05.12.2015

Karrieren Und der Morgen grüßt schon

Flüchtlinge, Terroristen, Syrienkrieg, TTIP. Stündlich verändert sich die Lage. Das müsste Sigmar Gabriel entgegenkommen, sein Leben hat ihn auf Krisen vorbereitet. Aber kann ein Politiker die Welt und gleichzeitig die SPD retten? Von Alexander Osang
Wer am Vormittag des 1. Advent zwischen dem Ersten und dem Zweiten Deutschen Fernsehen hin- und herschaltet, sieht zweimal Sigmar Gabriel, beide Male in leicht übersinnlichen Zusammenhängen. Im ZDF ist er in der Sendung des Fernseh-Evangelisten Peter Hahne zu sehen. In der ARD steht er in der Marktkirche von Hannover und singt "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit". Die Peter-Hahne-Sendung wurde aufgezeichnet, der Fernsehgottesdienst in Hannover aber ist live.
Gabriel ist am Morgen aus seinem Heimatort Goslar herübergefahren, um eine Grußbotschaft für die diesjährige Spendenaktion von "Brot für die Welt" zu verlesen. Gabriel passt gut in die Kirche, weil seine Reden oft an Predigten erinnern. Er hat die Stimme, und er hat den Soul. Gabriel berichtet von den Sorgen der Deutschen, von den Sorgen der Welt, von Flüchtlingen und Solidarität. "Das passt gut zum Advent: Es ist eine Zeit des Wartens und der Hoffnung."
Es klingt wie ein Stoßgebet. Und wenn man Gabriel in den vergangenen Wochen auf seiner Reise durch Deutschland und die Welt begleitet hat, an all die Orte der Dunkelheit, versteht man, dass es vom Grunde seines Herzens aufstieg.
Fünf Sonntagmorgen zuvor kann der Vizekanzler nicht in die Kirche gehen, er muss nach Israel.
Die Wolken hängen tief und grau über Berlin-Tegel. Auf dem militärischen Teil des Flughafens stehen drei Flugzeuge, zwei große und ein kleines. Mit den beiden großen fliegt heute Angela Merkel nach Brüssel und Ursula von der Leyen in den Irak, um die Welt zu retten. Das kleine bringt Sigmar Gabriel nach Israel, um eine Reise nachzuholen, die vor ein paar Monaten ausgefallen war. Heute hin, morgen zurück.
Sigmar Gabriel erscheint ganz in Schwarz, Hose, Hemd, Jacke, und auch die Miene. Die Frisur erinnert an eine Batman-Kapuze. In Augenblicken wie diesem, wenn er seine schlafende Familie allein lassen muss, um früh an den dicken Frauenflugzeugen vorbeizustapfen zu seinem, das ihn in die falsche Richtung zu tragen scheint, kann man sich fragen, welches Ziel diese anstrengende Reise eigentlich hat.
Gabriel muss ein anständiger Familienvater, Sozialdemokrat, Wirtschaftsminister sein, ein zuverlässiger Vizekanzler und gleichzeitig ein unberechenbarer Herausforderer. Er muss auf zwei Fernsehkanälen gleichzeitig singen, besser noch auf dreien. Er muss das Land beruhigen und aufrütteln, er muss seine Kanzlerin unterstützen und verunsichern, er muss seinen Genossen eine Hoffnung geben, die er selbst kaum haben kann.
Er versucht es, das kann man sagen. Gabriel fällt in den Ledersessel. Nach hinten zu den Referenten sickert die Nachricht durch, dass sie morgen nicht nach Berlin zurückkehren werden, sondern nach Braunschweig. Das liegt näher an Gabriels Heimatstadt Goslar, und Gabriel ist der Chef, jedenfalls hier an Bord. Berlin, Tel Aviv, Goslar. Das ist Gabriels Leben in vier Worten.
Im Himmel, als das Essen kommt, hat sich seine Laune gebessert.
