26.12.1983

LITERATURErkaltete Herzen

Rahel Sanzaras Roman „Das verlorene Kind“ war 1926 die literarische Sensation des Jahres. Nun ist das vergessene Buch neu erschienen. *
Es war Sonntag. Nach dem Gottesdienst war die Schwester des Herrn gekommen und hatte der kleinen Anna Geschenke gebracht, eine große Tüte Bonbons, ein paar feine weiße Strümpfe mit roten Ringen, in deren Fußende je zwei Taler versteckt waren. Das Kind war fiebernd vor Freude und Erregung ... Es hob, wie eine Tänzerin seine Arme ausstreckend, den kleinen Fuß empor, um die noch weißschimmernde Sohle seines neuen Stiefelchens zu zeigen ... und es schien von einer so gesteigerten Lebensfreude erfüllt zu sein, daß es der Mutter schwerfiel, es in den Schlaf zu zwingen, so bestrickend, im tiefsten erfreuend waren seine Zärtlichkeiten, sein Liebreiz und sein Lachen an diesem Tag gewesen."
Eine Weihnachts-Novelle? Schon in der nächsten Nacht sucht im Lichtschein von Fackeln Familie und Gesinde nach der kleinen Anna. Aber das Mädchen lebt nicht mehr. Nur Stunden nachdem es zu seinem vierten Geburtstag beglückt worden war, hat Fritz, der Knecht des Herrn und selber erst 17 Jahre jung, die kleine Spielgefährtin sexuell mißbraucht, erdrosselt, mit einer Hacke in Stücke gehauen und in der Scheune vergraben. "Mit grauenhafter Gewalt zerriß sein Körper den zarten Leib des Kindes, während seine rechte Hand mit einem Griff die kleine Kehle zerbrach. Das Kind, vom Lachen zum Schrecken jäh verstummt ... Kein Schrei war erklungen. Die tote Stille herrschte."
Der atmosphärische Roman, _(Rahel Sanzara: "Das verlorene Kind". ) _(Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 296 Seiten; ) _(12 Mark. )
in dem die Idylle und das schiere Entsetzen, Anmut und Gewalt so nah beieinander zu besichtigen sind, ist beinahe 60 Jahre alt. Aber die Erinnerung an ihn ist vergilbt. Dabei ist der Roman einst eine Sensation gewesen: das literarische Ereignis des Jahres 1926. Er wurde in elf Sprachen übersetzt, und noch 1932 druckte der Ullstein-Verlag, um die große Zahl der Leser zu befriedigen, 15 000 "wohlfeile" Exemplare - bevor die Nazis kamen, das Buch auf ihre "Schwarzen Listen" setzten und verbrannten.
Aber nicht nur die Leser, auch die Kritiker waren dem Werk freundlich gesinnt. Einer seiner Bewunderer war Carl Zuckmayer: "Das ist ein Buch von der Art, daß man vergißt, es gelesen zu haben, daß man glauben muß, man habe es geträumt oder wachend erlebt." Und der Schriftsteller und Kritiker Albert Ehrenstein, der gewichtige Worte sonst eher vermied, geriet ins Schwärmen: Der Roman "scheint mir das beste Prosawerk zu sein, das von einer deutschen Dichterin während der letzten Jahrhunderte geschrieben wurde: eine sprachlich vollkommene Meisterleistung".
Der Stoff des Romans stammt aus dem "Pitaval", einer erstmals 1734 erschienenen, immer wieder ergänzten Sammlung spektakulärer Kriminalfälle in mehreren, immer wieder ergänzten Bänden. Der von Rahel Sanzara aus den Polizeiakten zur Literatur gemachte "Fall" spielt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf einem norddeutschen Gutshof: unter bescheidenen und gottesfürchtigen Menschen, die - wortkarg ohnehin - die Trauer um das verlorene Kind in so erkaltete Herzen verwandelt, daß ihnen schließlich sogar alle Kraft zur Rache fehlt.
Erst nach einem Jahr verzweifelten Suchens wird die kleine Anna unter der Scheunenerde entdeckt - und der bis dahin unbescholtene und fleißige Knecht vor seine Richter geführt, die ihn für 15 Jahre ins Gefängnis schicken. In der Haft wird aus dem jungen Mann mit dem "engelsgleich gebildeten Gesicht" infolge einer Selbstbestrafung (Fritz entmannt sich mit einem Rohrfaden) ein fettleibiger Koloß. Aber als er seine Strafe verbüßt hat, geschieht etwas unerhört Humanes: Der Gutsherr und Vater des ermordeten Kindes nimmt Fritz in einem Akt nahezu selbstverständlicher christlicher Nächstenliebe und ohne den Anflug eines Vorwurfs wieder in sein Haus auf.
