12.12.2015

GlosseTodeszone der Mathematik

Die Hexenmeister der Zahlen verstehen ihr eigenes Fach nicht mehr.
Treffen sich ein paar Dutzend Mathematiker ... – so fangen Witze an. Aber dem internationalen Trüppchen, das diese Woche in Oxford tagte, war nicht zum Lachen zumute. Die Konferenz fand aus einem einzigen Grund statt: Die Besten ihres Fachs wissen nicht mehr weiter. Ein genialer Kollege aus Japan hat wohl eines der schwierigsten Rätsel der Mathematik gelöst (indem er die sogenannte abc-Vermutung bewies). Damit eröffnet dieser Mann, Shinichi Mochizuki sein Name, womöglich eine neue Epoche der Zahlenhexereien. Das Problem ist nur: Niemand versteht den Beweis. Nur ein paar Kollegen haben es bislang überhaupt geschafft, sich durch die mehr als 500 Seiten starke Beweisführung zu kämpfen.
Das Unterfangen ähnelt offenbar einem Aufstieg zum Gipfel des Mount Everest. In diesen Höhen ist die Luft der Abstraktion so dünn, dass Halluzinationen auftreten. Einer der Leser dachte, das Papier komme aus der Zukunft oder den Tiefen des Alls. Hie und da behauptet ein Mathematiker, er habe Mochizukis Beweis nun endlich verstanden. Aber er kann ihn dann leider den anderen nicht erklären.
Es gibt da einen Sketch von Monty Python: Einem Humoristen fällt der beste Witz aller Zeiten ein; aber gleich nach der Niederschrift kommt er um vor Lachen. Und jeder, der den Witz liest, lacht sich ebenfalls auf der Stelle tot. So geht es jetzt auch der Mathematik. Wie soll die Zunft je herausfinden, ob der Beweis funktioniert? Fachleute vermuten, dass in solchen Fällen bald der Computer die Prüfung übernehmen muss. Ein bisschen traurig ist das schon. Ehedem erklommen die Mathematiker ohne Hilfsmittel, nur mit Geisteskraft, die schwindelnden Höhen uneigentlicher Integrale und fraktaler Minkowski-Würste. Sie waren die Extremkletterer der Wissenschaft. Und nun, in der Todeszone der Mathematik, müssen auch sie zum Sauerstoffgerät greifen.
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 51/2015
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