"Ich war nirgendwo auf der Welt so häufig wie in Israel", sagt er. "Höchstens vielleicht in Polen."
Israel ist für Gabriel eine Herzenssache. Es hat sich aus seinem Leben ergeben, wie so vieles in seiner politischen Biografie. Er verbrachte die ersten Lebensjahre bei seinem rechtsradikalen Vater. Als Achtjähriger spielte Sigmar auf irgendwelchen Vertriebenentreffen des Alten Akkordeon. Mit zehn durfte er zur Mutter, einer Goslarer Krankenschwester. Als Teenager war er in der Aktion Sühnezeichen aktiv. Er kennt in Polen vor allem die Konzentrationslager. Die Urgroßmutter seiner großen Tochter starb in Auschwitz. Sein Vater blieb bis zu seinem Tod Nazi.
Gabriel pickt auf dem Vorspeisenteller herum; als der Hauptgang kommt, Rinderfilet, winkt er ab, ein bisschen ungehalten, als wäre er wütend auf das Steak. Er nimmt nur einen Salat. Neben dem Tellerchen liegt ein Putin-Buch. Gabriel will sich für die Moskaureise in drei Tagen vorbereiten. Zwischendurch muss er allerdings noch zu einem Technologiekongress nach Paris. Er schießt durch die Welt wie ein Sektkorken. Er schaut aus dem Fenster auf die griechischen Inseln.
"Wir sind da gesegelt. Ich liebe das", sagt Gabriel. "Es ist wie campen auf dem Wasser. Ich bin gern draußen in der Natur. Leider wird meine Frau seekrank."
Um acht ist er mit Isaac Herzog im Jerusalemer King David Hotel zum Abendessen verabredet. Herzog ist ein Big Shot der israelischen Politik, Oppositionsführer, roter Adel, sagen sie hier, sein Vater Chaim Herzog war Staatspräsident, er ist mit dem amerikanischen Außenminister John Kerry befreundet und den Clintons. Herzog wartet mit seiner Entourage in der Lobby des alten Hotels. Doch Gabriel kommt nicht. Herzog schaut auf die Uhr. Es heißt, dass Gabriels persönlicher Referent vor der Tür seines Chefs stehe, aber der Vizekanzler öffne nicht. Man kennt so was von Axl Rose und vielleicht von Richard Nixon, dem späten.
Als das akademische Viertel rum ist, sagt Herzog, dass er nicht länger warten könne. Er müsse morgen eine wichtige Rede im Parlament halten. Es sei zum 20. Todestag von Rabin. Er schaut zum Porträt des ermordeten Ministerpräsidenten, das in der Hotellobby aufgebaut ist. Auch die deutsche Delegation schaut zum Porträt. Großer Gott. Es knistert. Was macht Gabriel da auf dem Zimmer? Denkt er über sein Leben nach? Moderiert er eine Weltkrise? Den Mann umweht etwas Unberechenbares. Man sieht es im fiebrigen Blick seiner engsten Mitarbeiter. In einer Sekunde guckt Gabriel wie ein schwermütiger König, in der nächsten wie ein sechsjähriger, aufgeweckter Junge.
Schließlich öffnen sich die Fahrstuhltüren, und Gabriel tritt heraus in die Lobby. Herzog führt seinen Gast in einen kleinen Salon, an den Wänden Porträts von Hillary Clinton, Roger Moore und Prinz Philip, die hier offenbar auch schon gegessen haben. Sie bestellen ihr Abendessen und reden über Politik.
Assad, Netanyahu, die rechten Israelis, die ihn vor sich her treiben, Gaza, die Amerikaner, die Russen, die Syrer, IS, Angela Merkel, die Flüchtlinge, die deutsche Sozialdemokratie und die israelische. Gabriel wird munter, sein Englisch wird flüssiger, manchmal fragt er nach Wörtern wie nach Brot. Was heißt Schwiegervater? Was heißt Galgen? Er baut sich an dem Gespräch auf. Er ist neugierig auf die Welt, auf Menschen, er hat ein gutes Gedächtnis, und er ist ein hervorragender Zuhörer. Er vertreibt die Dunkelheit. Nach einer Viertelstunde haben Herzog und sein Clan vergessen, dass sie auf Gabriel warten mussten. Alle leuchten. Sie sitzen hier unten in dem kleinen Salon im Herzen der Welt.
