12.12.2015

TerrorismusHinrichtungen in der Wüste

Ein Rückkehrer berichtet davon, wie der „Islamische Staat“ in Syrien versucht, Attentäter für Anschläge auch in Deutschland zu rekrutieren.
Es ist ein Frühsommertag in der syrischen Wüste, keine Wolke steht am Himmel, als Mohamed Mahmoud in die versammelte Runde fragt: "Hier sind Gefangene. Wer von euch möchte die umlegen?" Kurz zuvor hatte der "Islamische Staat" (IS) die Stadt Palmyra eingenommen, nun beteiligen sich Dschihadisten aus Deutschland und Österreich an Exekutionen.
In Toyota-Pick-ups fahren sie zur Hinrichtungsstätte. Mit dabei ein Filmteam des IS, das die Gräuel in der antiken Ruinenstadt dokumentieren soll. Der Rädelsführer, Mohamed Mahmoud, ist den deutschen Sicherheitsbehörden gut bekannt, seit Jahren ruft er in Propagandaclips zum Dschihad auf. An diesem Tag stachelt er nicht nur andere an, er greift auch selbst zur Kalaschnikow und drückt ab. Mahmoud und sein Henkertrupp töten bis zum Abend angeblich insgesamt sechs oder sieben Gefangene.
So erzählt es einer, der an diesem Tag in Palmyra war: Harry S., 27, aus Bremen. "Ich habe es gesehen", sagt er.
Aus Syrien ist er nach Deutschland zurückgekehrt und sitzt in Untersuchungshaft. Gegenüber Sicherheitsbeamten berichtete er im Gefängnis über seine Zeit beim "Islamischen Staat". Jetzt zeigt er sich bereit, auch gegenüber dem Generalbundesanwalt umfassend auszusagen; der wirft ihm die Mitgliedschaft in einer Terrorgruppe vor. Sein Anwalt Udo Würtz wollte auf Anfrage keine Einzelheiten nennen, nur so viel: "Er möchte reinen Tisch machen."
Die Aussage des angeblich geläuterten Rückkehrers interessiert die deutschen Ermittler brennend – und dürfte sie zugleich beunruhigen.
Harry S. kann nicht nur Erschießungen und Enthauptungen bezeugen. Offenbar haben IS-Männer mehrfach versucht, Freiwillige für Anschläge in Deutschland zu rekrutieren. Im Frühjahr, gerade als er in Syrien ankam, sollen er und ein weiterer Islamist aus Bremen gefragt worden sein, ob sie sich vorstellen könnten, in Deutschland Anschläge zu verüben. Später, als er sich in der Nähe von Raqqa aufhielt, der selbst ernannten IS-Hauptstadt, fuhren maskierte Männer in einem Jeep vor. Auch sie fragten ihn, ob er den Dschihad in seine Heimat tragen wolle – dazu sei er aber nicht bereit gewesen.
Nur ein knappes Vierteljahr lang war Harry S. in den vom "Islamischen Staat" besetzten Gebieten. Dennoch könnte er zu einem wichtigen Zeugen für die Sicherheitsbehörden werden. Seit den Anschlägen vom 13. November in Paris ist die Angst vor Attentaten auch hierzulande groß, an Bahnhöfen und Flughäfen patrouillieren Polizisten mit Maschinenpistolen.
Glaubt man dem Syrien-Rückkehrer aus Bremen, ist die Sorge berechtigt. Während seiner Zeit im Kriegsgebiet sei oft über Anschläge im Westen geredet worden, wohl jeder Europäer werde darauf angesprochen: "Die wollen etwas, das überall zeitgleich passiert."
Wie kommt einer aus dem Bremer Stadtteil Osterholz-Tenever zu solchen Terrorplanern? Die Radikalisierung verlief wie bei vielen jungen, haltlosen Männern in Europas Vorstädten, von Brüssel-Molenbeek bis Dinslaken-Lohberg.
