05.12.2015

DigitalisierungDer gläserne Patient

IT-Konzerne, Versicherer und Pharmariesen gieren nach Gesundheitsdaten. Im Gegenzug versprechen sie eine bessere Medizin, maßgeschneidert für jeden Einzelnen. Aber wie hoch ist der Preis, den die Menschen dafür zahlen?
Die Lampen in Florian Schumachers Wohnung leuchten nicht nur. Sie steuern auch seinen Hormonhaushalt. Vormittags tauchen sie die Räume in ein bläuliches Licht, zum Nachmittag dimmen sie es röter und wärmer, um die Melatoninproduktion anzukurbeln. Wenn es Zeit ist, ins Bett zu gehen, simulieren sie im Zimmer einen Sonnenuntergang. Zusammen mit dem guten Melatoninspiegel soll das für einen besonders erholsamen Schlaf sorgen.
Um seine Bettruhe zu überprüfen, trägt Schumacher nachts Armbänder am Handgelenk, in Brusthöhe hat er unter seiner Matratze Sensorenstreifen angebracht. Sie registrieren seine Tiefschlafphasen, seine Bewegungen und das, was Schumacher "die Schlafqualität" nennt.
Seinen gesamten Alltag sammelt der 35-jährige Münchner in Daten: Er hat sein Essverhalten analysiert, beim Training im Fitnessstudio trägt er Elektroden in den Hosen, die seine Muskelaktivität messen. Seine Pedale am Rennrad sind genauso vernetzt wie die Waage, seine Herzfrequenz prüft eine Apple Watch.
Schumacher vermisst sich nicht nur für den eigenen Erkenntnisgewinn. Er nimmt die Daten auch mit zu seiner Hausärztin, um sie mit ihr zu besprechen, und er hat sie auf seinem Blog "igrowdigital" sogar schon einmal zum Download bereitgestellt, damit andere sie sehen und nutzen können. Die Reihe umfasst Werte vom Körperfett über verbrannte Kalorien bis zu seinen Tiefschlafphasen, akribisch ermittelt über ein ganzes Jahr.
Sich und die Daten seines Körpers macht Florian Schumacher transparent, er ist ein gläserner Mensch geworden – ganz bewusst und mit aller Konsequenz. Er sieht sich erst am Beginn dieser Reise, als Nächstes will er seine Stimmungen genauer protokollieren. "Mood Tracking" ist einer der neuen Trends in der Szene.
In Deutschland gehört Schumacher zu den Vorreitern der Selbstoptimierungsbewegung "Quantified Self", die in den USA entstand. Nach dem Vorbild des Silicon Valley hat er in Berlin und in seiner Heimatstadt München "Meetups" gegründet, bei denen die Selbstvermesser sich über ihre Daten und neue Erhebungsverfahren austauschen. Es wäre falsch, die Mitglieder dieser Bewegung für exhibitionistisch veranlagte Computernerds zu halten, die immer schon ein bisschen spinnert waren. Sie selbst sehen sich eher als Vordenker hochmoderner Heilkunst, von der irgendwann alle profitieren könnten.
Schumacher verdient mit seiner Passion sogar Geld, er arbeitet als "Health Consultant" bei einer Unternehmensberatung und hält Vorträge. Im Herbst reiste er zur Europakonferenz der Bewegung nach Amsterdam, wo er auf seinesgleichen traf: jenen jungen Dänen beispielsweise, der seit fünf Jahren versucht, seine Allergie zu verstehen, indem er jeden Niesanfall samt Ort und Pollenflugbericht verzeichnet. Oder die Harvard-Wissenschaftlerin, die ihren Haarausfall digital auswertet und entdeckt hat, "dass in meinen Haaren jede Menge Daten stecken". Durch ihre Selbstvermessung hoffen sie auf Besserung eigener Leiden und Chancen für die Medizin. "Neue Medikamente werden entstehen und bessere Behandlungsmethoden", sagt Schumacher.
Die Quantified-Self-Bewegung ist nur der Anfang, das gesamte Gesundheitswesen steht vor einer Revolution. IT-Giganten, Pharmakonzerne und Versicherer haben medizinische Daten als Goldgrube der Zukunft identifiziert. Siemens vernetzt gerade seine Computertomografen und Röntgengeräte weltweit für einen neuen, riesigen Pool bislang ungenutzter Diagnosedaten. Google und Apple investieren Milliarden in den "Health"-Bereich, IBM und SAP setzen ihre neuen, superschnellen Datenanalysesysteme "Watson" und "Hana" auf Klinikdaten und Krebsregister an, um Diagnosen zu verbessern und maßgeschneiderte Therapien vorzuschlagen. Schätzungen zufolge stehen weltweit über 100 000 Gesundheits-Apps zum Download bereit, mit denen sich die Nutzer versorgen, vermessen und verbessern können.
Mit speziellen Algorithmen werten Forscher und Konzerne Datenströme aus, um Muster herauszufiltern, die Hinweise auf Krankheitsursachen oder die Wirksamkeit von Medikamenten geben. "Big Data", die Analyse von Massendaten, soll individuellere Therapien ermöglichen. Durch digitale Programme könnten chronisch Kranke etwa ihren Diabetes in den Griff bekommen.
Beratungsfirmen wie McKinsey sprachen vor zwei Jahren allein für das US-Gesundheitswesen von Einsparmöglichkeiten im Wert von 300 bis 450 Milliarden Dollar. Es ist das schöne Bild der neuen Datenwelt, das die Konzerne zeichnen: das Bild einer "personalisierten Medizin", maßgeschneidert für jeden Patienten.
In Deutschland bieten selbst die oft behäbigen gesetzlichen Krankenkassen eigene Programme für Fitnessfanatiker oder Hilfs-Apps für Allergiker, Adipöse oder Depressive an. Und längst wollen vom neuen Markt auch jene Branchen profitieren, die bisher mit dem Gesundheitsmarkt nur wenig zu tun hatten: Daimler-Chef Dieter Zetsche verkündete, künftig müsse auch der Autositz "Vitaldaten" wie Blutdruck oder Pulsschlag testen; andere Autohersteller arbeiten bereits daran, die Atemluft der Fahrer zu analysieren. "Pimp your car" war gestern. Heute geht es darum, den eigenen Körper zu tunen und seine Funktionen zu überwachen.
Selbst Zahnbürsten, Kontaktlinsen und Asthmasprays mutieren im Internet der Dinge zu Datenlieferanten: Sie können den Zustand der Mundflora, den Blutzuckerspiegel oder auch nur Ort und Zeitpunkt ihres Einsatzes speichern – und diese Daten versenden.
Wer will, kann vielleicht bald schon einen nie da gewesenen Einblick in seine Körperdaten erhalten. Man muss seine Daten bloß eifrig sammeln – und im Zweifel in die Hand von Konzernen geben.
Die Frage ist nur: Will man das wirklich?