Am nächsten Vormittag donnert die kleine deutsche Delegation zu Blitzgesprächen mit dem Wirtschaftsminister, dem Staatspräsidenten und Premier Benjamin Netanyahu. Auf dem Rückflug erzählt Gabriel, wie es war. Netanyahu wollte unbedingt eine Zigarre mit ihm rauchen.
Er wirkt zufrieden. Es gab das Gerücht, dass er sich 2003, nach seiner bitteren Wahlniederlage in Hannover, hierher ins Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung zurückziehen wollte. Gabriel war damals am Boden zerstört. Israel hätte ihn trösten können, aber dann holte ihn die Partei nach Berlin, und er wurde Umweltminister. Gabriel lacht. Na ja, sagt er. Israel ist schon toll. Man fragt sich, wie verführerisch der Gedanke heute noch ist. Einfach eine Tür zuschlagen, die Augen zumachen. Er deutet immer mal an, dass er das alles nicht braucht. Er erinnert sich noch an Winfried Veit, der damals, vor 15 Jahren, für die Ebert-Stiftung hier war und jede Bar kannte. Seine Frau war Türkin, sagt Gabriel. Ihr Name hieß übersetzt: Schwarzer Wolf.
Das weiß er noch? So was vergisst man doch nicht, sagt er.
Sein Sprecher sagt, sie wollen die Israelreise nicht so hoch hängen, schließlich hat Angela Merkel gerade mit Netanyahu in Berlin geredet. Es soll nicht so aussehen, als wäre Gabriel zu spät dran. Es ist ja ohnehin schon so: Selbst wenn er irgendwo vor Merkel da ist, wie im Flüchtlingslager in Jordanien oder im sächsischen Heidenau, sieht es am Ende immer so aus, als tappe er ihr hinterher. Es ist mit Angela Merkel und ihm wie im Märchen von Hase und Igel. Sigmar Gabriel ist der Hase.
Er schätze an ihr die innere Gelassenheit, das Machtbewusstsein und die Fähigkeit, die Dinge vom Ende her zu sehen. Außer vielleicht in der Flüchtlingsdebatte, sagt Gabriel. Aber gerade die Flüchtlingskrise kann er nicht ausnutzen. Will er nicht ausnutzen. Merkels "Wir schaffen das" hätte von ihm stammen können. Man muss nur die Augen schließen und sich den Satz in Gabriels Mund vorstellen.
Will er denn Kanzler werden?
"Als SPD-Vorsitzender muss man sich das zutrauen", sagt er.
Unter dem Flugzeug flimmern schon Niedersachsens kleine Lichter. Der Kapitän gibt ein Wetterupdate. Sieben Grad, klare Sicht.
"Was auch immer passiert. Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Es geht mir gut", sagt Gabriel. Die Maschine setzt in Braunschweig auf.
Vier Tage später, nach Moskau und Paris, trifft Sigmar Gabriel in Bovenden ein, einem Vorort von Göttingen, wo der SPD-Ortsverein sein 125-jähriges Bestehen feiert. Der Vorsitzende Jörg Ahlborn ist ein alter Kampfgefährte. Ahlborn erinnert in der Eröffnungsansprache daran, wie er mit Gabriel in den Achtzigern gegen Goslarer Neonazis aufgestanden ist. Er verspricht mehrmals eine kämpferische Rede des Parteivorsitzenden. Gabriel aber hält eine staatsmännische. Eine Rede, die sich wie eine weiche Decke auf den Saal legt. Er erinnert an Bebel, Lassalle und das Sozialistengesetz. Die SPD sei die einzige Partei, die ihren Namen nie ändern musste.