Der Sohn ghanaischer Eltern wuchs unter "schwierigen Verhältnissen" auf, wie es in einem Gerichtsurteil über ihn heißt. In Tenever zählen manche Hochhäuser fast 20 Stockwerke. Der Vater verließ die Familie, als der Junge gerade in die Pubertät kam. Obwohl Harry S. zunächst nur den Hauptschulabschluss schaffte, träumte er davon, irgendwann im Heimatland seiner Eltern als Bauingenieur zu arbeiten.
Kurz sah es so aus, als bekäme er sein Leben in den Griff. Doch dann raubte er Anfang 2010 mit Kumpeln einen Supermarkt aus. Sie erbeuteten 23 500 Euro und flogen nach Gran Canaria in den Urlaub. Die Gang flog auf. Wegen schweren Raubes wurde Harry S. zu zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.
In der Justizvollzugsanstalt Bremen-Oslebshausen saß er zusammen mit einem Salafisten, den der Bremer Verfassungsschutz für einen gefährlichen Radikalen hält: René Marc S., bekannt als "Emir von Gröpelingen". Es dauerte nicht lange, da stellten die Vollzugsbeamten eine "Wesensänderung" bei Harry S. fest. Er sei zum Islam übergetreten und habe "radikalisierte Äußerungen" über das Weltgeschehen von sich gegeben, gaben sie zu Protokoll. Nach seiner Entlassung ging der Konvertit in die Furqan-Moschee eines inzwischen verbotenen Vereins in Bremen-Gröpelingen. Hier traf er auf jene Salafisten-Clique, aus deren Reihen im vorigen Jahr mindestens 16 Erwachsene und 11 Kinder in Richtung Syrien zogen.
Harry S. versuchte es ebenfalls: Über Istanbul flog er im April 2014 nach Gaziantep, eine Großstadt an der Grenze zu Syrien. Doch dort endete seine Reise. Die türkische Polizei nahm ihn fest und schickte ihn zurück nach Bremen. Angeblich, so erzählte er es, habe er in einem syrischen Flüchtlingslager helfen wollen. Die Bremer Polizei glaubte nicht an humanitäre Motive: Um eine erneute Ausreise zu verhindern, nahmen die Behörden ihm seinen Reisepass ab, dienstags und samstags musste er sich auf der Wache melden.
Verhindert werden konnte die Reise des Salafisten in den syrischen Krieg trotzdem nicht. Harry S. schnappte sich den Pass eines Bekannten. Mit einem weiteren Islamisten aus Bremen fuhr er über Land, zuerst nach Wien und dann weiter über Budapest gen Osten. Diesmal warteten keine Polizisten an der Grenze nach Syrien, sondern zwei Schlepper, die sie auf die andere Seite brachten, in ein sogenanntes sicheres Haus des IS für Neuankömmlinge aus aller Welt.
Harry S., ein groß gewachsener Kerl mit breiten Schultern, wird in Syrien zum Kämpfer ausgebildet. Er soll in Trainingscamps mit 50 anderen Männern gedrillt worden sein: Liegestützen, stundenlanges stehen in der Sonne, ganztägige Gewaltmärsche. Wer aufgab, wurde eingesperrt oder geschlagen. Die Kalaschnikow, so wurde ihm eingebläut, müsse sein "dritter Arm" werden. Zum Schlafen sollte er sich das Gewehr ins Bett legen.
Nach seiner Ausbildung sollte S. angeblich Teil einer Sondereinheit werden, eine Art Himmelfahrtskommando für den Häuserkampf. Er sei während seiner kurzen Zeit im Kriegsgebiet aber in keinen Einsatz geschickt worden, behauptet S. nun nach seiner Rückkehr. Er wisse allerdings von vielen jungen Männern, die im Kampf gestorben seien, darunter auch Deutsche. "Zum Glück habe ich geschafft wegzukommen."