Die IT-Konzerne

Peter Ohnemus ist überzeugt: Es wird passieren, und zwar bald. Der 50-jährige Unternehmensgründer referiert Anfang November auf dem "Mobile Health"-Kongress in Washington Zahlen von McKinsey und Goldman Sachs. Weniger als fünf Prozent des Gesundheitssektors seien digital, sagt Ohnemus. Er wette, dass sich das in fünf bis sieben Jahren massiv verändern werde. "Dann wird der größte Gesundheitsanbieter eine Softwarefirma sein."
Mobil und digital, die beiden Megatrends der Zeit, würden nun auch die Gesundheitsindustrie voll erfassen, meint er, die Branche, die 2014 allein in den USA rund drei Billionen Dollar umsetzte.
Ohnemus' Wetteinsatz in diesem Spiel heißt Dacadoo, er hat das Gesundheits-Start-up mit Hauptsitz in Zürich 2010 gegründet. Der Unternehmer tritt mit eigener App und eigener Plattform an – und verfolgt einen Ansatz, der über Schrittezählen und Schlafphasen hinausgeht.
Dacadoo will den Gesundheitszustand jedes Menschen auf eine einzige Zahl zwischen 1 und 1000 herunterbrechen, eine Kopfnote für die Gesundheit, sozusagen. Mit einer 1 sei man praktisch tot, scherzt Ohnemus in Washington, bei einer 1000 "Superwoman oder Superman".
Für den "Health Score" sammelt Dacadoo Daten darüber, wie viel sich ein Nutzer bewegt, ob er Obst oder Schokoriegel isst und wie seine Stimmung schwankt. Wer zu lange vor dem Bildschirm sitzt, bekommt einen "Alert", eine Aufforderung, sich zu regen – wer das tut, wird mit Pluspunkten für den eigenen Score bewertet. Für Versicherer oder Arbeitgeber wäre das Wissen um diesen individuellen Score natürlich viel wert. In diesem Jahr hat der Investment-Arm von Samsung sich in Dacadoo eingekauft, stolz erwähnt Ohnemus einen Innovationspreis aus dem Silicon Valley.
Dort, im Zentrum der digitalen Revolution, sitzen die Internetkonzerne, die sich für die großen Fragen der Menschheit zuständig fühlen; die alle Probleme für lösbar halten, wenn es nur genügend Daten zu analysieren gibt. Und deshalb beschäftigen sie sich alle intensiv mit dem Thema Gesundheit. Wenn Technologie alles kann, warum sollte es dann nicht auch das Leben verlängern können?
Die Frage treibt Facebook-Gründer Mark Zuckerberg schon lange um, und er stellt sie auch in dem Brief, in dem er anlässlich der Geburt seiner Tochter Max in der vergangenen Woche verkündete, 99 Prozent seiner Facebook-Aktien zu spenden (siehe Seite 68). "Kann unsere Generation Krankheiten heilen", heißt es da, "sodass wir viel länger und gesünder leben?" Google-Gründer Larry Page, der selbst unter einer seltenen Form der Stimmbandlähmung leidet, hat gar eine eigene Firma gegründet, die California Life Company (Calico). Ihren Unternehmenszweck beschrieb das Magazin "Time" mit den Worten: "The company to cure death."
Das Unternehmen, das den Tod heilt.
Im Silicon Valley war Google eines der Unternehmen, die früh den Gesundheitsmarkt für sich entdeckten. Bereits im Jahr 2008 hatte der damalige Vorstandschef Eric Schmidt Google Health vorgestellt. Es gehe darum, Patientendaten zu sammeln – und für alle nutzbar zu machen. Genau das sei die Suchanfrage der Zukunft. Mit einer privaten Klinik startete der Konzern damals einen Feldversuch: Patienten erhielten digitale Krankenakten, made by Google. Das System erinnerte sie beispielsweise daran, wann sie welche Pillen schlucken sollten.
Sensible Daten genießen in den USA eher wenig Schutz. Doch selbst die Amerikaner schreckte die Vorstellung, dass der Suchgigant auch über ihre Allergien Bescheid wissen sollte. 2012 stellte Google den Dienst wieder ein, um 2014 ein neues Angebot unter dem Namen Google Fit aufzulegen. Diesmal blieb die Empörung aus.
Vor Kurzem verkündete der Google-Konzern, der sich inzwischen Alphabet nennt, eine Kooperation mit dem Pharmakonzern Sanofi, gemeinsam wollen die beiden Partner den Blutzuckerwert von Diabetespatienten analysieren, um Insulin besser verabreichen zu können. Außerdem arbeitet die Alphabet-Tochter Life Sciences an einer Kontaktlinse, die den Blutzuckerspiegel in der Tränenflüssigkeit messen soll.
Als Apple-Chef Tim Cook Anfang März 2014 die neue Apple-Uhr vorstellte, starrte alle Welt auf die lang erwartete Revolution, die er am Handgelenk trug. Designfetischisten und Journalisten diskutierten, was man mit einem so kleinen Display überhaupt anfangen könne. Dabei übersahen sie die weitaus größere Revolution.
An diesem Tag hatte Cook auch verkündet, dass Apple zum großen Player in Sachen Gesundheit aufsteigen will: So testet das Massachusetts General Hospital in Kooperation mit dem Unternehmen eine App, die untersuchen soll, ob sich Diabetes mit Bewegung und Ernährung bekämpfen lässt. Auch Krebs, Asthma und Parkinson nimmt Apple mithilfe der Rechenpower von IBM unter die Lupe.
Jedes iPhone und jede Apple-Uhr sollen künftig zu einem individuellen Diagnosegerät werden – diese Daten, so Cook, könnten Nutzer dann mit Ärzten teilen oder der Forschung zur Verfügung stellen.
Inzwischen mühen sich alle IT-Konzerne, dieses Zukunftsgeschäft nicht zu verpassen. Einer der Vorreiter war Microsoft, der Konzern hat vor einigen Jahren für Gesundheitsbewusste die Patientenakte "HealthVault" gestartet (Werbeclaim: "Übernehmen Sie die Kontrolle über Ihre Gesundheit"), bei Samsung können Kunden ihre Daten auf die Plattform "S Health" hochladen.
Vermutlich aber hätten die Unternehmen aus dem Silicon Valley auch nie gedacht, dass zu ihren emsigsten Werbepartnern einmal die ehrwürdigen deutschen Krankenversicherungen gehören könnten.