Er sagt: Unser Motto ist Zuversicht und Realismus.
Nach der Rede muss Gabriel sofort wieder los. Seine Frau hat einen Abendtermin, und er hat versprochen, sich um Tochter Marie zu kümmern. Am Anfang stand August Bebel, am Ende ein dreijähriges Mädchen. Zwei Pfeiler seines Lebens.
Am 10. November redet er auf der Gedenkveranstaltung für Egon Bahr bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin. Im Publikum Steinmeier, Thierse, Schorlemmer, Momper, Beck. Die deutsche Sozialdemokratie heute. Keiner raucht mehr. Auf den Schwarz-Weiß-Fotos, die an der Rückwand der Bühne gezeigt werden, sieht man Bahr neben Wehner, Schmidt und Brandt im Zigarettenqualm, gelegentlich sieht man den jungen Schröder, auch mal Steinmeier, Gabriel nie.
Während sie sich in Berlin an Bahr erinnern, stirbt in Hamburg Helmut Schmidt.
"Zuversicht und Realismus", das habe er an Bahr geschätzt, sagt Gabriel in seiner Rede am Mittag, am Abend, als er sich im Fernsehen zu Schmidts Tod äußert, sagt er, er habe am Altkanzler vor allem eines geschätzt: "Zuversicht und Realismus".
Es sieht so aus, als gingen der SPD nicht nur die Väter aus, sondern auch die Schlachtrufe.
Gabriel mochte Bahr. Egon war 'ne Type, sagt er. Die SPD ist so 'ne Scheißpartei, hat der immer gesagt, aber sie ist auch ganz wunderbar. Das kann Gabriel wohl unterschreiben. Sein Verhältnis zu Schmidt ist kühler. Er hat als junger Sozialdemokrat gegen Schmidts Doppelbeschluss demonstriert. Und Schmidt hat im letzten Wahlkampf auf Steinbrück gesetzt. Der kann's, hatte Schmidt gesagt. Und ein wenig hieß das ja auch: Der andere kann's nicht. Was die Alten angehe, bedeute ihm am meisten Hans-Jochen Vogel, sagt er.
"Ich bewundere seine aufrechte Haltung. Der wusste, er wird nicht Kanzler, und hat trotzdem die Verantwortung übernommen. Für die Partei", sagt Gabriel. Es klingt, als beschreibe er die eigene Rolle.
Hans-Jochen Vogel lebt in München, er wird im Februar 90. Er leidet an Parkinson, er verlässt das Haus kaum noch. Es geht nicht mehr, sagt Vogel. Er wird nächste Woche erstmals nicht zum Parteitag nach Berlin reisen. Er telefoniere gelegentlich mit Gabriel. Er mag ihn.
"Sein Lebensweg entspricht einem sozialdemokratischen Prinzip, dass jeder die Chance haben soll, sich durch Bildung und Anstrengung aus dem Prekariat herauszuarbeiten", sagt Vogel. Sicherlich meint er es nicht so, aber es klingt, als sei Gabriel eher ein Beispiel als ein Anführer. Ein Modell.
Er hat sich aus den Verhältnissen herausgearbeitet. Sein rechtsradikaler Vater und seine schwer arbeitende Mutter haben einen jahrelangen Sorgerechtsstreit um ihn geführt. Einmal hat ihn der Vater entführt, nach Hamburg. Er musste seiner Mutter aus einer Telefonzelle erklären, dass er beim Vater bleiben will. Die Mutter hat nur gesagt: Sigmar, du kommst jetzt nach Hause. Er saß oft beim Psychologen und musste sich Bildchen angucken, sagt Gabriel. Mit zehn hatte er eine Empfehlung für die Sonderschule. Er war der Erste in der Familie, der überhaupt Abitur machte. Dass er zu den Falken ging, um seinem Vater zu antworten, glaubt er nicht.