Die Einblicke, die der Bremer Konvertit in das Innenleben des "Islamischen Staats" gewonnen hat, sind für die Sicherheitsbehörden aufschlussreich. Denn der Syrien-Rückkehrer kann erstmals auch berichten, welche Rolle zwei berüchtigte deutschsprachige Dschihadisten in der Terrorgruppe spielen: Mohamed Mahmoud und Denis Cuspert. Gerüchte, sie seien vor Kurzem gestorben, wurden von deutschen Behörden bisher nicht bestätigt.
Mahmoud hetzte zuerst von Wien aus im Internet, saß vier Jahre lang im Gefängnis, zog dann nach Deutschland und gründete mit dem früheren Berliner Gangsta-Rapper Cuspert eine Art salafistische Kameradschaft ("Millatu Ibrahim"). Vor dreieinhalb Jahren wurde sie vom Bundesinnenministerium verboten. Mehrere Männer aus der Truppe sind nach dem Verbot untergetaucht und später beim "Islamischen Staat" in Syrien und im Irak wieder aufgetaucht.
Harry S. traf in Raqqa sowohl Cuspert als auch Mahmoud. Mit Cuspert saß er in einer Moschee zusammen, da sei dieser gerade von der Front zurückgekehrt. Sein Eindruck: Für den "Islamischen Staat" ist Cuspert weniger als Kämpfer wichtig denn als "Held" in Propagandavideos, der als früherer Rapper Rekruten aus dem Westen anlockt. Mahmoud habe mehr zu sagen. Der österreichische Islamist habe in Raqqa freitags Ideologieschulungen abgehalten und sei "echt gefährlich". Noch nie habe er einen so gestörten Menschen erlebt, sagt Harry S. Nach den Hinrichtungen in Palmyra sei Mahmoud richtig stolz gewesen.
Nicht alles, was der angeblich geläuterte Syrien-Rückkehrer aus Bremen erzählt, konnte der SPIEGEL überprüfen. Doch viele Details decken sich mit den Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden und mit Aussagen anderer Terrorverdächtiger.
Für die Gräueltaten in Palmyra, von denen S. berichtet, gibt es einen Bildbeleg. Im Sommer veröffentlichte der "Islamische Staat" einen 5 Minuten und 24 Sekunden langen Clip, zum Teil geschnitten wie ein Splatterfilm: das erste deutschsprachige Droh- und Hinrichtungsvideo des IS.
Zwischen antiken Säulen knien zwei Männer, dahinter stehen Mahmoud und ein Islamist aus Deutschland mit Gewehren in den Händen. "Merkel, du schmutzige Hündin", ruft Mahmoud in die Kamera. "Wir werden uns rächen." Dann schießen sie den Gefangenen in den Kopf, im Hintergrund läuft eine Dschihad-Hymne.
Auch Harry S. taucht in dem Clip kurz auf. Er trägt in Militärflecktarn eine Flagge des "Islamischen Staats" durchs Bild. "An den Exekutionen selbst war er nicht beteiligt", sagt sein Verteidiger Udo Würtz. "Er ist ein Mitläufer, der sich von der Propaganda des IS täuschen ließ und sich selbst getäuscht hat."
Kurz nach den Hinrichtungen in Palmyra macht sich Harry S. auf den Weg, raus aus Syrien, zurück nach Deutschland. Er habe all die Gewalt nicht mehr ausgehalten, behauptet er. Trotz großer Angst, vom "Islamischen Staat" als Verräter verfolgt und getötet zu werden, habe er sich eines Abends heimlich davongeschlichen und sich bis in die Türkei durchgeschlagen. "Ich bin gelaufen und gelaufen."
Als Harry S. am 20. Juli mit dem Flugzeug in Bremen landet, wartet schon die Polizei auf ihn – mit einem Haftbefehl.

Maskierte Männer fragten ihn, ob er den Dschihad nach Deutschland tragen wolle.

Von Gude, Hubert, Wiedmann-Schmidt, Wolf

DER SPIEGEL 51/2015
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