19.12.2015

Psychologie Lasst die Väter ran!

Studien belegen: Männer zeigen in der Erziehung eigene Qualitäten, die für die Kinder wichtig sind. Noch müssen die neuen Väter ihre Rolle aber erst finden. Überraschend oft sind es die Mütter, die sie daran hindern.
Was ist ein guter Vater? "Ich weiß es nicht", sagt Alexander Herbst. "Was ich aber weiß, ist, dass ich keine zweite Mutter sein will."


Herbst, 28, sitzt auf dem Teppich seiner Wohnung in Berlin-Weißensee. Er berichtet von den Dingen, die er als Vater nicht kann. Neben ihm krabbelt sein kleiner Sohn, Henri, acht Monate alt. Er hat ihn eben gefüttert und gewickelt. Um die beiden herum liegt Spielzeug verteilt. Herbst streicht dem Kind über den Rücken. Der Junge lacht.
Alexander Herbst erzählt, dass er ein guter Vater sein will. Aber einige Aufgaben, von denen er annimmt, dass man sie von ihm erwartet, schafft er einfach nicht. Er hat es probiert. Er war mit seinem Sohn beim Babyschwimmen, in der Krabbelgruppe. Planschen im warmen Wasser, krabbeln auf Turnmatten. Ist das alles so schwer? "Nein", sagt Herbst. Er schüttelt den Kopf. "Trotzdem kann ich es nicht."
Was kann er nicht?
Herbst zögert. Dann klatscht er in die Hände und beginnt, ein Kinderlied zu singen. Es geht um eine Schnecke. Er bricht gleich ab, es ist ihm peinlich. Er sagt: "All das Singen und das Klatschen. Das Rasselnschwenken."
Wo er hingehe, würden die Mütter Lieder anstimmen, mit dem Kopf wackeln, ihren Babys albern zuwinken. Herbst sagt, ihm sei das zu viel. Er sei gern Vater, er spiele mit Henri, lese ihm vor. Aber sich so zum Affen machen, das könne er nicht.
Herbst studiert noch. Seine Frau, eine Biologin, schreibt gerade ihre Doktorarbeit. Das Ehepaar teilt sich die Elternzeit. Seine Frau blieb fünf Monate daheim, bei ihm werden es sechs Monate lang werden. Seit acht Wochen ist er mit Henri zu Hause.
Aber Herbst hat schon jetzt genug davon, ein Mann unter Müttern zu sein. Er fühlt sich wie ein Außenseiter. Als Vater, der sich um sein Kind kümmern möchte, ist er aber keiner mehr. Er sagt: "Ich bin auch gut für den Jungen. Ich mach es nur anders."
Aber was genau macht er anders? Wie erziehen Väter anders als Mütter? Was hat das Kind davon? Und – noch einmal: Was ist ein guter Vater?
Die schwierigen, die problematischen kennen wir. Der Vater als der Unerreichbare. Der Strenge, der Autoritäre. Der Mann, den man im Grunde nicht kennt. Dessen Ansprüchen man dennoch genügen will.
1919 schrieb Franz Kafka in seinem "Brief an den Vater": "Ich hätte ein wenig Aufmunterung, ein wenig Freundlichkeit, ein wenig Offenhalten meines Wegs gebraucht, stattdessen verstelltest Du mir ihn, in der guten Absicht freilich, dass ich einen anderen Weg gehen sollte."
Die Bildhauerin Louise Bourgeois schilderte 2006 in einem Gespräch die Pein ihrer Jugend: "Mein Vater redete pausenlos. Ich hatte nie Gelegenheit, etwas zu sagen. Da habe ich angefangen, aus Brot kleine Sachen zu formen. Wenn jemand immer redet und es sehr wehtut, was die Person sagt, dann kann man sich so ablenken. Man konzentriert sich darauf, etwas mit seinen Fingern zu machen."
Walter Kohl klagte 2011 in seinem Buch "Leben oder gelebt werden" über seinen Vater, den Altkanzler: "Jeder Junge wünscht sich einen Vater, der auch für ihn da ist. Ich habe es nicht geschafft, meinen Vater zu erreichen."