"Die Falken waren ja eher 'ne politische Pfadfindertruppe. Ferien in Schweden, Italien und Frankreich. So habe ich die Welt kennengelernt. Ich hab natürlich ,Lohn, Preis und Profit' gelesen, hat mich aber nicht wirklich begeistert", sagt Gabriel. Sie haben gegen Franco protestiert und gegen Pinochet. Er wollte auf der richtigen Seite stehen und hat mit den Jahren gemerkt, dass es schwierig ist, manchmal unmöglich.
In Goslarer Parlament traf er auf einen CDU-Stadtrat, der damals im Sorgerechtsstreit der Anwalt seiner Mutter gewesen war. Es war nun sein politischer Gegner, aber er konnte nichts gegen ihn sagen, sagt er. Den konnte er nicht attackieren.
Sein Verhältnis zu Angela Merkel scheint momentan ganz ähnlich zu sein.
Die Reden, die die beiden im November auf den Kongressen vom Bundesverband der Deutschen Industrie und der Deutschen Arbeitgeberverbände hielten, klangen verwandt. Man hätte ihre Manuskripte vertauschen könne, ohne dass es jemand gemerkt hätte. Beim BDI redete Merkel vor Gabriel, bei der BDA Gabriel vor Merkel. Das war der Unterschied.
Freitag, der 13. November, Helmut Schmidt ist tot, die CDU verliert Stimmen, aber die SPD gewinnt nix. Das "Handelsblatt" erscheint mit einem Titelbild, auf dem Gabriel auf einer kleinen Eisscholle im Meer treibt.
Es ist früher Morgen, kurz nach sieben. Gabriel steht am Air-Berlin-Schalter in Tegel. Er muss nach Düsseldorf. Er hat den ganzen Tag über Termine in Nordrhein-Westfalen. Die Lufthansa streikt, bei Air Berlin ist die Hölle los. Gabriel kommt im schwarzen Regenmantel mit bewaffneten Sicherheitsleuten. Die Leute starren ihn an. Er war gestern Abend auf der Bambi-Verleihung. Nach der Veranstaltung ging er dann noch mit dem Gitarristen von Peter Maffay in eine Bar. Bis zwei.
Irgendwann kommt jemand vom Flughafenpersonal und schleust Gabriel an den Menschen vorbei ins Flugzeug. Aber das Volk ist nah. Er sitzt auf Platz 3A, Fenster. Das einzige Privileg ist, dass neben ihm niemand sitzt. Auf 3B steht seine Aktentasche. Er legt die Hände auf den Bauch
und schläft ein. Als er in Düsseldorf aussteigt, steht eine Stewardess mit einem riesigen Blumenstrauß vorm Cockpit. Es ist kurz nach neun. Gabriel schaut ungläubig. "Geben Sie den jemandem, der sich darüber freut", sagt er und klaubt sich ein rotes Schokoladenherz aus dem Körbchen. Im Auto wickelt er es aus und wirft es ein wie einen Erdnusskern.
"Frühstück", sagt Gabriel.
Er erzählt von Patricia Riekel, Til Schweiger und Hilary Swank, die bei der Bambi-Feier neben ihm saß. Er wusste erst gar nicht, wer das ist. Seine Frau klärte ihn per SMS auf. Der Konvoi rollt nach Bochum. Im Auto telefoniert er mit einem Gewerkschaftschef aus Sachsen-Anhalt. Alles kippt nach rechts. Es ist die Flüchtlingsangst. Die AfD in Sachsen-Anhalt könnte stärker werden als die SPD. Es nieselt.
"Was ist das bloß für ein Land", sagt Gabriel.
