19.12.2015

ÄgyptologieDer Chirurg des Pharao

In Kairo verrutscht Tutanchamuns Bart. Ein deutscher Restaurator macht die berühmte Goldmaske wieder heil – mit aberwitzigem Aufwand. So muss das sein. Besonders in Zeiten, da Barbaren das Kulturerbe der Welt angreifen. Von Guido Mingels
Christian Eckmann zündet sich im Vorgarten des Ägyptischen Museums von Kairo eine Pall Mall an. Heiß heute. Links dehnt sich zäh der ewige Stau über eine sechsspurige Stadtautobahn im Zentrum der 20-Millionen-Metropole, rechts fließt kaum schneller der Nil, Vater aller Dinge in diesem Teil der Welt.


Nur wenige Besucher beehren das gewaltige Gebäude, seit der Revolution von 2011 finden nicht mehr viele Gäste nach Ägypten. Der Arabische Frühling ist zum Herbst des Tourismus geworden. Und die schlechten Nachrichten hören nicht auf. Mal schießen ägyptische Kampfflieger mexikanische Touristen ab, die sie für Aufständische halten, mal fällt über dem Sinai ein russischer Urlaubsflieger vom Himmel, mal werfen Verrückte einen Brandsatz in einen Kairoer Nachtklub, erst zwei Wochen ist das her.
Und dann fällt auch noch dieser Bart ab.
"Tutanchamuns Bart abgebrochen und wieder angeleimt?", fragt ungläubig der US-Sender CNN, als die unerhörte Neuigkeit im Januar um die Welt geht. "König Tuts Maske für immer beschädigt", meldet die "Daily Mail" in England. "Trottel-Unfall mit der berühmtesten Totenmaske der Welt", urteilt die Berliner "B. Z." und glaubt zu wissen, wer schuld ist: "Putzkraft zerstört Pharao Tutanchamun."
Eckmann fand das weltweite Medienecho "sehr heftig und gelegentlich unfair". Die Putzfrauen-These etwa war schlicht erfunden; ein Nachklang wohl jener Anekdote, dass eine Reinigungskraft einst Joseph Beuys' Fettecke wegschrubbte. Er schüttelt den Kopf.
Mit seinen 58 Jahren, einem stilsicher unrasierten Gesicht, abgewetzten Jeans und staubigen Stiefeletten an den Füßen könnte Eckmann als Hauptdarsteller in einem Abenteuerfilm Marke "Indiana Jones und der Bart des Pharao" durchgehen. Und im Grunde ist er das ja tatsächlich.
Eckmann hat einen Beruf, von dem die meisten Menschen nicht ahnen, dass es ihn gibt. Er führt eine Nischenexistenz, ein hoch spezialisierter Restaurator, Experte für antike Metallobjekte, angestellt am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz. Einer wie Eckmann taucht normalerweise nie aus den abgedunkelten Laboren auf, schon gar nicht gerät er ins Scheinwerferlicht der Weltpresse. Er hat Arbeiten publiziert über "schnellhärtenden Silikonkautschuk auf Vinylpolysiloxan-Basis als Manschettenmaterial bei Ergänzungen von Gläsern", er schrieb über die "Konservierung archäologischer Bodenfunde aus Metall in einem Wasserstoff-Niederdruckplasma". Und jetzt soll Eckmann also wieder heil machen, was der englische "Telegraph" als "höchstwahrscheinlich schlechteste Kunstrestauration aller Zeiten" bezeichnet hat: den Pfusch an der goldenen Maske des Tutanchamun.
Die Totenmaske des Kindkönigs, der im 14. Jahrhundert vor Christus mit rund 9 Jahren den Thron bestieg und schon mit 18 oder 19 verstarb, ist nicht nur das wichtigste Exponat des Museums. Sie ist die berühmteste Ikone des Alten Ägypten.
Die Entdeckung des Pharaonengrabs im Tal der Könige im November 1922 durch den britischen Archäologen Howard Carter war eine Weltsensation, und insbesondere die Goldmaske, 3300 Jahre alt, fasziniert seither die Menschheit. Millionen sahen das Original in Kairo, viele weitere Millionen sahen Duplikate in Wanderausstellungen rund um die Erde, fast jeder hat das strahlende Antlitz schon gesehen, in Schulbüchern, Zeitschriften, Fernsehdokumentationen, im Internet.