Als Rahel Sanzara "Das verlorene Kind" veröffentlichte, war sie 32 Jahre alt und hatte bereits eine Karriere als Künstlerin gemacht: Die schöne und zerbrechliche Frau war während des Ersten Weltkriegs und in den ersten Jahren der Weimarer Republik eine bekannte Tänzerin und Schauspielerin. Sie hat in Stummfilmen mitgewirkt, unter anderem als "Tochter" des beim Publikum seinerzeit beliebten Kriminalisten Anheim, fühlte sich in der Rolle des "Kino-Girls" aber verkitscht und ging zum Theater.
Auf der Bühne hat Rahel Wedekinds Lulu, die Anna Mahr in Hauptmanns "Einsame Menschen" und, vor allem, die "Tanja" im gleichnamigen und eigens für sie geschriebenen Stück ihres langjährigen Geliebten, des Arztes und Schriftstellers Ernst Weiß, verkörpert. Über Rahels Darstellung der Tanja, _(Federzeichnung von Georg Jivilsky, Prag ) _(1920. )
einer gedemütigten Rabenmutter während der russischen Revolution, schrieb ein Berichterstatter, die Heldin habe dem Publikum "ein Madonnengesichtchen mit Dämonenaugen" vorgeführt, "eine Stimme süß und zart und fähig zum Ausdruck gärendsten Hasses, bösester Wildheit".
Den Schriftsteller Ernst Weiß ("Die Galeere", "Der Kampf", "Tiere in Ketten") hatte Rahel Sanzara vermutlich als 19jähriges Mädchen um 1913 in Berlin kennengelernt. Sie tippte und verschickte seine Manuskripte und versorgte den kränkelnden Lebensgefährten mit Lektüre, Medizin und Zigaretten. Weiß wiederum hat die Geliebte als sein Geschöpf betrachtet und soll nach ihrem Roman-Erfolg geprahlt haben: nicht sie, sondern er sei der Autor des Buches. Doch später korrigierte er sich: "Ich habe das Manuskript erst kennengelernt, als es abgeschrieben vor mir lag, und ich versichere, ich habe weder ein Wort noch ein Komma daran geändert." Franz Kafka übrigens hat von einer Reise berichtet, die er selber, sein Freund Weiß und Rahel 1914 nach Dänemark unternahmen.
In "Das verlorene Kind" erzählt Rahel Sanzara von einer kleinen Welt, die an ihrer Ordnung zugrunde geht. Das Unglück bricht nicht von außen in diese Welt hinein, sondern wächst langsam und ruhig aus ihr hervor. Den Menschen des Romans ist die Fähigkeit, über sich nachzudenken, ist die Distanz zum eigenen Leben nahezu fremd. Sie zerbrechen nicht an versteinerten Verhältnissen, sie sind von Anbeginn gebrochen. Zunächst mag es so scheinen, als ob das "ewig Böse" in ihnen die Katastrophe anzettelte, aber sehr bald erkennt der Leser, daß der Knecht und die Eltern des toten Mädchens, allesamt gutmütige Leute, an ihrer Sprachlosigkeit scheitern.
Aus diesem Stoff eine mitleidige Arme-Leute-Literatur zu fabrizieren: wie nahe hätte das gelegen. Aber Rahel Sanzara ist dieser Verführung nicht erlegen. Ihr ist vielmehr ein Buch gelungen, das den Leser zwingt, die Ereignisse zu verfolgen, als gingen sie ihn nichts an; und doch wird er mitgerissen, wenn der Mörder, aber auch die harmlosen anderen hilflos in ihr Unglück treiben. Wenn die Autorin überhaupt eine Wahrheit zu verkünden hat, dann ist es vielleicht diese: Die schreckliche Mordtat ist nur die Fortsetzung des bedrückendprovinziellen Alltags mit anderen Mitteln.
Rahel Sanzara, über deren Leben die in Cleveland/USA lebende Germanistin Diana Orendi-Hinze eine, allerdings windige, Biographie verfaßt hat (Fischer Verlag 1981), in der Rahel mit aller Gewalt zur Feministin gestempelt wird, war das Opfer gleich mehrerer Irrtümer: Man traf sie offenbar schwer mit dem Vorwurf, "Das verlorene Kind" sei ein Plagiat, aus dem "Neuen Pitaval" einfach abgeschrieben; eine üble Nachrede,
gegen die Gottfried Benn die Autorin mit der Überzeugung verteidigt hat, der Roman sei von "künstlerischer Integrität, atme Notwendigkeit".
Die Nazis verbrannten ihr Buch, weil sie in Rahel eine Jüdin vermuteten; in Wirklichkeit hieß das Mädchen aus Jena bürgerlich Johanna Bleschke und hatte sich die semitisch klingende Rahel Sanzara lediglich als Künstlernamen zugelegt. Und ein Irrtum soll 1936 auch ihren frühen Tod verschuldet haben: Johanna Bleschke alias Rahel Sanzara starb krebskrank nach einer Operation infolge eines ärztlichen Kunstfehlers.
Rahel Sanzara: "Das verlorene Kind". Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 296 Seiten; 12 Mark. Federzeichnung von Georg Jivilsky, Prag 1920.