Der Vater: Das war für Generationen von Söhnen und Töchtern der Mann, über den es hinwegzukommen galt, bevor das eigene Leben begann.
Irgendwann aber gab es andere Väter. Die Männer der Achtundsechziger läuteten das Ende des Vaters als autoritärer Führer der Familie ein. Ihr Gutenachtkuss kratzte, sie trugen gern vollen Bart.
Heute wünscht sich ein Drittel der Väter in Deutschland, mehr Zeit mit den Kindern verbringen zu können. Jeder Dritte geht bereits in Elternzeit. Wie wichtig den Deutschen die Familie ist, zeigt sich auch daran, dass die Frauen wieder mehr Kinder kriegen. Im Jahr 2014, so gab das Statistische Bundesamt jetzt bekannt, stieg die Geburtenrate zum dritten Mal in Folge.
Kommt ein Baby? Dann lautet die Frage bei vielen Paaren nicht mehr: Wie lange bleibst du daheim? Sondern: Wer von uns bleibt wann zu Hause – und wie lange? Sich als Mann um sein Kind kümmern zu wollen gilt nicht mehr als rührselige Absonderheit. Es ist zum sozialen Komment geworden.
Die meisten Elternzeit-Männer verlassen ihren Job zwei Monate lang für ihr Kind. Doch vielen ist das zu wenig. Väter sollten mehr Verantwortung übernehmen, länger zu Hause bleiben, sich kümmern. Man muss wissen: Vor zehn Jahren nahmen nur 3,5 Prozent der Männer Erziehungsurlaub. Die Zeiten haben sich geändert. Und sie werden sich noch mehr ändern.
Wissenschaftliche Studien zeigen: In Elternzeit zu gehen hilft den Männern, gute Väter zu werden. Aus Schweden weiß man, dass diese Väter auch später mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen. Selbst nach einer Trennung ist ihr Kontakt zum Nachwuchs besser.
Die Wünsche und Nöte der neuen Väter kommen im gesellschaftlichen Mainstream an. In Väterblogs wie "Daddylicious" oder "Ich bin dein Vater" wird den neuen Vätern erklärt, wie sie den Schnupfen ihrer Kinder bezwingen können, welche "Star Wars"-Schulranzen gerade angesagt sind oder wie man als Mann die Ballettleidenschaft der Tochter unterstützen kann.
Selbst die Schweizer Bank UBS, einer der größten Vermögensverwalter der Welt, hat die neuen Väter als Zielgruppe entdeckt. Sie lässt auf ihrer Homepage einen Mittvierziger versonnen hinterm Schreibtisch hervorblicken. Der fragt sich: "Bin ich ein guter Vater? Verbringe ich zu viel Zeit bei der Arbeit? Kann ich alles haben?" Am Ende geht es natürlich nur um Anlagestrategien.
Doch die Botschaft lautet: Sogar eine Führungskraft im höheren Management scheint bemerkt zu haben, dass Familie nicht nur der Ort ist, an dem man seine Hemden wechselt.
Vatersein bedeutet mehr. Aber was genau?
In ihrem Buch "5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen" beschreibt die ehemalige Krankenschwester Bronnie Ware, was die Patienten, die sie bis zu deren Tod pflegte, in ihrem Leben vor allem bedauerten. Eine Standardklage der Väter lautete: zu viel gearbeitet, zu wenig Zeit für die Familie gehabt. "Alle Männer, die ich gepflegt habe", sagt Ware, "haben das gesagt."
Zunächst einmal bedeutet Vatersein also: sich Zeit für seine Kinder zu nehmen.
"Männer", sagt die Väterforscherin Lieselotte Ahnert, "sollten jetzt in der Arbeitswelt für ihr Recht kämpfen, Vater zu sein." So wie die Frauen dafür gekämpft haben, nicht nur Mutter sein zu müssen.
Ahnert sieht aber auch, dass der Widerstand gegen den Mann als Vater nicht immer nur von außen kommt, vom bornierten Chef, einem wenig familienfreundlichen Unternehmen. Sondern auch von innen, aus der Familie heraus: ausgerechnet von den Müttern.