Wer je vor ihm stand, wird den Anblick nicht mehr vergessen, die unsterbliche Schönheit des jugendlichen Gesichts, die Augen aus Quarz, die Pupillen aus Obsidian, die Brauen aus Lapislazuli, die schützenden Figuren der Kobra und des Geiers auf der Stirn. Und am Kinn der aus Gold und Glas gearbeitete Zeremonialbart, Zeichen der göttlichen Würde des Herrschers – nur eben neuerdings, und hier kommt Eckmann ins Spiel, mit ordinärem Heimwerkerleim festgeklebt.
Es war so.
Am 28. August 2014, einem Donnerstag, öffneten Mitarbeiter des Ägyptischen Museums in Kairo die Panzerglasvitrine, in der die Maske ausgestellt ist. "Sie wollten eine oder mehrere defekte LED-Leuchten im Boden des Sockels ersetzen", wie Eckmann erzählt, wozu die Maske vorübergehend aus der Vitrine entfernt werden musste. "Und dabei fiel der Bart ab."
Der bedauernswerte Museumsangestellte, dem das Unglück widerfuhr, bewies in dieser Sekunde offenbar die Geistesgegenwart eines Eishockeytorwarts und fing den fallenden Bart mit einer Hand auf, "sodass er glücklicherweise nicht auf den Boden prallte".
Bis zu diesem Punkt ist niemandem ein Vorwurf zu machen. Alte Dinge gehen kaputt, auch in Museen, nicht zuletzt deswegen beschäftigen die großen Häuser eigene Restauratoren. Der Bart, so ergaben Eckmanns Recherchen, sei erst 1946, 24 Jahre nach der Entdeckung des Königsgrabs, wieder am Kinn befestigt worden. Alte Fotos zeigen die Maske im Museum mit darunterliegendem, nicht fixiertem Bart; ihre Schöpfer hatten vor 3300 Jahren offenbar eine Art Steckverschluss geschaffen.
Nun, bald 70 Jahre nach der Befestigung, schwächelte die Weichlötung von 1946 – ein erwartbarer Vorgang. Was sich aber danach ereignete in Kairo, im wichtigsten Museum des Landes, ist nur schwer zu begreifen.
Was nun geschah, ist ungefähr so, als würde im Louvre ein Kratzer im Lächeln der "Mona Lisa" mit rotem Nagellack übertüncht. Als würde ein Riss an Michelangelos "David" in Florenz grob mit Zement gekittet. "Noch am selben Tag", sagt Eckmann, klebte ein Team von Konservatoren des Museums den Bart zurück ans Kinn. "Leider benutzten sie dazu ein suboptimales Adhesiv", wie Eckmann sagt.
Leider wählten sie einen als irreversibel geltenden, schnell härtenden Zwei-Komponenten-Kleber aus der Familie der Epoxidharze, ein Produkt, wie Bastler es gern benutzen, um etwa ein Modellschiff zusammenzufügen oder einen abgebrochenen Henkel zurück an den Teepott zu zwingen. Leider setzten sie den Bart, vermutlich mit bloßem Auge messend, ein paar Millimeter schräg zur Falllinie an, sodass er nun die perfekte Symmetrie des Gesichts verletzte. Leider trugen sie viel zu viel Klebstoff auf, sodass zunächst offenbar ein dicker, grüngelber Wulst um den Bartansatz sichtbar war, den sie dann nach ein paar Tagen leider mit einem metallenen Werkzeug wieder entfernten, wobei sie leider zusätzlich ein paar Kratzer am goldenen Kinn hinterließen.
Die mutmaßlich Verantwortliche für das Desaster sitzt nur einen Kilometer vom Ägyptischen Museum entfernt im zweiten Stock eines baufälligen Hauses, dessen Treppen keine Geländer mehr haben. Elham Abdelrahman, ehemals Chefkonservatorin des Antikenmuseums, wurde nach dem Skandal hierher versetzt, ins Streitwagen-Museum, das allerdings eine inaktive Baustelle ohne Streitwagen zu sein scheint. Sie gibt keine Interviews, und der Überraschungsbesuch macht ihr keinerlei Freude. Gegen sie wurde Anzeige erstattet wegen Vernachlässigung der Arbeitspflicht; ob es zu einem Prozess kommt, ist offen. Sie bleibt dabei, nichts zu sagen, sie will nicht, nur so viel: "Es war alles ganz anders." Dann weist sie den Weg zur Tür.
