12.12.2015

Karrieren „Fleischwurst, jemand?“

Die rheinland-pfälzische CDU-Chefin Julia Klöckner hat noch keine Wahl gewonnen und gilt schon als Alternative zur Kanzlerin. Was sagt das über den Zustand der Konservativen?
Die Frau, die die CDU retten soll, steckt in Schwierigkeiten. Sie steht in einem Schankraum in der rheinland-pfälzischen Provinz, ihre Zuhörer drehen Pilstulpen in den Händen. Ein rundlicher Mann mit schütterem Haar will wissen, wie sie es mit den EU-Subventionen für die Landwirtschaft hält. Er sei Bauer und brauche das Geld zum Überleben.
Das ist misslich für Julia Klöckner. Gerade hat sie über Brüssel geredet. Man konnte sie so verstehen, als werde dort viel Geld ausgegeben, das anderswo besser angelegt sei. Es sind Sprüche, für die man normalerweise Beifall bekommt. Es sei denn, man ist in Rheinland-Pfalz und es sind Bauern im Publikum.
Klöckner eiert. "Ich komme ja aus der Landwirtschaft", sagt sie. "Mein Bruder hat immer gesagt, wenn das Wetter umschlägt, muss man die Ernte reinholen." Sie blickt in enttäuschte Gesichter. Also legt sie nach. Der Gesellschaft müsse "der Schutz der Landschaft durch Nutzung" etwas wert sein, sagt sie. Also doch Subventionen.
Es ist kein souveräner Auftritt. Klöckner war Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeslandwirtschaftsministerium. Solche Fragen sollte sie kennen. Aber wer sie begleitet, der stellt fest, dass sie gelegentlich ins Schlingern kommt. Immer dann, wenn etwas vom Skript abweicht.
Das ist insofern erstaunlich, als Klöckner eine große Zukunft in der CDU prophezeit wird. Eigentlich hätte sie schon viel erreicht, wenn sie im kommenden März die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz gewönne. Sie ist erst 42 Jahre alt, und Spötter sagen, dass ihre Wahl zur Deutschen Weinkönigin im Jahr 1995 ihr bisher größter Triumph war.
Das ist ungerecht, denn tatsächlich hat sie es mit Zähigkeit und Geschick geschafft, den jahrelang zerstrittenen rheinland-pfälzischen Landesverband zu einigen. Sie hat gute Chancen, Ministerpräsidentin zu werden. Doch nun heißt es plötzlich, Klöckner sei eine Alternative zu Angela Merkel.
"Früher eine Seiteneinsteigerin, heute eine Hoffnungsträgerin – und morgen?", steht im Klappentext von Klöckners Interviewbändchen mit dem Titel "Zutrauen!". Kürzlich erschien das Magazin "Cicero" mit einer Titelgeschichte über Klöckner als "blonde Hoffnung" . Was sagt es über den Zustand der Konservativen, wenn eine Frau wie Klöckner schon als Reservekanzlerin gehandelt wird?
"Fleischwurst, jemand?", fragt Julia Klöckner, die vorn im Bus sitzt. Hunger macht schlechte Laune, das weiß sie. "Ein Glas Wein?" Die Fleischwurst findet Abnehmer, für den Wein ist es zu früh. "Weintrinker sind anständige Leut'", sagt Klöckner aufmunternd. Sie hat viele Sätze im Repertoire, die gut in einen Schlagerrefrain passten.
Klöckner ist mit Journalisten unterwegs. Der Bus hält an einem Weingut in Guldental an der Nahe. Klöckner ist hier aufgewachsen. Ihr Bruder Stephan zeigt den Gästen die Kelteranlage. Es gibt hausgemachten Wurstsalat und Käse. "Menschen, die nicht gern essen und trinken, sind echt suspekt", sagt Klöckner. Sie ist jetzt sehr fröhlich. Wo Klöckner ist, muss Spaß herrschen.
Das Bild der genussfreudigen Winzertochter stimmt allerdings nur noch bedingt mit der Wirklichkeit überein. Sie hat mit viel Mühe und Disziplin 17 Kilo abgenommen, ihr Kampf gegen Speckröllchen war ein Thema in den Frauenzeitschriften.
Gleichzeitig will Klöckner aber nicht streberhaft wirken wie Ursula von der Leyen, die gern erzählt, dass sie immer noch Kleidergröße 34 trägt. Also redet sie von den Freuden des Essens, obwohl sie inzwischen asketisch lebt. Sie ist eine Art Helene Fischer der deutschen Politik. Gnadenlos volksnah, dabei aber doch so diszipliniert, dass sie in eng geschnittene Hosenanzüge passt.
In einem Land, in dem Helmut Kohl Saumagen verspeiste und Kurt Beck in der Suppe nach Schweineschnauzen suchte, kommt das gut an. Angela Merkel hat die CDU zu erstaunlichen Erfolgen geführt, aber volksnah ist sie nicht. Die Kanzlerin wird geachtet, nicht geliebt. Sie ist einem Teil der Partei fremd geblieben. Zu ostdeutsch, zu protestantisch, zu liberal.
Von ihren potenziellen Nachfolgern kann niemand dieses Defizit beheben. Von der Leyens Ehrgeiz ist so angestrengt, dass sie deutlich unbeliebter ist als Merkel. Und Innenminister Thomas de Maizière wirkt mit seinem verkniffenen Pflichtbewusstsein wie eine Karikatur eines preußischen Beamten. In der CDU glauben nicht einmal mehr seine Freunde, dass er das Zeug zum Kanzler hat.