Die Wissenschaft hat sich lange nicht darum gekümmert, welche Rolle die Väter in den Familien spielen – und spielen könnten. Erziehungsforscher und Psychologen konzentrierten sich vor allem auf die Beziehung der Mutter zum Kind. Ihr wichtigstes Forschungsobjekt war, jahrzehntelang: die Mama.



Doch jetzt werden auch die Väter intensiver durchleuchtet. Der Forschungsverbund Central European Network on Fatherhood (Cenof) untersucht seit Anfang 2013 das Leben Tausender Väter in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Schweizer Jacobs Foundation finanziert das Großprojekt.
Die Wissenschaftler besuchen die Familien zu Hause, werten Onlinefragebögen aus oder bitten Probanden ins Labor. Sechs Forschungsgruppen untersuchen, welchen Einfluss Väter auf die Entwicklung ihrer Kinder haben. Und so gibt es nun erste Antworten auf die Frage: Erziehen Väter anders? Und wenn ja, wie?
Wien, 9. Bezirk: Im Lesesaal einer alten Bibliothek treffen sich die Wissenschaftler, um von ihren Resultaten zu berichten. Lieselotte Ahnert leitet den Forschungsverbund, sie ist Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Wien.
Ahnert hat für ihre Studie über 1100 Beobachtungen von Kindern mit ihren Müttern und Vätern ausgewertet. Die Forscher trafen die Familien in ihrer gewohnten Umgebung, zu Hause, im Kindergarten.
Sie filmten die Begegnungen und suchten in dem Material nach 40 sogenannten Beziehungsmomenten. "Wir beobachten, wie viel Nähe das Kind sucht", sagt Ahnert. "Wie viel Unterstützung es braucht, wenn es die Welt erkundet. Wie herausfordernd es für das Kind ist, wenn es merkt, dass es mit seinen Gefühlen nicht klarkommt."
Ahnert konnte sehen, dass es dabei erstaunlich viele Gemeinsamkeiten zwischen Vätern und Müttern gibt. "Wie ein Kind sich angenommen fühlt, emotional reguliert wird und sein Umfeld erobert – in dieser Hinsicht bauen Mütter und Väter die Beziehung gleich aus", sagt Ahnert. Aber wie diese Beziehung praktisch ausgestaltet werde, sei sehr unterschiedlich.
Väter stifteten die Kinder eher zu wagemutigem, abenteuerlichem Verhalten an. "Sie fragen: Willst du auf den Baum? Dann mal los", sagt Ahnert. Mütter dagegen initiierten erst einmal kaum Neues. "Sie sind vorsichtiger. Befindet sich das Kind aber in einer neuen Situation, dann leiten sie es gut an."
Die Kinder, sah Ahnert, wandten sich immer dann an den Vater, wenn es galt, Mut zu fassen, etwas Neues anzufangen. Und an die Mutter, wenn sich beim Entdecken ein Problem ergab.
Um weitere Unterschiede zu erforschen, entwickelte Ahnert ein Spiel, das das Verhalten der Eltern in schwierigen Situationen testet. In einer sogenannten Frustrationsbox verschwand, durch transparente Wände immer noch sichtbar, ein Spielzeugteddy. Durch ein Loch konnte man ihn mit den Fingern erreichen, aber nicht mehr herausziehen.
"Bald ging das Theater los", sagt Ahnert. Die Forscher beobachteten, wie die Eltern das Kind unterstützten.
Die Mehrheit der Mütter tröstete. Die Väter aber wandten häufig eine Taktik an, die Ahnert "Reframing" nennt: "Sie sagten: Wir kriegen den Teddy hier nicht raus, aber vielleicht ist das auch gar nicht schlimm. Wir streicheln den jetzt mal und sagen dann Tschüss."
Sie erzählten dem Kind einfach eine neue Geschichte. Dadurch lösten die Väter seine Fixierung auf das Spielzeug. Kein Weinen mehr. "Das haben sie sehr gut gemacht", sagt Ahnert.