Bei einem Rundgang durch das Museum erzählt Eckmann, wie er zum Bart-Retter berufen wurde. "Man kennt mich hier schon länger." Tutanchamun ist nicht der erste ägyptische Herrscher, den er verarztet. Eckmann, der schon als Kind mit den Eltern einige Jahre in Kairo lebte und Arabisch spricht, war hier von 1996 an sieben Jahre lang damit beschäftigt, eine 4200 Jahre alte Kupferplastik des Pharao Pepi I. von Korrosionsschichten zu befreien. Später verbrachte er gemeinsam mit seiner Frau Katja Broschat, 46, ebenfalls Restauratorin, drei Jahre in China, wo die beiden sechs lebensgroßen Bronzevögeln aus dem Grab des ersten chinesischen Kaisers in Xi'an neue Flügel verliehen. 2013 kamen sie zurück nach Kairo, diesmal, um Goldapplikationen auf pharaonischen Köcherbeschlägen zu renovieren. Sie waren also praktischerweise schon da, als der Unfall mit dem Bart geschah.
Das Ehepaar Eckmann/Broschat darf man sich als Weltreisende im Dienste uralter rostiger Dinge vorstellen; eine Tochter, 14, ist auch dabei. Manchmal kommt der Familie die Weltgeschichte in die Quere, wie beim Militärputsch im Juli 2013, als General Sisi den Muslimbruder Morsi stürzte und die Eckmanns wegen der Tumulte das Land verlassen mussten. Drei Monate später waren sie zurück.
Im Innern des Ägyptischen Museums streunen verwaiste Katzen zwischen tonnenschweren Altertümern herum, von oben herab blicken Pharao Amenophis III. und seine Gattin Teje, steinerne Kolosse in sitzender Gestalt. Staub bedeckt die Vitrinen; die Schilder mit Beschriftungen, so es überhaupt welche gibt, sind oft bis zur Unleserlichkeit vergilbt. Das Museum ist selbst ein Museumsstück.
Eckmann spricht von einem "eher traditionellen Ausstellungskonzept", aber man könnte die Sammlung, die bedeutendste ihrer Art, auch verwahrlost nennen. 1902 erbaut, beherbergt das Haus auf 15 000 Quadratmetern und zwei Stockwerken mit über hundert Sälen mehr als 120 000 Artefakte. "Das Dach müsste repariert werden", sagt Eckmann, aber dafür und für alles andere fehlt das Geld. Und seit nebenan auf dem Tahrir-Platz, einen Steinwurf entfernt, die Revolution stattfand, bleibt für die Pflege der Vergangenheit noch weniger übrig.
Den Bart zahlen deshalb die Deutschen. Zusammengelegt haben das Auswärtige Amt, das Römisch-Germanische Zentralmuseum und die Gerda-Henkel-Stiftung. Der Düsseldorfer Henkel-Konzern, nebenbei Weltmarktführer im Bereich Industriekleber, stellte außerdem einen Klebstoffexperten zur Verfügung, der herauszufinden half, womit genau der goldene Kinnfortsatz eigentlich angepappt worden war und wie, falls überhaupt, man ihn wieder ablösen könnte.
Denn das war Eckmanns Auftrag: den schlecht geklebten Bart wieder abzunehmen, vom falschen Klebstoff zu befreien und ihn schließlich in fachgemäßer Weise wieder zu befestigen.
Man begann im März.
Zuerst wurde ein sechsköpfiger internationaler Expertenbeirat bestellt, es wurden Facharbeitsgruppen einberufen und Gutachten geschrieben. Im Mai ließ Eckmann aus Deutschland einen 3-D-Streifenlichtscanner einfliegen, der eine Messgenauigkeit von rund 0,05 Millimetern erlaubt. Aus den Daten berechnete das Institut für Messtechnik in Mainz die Negativform der Maske, worauf die Firma 4D Concepts in Groß-Gerau aus Polyurethanschaum und mittels computergestützter Fräsmaschinen eine Art Maske der Maske anfertigte: eine Schutzhülle, mit deren Hilfe das Konterfei des Kindkönigs sicher transportiert und während der Restaurierung gelagert werden konnte. "Wir wollten keinen Fehler machen", sagt Eckmann und verbessert sich: "Wir durften keinen Fehler machen."