Die CDU dürstet nach einer wie Klöckner, die nicht nur Frohsinn verbreitet, sondern auch katholische Theologie studiert hat. Klöckner hat in Fragen homosexueller Lebenspartnerschaften eine liberale Haltung, bei der Präimplantationsdiagnostik eine konservative. Sie propagiert Genuss und lebt enthaltsam. Sie deckt damit ein ziemlich breites Spektrum in der Partei ab.
Klöckner kann sich zu einem Standpunkt bekennen und dann das Gegenteil vertreten. Das hat sie in der Flüchtlingskrise zur Perfektion gebracht. Bei einem Frühstück in Berlin lobt sie Angela Merkel. Noch gilt es als Auszeichnung für einen CDU-Politiker, ganz nah bei der Kanzlerin zu sein. Ganz beiläufig erwähnt Klöckner eine SMS, die sie von Merkel bekommen habe. Offenbar stehen die Frauen in einem permanenten Austausch über die großen Fragen der Politik.
Natürlich unterstütze sie Angela Merkel in der Flüchtlingspolitik voll, sagt Klöckner. Doch sie sagt dauernd Sätze, die Merkel nie sagen würde: dass die Probleme mit den Flüchtlingen "mit Malkästen und Luftballons allein" nicht gelöst würden. Oder dass es um die Kapazitäten gehe, "die wir haben, und um die, die wir nicht haben. Es gibt eine faktische Belastungsgrenze". Das ist ziemlich nah dran an der Obergrenze, die Merkel seit Monaten entschieden ablehnt.
Wenn Merkel über Flüchtlinge spricht, dann ist oft von Not und Humanität die Rede. Bei Klöckner klingt es eher wie auf dem Delegiertenabend beim CSU-Parteitag. Es geht um muslimische Männer, die auch eine Frau als Chefin akzeptieren müssten. Oder um ein Burkaverbot, das Klöckner als eine der Ersten gefordert hat.
"Ich könnte Stimmung machen mit dem Thema Flüchtlinge, aber hallo!", sagt sie. Aber das hielte sie für falsch, schiebt sie hinterher. Dann weist sie auf einen Artikel in der "Frankfurter Allgemeinen" hin, "ganz toller Text". Darin wird der wachsende Unmut in der CDU gegen Merkel beschrieben.
An einem regnerischen Novembernachmittag ist Klöckner zu Gast bei der Kreisschülervertretung Bitburg-Prüm. Es ist die Woche nach den Terroranschlägen von Paris. Die Schüler haben konkrete Fragen. "Warum sollte Frankreich mehr Flüchtlinge aufnehmen, wenn Deutschland nicht beim Kampf gegen den IS hilft?", will ein Schüler wissen.
Zu dem Zeitpunkt hatte die Bundesregierung noch nicht angeboten, sich mit Bundeswehr-"Tornados" an der Anti-IS-Koalition zu beteiligen. Klöckner lässt wissen, dass sie am Vorabend "Kontakt zu Bundesinnenminister Thomas de Maizière" aufgenommen habe. Ob Deutschland Soldaten schicke solle? "Das kommt auf den Einzelfall an."
Die Situation ist schwierig. Es ist keine Schande, dass eine rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende ihre Position zu der Frage, wie der IS bekämpft werden soll, noch nicht gefunden hat. Aber Klöckner wäre nicht Klöckner, wenn sie nicht doch eine Antwort hätte. Klar sei, sagt sie: "Der IS ist nicht mit der Yogamatte zu besiegen."
Das gibt einige Lacher im Publikum. Es ist eine Methode, auf die Klöckner häufig zurückgreift, wenn es schwierig wird. Ein Witzchen machen, gern auf Kosten des Gegenübers. Als Markus Lanz sie in seiner Talkshow fragt: "Sind Sie eher Merkel oder eher Seehofer?", antwortet sie, das sei ja wohl "eher die schlichte Variante von Fragen". Dabei ist das eine interessante Frage. Aber wer bohrt schon nach, wenn ihm gerade journalistische Einfältigkeit attestiert worden ist?
Der schnelle Spruch ist Klöckners bevorzugte Methode, unangenehmen Fragen auszuweichen. Gern empfiehlt sie ihrem Gesprächspartner, sich "locker zu machen". Dem Pianisten und früheren Fifa-Schiedsrichter Herbert Fandel riet sie bei einem Gespräch im Bitburger Kulturhaus, "mal ganz entspannt zu bleiben". Dabei wirkte Fandel deutlich entspannter als Klöckner selbst.
Um einen Wahlkampf in Rheinland-Pfalz zu bestehen, mag das reichen. Wenn Klöckner das Gespräch an schwierigen Punkten von der sachlichen auf die Sprücheebene zieht, dann wirken Einwände gegen ihre Position schnell miesepetrig. Aber auf Dauer wird sie mangelnde Substanz nicht auf diese Art kompensieren können, jedenfalls nicht als Vorsitzende der CDU.
Beim Talk mit Fandel lassen sich die Grenzen von Klöckners politischer Selbstvermarktungsstrategie beobachten. Fandel fragt nach, freundlich und bestimmt. Klöckners burschikose Art, sonst der Notausgang aus unangenehmen Situationen, hilft hier nicht weiter.
Am Ende erwischt Fandel sie bei einem Thema, dessen Fallstricke sie kennt. "Überfordern die Flüchtlingszahlen nicht unsere Gesellschaft?", will er wissen. Klöckner spricht von faktischen Belastungsgrenzen, sie wirbt für ihr Integrationspflichtgesetz. "Ist Horst Seehofer uns ein bisschen voraus?", fragt Fandel. Klöckner schweigt. "Sie stellen Fragen", sagt sie.
Die Antwort lässt sie offen.

Klöckner kann sich zu einem Standpunkt bekennen und dann das Gegenteil vertreten.

Von Neukirch, Ralf

DER SPIEGEL 51/2015
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