Ruhr-Universität Bochum, ein Berufsausbildungszentrum in Remscheid, ein Gesprächsforum in der Signal-Iduna-Arena Dortmund, eine Rede vor Mittelständlern bei der Sparkasse in Münster. Das ist sein Programm für heute. Die Reden, die er hält, ähneln sich. Flüchtlinge, Strukturwandel, Braunkohle, TTIP. Vor ihm im Autositz klemmt eine dicke Mappe, die ihm seine unzähligen Referenten vorbereitet haben. "Tagesmappe Sigmar Gabriel. 13. November 2015" steht auf dem dicken grauen Ordner. Er guckt da gar nicht rein. Er guckt in den Saal und weiß, was er erzählen muss.
Auf Höhe Wuppertal ruft António Guterres an, ehemaliger portugiesischer Ministerpräsident, Uno-Flüchtlingskommissar. Er kondoliert zum Tod von Schmidt. Dann reden sie über Europa, über die Flüchtlinge, die Kontingente. Es ist alles so chaotisch, António, sagt Gabriel. Anschließend ist Béla Anda dran, ehemaliger Sprecher von Schröder, der nicht Chefredakteur bei der "Bild" geworden ist. Gabriel murmelt ein Beileid. Er ruft seine Frau an, die mit ihrer Tochter gerade zwei Schulranzen für die syrischen Kinder kauft, die Gabriel beim Besuch in einem Flüchtlingslager in Jordanien getroffen hat. Ein Paar, vier Kinder. Der Vater hatte einen Kleinlaster, der von einer Rakete getroffen wurde, dabei verlor er ein Bein, der älteste Sohn beide Beine und ein Auge. Der Rest der Familie ist traumatisiert. Sie saßen in einem Container auf der Erde. Die hätten das nicht geschafft, sagt Gabriel.
Er hat sie nach Deutschland bringen lassen, nach Hannover, er besorgt Ärzte und Prothesen für den Jungen. Am Wochenende wollen sie die Familie in ihrem Heim besuchen. Seine Tochter weint im Hintergrund. Gabriel redet auf sie ein. Er ist dünnhäutig, es ist nachmittags, er hat seit dem Schokoladenherz von Air Berlin nichts gegessen. Kurz vor Dortmund bittet er den Fahrer, an die nächste Tankstelle zu fahren. Als der den Blinker anmacht, ruft Altmaier an, Angela Merkels Mann für die Flüchtlingskrise.
Altmaier redet in Gabriels Ohr, Gabriel rudert mit dem Finger in der Auslage der Aral-Bäckerei. Schokocroissant und Milchkaffee. Als sein Sprecher die Bestellung ans Stehtischchen bringt, ist er mit Altmaier fertig und fängt ohne erkennbaren Grund an, "Spaniens Himmel" zu singen, ein Kampflied von Paul Dessau, das Hannes Wader, Paul Robeson und Ernst Busch sangen, aber ganz sicher nicht Peter Altmaier.

Spaniens Himmel breitet seine Sterne /
Über unsre Schützengräben aus /
Und der Morgen grüßt schon aus der Ferne /
Bald geht es zum neuen Kampf hinaus /
Die Heimat ist weit /
Doch wir sind bereit, /
Wir kämpfen und siegen für dich /
Freiheit.

Die Thälmann-Kolonne an einer Aral-Raststätte vor Dortmund. Eigentlich steckt in dem Lied alles, was einen Sozialdemokraten durch den Tag trägt. Die Frage ist nur, was die Zeile ist, die die Wirklichkeit, heute, fast 80 Jahre nach dem Spanienkrieg, am besten beschreibt. Vielleicht: "Die Heimat ist weit".
Eine halbe Stunde später sitzt Gabriel auf einer Bühne in der VIP-Lounge im Stadion von Borussia Dortmund und diskutiert das Verhältnis von Öffentlichkeit und Politik. Der Moderator war einst Redakteur beim "Manager Magazin", unterrichtet jetzt Journalistenschüler und sieht zufrieden aus. Man spürt schnell, dass Gabriel ihn nicht mag. Als ihn der Mann, zurückgelehnt und mit übergeschlagenem Bein, nach seinen Ausrastern in den ZDF-Interviews mit Slomka und Schausten fragt, sagt er: "Manchmal habe ich einen schlechten Tag. Und gelegentlich habe ich auch keine Lust, mich zu verstellen. Ich bin 56 Jahre alt, ich habe keine Lust mehr, mir jeden Scheiß anzuhören." Er fordert die Journalisten auf, ihren zynischen Umgang mit Politikern zu überdenken. Es klinge oft so, als würden nur Versehrte oder Deformierte in die Politik gehen und nicht Menschen, die ein gesellschaftliches Anliegen haben. Anschließend läuft er an all den gelben Trikots der Borrussia-Dortmund-Spieler und den wartenden Fernsehkameras vorbei ins Freie.
