12.12.2015

Global Village Der Zorn der Erdbeeren

Warum ein Heavy-Metal-Musiker für das taiwanische Parlament kandidiert
Freddy Lims Drachentattoo auf dem linken Arm ist nicht mehr zu sehen, er trägt jetzt Anzug und Krawatte. Die langen Haare hat er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Er ist 39 Jahre alt, der bekannteste Heavy-Metal-Musiker Taiwans, ein berüchtigter Provokateur. Seit Neuestem ist er aber auch Politiker. Sein Gegner ist China.
Eines der Musikvideos von Lim spielt im Shanghai der Dreißigerjahre. Man sieht darin einen General der Kuomintang, der späteren Regierungspartei Taiwans. Er feiert mit Nazis eine wilde Party. Dann verwandeln sich Lim und seine Bandmitglieder in Attentäter und metzeln den General nieder. Blut spritzt, es sieht aus wie eine Mischung aus Martial-Arts-Film und Splatter-Fantasie.
Er sei kein Provokateur, sagt Lim, er sei nur sehr direkt. Einem General der Kuomintang die Gurgel durchzuschneiden, und sei es nur in einem Musikvideo, das ist in Taiwan aber mehr als eine Provokation, es ist ein Skandal.
Freddy Lim steht in seinem Wahlkampfbüro im Südwesten der Hauptstadt Taipeh. An der Rückseite des Raums klebt ein Plakat von ihm, "Freddy" steht darauf, "Kandidat des 5. Wahlkreises". Er blickt darauf ausdruckslos in die Kamera, nicht mehr grimmig wie auf den Plakaten seiner Band Chthonic, aber auch nicht so süßlich wie ein taiwanischer Politiker. "Ich bin das Lächeln noch nicht gewohnt", sagt er.
Er war schon immer ein aktivistischer Künstler, vier Jahre lang war er Vorsitzender der taiwanischen Sektion von Amnesty International. Zu Beginn dieses Jahres hat Freddy Lim aber etwas gemacht, von dem er sagt, dass er darüber früher gelacht hätte: Er hat eine Partei gegründet, die New Power Party (NPP). Er will im Januar 2016 für das Parlament kandidieren. Gegen einen Kandidaten der Regierungspartei.
Die Kuomintang unterlag im chinesischen Bürgerkrieg den Kommunisten, sie floh 1949 nach Taiwan und regierte das Land bis in die Achtzigerjahre diktatorisch. Erst seit 1996 wird in Taiwan der Präsident direkt gewählt, 2000 kam erstmals ein Kandidat der Oppositionspartei DPP an die Macht. Heute regiert wieder die Kuomintang, kurz KMT. Präsident Ma Ying-
jeou gehört ihr an, sie hat die Mehrheit im Parlament. Für Freddy Lim ist die KMT aber nach wie vor eine kriminelle Organisation. Bei Live-Auftritten verbrennt er oft die blau-weiße Flagge der Partei.
Er gründete Chthonic, als er 19 Jahre alt war. Heute gilt die Band als eine Art Black Sabbath Asiens, als Veteran des Genres. Sie ist nach dem Gott der Unterwelt, Hades, benannt und mischt Metal mit taiwanischer Volksmusik. In "Supreme Pain for the Tyrant", dem Song aus dem Splatter-Video, peitschen E-Gitarre und Schlagzeug den Song voran, und Lim brüllt wie ein Berserker. Doch im Refrain dringt aus dem Lärm plötzlich zart und wehmütig der Klang einer Erhu, eines zweisaitigen Streichinstruments.
Freddy Lim sagt, er habe Politiker werden müssen, weil seine Angst um das Land immer größer geworden sei.
In den vergangenen sieben Jahren hat Präsident Ma Taiwan an China herangeführt. Er hat mehr als 20 Abkommen unterzeichnet. China betrachtet Taiwan als Teil seines Territoriums. Vor Kurzem hat Ma dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping vor Reportern aus der ganzen Welt die Hand geschüttelt, obwohl China mehr als tausend Raketen auf Taiwan richtet.
China ist eine Diktatur, und Taiwan ist eine Demokratie. So sieht Lim das. Er hat mit China keine guten Erfahrungen gemacht. Chthonic darf dort nicht auftreten.
Taiwan setze seine Werte aufs Spiel, wenn es sich China annähere, sagt Lim. Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit. Das sehen in Taiwan viele Jugendliche so. Im März 2014 besetzten Studenten gut drei Wochen lang das Parlament, um gegen ein Dienstleistungsabkommen mit China zu demonstrieren. Lim hielt Reden vor den Studenten. Im August 2015 stürmten Schüler das Bildungsministerium, sie protestierten gegen Schulbücher, in denen sie chinesischen Nationalismus am Werk sahen. Lim gab ein Konzert für sie, sie feierten ihn wie einen Messias.
Noch vor ein paar Jahren bezeichneten taiwanische Politiker Jugendliche gern als "Erdbeer-Generation", als Früchtchen, die keinen Druck aushalten. Diese Zeiten seien vorbei, sagt Lim, die Jugend von heute sei zornig und bissig, sie sei politisch und wolle etwas verändern. Sie habe den Paternalismus der KMT satt. Lim hofft, dass er die Jugend für seine Partei gewinnen kann. Er sei zwar selbst nicht mehr ganz jung, aber die Jungen respektierten ihn. Um die Älteren will er kämpfen. Die chinakritische Oppositionspartei DPP unterstützt ihn öffentlich, sie hat in Lims Wahlkreis keinen eigenen Kandidaten aufgestellt.
Nur etwa fünf Prozentpunkte trennen ihn in Umfragen von dem Konkurrenten von der KMT.
Am zweiten Weihnachtsfeiertag, drei Wochen vor der Wahl, will Lim ein Konzert geben. Es wird auf dem Platz der Freiheit stattfinden und das Motto "Quell the Souls and Save the Country" tragen. Es gehe jetzt um alles oder nichts, sagt Lim.
* Beim Auftritt in Donington Park bei Birmingham 2013.
Von Kalkhof, Maximilian

DER SPIEGEL 51/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 51/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Global Village:
Der Zorn der Erdbeeren