26.12.1983

ZAHNMEDIZINAuf Anhieb drin

Viele wurzelkranke und ausgeschlagene Zähne könnten wieder eingepflanzt und so gerettet werden. Die Methode ist alt - aber die Zahnärzte nutzen sie kaum. _____“ Schrecklich erscholl um die Kiefer der Fäuste „ _____“ Geklatsch, und der Angstschweiß floß von den Gliedern „ _____“ herab ... „ _____“ Homer, Ilias (Schilderung eines Faustkampfes zu Ehren „ _____“ des toten Patroklos) „ *
Wenn die altgriechischen Boxer, die Hände mit harten Lederstreifen umwickelt, gegeneinander antraten, bekamen die Ärzte Arbeit: Nicht nur Blut floß; auch Knochen gingen zu Bruch, und Zähne flogen heraus. Könner wie Hippokrates wußten schon damals Hilfe für die kaubehinderten Kämpfer: Der Urvater aller Ärzte setzte die herausgeschlagenen Zähne einfach wieder in ihr Knochenbett, wo sie, durch Golddrähte miteinander verbunden, tatsächlich wieder anwuchsen.
Obwohl die Kunst, Zähne an ihrem Platz neu einzupflanzen ("Replantation"), älter ist als der Begriff der "Zahnheilkunde", geriet sie weitgehend in Vergessenheit: Kaum ein Zahnarzt, der heute versucht, einen verlorenen Zahn wieder einzusetzen.
Zu Unrecht, kritisiert der Mannheimer Zahnarzt Rolf Will. Die seit langem erprobte Therapie, so meint der 52jährige Kieferchirurg, könnte in westdeutschen Praxen jährlich mehr als eine Million Zähne retten helfen: Nicht nur ausgeschlagene, sondern in vielen Fällen auch wurzelkranke Zähne - die nach bisheriger Praxis einfach gezogen werden
- könnten durch eine Replantation erhalten bleiben. Seine 20jährigen Erfahrungen mit dem Eingriff beschreibt Zahnarzt Will jetzt in einem ersten Standardwerk zur Replantation. _(Rolf Will: "Replantation: Das ) _(Wiedereinsetzen von Zähnen". Quintessenz ) _(Verlag, Berlin/Chicago; 304 Seiten; 368 ) _(Mark. )
Mindestens 40 000 Zähne, so zeigen die Statistiken der Krankenkassen, werden westdeutschen Patienten täglich herausgerissen - die Extraktion zählt zu den häufigsten Eingriffen in der zahnärztlichen Praxis. Demgegenüber schätzt Autor Will: Jeweils einer von zehn extrahierten Zähnen, die in den Mülleimer wandern, ließe sich durch Wiedereinpflanzen erhalten.
Die Zahnärzte greifen nicht nur zur Zange, wenn ein Zahn stark gelockert oder von Karies zerfressen ist. Auch bei Erkrankungen der Wurzel entschließen sich viele Zahnärzte zur Extraktion, wenn ihnen die Wurzelbehandlung zu schwierig wird - besonders an den Backenzähnen mit mehreren, oft gekrümmten, sehr dünnen oder auch verkalkten Wurzelkanälen.
Der Versuch, solche Zähne mit einer Resektion zu retten - den Kieferknochen zu öffnen, die Spitze der Zahnwurzel zu kappen und das kranke Gewebe im Zahn auszuräumen -, scheitert oft schon deshalb, weil an Backenzähne schwer heranzukommen ist. Insgesamt mißlingen über 50 Prozent aller Behandlungen von Nerv und Wurzel - der Zahn geht, nach schlimmen Schmerzen, verloren.
Weit besser, behauptet Will, seien die Chancen bei einer Replantation. Dabei wird der kranke Zahn herausgezogen, die Wurzelbehandlung wird außerhalb des Mundes, unter direkter Sicht, vorgenommen, danach pflanzt der Zahnarzt den sauber behandelten Zahn wieder ein.
Die zahnschonende Therapie, so rät Will, solle immer dann angewandt werden, wenn *___eine Wurzelbehandlung schwierig oder schon mißglückt ____ist oder wenn *___Zähne durch Unfall oder Schlägerei gelockert wurden ____oder ausfielen.
Die "durchaus einfache, alltägliche Methode" (Will) beschrieb, zum Zwecke der wirksameren Wurzelbehandlung, schon 1756 Philipp Pfaff, Hofzahnarzt Friedrichs des Großen. Auch Ambroise Pare, ein berühmter Chirurgus der Renaissance, schilderte, wie ausgeschlagene Zähne wieder "in den alten Stand zurückversetzt" wurden.
Mit modernem Gerät, etwa innengekühlten Rotationsbohrern, mit verträglicherem Füllungsmaterial und verbesserter Operationstechnik konnte das alte Verfahren noch verfeinert werden.
Um die Wurzelhaut zu schonen, muß der kranke Zahn so behutsam wie möglich gezogen werden. Beim weiteren Verlauf der Prozedur kann der Patient zusehen: Der Zahnarzt kürzt die Wurzelspitzen des in der Zange oder, in einem sterilen Tupfer, zwischen den Fingern gehaltenen Zahnes um etwa einen bis zwei Millimeter. Die Eingänge der Kanäle sind nun gut sichtbar, die Wurzel kann ohne große Mühe gesäubert und gefüllt werden.
Bis der Zement abgebunden hat - etwa drei Minuten lang -, liegt der Zahn in einer desinfizierenden Lösung. Im Röntgenbild kontrolliert der Arzt währenddessen das leere Zahnfach, dann preßt er den Zahn zurück in sein Bett: "Meist", so Will, "sitzt das Replantat auf Anhieb fest drin."
