05.12.2015

Der Augenzeuge„Wohin sollen wir gehen?“

Enele Sopoaga, 59, ist Premierminister von Tuvalu. Die Südseeinsel besteht aus neun Atollen. Bei der Weltklimakonferenz in Paris kämpft Sopoaga um das Überleben seiner Nation.
"Ich bin jetzt seit der Konferenz in Rio 1992 dabei. Und seither sage ich das Gleiche, in der Hoffnung, die großen Länder mit den großen Möglichkeiten haben endlich ein Einsehen. Aber die schauen lieber weg. Dabei wäre es so nötig, etwas zu tun. Ich frage mich manchmal, ob es wirklich den Willen gibt, uns zu retten, oder ob das nur Camouflage für eigene Interessen ist. Am Dienstag zum Beispiel war ich bei der Sitzung des Grünen Klimafonds. Die akzeptierten einfach nicht, was wir schon alles machen. Sie sagten, wir sollen unsere Datenbasis verbessern und nachweisen, dass der Klimawandel Grund für Erosion, Überschwemmungen und den Zyklon ,Pam' war, der im März unsere Inseln verwüstet hat. Und sie haben gefragt, wie viel Geld wir für Anpassungsprogramme aufbringen könnten. Das war nur beschämend. Wir tragen nichts zum Klimawandel bei und sollen jetzt für die Folgen haften. Ich frage mich, ob ich die ganzen Jahre wirklich die richtige Botschaft ausgesandt habe. Versteht die Welt, wie bedroht wir sind? Es geht doch um die ganze Menschheit.
In Paris brauchen wir jetzt zwei Dinge: ein verbindliches Abkommen und die Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 Grad. Das sagt uns die Wissenschaft eindeutig. Hier habe ich Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon getroffen. Und Angela Merkel. Ich habe ihr gesagt, Sie sind die mächtigste Regierungschefin der EU, bitte helfen Sie uns. Jedes Zehntel über 1,5 Grad bringt uns dem Untergang näher. Sie hat dann in ihrer Rede unsere Inselstaaten erwähnt. Ich hoffe, sie kann das auch ihren europäischen Kollegen sagen.
11 000 Bewohner sind wir jetzt. 4000 sind schon gegangen. Nach Australien, Neuseeland und auf die Fidschi-Inseln. Wir halten niemanden auf. Aber gehen heißt kapitulieren. Der Meeresspiegel ist für uns genauso gefährlich wie die steigende Zahl der Wirbelstürme. Wir haben jetzt mit fremder Hilfe ein Frühwarnsystem installiert. Aber wenn im Radio eine Riesenwelle gemeldet und dazu auffordert wird, höher gelegene Plätze aufzusuchen – wohin sollen wir gehen? Der höchste Flecken Land liegt vier Meter über dem Meer. Höher sind nur die Kokospalmen. Und da hinauf sollen wir unsere Großväter, Großmütter und Kinder bringen? Ich hoffe, die Welt versteht das endlich."
Von Knaup, Horand

DER SPIEGEL 50/2015
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