Und während also in Kairo mit größtmöglicher Sorgfalt ein 15 Zentimeter langer Pharaonenbart repariert wurde, rückten zeitgleich in Syrien die islamistischen Barbaren ganzen antiken Städten mit Bulldozern und Sprengstoff zuleibe, in Nimrud, Hatra und Palmyra. Weltkulturerbe, hier mit aberwitzigem Aufwand gepflegt, dort mit brachialer Gewalt dem Erdboden gleichgemacht. Die erschreckende Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Eckmann nahm die Schlagzeilen "mit Grauen" zur Kenntnis. Und arbeitete weiter.
Museumsrundgang, Obergeschoss, der Restaurator geleitet durch die hohen Hallen wie ein Fremdenführer. Hier ist dies, hier ist jenes, "und hier, dieser Dolch, eines meiner Lieblingsstücke", Eckmann strahlt wie ein Kind an Weihnachten, "der überstand die Jahrtausende so makellos, weil er aus einem Meteoriten gefertigt wurde", aus Metall aus dem All.
Im Tutanchamun-Trakt, Herzkammer des Hauses, stehen die vier großen vergoldeten Schreine, wie sie Howard Carter 1922 in einer der vier Felsenkammern des Grabes vorfand, "ineinander verschachtelt wie eine russische Puppe", sagt Eckmann. Der innerste Schrein umgab den Quarzitsarkophag des Königs. Unter seinem Deckel verbargen sich drei ebenfalls ineinander verschachtelte, mumiengestaltige Särge, die äußeren beiden aus vergoldetem Holz, der innerste, 110 Kilogramm schwer, aus purem Gold. In diesem schließlich lag der einbalsamierte Leichnam des Tutanchamun, und auf dem Kopf der Mumie saß die Maske. Und am Kinn der Maske: der Bart.
Der Zutritt zum gesicherten Labor im Museum, Raum Nr. 55, das im September eigens für die Bart-Aktion eingerichtet wurde, ist für Unbefugte verboten, auch für Journalisten. Deshalb klickt Eckmann nun auf seinem Laptop ein paar Fotos an. Der Raum erinnert an einen Operationssaal. Die Maske liegt in ihrem Polyurethanschaum-Bett auf einem beweglichen OP-Tisch in der Mitte, Scheinwerfer leuchten von der Seite, das Personal arbeitet mit Mundschutz und in weißer Kleidung, rundherum stehen Hightech-Apparaturen. Es herrscht eine konstante Temperatur von 23 Grad. Hand an die Maske legen dürfen ausschließlich Eckmann und seine Frau.
Wie löst man einen unlöslichen Kleber?
Eckmann wusste zwar inzwischen, August 2015, dass er es mit einem Epoxidharz des Herstellers Fevicol aus Indien zu tun hatte, der dort so bekannt ist wie hierzulande Uhu. Es gibt jedoch Dutzende verschiedene Epoxidharz-Produkte, mit je eigenen physikalischen Eigenschaften. In einer Testreihe ermittelte der Klebstoffexperte in Düsseldorf nun die sogenannte Glasübergangstemperatur des Klebers. "Das ist der Punkt, an dem sich die Viskosität des Materials ändert", doziert Eckmann: Bei 55 Grad wurde der betonharte Kleber ein klein bisschen weniger hart und konnte mechanisch bearbeitet, sprich weggeschabt, -gekratzt, -gepult werden. "Wir hatten Glück", sagt Eckmann, "schon bei etwa 70 Grad hätte die Gefahr bestanden, dass das in den Bart eingelegte Glas zu krakelieren beginnt", also rissig geworden wäre.
Volle 14 Arbeitstage lang machten Eckmann und Broschat nun nichts anderes, als den Klebstoff mithilfe eines Präzisionsheißluftföhns mit digitaler Temperaturregelung und einer nur einen Millimeter breiten Düse immer wieder aufzuheizen und abkühlen zu lassen. Aufheizen, abkühlen, aufheizen, abkühlen. "So haben wir den Kleber in zwei Wochen einem künstlichen Alterungsprozess von mehreren Jahrzehnten unterzogen", sagt Eckmann. Zusätzlich zermürbten sie die Masse mit selbst geschnitzten Spateln aus weichem Lindenholz.