Das taten sie jedoch nur bei Kindern, die die Forscher als unproblematisch einschätzten. Wenn es um das Beruhigen eines sehr früh geborenen Kindes oder eines Kindes mit schwierigem Temperament ging, kamen starke Unterschiede zum Vorschein. "Damit", so Ahnert, "kommen die Männer viel schlechter klar." Das Reframing fiel ihnen als Strategie gar nicht mehr ein.
"Sie streichelten das Kind dann wie die Mütter, hielten es auf dem Schoß fest, aber waren dabei hilflos", sagt Ahnert. Denn anders als bei den Müttern ließen sich die Kinder beim Vater mit dieser Strategie kaum beruhigen. Ihr Fazit: Handelt der Vater genauso wie die Mutter, imitiert er ihr Verhalten, dann scheitert er. Besinnt er sich auf seine eigenen Strategien, klappt es gut.
Donnerstagmittag in einer Erdgeschosswohnung in Berlin-Prenzlauer Berg: An der Wand hängt eine Carrera-Bahn, am Fenster steht ein Kickertisch, der Hocker davor ist mit den Kronkorken von Bierflaschen verziert. Auf einer Anrichte steht Kaffee, auf dem Boden liegen zwei blaue Turnmatten.
"Für das, was wir machen, gibt es keinen wirklich guten Namen", sagt Marc Schulte. "Alles klingt irgendwie peinlich." Er deutet mit dem Arm quer durch den Raum. "Also haben wir uns einfach ,Papaladen' genannt." Es ist ein Treffpunkt für Väter und Kinder, Kinderzimmer und Männer-WG in einem.
Marc Schulte und Eberhard Schäfer beraten hier Väter zu Fragen in der Elternzeit oder während einer Trennung. Sie organisieren Vater-Kind-Reisen. Und sie beherbergen zweimal die Woche eine Krabbelgruppe. Wie also kommen die Männer mit ihren Kindern zurecht, wenn sie ganz unter sich sind?
Drei Väter sind heute da. Sie haben ihre Schuhe am Eingang ausgezogen und sitzen neben ihren Kindern am Boden. Eine Kiste Legosteine wird ausgekippt. Die Babys robben, nuckeln an dem Spielzeug.
Und dann fällt etwas Sonderbares auf: kein Lärm, kein Quengeln, kein Gezeter. Eine Stunde lang weint kein Kind. Die Männer unterhalten sich miteinander. In Ruhe.
Wer schon einmal eine gewöhnliche Krabbelgruppe besucht hat, weiß, wie hoch der Lärmpegel bei solchen Zusammenkünften normalerweise ist. Treffen mehr als zwei Kinder aufeinander, nimmt der Babywahnsinn seinen Lauf: Dann sprudeln aus Müttern die Ideen, was ihre Kinder jetzt noch alles brauchen könnten: Schluck Tee? Stück Apfel? Windel voll? Mal laufen üben? Achtung, die Tischkante!
Kein Pieps bei den Männern. Was ist da los?
Schulte ist selbst Vater dreier älterer Kinder. Er erzählt, dass dieser Frieden hier schon vielen Besuchern aufgefallen sei. "Die Männer, die kommen, sind zunächst skeptisch", sagt Schulte. Doch sie bemerkten schnell, dass sie einen entspannten Vormittag verbringen können. Und woher kommt die Stille?
Schulte meint, in den Müttern mehr Unruhe zu entdecken. "Mutter sein heißt heute, sich ständig fragen zu müssen: Bin ich gerade gut genug? Was kann jetzt noch besser sein? Ist die Babyjacke zu dünn? Das Brötchen auch gesund? Soll ich noch schnell was singen?" Viel Druck, hohe Ansprüche. Daraus resultiere ein beständiges Gezuppel, Gemache und Getue.
Und die Väter? "An die stellt niemand so hohe Erwartungen", sagt Eberhard Schäfer. "Man ist froh, wenn sie überhaupt etwas tun." Er sehe hier Woche für Woche Männer, die ihrem Kind aus seiner Kleidung hülfen, kurz an der Windel röchen, ein Schlückchen Tee anböten. Und es dann, spielt es glücklich, auch zufrieden ließen.