Die Krankenkassen

Wenn einmal die Geschichte der Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen geschrieben wird, könnten die Allgemeinen Ortskrankenkassen darin eine entscheidende Rolle spielen. Als erste gesetzliche Versicherung belohnte die AOK Nordost den Kauf eines Fitnessarmbands oder einer Apple Watch mit einem Bonus. Bis zu 50 Euro zahlt sie an Gesundheitsbewusste, die sich einen digitalen Fitnessmesser kaufen. Politiker wie der SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach spotteten, ebenso gut könnten die Kassen auch Zuschüsse für Turnschuhe überweisen.
Schon seit gut drei Jahren kooperiert die AOK Nordost mit Ohnemus' Start-up Dacadoo. AOK-Kunden, die beim Programm "mobil vital" mitmachen, zahlt die Kasse ein Jahr lang die Dacadoo-Abokosten von 4,99 Euro monatlich. Man habe "keinen Zugriff auf personenbezogene Daten", heißt es bei der Versicherung, auch nicht auf den individuellen Healthscore von Nutzern. Rund 70 Prozent der Teilnehmer seien zwischen 20 und 39, die Mehrheit weiblich, und bislang sehe man eine positive Entwicklung, die Teilnehmer verhielten sich also gesundheitsbewusster.
Rabatte, Gutscheine, Geldgeschenke – auch andere Kassen arbeiten an solchen Programmen.
Wer sich bewegt, lebt gesünder. Und gesunde Versicherte sind günstige Versicherte. Das war bislang auch mit Sportkursen zu erreichen. Dank der tragbaren Fitnessmesser entstehen nun aber wertvolle Daten, auf die alle Versicherer scharf sind – selbst wenn sie das Gegenteil behaupten. Die Aufsicht jedenfalls ist alarmiert. So äußert das Bundesversicherungsamt "erhebliche datenschutzrechtliche Bedenken" – und schritt bereits ein, weil gesetzliche Kassen Daten aus Apps sammelten. Auch das Gesundheitsministerium verfolgt die Entwicklung besorgt.
Dabei ist es den gesetzlichen Kassen in Deutschland noch nicht einmal erlaubt, die Gesundheitsdaten ihrer Versicherten zu sammeln. In Israel etwa lassen gesetzliche Versicherungen Laborwerte und Untersuchungsberichte systematisch auswerten. Wer in eine Risikogruppe fällt, der zum Beispiel ein erhöhtes Darmkrebsrisiko droht, wird zur Vorsorgeuntersuchung eingeladen.
Hierzulande wäre das undenkbar. Aber auch die freiwillig übertragenen Werte bleiben nicht ohne Folgen: Sie ändern die Beitragswelt. Vor allem die privaten Unternehmen arbeiten an neuen Tarifmodellen. Deutschlands zweitgrößter Versicherer Generali etwa will im nächsten Jahr einen Tarif namens "Vitality" anbieten – zunächst für Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherungen, bald aber auch beim konzerneigenen Krankenversicherer Central. Wer sich um seine Gesundheit kümmert, soll damit belohnt werden.
Schon heute lockt Generali in der Kfz-Versicherung mit einem Telematik-Tarif alle Fahrer, die vorsichtig lenken. Allerdings ist das Wohlverhalten in Sachen Gesundheit anders als am Lenkrad keine ganz freiwillige Größe. Wer schwer krank wird, kann kaum Sport treiben und Bonuspunkte sammeln. Wer allein ein Kind erzieht, hat dafür ohnehin wenig Zeit.
Als Generali sein neues Tarifprogramm für die Krankenversicherung vorstellte, entfachte der Konzern einen Sturm der Entrüstung. Man sehe "erhebliches Überwachungspotenzial", kritisierte der Verbraucherzentrale-Bundesverband. Das Rabattprinzip könne sich zu einem Strafsystem entwickeln – für alle, die an den "Gesundheitsprogrammen" nicht teilnehmen wollten oder könnten.
Auf eine Kleine Anfrage der Linken im Bundestag zog sich die Regierung mit dem Hinweis aus der Affäre, keine "belastbaren Erkenntnisse" über die Anzahl datensammelnder Apps zu haben. Auf die Frage, ob die Regierung die Überwachung als mögliche Aufgabe von Versicherern sehe, lautete die Antwort indes knapp: "Nein."
Allerdings haben die Kunden selbst weniger Bedenken, mit ihren Daten zu bezahlen. Gerade ergab eine Infratest-Umfrage, dass ein Drittel der Menschen in Deutschland persönliche Gesundheitsangaben an ihre Krankenversicherung weiterreichen würde, wenn sie dafür eine Gegenleistung erhielten.
Selbstvermesser Florian Schumacher hält Angebote, die einen gesunden Lebensstil berücksichtigen, sogar für solidarischer als das bisherige System, das beeinflussbare Risiken auf das Kollektiv abwälze. Vom System der "Flatrate-Versorgung" profitierten "Menschen mit selbstschädigendem Verhalten wirtschaftlich am meisten", sagt er. Auch Ökonomen schätzen Bonusmodelle als gute Idee – wenn die Sicherheit der Werte gewährleistet ist.
Gesundheitsdaten sind allerdings bei Hackern besonders beliebt, sie sind in der Untergrundwirtschaft des Netzes inzwischen bis zu zehnmal so teuer wie gestohlene Kreditkarten-Informationen.
Ausgerechnet Versicherungen erwiesen sich zuletzt aber als eher unsichere Datenspeicher: Im Februar musste mit Anthem einer der größten US-Krankenversicherer einräumen, dass Hacker die Daten von rund 80 Millionen Versicherten entwendet hatten. Auch Krankenhäuser und Ärzte melden regelmäßig Datendiebstähle. Ein US-Fachdienst sprach im vorigen Jahr bereits von einer "Epidemie medizinischer Datenlecks".

