christianisierten die alten heidnischen Bräuche und Mythen, die dann umgekehrt auch christliche Denkweisen beeinflußten.

Krasses Beispiel dieses Wandels durch Annäherung war die Christianisierung der Stadt Ephesus, vormals eine der wichtigsten Kultstätten der Frauengöttin Artemis: Den Artemis-Statuen wurden Heiligenscheine verpaßt, die Namen auf den Inschriften abgeändert - und schon waren die Tempel das neue kirchliche Zentrum der katholischen Marienverehrung.

Unmerklich fast kehrten im frühen Mittelalter die alten Erd- und Muttergöttinnen, nun verkleidet in zahllosen, durchaus sinnenfroh ausgeschmückten Marienlegenden, ins Bewußtsein der Menschen zurück - getragen von einer Art "religionspsychologischen Grundverfassung des Menschen schlechthin", die, wie der Religionsgeschichtler Georg Söll vermutet, "dazu neigt, auch ein weiblich-mütterliches Element in das kultische Leben und Denken miteinzubeziehen und es mit entsprechenden Gefühlen und Wünschen zu umgeben".

Trotz solcher Neigungen hat die katholische Kirche ihre offizielle Lehre zu keiner Zeit verweiblicht und verweichlicht, im Gegenteil: Die Weltherrschaft Roms wurde im Mittelalter stur und dogmatisch angestrebt, die Lehre durchaus "männlich" verfochten: expansiv, unnachgiebig, diktatorisch.

Es war oft blanker Zynismus, mit dem die Inquisitoren just im Namen der Heiligen Jungfrau Maria die Macht ihrer Kirche gegen das Urtümlich-Weibliche zur Wirkung brachten. Bezeichnend war da die Folterapparatur, die von den Peinigern "Mater dolorosa", schmerzensreiche Gottesmutter, vom Volksmund "Eiserne Jungfrau" genannt wurde: eine hohle Gestalt aus Eisen, in Frauenform gegossen. Verurteilte Ketzer wurden in dieser Frauengestalt von spitzen Dornen zu Tode gepreßt.

Vielleicht haben die Machthaber in der katholischen Kirche schon immer besonders sensibel reagiert, wenn der im offiziellen Marienbild sorgsam verdrängte Teil des Weiblichen - seine sinnlichintuitive, zugleich auch selbstbewußte Seite - alltäglich in Erscheinung trat. Das war im ausgehenden Mittelalter schon einmal so gewesen. Und das scheint auch heute wieder so zu sein, nachdem die beiden Konfessionen während vier Jahrhunderten ihren Machtkampf auf höchst männliche Weise und auch gegen die Rechte der Frauen durchgefochten haben.

Nicht gerade Inquisition, eher schon der Wunsch nach Sublimierung durch Rückbesinnung auf das Ideal reiner, geschlechtsloser Vollkommenheit steckt im Bemühen Wojtylas, seiner Mutter Gottes den Thron der "Himmelskönigin" neu zu bereiten.

Religiöse Vorstellungen, meint Freud, seien als "Illusionen Erfüllungen der ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit". Man dürfe aber an religiöse Mythenbildungen nicht den Anspruch stellen, "daß sie auf logischen Zusammenhalt große Rücksicht nehmen".

Die römische Papst-Kirche aber, Erbin des römischen Weltreiches, handelte logisch, als sie 1854 die "Unbeflecktheit" der Empfängnis Mariens dekretierte. War diese erst einmal von der "Erbsünde" gänzlich frei, hatte sie auch ihren geschlechtlichen Begierden gänzlich entsagt.

Die Kirche handelte wiederum logisch, als sie 1950 den derart fleckenlos gehaltenen Leib nicht zu Staub und Asche zerfallen ließ, sondern, in welcher Alterserscheinung auch immer, unversehrt in den Himmel entführte. Der Gedanke, daß dies der Leib einer Greisin gewesen sein könnte, störte den Marien-Papst Pius XII. nicht.

Latent vorhandene Gegensätze hervorzutreiben, damit sie von der Kirche gelöst werden können, ist der Päpste Beruf. In den Mythen aller Religionen verbinden sich gegensätzliche Anschauungen zur rational nicht faßbaren und dennoch glaubensgewissen Einheit.

Die stillende Jesus-Mutter vermittelt Verzeihung ohne Sühne. Sie stellt die irrende Seele ruhig, deren Bräutigam der Sohn Jesus ist. Dante redet die Gottesmutter Maria an mit den Worten: "Jungfrau und Mutter, Tochter deines Sohnes."

Der Sohn wiederum, in der Krypta der Kirche Mariä Heimgang zu Jerusalem, begrüßt die Seele der Mutter mit den Worten: "Eilends stehe auf, meine Geliebte, meine Taube, meine Schöne, und komm!" Die Taube, ein weibisches Symbol, Symbol des Heiligen Geistes.

Der Sinn all dieser nicht miteinander zu vereinbarenden Gegensätzlichkeiten ist gleichwohl klar: Niemand kann Gott

zum Vater haben, der nicht die römische Kirche als Mutter anerkennt. Maria, so Pius XII., ist "Herrscherin des Universums". Oder wie Papst Leo XIII. es 1891 unübertrefflich ausdrückte: "So wie niemand zum höchsten Vater kommen kann außer durch den Sohn, so kann auch fast niemand zu Christus kommen außer durch Maria." Wer aber ist die "Mutter der Kirche", und wer wird seit neuestem, seit Amtsantritt des Papstes Johannes Paul II., auch immer häufiger so genannt?