Eine gemütliche Koexistenz. Daher die Ruhe.
Auch die Psychologin Lieselotte Ahnert sieht die Vorteile, die die engagierten Väter gerade genießen. "Im Moment werden die Rollen von Vätern und Müttern neu definiert." Aber sie erkennt auch, dass sich erstaunlich viele Mütter schwertun, von ihrer alten, traditionellen Rolle abzuweichen.
Sie beobachtet in ihren Studien immer wieder ein Phänomen, das sie das "mütterliche Gatekeeping" nennt: "Nach der Geburt des Babys ziehen die Frauen fast alle Aufgaben an sich. Sie machen ihrem Mann keinen Mut, sich auf das Kind zuzubewegen. Sie kritisieren viel, wissen besser, wie die Pflege des Babys vonstattenzugehen hat."
Die Mütter, so die Erkenntnis der Forscher, beeinflussen dadurch von Anfang an, wie viel Mut die Männer finden, das Kind mitzuerziehen. Sie bestimmen den Rahmen, in dem der Mann die Rolle des Vaters ausfüllen kann.
Je mehr sich die Frau auf ihre Mutterrolle beschränke, desto stärker sei das Gatekeeping ausgeprägt. "In Partnerschaften führt das immer wieder zu großen Problemen", sagt Ahnert. "Ein Drama."
Für Christian, einen Rechtsanwalt aus Brandenburg, ging dieses Drama erst nach sieben Jahren zu Ende. Christian kommt zum Treffen in ein Café, er war gerade noch einkaufen. Er trägt Küchentücher und Geschirrspülmittel unter dem Arm, in der nächsten Woche zieht sein Sohn wieder zu ihm. Seine Exfrau und er wechseln sich wochenweise mit der Betreuung ab. Doch dieses Arrangement funktioniert erst seit Kurzem gut.
Über die Zeit davor sagt Christian: "Hätte sie mir den Kleinen einfach weggenommen, ich hätte sofort gewusst, was zu tun ist. Aber die Sache lief viel subtiler."
Christian und seine damalige Frau, eine Lehrerin, bekommen 2008 einen Sohn. In den Wochen nach der Geburt, erzählt Christian, habe er Verständnis dafür gehabt, dass Mutter und Kind einander besonders nah waren. "Aber nach vier Wochen dachte ich mir zum ersten Mal: Lass mich doch auch mal ran."
Er wollte ein bisschen Zeit mit dem Kind verbringen, spazieren gehen, damit sich seine Frau ausruhen kann. "Aber da war nichts zu machen", sagt Christian. Sie ließ den Jungen nicht aus den Augen.
Er habe sich unter ständiger Beobachtung gefühlt. Wickeln, füttern, anziehen – "immer stand sie neben mir und korrigierte mich. Als wäre ich ein Konkurrent, den sie wegbeißen muss".
Bevor das Kind kam, waren sie bereits zehn Jahre lang ein Paar. Nach der Geburt aber habe sich seine Frau nur noch als Mutter begriffen. "Die Beziehung, die wir hatten, war weg. Die Vertrautheit, das Gemeinsame." Sie habe sich in jeder problematischen Situation hinter dem Kind versteckt.
"Je unzufriedener ich wurde", sagt Christian, "desto mehr griff sie zum Trost nach dem Kind."
Drei Jahre später war die Ehe am Ende.
Seine Exfrau schlug vor, dass er das Kind jedes zweite Wochenende besuchen komme. Er bestand darauf, sich die Sorge gerecht zu teilen. Nach vier Jahren und etlichen Terminen bei Anwalt, Jugendamt und Mediatoren klappt das heute nun.
Ist seine Exfrau zufrieden mit dem Modell?
"Ja", sagt Christian. "Weil wir uns wieder gut verstehen. Und weil sie mich in meiner Rolle als Vater für ihn wichtig findet."
Als Vater? Oder als Mann?
"Das weiß ich nicht. Das ist mir aber auch egal."