Der Hacker

Eine Menschenmenge drängt durch den Zürcher Hauptbahnhof. Vor dem "Edelweiss Shop" steht ein junger Mann ganz in Schwarz und lässt sich von der Masse umspülen. Er hält einen faustgroßen Minicomputer in der Hand.
"In nur einer halben Stunde sind mir 32 Geräte mit ihrer eindeutigen Kennung ins Netz gegangen", sagt Candid Wüest. Er arbeitet als Informatiker beim Sicherheitsunternehmen Symantec. Die Gerätedaten, die er an diesem Montagmorgen aufliest, stammen von Armbändern und Smartwatches. "Leider pfuschen viele Hersteller bei der Sicherheit", sagt Wüest.
Viele Körpersensoren senden ihre Daten ständig mithilfe des Nahfunkstandards Bluetooth an das Smartphone. Das Handy wiederum reicht diese Werte über das Mobilfunknetz an große Datenbanken weiter. "Ich könnte ganz einfach Bewegungsprofile erheben, indem ich an ein paar Orten in der Stadt Empfänger aufstelle, die den Funkverkehr zwischen Fitnessarmband und Handy mitschneiden", sagt Wüest. Sein Minicomputer, den er dafür verwendet, hat gerade mal 75 Euro gekostet.
Inzwischen hat er sich mit seinem Datenfang in ein Café gesetzt. Viele Geräte übertragen selbst sensibelste Werte völlig ohne Schutz an die Datenbank. "Das liegt teilweise daran, dass eine Verschlüsselung zusätzlich Strom zieht bei Akkus, die ohnehin oft nach einem Tag erschöpft sind." Und manchmal hätten die Entwickler auch einfach nicht daran gedacht.
Mit einem simplen Trick überprüft Wüest, welche Daten die Fitness-Apps seines eigenen Smartphones verraten. Er legt mit dem Notebook ein offenes WLAN an. Jeder Passant im Umkreis von rund zehn Metern könnte sich nun nichts ahnend in sein Netz einloggen. Als Wüest seine Gesundheits-Apps öffnet, füllt sich der Bildschirm mit verräterischen Details. Name, E-Mail-Adresse, Gewicht, Geburtstag. Es sind seine eigenen Daten. Aber Wüest könnte auch gänzlich Fremde ausspähen.
Bei Stichproben gehen ihm immer wieder ungesicherte Passwörter von Gesundheits-Apps ins Netz, teilweise kommunizieren die Geräte auch mit schlampig gesicherten Datenbanken in der Cloud, die ohne Sperrcode Zugang zu persönlichsten Details ermöglichen. Wie beispielsweise denen von Diana. Sie wiegt 130 Pfund und will abnehmen, das weiß Wüest nun schon. "Zusätzlich habe ich ihren vollen Namen und ihre E-Mail-Adresse. Und eine Bluthochdruckwarnung."
Einhundert Gesundheits-Apps hatte er 2014 untersucht, das Ergebnis war erschreckend. 20 Prozent der Apps, die einen Account erfordern, versendeten auch Passwörter komplett unverschlüsselt – und mit ihnen könnten Angreifer auf die kompletten Daten zugreifen. Bis heute sind viele Probleme nicht ausgebügelt.
Einige Apps gaben die vertraulichen Daten an 14 verschiedene Netzadressen weiter, der Schnitt lag bei immerhin 5. Wer dort was mit den sensiblen Körperdaten anfängt, geht aus den Geschäftsbedingungen der Anbieter nicht hervor. "Jede zweite der untersuchten Apps hatte überhaupt gar keine Datenschutzerklärung", sagt Wüest. "Diese Firmen könnten die Gesundheitsdaten möglicherweise nach ausländischem Recht weiterverkaufen, an wen sie wollen."
Die Kunden seien oft hilflos gegen den Missbrauch ihrer Werte, sagt Hendrik Speck, Medienprofessor an der Hochschule Kaiserslautern. Er rate daher, "nie den echten Namen und nie eine wichtige E-Mail-Adresse" anzugeben. Körperdaten könne man nicht einfach so ändern wie ein Bankkonto. "Viele Krankheiten hat man ein Leben lang."
Die Wildwestmethoden der Fitnessdatensammler alarmieren mittlerweile die Politik. Auch in Berlin denkt die Koalition über strenge Vorgaben und verpflichtende Herstellerangaben für Gesundheits-Apps nach. Im zuständigen Gesundheitsministerium ließen sich die Beamten in einer internen Sitzung bereits Ideen für ein Gütesiegel präsentieren. Eine Lösung war bislang nicht dabei.
Nur jene Apps, die der professionellen Diganose und Therapie dienen und daher Medizin-Apps genannt werden, werden als Medizinprodukte offiziell zertifiziert. Allerdings haben die Patienten von diesem Test so gut wie nichts: Bei der zuständigen Behörde wurde nach Angaben des Ministeriums bislang kaum eine App zur Zertifizierung vorgelegt.

