19.12.2015

KonsumZocken mit Noppen

Bausets des Spielwarenherstellers Lego erreichen eine erstaunliche Wertsteigerung. Für seltene Stücke zahlen Liebhaber mehrere Tausend Euro.
Ab neun Uhr morgens kurvt Max Reinhold mit seinem schwarzen BMW durch Nordrhein-Westfalen. Er klappert Spielzeuggeschäfte ab, fährt zu Verbrauchermärkten, irgendwo zwischen Osnabrück, Herford und Bielefeld. Sein Arbeitstag endet erst, wenn der Kofferraum voll ist. Sein Feind: Läden, die nur "haushaltsübliche Mengen" verkaufen wollen. Denn wenn Reinhold eines nicht reicht, dann haushaltsübliche Mengen.
Der 25-Jährige ist, wenn man das so sagen kann, professioneller Lego-Händler. Er kauft so viele Bausätze der dänischen Plastikklötzchenmarke wie möglich – in der Hoffnung, diese mit Rendite wieder loszuschlagen. Denn ausgerechnet Lego-Steine bieten derzeit eine sagenhafte Wertsteigerung. Reinhold hat seinen Job als Bankkaufmann bei der Sparkasse Schaumburg aufgegeben und widmet sich jetzt ganz dem Plastikgold. "Lego ist auf jeden Fall eine bessere Geldanlage als ein Bausparvertrag oder irgendwelche Ramschaktien", behauptet er.
Er könnte recht haben.
Das "Café Corner", ein Lego-Bauset für ein 36 Zentimeter hohes Haus, kostete vor acht Jahren im Laden 150 Euro. Inzwischen wird es bei Ebay für bis zu 3000 Euro gehandelt. Für das 2766 Einzelteile umfassende Rathaus aus derselben Reihe werden bis zu 689 Euro aufgerufen, der Neupreis lag mal bei 180 Euro.
Vor allem aber boomt der Handel mit den Sets der "Star Wars"-Serie, alles rund um den Laserschwert schwingenden Finsterling Darth Vader. Der "Super Star Destroyer" etwa hat seinen Kaufpreis bereits verdoppelt und wird für mehr als tausend Euro gehandelt. Den "Todesstern" (Neupreis 420 Euro) bezeichnet Lego selbst als "seltenes Set" – es ist ausverkauft. Mancher Anbieter auf Amazon verlangt dafür mittlerweile mehr als 3000 Euro.
Der Run auf die Sets ist längst auch in den Lego-Läden zu spüren, in denen die Ware zu regulären Katalogpreisen feilgeboten wird. Hier trifft man kurz vor Weihnachten quengelnde Kinder im Duplo-Alter. Aber vor der "Lego Technic"-Vitrine fachsimpeln längst nicht mehr nur Jungs im Teenageralter, sondern auch Herren weit jenseits der 20 darüber, welches der "Verfolgungssets mit Hubschrauber" nun das richtige ist.
Es ist ein bemerkenswerter Erfolg des Konzerns aus dem jütländischen Billund. Der steckte 2004 tief in den roten Zahlen, besann sich dann aber auf das, was das Unternehmen einst wachsen ließ: den schnörkellosen Baustein, mit oft acht Noppen, gefertigt aus Acrylnitril-Butadien-Styrol-Copolymerisat. Heute hat der Konzern mehr als 12 000 Mitarbeiter und fuhr 2014 fast eine Milliarde Euro Gewinn ein.
Dass unter all den begeisterten Lego-Nutzern auch Erwachsene sind, überrascht nicht wirklich – erstaunlich ist nur die Rendite, die Sammler anscheinend mit den Lego-Sets erzielen können. Früher sammelten Menschen Figuren aus Überraschungseiern in großem Stil. Doch selbst die begehrten Schlumpf-Figuren sind im Vergleich zu Lego-Bausätzen selten wertvoll. Auch Märklin-Modelleisenbahnen begeistern nur noch ein Nischenpublikum, Carrera-Rennbahnen und ihr Zubehör scheinen keine nennenswerte Wertanlage zu sein. Flugzeugmodelle von Herpa Wings sind zwar erfolgreich, erreichen aber nur eine kleine Zahl von Sammlern.
Lego legte 2010 eine Werbekampagne eigens für erwachsene Männer auf, angeblich trotz des wenig überraschenden Claims "For Men" mit Erfolg. Sogar um die rund 320 000 Mitglieder der "Afol"-Klubs kümmert man sich offiziell: Die Abkürzung steht für "Adult Fans of Lego", erwachsene Lego-Fans.
Auch andere Firmen sehen hier einen Trend. So arbeitet etwa Schleich, Hersteller von Gummi-Elfen, Ritterfiguren und allerlei Miniaturgetier aus Schwäbisch Gmünd, daran, dem erwachsenen Sammler besser zu gefallen. "Wir werden eine neue Verpackung für einige unserer Comicfiguren auf den Markt bringen, die eher die 18- bis 50-Jährigen anspricht. Sie wirkt edler in Farben wie Gold und Schwarz", sagt Marketingchefin Victoria Sutch, die vorher für Lego arbeitete. Rund 137 000 Figuren verkaufe Schleich täglich, fünf Prozent gingen an erwachsene Sammler.
Dass Lego zunehmend diese Zielgruppe anvisiert, zeigt allein ein Blick auf die Preise, die kaum taschengeldkompatibel sind. Das rote Lego-Modell des Volkswagens "Bulli" T1 richtet sich genauso an Erwachsene wie die Reihe "Lego Architecture", in der etwa das Brandenburger Tor als Miniatur zum Zusammenbauen erhältlich ist. Und der nicht mehr im Laden kaufbare VW Beetle in Babyblau wird teils für mehr als tausend Euro im Internet gehandelt.
Welches Set nun wirklich an Wert gewinnt, ist schwer vorherzusagen – auch für Profis wie Reinhold. In der Regel behält Lego seine Bausätze rund zwei Jahre im Handel. Manche Reihen erscheinen limitiert und haben bessere Chancen auf Wertzuwachs. Wichtig ist, dass alle Teile vollständig vorhanden sind und die Bauanleitung möglichst nicht gelocht wurde. Echte Zocker rühren das Paket gar nicht erst an, sondern legen es originalverpackt zur Seite.
Welche Gewinne man als echter Lego-Anleger erwirtschaften kann, will Reinhold nicht verraten. Dass es ein lohnendes Geschäft sein kann, zeigt Christoph Blödner aus Dresden. Seine Firma Bricksy verkauft Lego-Steine einzeln, wäscht dafür gebrauchte Bauteile. Was er damit verdient, will auch er nicht sagen. Nur so viel: 800 000 Euro Umsatz erziele er im Jahr, sagt er. Und er mache Gewinn.
Von Martin U. Müller

DER SPIEGEL 52/2015
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