DER SPIEGEL 52/1983
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 52/1983
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LITERATUR:
Erkaltete Herzen

Video 00:45

Video zeigt Havarie im Zeitlupentempo Absacker am Teich

  • Video "Video zeigt Havarie im Zeitlupentempo: Absacker am Teich" Video 00:45
    Video zeigt Havarie im Zeitlupentempo: Absacker am Teich
  • Video "Oscars 2017: Hollywood ist Zentrum des Widerstands" Video 02:00
    Oscars 2017: "Hollywood ist Zentrum des Widerstands"
  • Video "Video aus Kalifornien: Polizist schießt bei Streit mit 13-Jährigem" Video 01:23
    Video aus Kalifornien: Polizist schießt bei Streit mit 13-Jährigem
  • Video "Webvideos der Woche: Leichte Beute" Video 03:08
    Webvideos der Woche: Leichte Beute
  • Video "Rätselhafter Kadaver angespült: Was ist das denn?" Video 01:00
    Rätselhafter Kadaver angespült: Was ist das denn?
  • Video "Medienschelte: Trumps Angriff auf die Pressefreiheit" Video 01:25
    Medienschelte: Trumps Angriff auf die Pressefreiheit
  • Video "Animation: Wie gerecht ist Deutschland?" Video 02:08
    Animation: Wie gerecht ist Deutschland?
  • Video "Schrecksekunde auf Renn-Katamaran: Mann über Bord" Video 00:53
    Schrecksekunde auf Renn-Katamaran: Mann über Bord
  • Video "US-Airline wirft Passagiere raus: Tschüs, ihr Rassisten!" Video 01:17
    US-Airline wirft Passagiere raus: "Tschüs, ihr Rassisten!"
  • Video "Tiger jagen Drohne: Kritik an Tierpark-Betreiber in China" Video 01:09
    Tiger jagen Drohne: Kritik an Tierpark-Betreiber in China
  • Video "Tumulte bei US-Bürgerversammlungen: Volkszorn trifft Republikaner" Video 02:28
    Tumulte bei US-Bürgerversammlungen: Volkszorn trifft Republikaner
  • Video "Prominenter Hobbypilot auf Abwegen: Harrison Ford landet auf falscher Rollbahn" Video 00:50
    Prominenter Hobbypilot auf Abwegen: Harrison Ford landet auf falscher Rollbahn
  • Video "Zoo von Cincinnati: 24-Stunden-Betreuung für ein Flusspferd-Frühchen" Video 01:40
    Zoo von Cincinnati: 24-Stunden-Betreuung für ein Flusspferd-Frühchen
  • Video "Überwachungsvideo: Was beim Einparken so alles schiefgehen kann" Video 01:17
    Überwachungsvideo: Was beim Einparken so alles schiefgehen kann
  • Video "Kellnerin schmeißt Waran raus: Zuerst dachte ich, es sei ein Hund" Video 00:37
    Kellnerin schmeißt Waran raus: "Zuerst dachte ich, es sei ein Hund"