Der Gesundheitspolitiker

Würde Hermann Gröhe so denken und handeln wie der Münchner Florian Schumacher, dann wüsste er längst, dass es vom Gesundheitsministerium an der Berliner Friedrichstraße zum Reichstag 2000 Schritte sind – also ein Fünftel dessen, was Fitness-Apps als Tagespensum für Erwachsene empfehlen.
Allerdings käme es für den Gesundheitsminister nie infrage, sich vermessen zu lassen, schon gar nicht die Strecken, die er zu Fuß zurücklegt.
Gröhe (CDU) ist 54 Jahre alt. Er gehört zu jener Generation, die sich die digitale Welt erst mühsam angeeignet hat – und darüber heute umso lieber spricht. Er möchte das Gesundheitswesen in diese Welt überführen. Das jedenfalls sollte das Signal sein, das er diese Woche setzen wollte, zur Verabschiedung des sogenannten E-Health-Gesetzes.
Für die Sozialpolitiker ist die "Digitalisierung" die neue Zauberformel. Sie soll helfen, den Ärztemangel auf dem platten Land zu überwinden, indem Patienten ihren Doktor einfach per Skype kontaktieren. Sie soll dafür sorgen, die Tausenden Todesfälle zu vermeiden, die nur deshalb eintreten, weil ein Krankenhaus nicht weiß, welche Pillen der Hausarzt dem Notfallpatienten zuvor verordnet hat. Sie soll überflüssige Untersuchungen ausmerzen, indem jeder Mediziner Zugriff auf die Röntgenbilder seines Schützlings haben kann – ganz einfach, einfach digital.
Doch was die Bundesregierung mit großen Worten beschwört, bringt sie nur in kleinen Schritten auf den Weg. Der Bundestag hat Gröhes E-Health-Gesetz zwar an diesem Donnerstag beschlossen, Anfang kommenden Jahres soll es in Kraft treten. Doch was das Ministerium so vollmundig wie antiquiert als "digitale Autobahn im Gesundheitswesen" feiert, ist kaum mehr als eine Verlegenheitslösung.
Denn im Gesetz geht es hauptsächlich um ein Stück Plastik, dessen Nutzen bislang ausgesprochen übersichtlich ist: die elektronische Gesundheitskarte.
Was die gesetzlich Krankenversicherten spätestens seit diesem Januar in ihren Portemonnaies tragen, ist kaum mehr als ein schlechter Witz. Der einzige Unterschied zu den Versichertenkarten älterer Generation soll ein Passbild sein. Name, Adresse, Geburtsdatum, Versichertenstatus, mehr Daten gibt die Karte bislang nicht preis.
Trippelschrittchen für Trippelschrittchen soll das jetzt ausgebaut werden, mit Notfalldaten wie bestehenden Allergien oder individuellen Medikationsplänen. Irgendwann, in ein paar Jahren.
Nur ganz am Rande geht es in dem Gesetz um neue Regeln für Big Data oder Sicherheitsstandards für jene Daten, die Versicherte über ihre Smartphones hochladen – diese sollen Nutzer in einem "Patientenfach" ablegen können, auch das allerdings wohl erst von 2019 an.
Ursprünglich sollte die Plastikkarte der Schlüssel zu einem modernen Gesundheitssystem sein, in dem Ärzte elektronische Rezepte ausstellen und die Akten von 70 Millionen gesetzlich Versicherten digital abrufen können. Jeder Arzt hätte gleich sehen können, wie der Patient bisher behandelt wurde und welche Medikamente ihm in der Vergangenheit verschrieben wurden.
Allerdings überließ es die Bundesregierung einem Kollektiv aus gesetzlichen Kassen und Medizinern, sich um die Einführung zu kümmern. Die sogenannte Selbstverwaltung war effizient einzig darin, das Projekt zu blockieren.
Über eine Milliarde Euro hat die Entwicklung des Plastikkärtchens verschlungen, das E-Health-Gesetz ist Gröhes verzweifelter Versuch, zumindest einen Teil dieser Investition mit Sinn zu füllen. Das Gesetz konzentriert sich im Wesentlichen darauf, mehr Datenaustausch zwischen Ärzten und Kassen zu ermöglichen. Machen sie nicht mit, drohen ihnen nun Sanktionen. Dafür muss aber erst mal die Infrastruktur laufen. Doch Insidern zufolge wird es auch dort weitere Verzögerungen geben.
Ohnehin werde der Gesetzentwurf "der Komplexität der Veränderungen, vor denen das Gesundheitswesen steht, nicht im Ansatz gerecht", urteilt die Bundesärztekammer. Sogar in der Koalition regten sich Zweifel angesichts eines Regelwerks, das überholt schien, noch bevor es verabschiedet wurde.
So bat die Unionsfraktion schriftlich bei Gröhe darum, verbindliche Qualitätsstandards einzuführen. Um "möglicherweise gesundheitsschädigende Apps zu verhindern", müsse sich die Politik auch bei der Europäischen Union einsetzen. Nationale Gesetze allein können in der digitalen Welt ohnehin wenig ausrichten.