Im Durchschnitt eine halbe Stunde dauert der Eingriff - nur etwa zehn Minuten, wenn der Zahn nicht wurzelkrank, sondern nur ausgeschlagen oder gelockert war. Antibiotische Medikamente braucht der Patient nur in Ausnahmefällen, und meistens ist auch keine Schienung des Replantats nötig. Nach 8 bis 14 Tagen, so Will, ist der Zahn wieder in seine alte Umgebung eingeheilt.
Noch zwei weitere Wochen lang muß der Patient den neueingesetzten Zahn schonen, dann kann er wieder damit kauen.
Nicht in allen Fällen ist der Replantationsversuch erfolgversprechend. Der Zahn wird kaum wieder anwachsen, wenn bei einer zu brutalen Extraktion Knochenstückchen vom Kiefer mit herausgerissen wurden, wenn der Zahnfleischrand stark entzündet ist oder der Patient an einer fiebrigen Erkrankung leidet. Von Karies zerstörte oder durch Parodontose zu wacklig gewordene Zähne kommen für die Wiedereinpflanzung nicht in Betracht.
Ob die Replantation erfolgreich ist, hängt aber auch vom Zustand der Wurzelhaut ab. Beim Extrahieren reißen die Fasern dieser kelchförmigen Ummantelung der Zahnwurzel. Doch wenn der Zahnarzt beim Ziehen achtsam vorgeht, erholt sich das "außerordentlich gutmütige Gewebe" (Will) schnell. Die Wurzelhaut darf während des Eingriffs nicht austrocknen, und auch zu lange Konservierung bekommt ihr nicht. Am besten wird ein ausgeschlagener Zahn, so rät Einpflanzer Will, "wie ein Bonbon unter der Zunge aufbewahrt".
Im Tierversuch wurde bestätigt, was der Praktiker Will an rund 2000 Patienten beobachtete: Haltefasern und Blutgefäße in der Umgebung des replantierten Zahnes regenerieren sich innerhalb von drei Monaten. Nach ein bis zwei
Jahren, so fand der Gießener Zahnheilkundler Professor Horst Kirschner in Experimenten mit Affen, haben sich auch die Nervenfasern neu gebildet.
"Im Prinzip gut zu machen" seien Replantationen, meint auch Professor Günther Ahrens, Zahnmediziner an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf, wenn genügend Wurzelhaut erhalten bleibe. Geht zuviel Wurzelhaut, etwa auch durch Austrocknung, verloren, so besteht die Gefahr, daß die Zahnwurzel starr mit dem Kieferknochen verwächst. Der Zahn verliert seine natürliche elastische Aufhängung, wird bruchanfällig, die Wurzel verknöchert schließlich ganz.
Durchschnittlich zwölf Jahre lang hält ein replantierter Zahn, wenn er anwächst. Wills ältestes Replantat sitzt schon seit 26 Jahren. Dennoch steht der Mannheimer Kieferchirurg Will mit seiner Replantations-Methode noch ziemlich allein da. Nur an manchen Universitätskliniken werden bisher Zähne wieder eingepflanzt - etwa in Münster, wo der Parodontologe Dieter Lange bei einem entzündeten Backenzahn sogar zwei der Wurzeln amputiert und dann den Zahn wieder einsetzt. Denn selbst mit amputierten Wurzeln ist für Professor Lange "der natürliche Zahn das einzige Wahre".
Zahnärzte in vielen Praxen versuchen sich offensichtlich lieber an Implantaten, metallenen oder keramischen Pfeilern, die Lückenbüßer tragen sollen. Doch die Kunstpfeiler sind als Träger von Zahnersatz meist untauglich: An dem in die Mundhöhle ragenden Fremdkörper kann sich - anders als beim Replantat - niemals wieder ein natürliches, elastisches Haltesystem bilden.
Mehr als eine Milliarde Mark könnten die Krankenkassen jährlich sparen, wenn alle Möglichkeiten der Replantation genutzt würden, hat Kieferchirurg Will errechnet. Mit Initiativen zu Sparmaßnahmen hatte sich Will schon einmal bei den Standesfunktionären unbeliebt gemacht: 1980 schlug er vor, für Zahnersatz statt Gold preiswertere Legierungen zu verwenden (SPIEGEL 5/1980). Nach anfänglichem Protest loben sich nun die Zahnärzteverbände selber für ihren Beitrag zur Kostendämpfung durch Verwendung von "alternativen Dentallegierungen".
Immerhin wurde der unbequeme Zahnmediziner aus Mannheim in den vergangenen Monaten von den Zahnärztekammern in West-Berlin und Hamburg eingeladen, in Fortbildungsveranstaltungen die Methode der Replantation vorzuführen. Aber Will bleibt skeptisch.
"Finanziell nicht das attraktivste Pferd", so fürchtet der Kieferchirurg, sei für die Kollegen das Replantieren von Zähnen. Einen Zahn wieder an seinen Ort zurückzuverpflanzen, bringt laut kassenzahnärztlicher Gebührenordnung 90 Mark. Die Anfertigung einer einfachen Brücke jedoch schlägt mit gut 1300 Mark zu Buche.
Schrecklich erscholl um die Kiefer der Fäuste Geklatsch, und der
Angstschweiß floß von den Gliedern herab ... Homer, Ilias
(Schilderung eines Faustkampfes zu Ehren des toten Patroklos)
Rolf Will: "Replantation: Das Wiedereinsetzen von Zähnen". Quintessenz Verlag, Berlin/Chicago; 304 Seiten; 368 Mark.

DER SPIEGEL 52/1983
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