Auf welche Art und Weise ist der Vater als Mann wichtig in der Familie? Welche Rolle spielt er für den Sohn? Die Tochter? Und bleibt er immer die Nummer zwei hinter der Mutter?
"Nein", sagt Michael Lamb. "All das ist nicht der Fall. Das dachte man vielleicht früher. Aber darüber wissen wir heute mehr."
Lamb ist Professor für Psychologie an der University of Cambridge. Davor arbeitete er 17 Jahre lang in den USA als führender Wissenschaftler am National Institute of Child Health and Human Development in Bethesda, Maryland. Lamb gilt unter seinen Kollegen als "Vater der Väterforschung".
Als Student in den Siebzigern arbeitete Lamb mit Mary Ainsworth, einer Kollegin von John Bowlby, zusammen. Ainsworth und Bowlby entwickelten die "Bindungstheorie" – eine psychologische Theorie, die davon ausgeht, dass jeder Mensch ein angeborenes Bedürfnis besitzt, enge Beziehungen zu seinen Mitmenschen aufzubauen. Die erste Beziehung, stellte Bowlby fest, bestehe zur Mutter. Und sie sei damit auch die wichtigste.
Für Lamb aber war diese Annahme nicht ausreichend wissenschaftlich belegt. Er war der Ansicht, dass sie lediglich bestätige, was man in der Gesellschaft beobachtete. Er sagt: "Sie spiegelte eine Ideologie wider."
Welche?
"Sie sprach die Mutter-Kind-Beziehung heilig. Sie machte es den Frauen schwer, noch eine andere Rolle in ihrem Leben als die der Mutter einzunehmen. Sie war antifeministisch."
Lamb wuchs im Süden Afrikas auf, er kam erst als junger Mann in die USA. Dort wurde ihm zu vermitteln versucht, dass die einzig richtige Art der Beziehung zwischen Mutter und Kind eine sei, in der die Mütter sich, in Vororten weggesperrt, nonstop um ihr Kind kümmerten. "Ich wusste aber aus meiner Erfahrung in anderen Ländern, dass die meisten Kinder nicht so aufwachsen."
Lamb wollte die anderen Aspekte im sozialen Umfeld der Kinder erforschen. Also begann er zunächst mit den Vätern.
Er untersuchte die Qualität der Bindung zwischen Babys und ihren Eltern. Er sah, dass die Mehrheit der amerikanischen Kinder eine Bindung zu ihrer Mutter aufbaute, "so wie Mary Ainsworth das sagte", erzählt Lamb. "Doch sie bauten ganz klar auch eine Bindung zu ihrem Vater auf." Selbst wenn sie viel weniger Zeit mit ihrem Vater verbrachten. Lamb sagt: "Wir haben unterschätzt, wie komplex die wichtigen sozialen Beziehungen der Kinder sind."
Lamb erzählt, dass man in den Siebziger- und Achtzigerjahren vor allem zeigen wollte, dass die Väter wichtig für die Geschlechtsidentität der Kinder seien. Dass die Kinder von ihnen lernten, erfolgreiche Männer oder Frauen zu werden.
"Wenn man sich aber ansieht, wie sich Männer und Frauen gegenüber Babys verhalten, bemerkt man: Der Unterschied ist verschwindend gering", sagt Lamb. Der Umgang ändere sich stärker zwischen verschiedenen kulturellen Kontexten als zwischen Männern und Frauen.
Es gebe zwar Kulturen, in denen sich Männer darauf spezialisierten, die Spielgefährten ihrer Kinder zu sein, mit ihnen wild zu toben. In anderen Kulturen sei das aber überhaupt nicht der Fall. "Dennoch wachsen dort die Jungen zu Männern heran", sagt Lamb.
Wie Männer sich als Väter und Frauen sich als Mütter verhalten, das kann man aus seiner Sicht nicht als universales Verhalten bezeichnen. Für Lamb hängen diese Unterschiede viel stärker mit der Rolle zusammen, die ausgefüllt werden soll, als mit dem Geschlecht. So betrachtet, sind Vater- oder Mutterrollen vor allem ein soziales Konstrukt.