Die Ärztin

Wer im Sprechzimmer von Silke Lüder Platz nimmt, wähnt sich in einer ganz normalen Hausarztpraxis. Vor der Ärztin liegen Stethoskop und Holzspatel, hinter ihr stehen Gelenkmodelle aus Plastik im Regal. Nur der Blick auf den Schreibtisch zeigt, dass der winzige Raum auch ein Ort des Widerstands ist: Direkt vor den beiden Patientenstühlen hat Lüder einen Stapel Pappkärtchen drapiert. "Wollen Sie zum gläsernen Patienten werden? Ihre Gesundheitsdaten in einer zentralen Datenbank? Bezahlt von Ihren Beitragsgeldern?", steht auf dem Flyer im Miniformat.
Vor acht Jahren hat die Allgemeinmedizinerin aus Hamburg ein Bündnis gegründet, um die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte zu stoppen. Dabei wäre es falsch zu denken, die Ärztin sei generell technikfeindlich. Schon vor mehr als zwanzig Jahren hat sie alle Patientenkarten aus Papier aus ihrer Praxis verbannt. Daten sammelt sie elektronisch. Allerdings gibt es da eine Einschränkung: An das Ärztenetz ist Lüder nicht angebunden. Wenn sie Befunde verschickt, dann nur als verschlüsselte E-Mail. Und im Zweifel tut es auch ein Fax.
In der Ärzteschaft hält sich der Widerstand gegen die Karte hartnäckig. Allerdings hat Lüders wenig zu tun mit jenen Doktoren, die vor "unzumutbarer Arbeitsbelastung" warnen, weil sie kleine digitale Medikationspläne erstellen sollen. Lüders sorgt sich um etwas anderes.
"Gesundheitsdaten", sagt sie, "sind in Wahrheit Krankheitsdaten." Wer sie missbrauche, könne Existenzen vernichten. Es ist kein Wunder, dass sich in ihrem Antikartenbündnis neben dem Chaos Computer Club oder Ärzteverbänden auch die Deutsche Aids-Hilfe engagiert.
Wenn Kreditkartendaten ausgespäht werden, kann man die Karte sperren und sich ein neues Konto zulegen. Wenn eine chronische Krankheit durch ein Datenleck publik wird, schadet das nicht nur bei der Jobsuche. Viele Krankheitsbilder sagen nicht nur etwas über die Betroffenen selbst aus, sondern lassen auch Rückschlüsse auf Risiken ihrer Kinder und Angehörigen zu. Der Verlust dieser Daten lässt sich nie mehr korrigieren. Man bleibt für immer ein gläserner Patient.
Auch wenn die geplante Gesundheitskarte bisher nur lächerlich wenig Informationen enthält, beäugt Lüder das Projekt misstrauisch. "Es kann nicht sein, dass man die Daten der Patienten in eine zentralisierte Infrastruktur zwingt", sagt sie. "Denn niemand kann diese sensiblen Daten dort auf Dauer schützen."
Die Bundesregierung versichert zwar, dass die Zugriffsrechte streng beschränkt und die Sicherheitsvorkehrungen rund um die elektronische Gesundheitskarte äußerst strikt seien. Doch Mitte November erst musste sich Ingrid Fischbach, Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, in einer Sitzung des zuständigen Bundestagsausschusses kritischen Fragen stellen. Die Abgeordneten wollten wissen, wie es sein könne, dass das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik festgestellt habe, dass jene Lesegeräte, die bereits in den Praxen stehen, nicht genug gegen Attacken von außen gewappnet seien. Weil die Gehäuse zu anfällig seien, müssen viele Apparate ausgetauscht werden.
Es ist der ständige Spagat zwischen lang ersehnten Anwendungen, die den Patienten nutzen, und der Frage, wie man sensible Werte schützt. So hat der Branchenverband Bitkom eine Umfrage vorgelegt, nach der eine Mehrheit der Bevölkerung sich sogar mehr sinnvolle Funktionen wünscht. 92 Prozent wollen, dass ihre Blutgruppe für den Notfall gespeichert wird. Auch Lüders Patienten sind längst in der Smartphone-Ära angekommen. Sie fotografieren ihre Krankenhausberichte. Sie senden Bilder von Hautausschlägen und fragen, ob der Fall möglicherweise ernst ist. Sie sammeln ihre Daten in digitalen Patientenakten.
Allerdings sieht die Ärztin einen entscheidenden Unterschied: Die Patienten könnten jederzeit auch von zu Hause aus überprüfen, welche Angaben gesammelt würden. Sie könnten die Daten selbst nutzen. Und vor allem: Sie entschieden sich ganz freiwillig dafür.