Gearbeitet wird mit Baumwollhandschuhen, wobei Broschat und Eckmann einzelne Fingerlinge wegschneiden, um ihre Holzskalpelle mit nackten Daumen, Zeige- und Mittelfingern bedienen zu können. Erst der direkte Hautkontakt zum Werkzeug erlaubt ihnen die maximale Präzision, die ihr Handwerk erfordert. Ring- und kleiner Finger, mit denen die Hand an der Goldmaske abgestützt wird, bleiben vom Handschuh bedeckt, denn: "Auf dem Gold sieht man jeden Fingerabdruck." Am 27. Oktober hatte Fevicol verloren.
Der Bart war ab.
Im Museumsflügel, in dessen Mitte sich die leere Vitrine für die Totenmaske befindet, hat man als Ersatz ein rotierendes Hologramm der goldenen Grabbeigabe hingestellt, ein schwacher Trost. Manche Touranbieter haben das Nationalmuseum aus ihrem Programm gestrichen, solange die Maske in der Werkstatt ist.
Eckmann stand unter Zeitdruck. Trotzdem hat er es sich nicht nehmen lassen, das epochale Fundstück nicht bloß zu flicken, sondern es auch einer eingehenden wissenschaftlichen Analyse zu unterziehen. Denn rätselhafterweise ist das "berühmteste archäologische Artefakt der Welt" ("Washington Post") niemals erschöpfend erforscht worden, es gebe keine brauchbaren Röntgenaufnahmen, keine exakten technischen Zeichnungen, "wir sind hier etwa auf dem Forschungsstand von 1930", sagt Eckmann. Bereits herausgefunden hat er etwa, dass der Bart hohl ist und nur 280 Gramm wiegt und keineswegs zwei Kilogramm, wie man vielerorts lesen kann.
Viele andere Rätsel harren noch der Klärung: Wie viele Teile hat die Maske? Aus welchen Goldarten bestehen sie? Welche Löt- und Einlagetechniken muss die ägyptische Hochkultur der 18. Dynastie bereits beherrscht haben, um ein solches Kunstwerk zu schaffen? Kam das Gold wirklich aus Ägypten? Wenn nein, woher dann? Gab es interkulturelle Kontakte, die einen Material- und Technologietransfer erklären können? Und war die Maske vielleicht ursprünglich gar nicht für Tutanchamun gedacht, sondern für Nofretete?
Die Frage kommt etwas überraschend.
Eckmann sagt: "Das ist jedenfalls die These von Nicholas Reeves." An dieser Stelle nämlich berührt das Drama um Tuts Bart eine noch viel größere Geschichte. Der Engländer Reeves, eine Art Popstar der Ägyptologie, macht seit Monaten mit einer aufregenden Theorie Schlagzeilen, die, solange es keine Beweise gibt, zu schön klingt, um wahr zu sein.
Es ist so.
Reeves glaubt, dass hinter den Wänden der Tutanchamun-Gruft ein weiteres, noch unentdecktes Grab liege, jenes der Nofretete nämlich, die nach Meinung mancher Gelehrter unter dem Namen Semenchkare seine Vorgängerin auf dem Thron war. Außerdem war sie die königliche Gemahlin von Tutanchamuns Vater, Echnaton, sowie die Mutter seiner vermutlichen Gattin, Anchesenamun, die außerdem seine Halbschwester war, womit Nofretete gleichzeitig Tutanchamuns Stief- und Schwiegermutter gewesen wäre – die Familien im Alten Ägypten folgten auch schon komplizierten Patchwork-Mustern.
Sollte Reeves recht behalten, so wäre das eine archäologische Jahrhundertsensation. Der ägyptische Antikenminister Mamdouh Eldamaty jedenfalls, verzweifelt auf der Suche nach guten Nachrichten, hat sich in letzter Zeit mehrfach mit Reeves vor die Fernsehkameras gestellt und, nach ersten Infrarottests an den Wänden des Grabs, behauptet, es gebe eine "90-Prozent-Wahrscheinlichkeit", dass dahinter noch weitere Kammern seien. Aber was hat die Goldmaske damit zu tun?
Das Argument geht so.