Dann: Münster, Mittelstand in Anzügen, so weit das Auge reicht. Am späten Abend dieses langen Tages, als er endlich zu Hause auf dem Sofa sitzt und mit seiner Frau Fußball guckt, explodieren die ersten Bomben in Paris. Freitag, der 13., hört nicht auf.
Als SPD-Vorsitzender bittet er am 16. November die Parteispitze zu einer Schweigeminute in Berlin, als Vizekanzler bricht er am 21. zu einem Kurzbesuch nach Paris auf, und zwischendurch führt er als Wirtschaftsminister seine Amtskollegen aus Liechtenstein, Österreich und der Schweiz sowie deren Frauen durchs mittelalterliche Goslar. Er platzt vor Stolz über all die schönen alten Häuser und Geschichten. Nach dem Stadtrundgang fahren sie alle nach Wolfsburg zu VW. Auf dem Testgelände warten die neuesten Wagen des Unternehmens auf sie. Unter anderem ein Porsche, der so schnell ist, dass er nur in Begleitung eines Werksfahrers auf die Rennstrecke darf. Die Wirtschaftsminister der deutschsprachigen Welt freuen sich wie Schuljungs, dass sie mit dieser Rakete in die Steilkurve dürfen.
Wie ein Jet, sagt der Kollege aus Liechtenstein zu seiner Frau.
Gabriel testet zuerst den Porsche Panamera mit Hybridantrieb. Neben ihm auf dem Sitz ein Kollege aus der Entwicklungsabteilung von VW, der ihn über die Vorzüge des Hybridfahrens informiert, beispielsweise in der Innenstadt Londons. Dann fährt Gabriel noch einen Audi A3 und schließlich einen komplett elektrischen "Up!"; seinen Beifahrer befragt er nach der Stimmung bei Volkswagen.
Sie ist nicht gut.
Als sich die Minister, ihre Frauen und ihre Delegationen schließlich verabschieden, herrscht Ferienlageratmosphäre. Die drei anderen haben vergessen, dass sie Konservative und Liberale sind und Gabriel Sozi. Das nächste Mal treffen sich die vier in Linz. Das kann ich nicht überbieten, sagt der Kollege aus Österreich. Gabriel lächelt, winkt, er bleibt noch hier, um sich mit dem Betriebsrat von Volkswagen zu treffen, bevor er nach Braunschweig fährt, um Peter Maffay den Preis einer Kinderhilfsaktion zu überreichen.
Sein Sprecher Tobias Dünow wird nie ganz verstehen, warum Gabriel bei all dem Stress auch noch zu Maffay rennt oder zu einer Lesung von Hardy Krüger will. Hardy Krüger hat in "Hatari" mitgespielt und in "The Flight of the Phoenix", wäre Gabriels Antwort. Mit John Wayne und James Stewart. Ich hab den als Junge geliebt, sagt Gabriel. Er hat sich das bewahrt. Das Kindliche. Er glaubt, dass ihm das als Politiker zugutekommt. Er will nicht in Berlin versacken, zwischen den Politikern und Journalisten, sagt er.