Der sogenannte mütterliche Stil, also der eher tröstende, von Empathie geleitete Erziehungsstil, ist für Lamb das Verhaltensmuster desjenigen, der hauptsächlich für die Betreuung verantwortlich ist.
Der väterliche Stil, der eher spielerische, körperliche Stil, ist das Verhaltensmuster desjenigen, der nicht die Hauptverantwortung trägt, sondern die Nebenrolle spielt.
Man sehe das daran, dass Männer, die Betreuungsverantwortung übernehmen, ebendiesen sogenannten mütterlichen Stil übernähmen. Oder daran, dass in Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern häufig eine Rollenaufteilung stattfinde: "Es gibt auch hier einen sorgenden, behütenden und einen verspielten, aktiven Partner."
Lamb kennt keine Beweise dafür, dass Kinder sich schlechter entwickeln, wenn ihnen ein Elternteil fehlt, der sich seiner Geschlechterrolle gemäß verhält. Vielmehr zeigten Beobachtungen, dass Kinder viele Varianten geschlechtsspezifischen Verhaltens in ihrem Leben haben – Erzieher, Lehrer, Nachbarn, Verwandte. "Sie lesen Bücher, sie sehen fern, sie sehen Werbung", sagt Lamb. All diese Quellen nutzten sie als Orientierungspunkte.
Väter müssen in der Familie nicht den Mann spielen, genauso wenig wie Frauen die Mutter. Mit den Eigenschaften, die die Eltern in ihrer jeweiligen Rolle in der Familie entwickeln, sind sie wichtig für das Kind.
Doch die traditionellen Geschlechterrollen sind im Berufsleben vieler Männer noch immer stark verankert. Ihr Wunsch, sich um ihr Kind zu kümmern, mag vorhanden sein. Ob sie ihn umsetzen können, hängt nicht zuletzt davon ab, wie sehr sie sich dafür einsetzen. Und wie viel Verständnis ihnen dafür entgegengebracht wird.
Im Wartezimmer der Praxis von Jakob Hein in Berlin schwimmen Fische durch ein Aquarium. Ein junges Mädchen wartet auf seinen Termin, es knetet an seinen Händen. Jakob Heins Spezialgebiet ist die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Aber auch mit Vätern kennt der Arzt sich aus.
2009 war Hein Oberarzt an der Berliner Charité. Damals machte ihn die Klinik zu ihrem Väterbeauftragten, dem ersten des Landes. Hein sagt: "Als das Angebot kam, habe ich sofort Ja gesagt. Denn das, was ich am liebsten in meinem Leben bin, ist Vater." Er, der Psychiater, sollte den Männern an der Charité helfen, Beruf und Vaterschaft vereinbaren zu können. Kein leichter Job an einer deutschen Klinik.
"Wenn ich beschreiben wollte, was die Väter in ihrem Leben nicht wollen", erzählt Hein, "dann musste ich häufig sehr genau das Leben der Chefärzte schildern." Hein pfeift einmal kurz durch die Zähne: "Heikel, heikel."
Hein beriet die Männer und ermutigte sie, sich für Zeit mit ihrer Familie einzusetzen. Er sprach mit ihren Vorgesetzten. "Gut war immer", erzählt Hein, "wenn diese Chefärzte selbst erwachsene Töchter hatten. Wenn sie denen eine gute Ausbildung finanziert hatten, konnten sie verstehen, warum es wichtig wäre, dass sich ihr Schwiegersohn in die Erziehung des Enkels einbringt." Verständnis, das sie dann leichter ihren Angestellten gegenüber aufbrachten.
Hein sagt: "Man braucht in Unternehmen eine Frauenbeauftragte – und einen Väterbeauftragten. Die schaffen am meisten für die Gleichstellung." Er sah in der Charité, was passiert, wenn das "Risiko Elternschaft" gerechter verteilt wird: "Dann ist ein Mann, der Vater wird, für den Arbeitgeber eine genauso große Gefahr wie eine Frau, die Mutter wird."