Nach Tutanchamuns frühem Tod sei noch keine Grabkammer für ihn angelegt gewesen im Tal der Könige. Weil alles schnell gehen musste, habe man die Vorkammern des Grabes der Semenchkare (= Nofretete) umgenutzt und zum Hauptgrab ihres Nachfolgers gemacht. Tutanchamun hätte demnach, wie sich der "New Yorker" ausdrückte, während all der Jahrhunderte "im Wohnzimmer seiner Schwiegermutter auf der Couch geschlafen".
Und weil es im Jahr 1323 vor Christus offenbar auch an verfügbaren standesgemäßen Grabbeigaben mangelte, habe man einige Preziosen der Semenchkare (= Nofretete) für ihren Stiefsohn abgezweigt. Tatsächlich fanden sich im Grabschatz des Tutanchamun Dinge, die mit den Hieroglyphen der Semenchkare gekennzeichnet sind.
"Reeves glaubt nun", sagt Eckmann, "dass auch die Goldmaske quasi den Besitzer gewechselt hat." Deutlichstes Indiz ist für Reeves die auf der linken Schulter der Maske eingeprägte Signatur des Pharao, auch Kartusche genannt. Reeves nimmt an, dass die ursprüngliche Kartusche der Semenchkare mit dem Namen Tutanchamuns überschrieben wurde. Eckmann: "Ob dies tatsächlich der Fall ist, werden unsere Analysen hoffentlich erhellen können." Bis Februar nächsten Jahres wollen Eckmann und andere beteiligte Fachleute die Untersuchungen abschließen.
Danach wird er sich wieder um weniger prominente Objekte kümmern. Was ihm nur recht ist, denn der ganze öffentliche Trubel um die Bart-Geschichte war "doch sehr anstrengend". Für Eckmann macht es restauratorisch keinen Unterschied, ob er an Tutanchamuns Goldmaske arbeitet oder an einer Kupferklinge aus dem Spätneolithikum. "Wir haben gegenüber allen uns überlieferten Stücken dieselbe Verantwortung." Es ist die Verantwortung für das kulturelle Gedächtnis der Menschheit.
Dann, Anfang Dezember, war es so weit: Der Bart war zur Wiedervereinigung bereit. Die Wochen zuvor hatte Katja Broschat damit verbracht, das Innere des Bartes zu säubern, in welches reichlich Epoxidharz geflossen war. Es gibt Fotos, wie sie den herrenlosen Bart mit ihren Hölzchen behandelt, als würde sie eine Seegurke akupunktieren. Mit einem hauchdünnen Glasfasergewebe und einem Tropfen eines transparenten Kunstharzes ("es war weniger als ein Gramm") befestigte Eckmann zunächst den antiken Aufsteckmechanismus am Kinn, eine Art Röhre in der Bart-Röhre. Als Verbindungsmaterial zum Bart selbst dient nun ein Naturprodukt: Bienenwachs.
9. Dezember 2015: Bart wieder dran.
Und am 16. Dezember ging die Maske zurück in ihre Vitrine, begleitet von feierlichen Reden des zuständigen Ministers und eines Herrn vom Auswärtigen Amt. Bei der Pressekonferenz hat Eckmann Vorher-/Nachher-Fotos präsentiert und erklärt, dass nun alles wieder so sei, wie es vorher war: "Es ist vollbracht."
Christian Eckmanns Auftrag ist erfüllt. Es ist ein Auftrag, der nebenbei auch zeigt, dass nicht stimmt, was Andreas Gryphius im 17. Jahrhundert in seinem großen Gedicht über die Vergänglichkeit schrieb, "was dieser heute baut, reißt jener morgen ein". Es stimmt nicht, dass "wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein". Es muss nicht so sein.
Ihr, Agenten des Nichts, könnt Palmyra zerstören, könnt die Buddhas von Bamyan sprengen, könnt die Museen von Mossul mit dem Vorschlaghammer verheeren. Doch die Zivilisation kann nicht zurückgenommen werden. Was ihr heute einreißt – wir bauen es morgen wieder auf.
Oder kleben es wieder ordentlich fest.

Über den Autor

Guido Mingels, Jahrgang 1970, aus der Schweiz gebürtig, arbeitet seit 2011 beim SPIEGEL. Zuvor war er Redakteur und New-York-Korrespondent des Zürcher "Tagesanzeiger"-Magazins. Mingels ist verheiratet und lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Hamburg.

Twitter: @guidomingels

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