Die Pharmaindustrie

Es begann mit einem plötzlichen Zucken des kleinen Fingers an der linken Hand. Der kanadische Schauspieler Michael J. Fox dachte sich nichts dabei, als es 1990 in der Nacht zum ersten Mal auftrat. Erst ein knappes Jahr später bekam er die Diagnose: Parkinson. Fox war damals 30 Jahre alt.
Er war berühmt geworden als der zappelige Junge aus "Zurück in die Zukunft". Im echten Leben schien seine eigene Zukunft vorbei zu sein, er litt unter Sprechstörungen und halbseitigen Lähmungen. Im Jahr 2000 gründete er die Michael J. Fox Foundation (MJFF), die sich nur einem Ziel verschrieb: ein Heilmittel gegen Parkinson zu finden. Fast eine halbe Milliarde Dollar hat die Stiftung bis heute in die Parkinsonforschung gesteckt.
Was sie heute aber so wertvoll macht, sind nicht etwa die Geldspenden – sondern die Datenspenden. Tausende Parkinsonkranke weltweit vermessen für die MJFF mit Handy-Apps und anderen Geräten ihr Zittern und Stolpern oder stellen sich Blutproben und Gentests, freiwillig und kostenlos. Um ein minutengenaues automatisches Tagebuch über die Zitterattacken zu führen, forscht die MJFF mit Intel an einem Bewegungssensor, der pro Sekunde 300 Datenpunkte über den Körperzustand eines Patienten in die Rechnerwolke pumpt. Die Daten verschenkt Fox an Universitäten und die Pharmaindustrie.
Und auch die Konzerne dürfen so auf ein Allheilmittel hoffen, vor allem gegen sinkende Gewinnchancen. Es wird immer schwerer, grundlegend neue Medikamente zu finden. Ihre Entwicklung dauert 10 bis 15 Jahre und kostet Milliarden.
Das vollautomatische Herumstöbern in gigantischen Datenmengen könnte die Erfindungsblockade nun lösen: Kollege Computer soll Geistesblitze liefern, wie sich neue Medikamente entwickeln lassen. Und die Totalüberwachung von Patienten könnte anschließend auch die langwierigen klinischen Studien verkürzen.
Fox' Stiftung arbeitet mit 23andme zusammen, einer Genanalysefirma aus dem Silicon Valley. Die MJFF hilft dem Unternehmen, Probanden für klinische Tests zu rekrutieren. Über 10 000 Personen, Parkinsonpatienten und nahe Verwandte, ließen ihr Erbgut untersuchen. Sie schicken eine Speichelprobe ein, fertig. Dann vollzieht sich eine Art alchimistisches Wunder: Aus Spucke wird Geld.
Rund achtzig Prozent der Kunden, die sich von 23andme ihr Erbgut analysieren lassen, erlauben den Weiterverkauf ihrer Daten zu Forschungszwecken. Der Pharmahersteller Genentech bezahlt 23andme für den Zugriff auf Gendaten, der Viagra-Hersteller Pfizer sucht nach Heilungsansätzen für Entzündungskrankheiten.
Allerdings bekam 23andme auch schon Ärger. Die US-Aufsichtsbehörde Food and Drug Administration untersagte dem Unternehmen, Gesundheitstests zu verkaufen, weil es dafür nicht die notwendige Zulassung habe. Jetzt beschränkt sich 23andme wieder auf eher simple Dienste: die gentechnische Suche nach Verwandten.
Überall auf der Welt sollen die Menschen der Forschung intimste Daten zur Verfügung stellen – zum Beispiel über das Kavli Human Project, das vom nächsten Jahr an in New York 10 000 Freiwillige sucht, oder über die Nationale Kohortenstudie, die 200 000 Menschen in Deutschland über einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren vermessen will.
Aber nicht alle Forscher teilen den Glauben daran, dass die neue Flut hochdetaillierter Patientendaten die Entwicklung von Arzneien beschleunigen kann. "Pharmafirmen picken sich oft willkürlich einzelne Ergebnisse selektiv heraus, um alte Medikamente neu zu verpacken für immer neue Krankheiten", sagt Gerd Antes, Direktor des Deutschen Cochrane-Zentrums an der Uniklinik Freiburg. "Bei Big Data geht es oft nicht um die Patienten, sondern um die Eigeninteressen der Konzerne."
Bislang jedenfalls scheinen die Verheißungen Zukunftsmusik zu sein. Big Data hat vor allem eine Flut von Schrottstudien produziert. Von 67 in Fachjournalen veröffentlichten Studien ließen sich nur 14 im Labor vollständig wiederholen – die übrigen waren nur lückenhaft oder gar nicht "replizierbar". Zu diesem Ergebnis kam 2011 eine Studie des Pharmariesen Bayer.
Und einige Untersuchungen würde man wohl lieber ganz vergessen. Rund die Hälfte aller Studien verschwindet stillschweigend in der Schublade – wenn sie den Auftraggebern nicht in den Kram passen.