Er fährt jede freie Minute nach Goslar, weil er seine Familie braucht und die Perspektive. Seine Frau geht nicht mit zu Bambi-Verleihungen oder auf Stadtrundgänge mit Ministergattinnen. Sie muss arbeiten, sie ist Zahnärztin. Gabriels Haus steht in einem Vorort, den sie, als er noch ein Junge war, Kleinkorea nannten, weil hier Spätaussiedler hinzogen, die auf den Grundstücken hinter ihren Häusern Kartoffeln anbauten, damit sie nicht hungern mussten.
Nachdem er seinem Vater entkommen war, war Gabriel immer von starken Frauen umgeben – seiner Mutter und seinen Tanten. Es gab keine Männer in der Familie, die irgendetwas zu sagen hatten. Er ist zur Bundeswehr gegangen, weil es ideologisch wichtig war und weil er dort Geld verdienen konnte. Er war Fußballabwehrspieler, Konzertveranstalter und Turniertänzer. Er war mit einer Türkin verheiratet und ist es jetzt mit einer Ostdeutschen.
Vielleicht ist Angela Merkel eine Seiteneinsteigerin, aber sie ist vor 25 Jahren von der Politik verschluckt worden. Gabriel hört nicht auf von der Seite einzusteigen. Bis heute.
Es ist der erste Advent, aber es ist kein Licht zu sehen. Gabriel rennt aus dem Nebeneingang der hannoverschen Marktkirche. Der Chor in seinem Rücken singt: "Es kommt ein Schiff, geladen". Schwarzer Regen fällt auf Hannover. Gabriel springt in seinen Wagen, der ihn zum Flüchtlingsheim an den Stadtrand bringt, wo die syrische Familie untergekommen ist, die er aus dem Flüchtlingslager rettete. Er hat eine Plastiktüte dabei, denn er war gestern in Goslar zwei Tabletcomputer einkaufen.
Die Familie sitzt mit einer Dolmetscherin in einem schmucklosen Zimmer. Auf dem Tisch ein Keksteller. Der Vater redet Dankesworte, die Dolmetscherin übersetzt. Gabriel wickelt die Geschenke aus, stellt Fragen nach der Schule, der Wohnungssuche. Er ist ganz bei ihnen, keine Ungeduld, keine Hektik. Der schwer verletzte Junge schaut ihn mit seinem einen gesunden Auge an, das, man muss es so sagen, leuchtet. Er bricht einem das Herz.
Gabriel erklärt die kindlichen Übersetzungsprogramme, die Spiele und auch die Apps fürs deutsche Kinderfernsehen, die er auf die Tabletcomputer hat laden lassen.
"Die ,Sendung mit der Maus'", sagt er.
Die Dolmetscherin ist entzückt. Da kann man auch als Erwachsener viel lernen, sagt sie. Sie strahlt. Gabriel nickt. Solidarität, Integration, Bildung, Kindheit. "Die Sendung mit der Maus". In diesem Moment scheint das Welträtsel vor seinen Augen zu zerfallen.
Nachher, wenn er im Dauerregen zurück nach Goslar fährt, wird er wieder rätseln. Natürlich könnte man fragen, warum diese Familie und nicht die anderen auch, wird er sagen. Er wird über die Zweifel reden, seinen Buddy Martin Schulz in Brüssel anrufen, wo gerade über die Rolle der Türkei verhandelt wird, und fragen, wie es steht. Dann wird er an den bevorstehenden Parteitag denken, sein Wahlergebnis, die AfD, an die Landtagswahlen im März und an den Krieg in Syrien. Er ist für den deutschen Einsatz, sagt er, doch er weiß, dass es gute Gründe gibt, dagegen zu sein.
In dieser halben Stunde in dem schmucklosen Raum mit den drei syrischen Jungs und ihrem Vater aber wirkt er so entspannt wie in den letzten fünf Wochen nicht. Ein Mann, der weiß, dass er das Richtige tut.
Kindheit, Bildung, "Sendung mit der Maus". Plötzlich scheint das Welträtsel zu zerfallen.
* Beim "Vierertreffen" der deutschsprachigen Wirtschaftsminister in Goslar im November.
Von Osang, Alexander

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