Gleichzeitig erlebt er auch in seiner Praxis, wie sehr sich die modernen Väter um ihre Familie bemühen. Hein behandelt Kinder und Jugendliche, die an verschiedenen psychischen Problemen leiden. Er sieht, dass sie zunehmend auf die Hilfe ihrer Väter setzen können.
"Ich arbeite seit 20 Jahren in der Psychiatrie. Als ich anfing, haben mich die Väter noch verwundert angeguckt, wenn ich sie in die therapeutische Arbeit miteinbeziehen wollte." Heute sei das selbstverständlich. Wichtige Termine vereinbare er grundsätzlich mit Müttern und Vätern. Er sagt: "Wer nicht dabei ist, kann schlecht mitreden."
Die Väter einbeziehen – darauf kommt es auch den Forschern um Lieselotte Ahnert in Wien an. Sie sagt: "Es lohnt sich für die Männer, wenn sie sich nicht so schnell in ihrem Umgang mit dem Kind entmutigen lassen."
Denn die Bindung zum Kind werde vor allem in schwierigen Situationen aufgebaut. "Zum Beispiel wenn das Kind nachts schlecht geträumt hat, aufwacht und schreit. Dann ist es wirklich gut, da zu sein", sagt Ahnert.
Sie wünscht sich, dass die Väter in ihren eigenen Erziehungsmethoden stärker gesehen und unterstützt werden. Erziehungsratgeber und -programme für Eltern gebe es zuhauf. "Genutzt wird das in der Praxis aber vor allem von Müttern", sagt Ahnert. Was fehle, seien Tipps für Männer. Zum Ende des Projekts wollen die Cenof-Forscher solche Empfehlungen geben.
Die Wissenschaftler werden damit auf offene Ohren stoßen. Denn in einer weiteren Studie haben sie herausgefunden: Egal ob Väter die Familie allein ernähren oder gemeinsam mit ihrer Partnerin das Geld verdienen – ihr Wunsch, sich in der Familie zu engagieren, ist in beiden Fällen gleich groß.
In Berlin-Weißensee ist Alexander Herbst noch eingefallen, was er tatsächlich besser kann als seine Frau: ihren gemeinsamen Sohn ins Bett bringen. Jetzt ist es gleich zwei Uhr, Zeit für den Mittagsschlaf.
Herbst hebt das Kind hoch und trägt es in sein Zimmer. Er legt den Jungen ins Bett und dreht ihn auf die Seite. Dann packt er vorsichtig seine Füßchen und drückt sie in Richtung Bauch. Er nimmt die Hände seines Sohnes in eine Hand, hält sie zart fest. Mit der anderen Hand streicht er dem Jungen langsam über die Stirn. Der Junge bleibt liegen. Er atmet ruhig. Dann fallen ihm die Augen zu.
"Tadaaa", sagt Herbst. Dann dreht er sich um und geht in die Küche. Er muss noch den Abwasch machen.
"Ich hätte ein wenig Aufmunterung, ein wenig Offenhalten meines Weges gebraucht."
Franz Kafka (1883 bis 1924)
"Mein Vater redete pausenlos. Ich hatte nie Gelegenheit, etwas zu sagen."
Louise Bourgeois (1911 bis 2010)
"Ich habe es nicht geschafft, meinen Vater zu erreichen."
Walter Kohl (geboren 1963)

Der Vater war für viele Generationen der Mann, über den es hinwegzukommen galt.

Väter müssen in der Familie nicht den Mann spielen – und Frauen nicht die Mutter.

"Wenn das Kind nachts schlecht geträumt hat, aufwacht und schreit, ist es gut, da zu sein."

Über die Autorin

Kerstin Kullmann, geboren 1978, studierte Politik, Soziologie und Philosophie in München und Washington, D. C. Sie absolvierte die Deutsche Journalistenschule und arbeitete als Redakteurin für die Zeitschrift "Neon". 2008 wechselte sie ins Hauptstadtbüro des SPIEGEL, von wo aus sie seit 2012 für das Ressort Wissenschaft berichtet.
Von Kullmann, Kerstin

DER SPIEGEL 52/2015
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