Die Philosophin

Ein Spaziergang wäre jetzt fällig. Dringend, sagt Christiane Woopen. Das wisse sie auch so. Dafür brauche sie keine App.
Den ganzen Tag lang hat die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates heute mit ihren Kollegen in einem stickigen Sitzungsraum nahe dem Berliner Gendarmenmarkt gesessen. Jetzt beginnt es zu dämmern, und Woopen drückt ihre Hände ins Kreuz. "Ich habe mich zu wenig bewegt", sagt sie.
Auf dem Tisch liegt ihr Handy, aus der schwarzen Handtasche ragt ein iPad hervor. Es ist nur so, dass sie darauf keine Gesundheits-App geladen hat. Woopen lässt sich ungern Vorschriften machen. Schon gar nicht von irgendeinem Programm, dessen Hersteller oder Absichten undurchsichtig sind. "Was gut für mich ist, weiß ich doch auch selbst", sagt sie.
Der Ethikrat ist eines der wichtigsten Beratergremien der Bundesregierung. Die Runde kümmert sich um die großen Fragen des Lebens, um die Präimplantationsdiagnostik oder die Sterbehilfe. Die Themen sind stets kontrovers und rühren oft an das Innerste des Menschen. Nun hat der Ethikrat die digitale Gesundheit zum Zukunftsthema erkoren. Big Data könnte die Gesellschaft stärker verändern, als den Menschen heute bewusst ist.
So sieht Woopen einen Trend zur "Datafizierung". Die Menschen hätten eine Tendenz, sich zu vermessen und zu optimieren. Das könne ein Fortschritt sein, ein immenser Gewinn, wenn ihnen geholfen werde, Krankheiten zu vermeiden und zu bekämpfen. Allerdings erkennt Woopen auch eine Gefahr: "Es stehen stets Werte im Vordergrund, die mit hoher wirtschaftlicher Macht nach vorn getrieben werden."
Die Versicherten würden heute durch Anreize wie Boni und Prämien dazu angehalten, sich in einer gewissen Weise zu verhalten – und ihre Erfolge zu messen. Was aber wünschenswert sei, das bestimmten über ihre Messprogramme und Apps oft die Konzerne oder Versicherer mit ihren wirtschaftlichen Interessen. Das müsse nicht grundsätzlich schlecht sein – aber man sollte sich auf jeden Fall seine eigenen Vorstellungen von einem sinnvollen Leben machen.
Woopen wundert sich etwa über die wohl bekannteste aller Fitnessvorgaben: Warum wird man belohnt, wenn man 10 000 Schritte am Tag zurücklegt? "Warum wird es beispielsweise nicht belohnt, wenn man sich an einem Tag in der Woche um einen kranken oder behinderten Menschen kümmert? Vielleicht trägt man damit viel mehr zur Gesundheit bei, indem man das psychische Wohlbefinden gleich mehrerer Menschen fördert."
Am Ende stehe immer ein Zwang zur Perfektion – und die Hoffnung, jeder Körper lasse sich optimieren, beinahe jede Krankheit lasse sich durch Selbstvermessung und Wohlverhalten aufhalten. Es werde immer schwerer, mit Grenzen und Schwächen, mit der eigenen Verletzlichkeit und Endlichkeit umzugehen. "Das Schicksal ist irgendwann keine Entschuldigung mehr", sagt Woopen.

Und jetzt?

Sie wird kommen, die schöne neue Gesundheitswelt, die auf den Daten der Menschen basiert – schon allein deshalb, weil sie Hoffnungen weckt. Bei allen, die schon lange krank sind und verzweifelt auf neue Medikamente warten, vielleicht sogar ganz individuell auf sie abgestimmt. Bei allen, die niemals krank werden wollen und fest daran glauben, sie müssten dazu nur genug Schritte zählen und ihre Herzfrequenz überprüfen.
Das Sammeln von Gesundheitsdaten kann vieles möglich machen. Man kann der Forschung helfen. Man kann einen Bonus oder günstigere Tarife bei der Versicherung aushandeln. Man kann hoffen, beim Arzt klüger behandelt zu werden. Man muss dazu allerdings einiges preisgeben.
Beim Einsatzort der Zahnbürste, automatisch gemeldet an eine digitale Wolke, mag es sich noch um eine halbwegs unverfängliche Information handeln – jedenfalls solange man keine außereheliche Affäre pflegt. Aber was ist mit weiblichen Zyklusdaten? Den Blutwerten chronisch Kranker? Dem genetischen Risiko, später einmal an Krebs zu erkranken?
Ein gläserner Patient ist immer auch ein angreifbarer Patient. Und deshalb hat die schöne neue Welt auch ihre dunklen Seiten. Vollständige Sicherheit kann bislang niemand garantieren. Ob die Digitalisierung des Gesundheitswesens für alle Patienten ein Gewinn wird, hängt davon ab, wie die Politik den Rahmen gestaltet – und wie die Menschen sich darin bewegen.
Aufgabe der Politik ist es, Übergriffe der Konzerne zu verhindern. Dafür zu sorgen, dass für europäische Anwender das europäische Datenschutzrecht gilt, selbst wenn sie ihre Daten bei US-Konzernen wie Google hochladen. Sich darum zu kümmern, Smartphones grundsätzlich so einzurichten, dass sie Daten nicht automatisch, sondern nur auf besonderen Wunsch übertragen. Und sich dafür einzusetzen, dass Hersteller von Apps offen ausgewiesen werden und dass jeder Nutzer seine Daten ganz einfach auf seinem Endgerät speichern kann – und sich sicher sein kann, dass Daten auf Wunsch verschlüsselt und niemals einfach so im Hintergrund übertragen werden.
Und die Menschen müssen sich stets bewusst sein, wer ihre Daten verwendet und wer dabei welche Interessen verfolgt. Denn am Ende zahlen sie für ihre Selbstoptimierung mit einer ganz speziellen Währung: mit intimsten Informationen über ihr innerstes Sein.

Twitter: @hilmarschmundt
Neue Medikamente, bessere Diagnosen, maßgeschneiderte Behandlung – das ist die Verheißung.
"Bei Big Data geht es oft nicht um die Patienten, sondern um die Eigeninteressen der Konzerne."
Von Marcel Rosenbach, Cornelia Schmergal und Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 50/2015
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Digitalisierung:
Der gläserne Patient

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