Nur noch eine rhetorische Frage. Papst Wojtyla hat 1979 einen neuen Feiertag "Mutter unserer Kirche" eingeführt. Maria ist die "Erde, in welche die Kirche gesät wurde". Lebte der polnische Papst lange genug, er würde Maria sicherlich, wie schon von einigen seiner Vorgänger geplant, zur "Gebärerin der Kirche" emporheiligen.

Der Papst handelt dabei den Bestrebungen der nicht-katholischen Kirchen wie auch der eigenen Kirche zuwider. Maria eignet sich vorzüglich, um die römische Kirche gegen alle protestantischen Irrlehren abzugrenzen und ihre existentielle Einzigartigkeit abzusichern.

Nur zweimal traten dem Papst bislang öffentlich katholische Christen mit Forderungen entgegen, und beide Male waren es Frauen: in München die Kirchenangestellte Barbara Engl, in Washington eine Ordensschwester. Mit ganz verschiedener Intonation verlangten sie das gleiche: daß Papst und Kirche die Frauen nicht länger von den Ämtern ausschließen.

Derselbe Papst, der sich in seiner Verehrung für Maria von niemandem übertreffen lassen will, gesteht den katholischen Frauen nur kümmerliche Rechte zu.

Er verweigert ihnen zum Beispiel die Weihen, schon die niederen und erst recht die höheren, und minderjährigen Mädchen, so ordnete er Mitte 1981 an, bleibt sogar das Ministrieren verwehrt.

In Aufsätzen und Büchern haben Frauen versucht, ihre Ziele theologisch zu begründen. Die Mariologie des Papstes kritisieren sie dabei schärfer als andere. Für ihn, so Silvia Bernet-Strahm, eine der Autorinnen, sei Maria "nichts anderes als die von jeglicher Sexualität gereinigte ''Große Mutter''".

Wie brisant von der Kirchenlinie abweichende Gedanken über Maria sind, mußte Margarete Dotzler erfahren, die langjährige Vorsitzende der bayrischen Katholischen Frauengemeinschaft.

In einer Fernsehsendung hatte sie erklärt, es sei höchste Zeit, die Vorstellung von Maria als "Vorbild für Reinheit, Unberührtheit, Keuschheit" zu revidieren, denn "die Schäden, die durch diese Haltung bei den Frauen in den Jahrhunderten angerichtet worden sind in bezug auf sexuelle Frustration, in bezug auf Zerstörung von Familien, sind unübersehbar".

Das Fernseh-Statement löste so heftige Proteste bis hin zu Morddrohungen aus, daß die Funktionärin von ihrem Amt zurücktrat: "Noch nie vorher habe ich mehrere Wochen lang so sehr in Angst gelebt."

In seinem Bestreben, Maria gegen die existentiellen Bedürfnisse auch der katholischen Frauen zur Geltung zu bringen, schreckt der Papst aus Polen auch vor Hokuspokus nicht zurück. Als er 1982 den portugiesischen Wallfahrtsort Fatima besuchte, nannte er Fatima den "Ort, den die Gottesmutter in so auffallender Weise erwählt zu haben scheint".

Eine Million Menschen hatte sich aufgemacht, den Papst zu sehen. Fatima ist noch umstrittener als der Wallfahrtsort Lourdes in Frankreich.

Im Jahre 1917, Lenin war bereits in Petrograd, erschien die Himmelsjungfrau drei Hirtenkindern, das älteste zehn Jahre. Sie soll drei düstere politische Botschaften von sich gegeben haben.

Eine dieser Botschaften ist angeblich von solcher Düsternis, daß sie den Dunkelmänner-Namen "Das Dritte Geheimnis" führt und noch von keinem Papst veröffentlicht worden ist (siehe Kasten "Rußland muß sich bekehren, sonst ..." Seite 163).

Eben diese Botschaften, sonst den Freimaurern, den Weisen von Zion und obskuren Magiern zuzutrauen, erklärte der Papst für "heute aktueller und dringender denn je".

Die Vergötterung der Jungfrau Maria: Ist dies nicht eine Flucht des in seiner von Amts wegen verklemmten Keuschheit vor dem selbstbewußt auftretenden Frauengeschlecht zutiefst erschrockenen Wojtyla?

Die sentimentale Verehrung der Gottesmutter Maria: Symbol für das Mütterliche als den Keim der Familie, das jetzt wieder stärker zur Geltung kommen soll?

Und die tiefe Demut vor der gloriosen Himmelskönigin Maria: wieder nur ein Sinnbild für die nostalgische Sehnsucht nach der monarchisch gelenkten Privilegien-Gesellschaft vergangener Zeiten?

Im Marienkult der katholischen Kirche ist dies alles enthalten - und noch viel mehr. Denn gerade die Vieldeutigkeit des Marienbildes ist das Geheimnis seiner Popularität bei den katholischen Völkern. Die Jungfräulichkeit an Leib und Seele ist der Preis für die Erlösung von der Erbsünde.

Der Papst, unerschrocken im Geiste, hat im französischen Heilungsort Lourdes angedeutet, er wolle den 2000. Geburtstag Marias festlich begehen. Schützt ihn die Gottesmutter weiterhin vor Attentaten, so kann daraus etwas werden. In der Wahl des Datums ist er, da es nicht die geringste historische Quelle gibt, völlig frei.

Es finden sich aber auch andere, volksnähere Vorstellungen, etwa in "Des Knaben Wunderhorn": "... schwang sich in ihren Willen, schwang sich in ihren Schoß, er war so stark von Kräften, von meisterlichen Geschäften." Mit Kardinälen, knieend 2. v. l. sein Kriegsminister Xaver de Merode.

DER SPIEGEL 51/1983
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