24.12.2015

KriminalitätDie Kaviar-Dealer

Der wild lebende Beluga-Stör steht kurz vor dem Aussterben, doch wertvoller Rogen aus zweifelhaften Quellen gelangt weiterhin in deutsche Feinkostregale.
Zwischen Perserteppichen und glitzerndem Orient-Nippes hat Reza M. einen präparierten Fisch drapiert. Darunter stehen meerblaue Dosen mit iranischem Zuchtkaviar. Die Preisliste liegt neben der Kasse des schummrigen Ladens in Frankfurt am Main: 50 Gramm Beluga-Kaviar kosten 170 Euro.
Feinschmecker allerdings wissen, dass der Iraner noch ein spezielles Angebot bereithält. "Sie wollen Kaviar von wild lebenden Beluga-Stören?", fragt er und zwinkert verschmitzt. "Warten Sie einen Moment, drüben in meiner Wohnung habe ich frische Ware aus Russland." Den bei manchen Gourmets besonders begehrten russischen Wildstörrogen bietet er nur jenen Kunden an, denen er vertraut. Denn der Handel damit ist illegal. Gezahlt wird bar, Rechnungen gibt es nicht – und natürlich trägt keine der Dosen die erforderliche Artenschutzkennzeichnung.
Beluga-Kaviar gilt als eines der teuersten Lebensmittel der Welt. Zum Jahreswechsel klettern die Preise, Feinkostgeschäfte verlangen für 200-Gramm-Dosen schon mal 850 Euro für legalen Beluga-Kaviar aus Aquakultur. Mancher Gourmet aber verlangt nach Rogen wild lebender Beluga-Störe, die vom Aussterben bedroht sind. Solche Tiere zu töten ist in der Regel illegal. Ordentliche Restaurants servieren nur Zuchtkaviar, der die Auflagen des Washingtoner Artenschutzabkommens (Cites) erfüllt.
Doch der inzwischen fast durchgängig verbotene Handel mit den Eiern des wilden Störs scheint nicht nur bei Kleinkriminellen wie Reza M. zu blühen. Die Polizeibehörde Europol sieht eine internationale Wildtier-Mafia am Werk, die europäische Kontrollbehörden mit gefälschten Kennzeichen und über verschlungene Handelswege austrickst. Und Kaviar zählt zu den lukrativsten Handelsprodukten.
Das illegale Geschäft mit Tieren und Pflanzen aus freier Wildbahn gehöre zu den Boombranchen der Kriminalität, warnen Interpol und die Vereinten Nationen. Das Europaparlament sieht Umweltverbrechen an wild lebenden Tieren und Pflanzen inzwischen an vierter Stelle der umsatzstärksten kriminellen Wirtschaftszweige.
Laut Europol ist Europa das wichtigste Zielgebiet des Schwarzmarkthandels mit bedrohten Arten, bei dem jährlich zwischen 18 und 26 Milliarden Euro umgesetzt werden. Das Freihandelssystem der EU macht es Schmugglern offenbar leicht, ihre Beute mit gefälschten Handelspapieren auf den Markt zu bringen. Lieferungen können die innereuropäischen Grenzen ohne besondere Kontrollen passieren, Ermittlungen der Behörden beschränken sich allzu oft auf ein Land. SPIEGEL-Recherchen belegen, dass Rogen von vermutlich gewilderten Fischen auch im deutschen Feinkosthandel ankommt und in angesehenen Geschäften verkauft wird.
Eine Spur zu den Organisatoren des internationalen Kaviarhandels führt in die Baltenrepublik Litauen. Dort gibt es weder einen bemerkenswerten Konsum, noch haben sich Litauens Fischzüchter je für Störe interessiert. Laut der litauischen Umweltschutzbehörde gibt es auch kein Unternehmen mit entsprechender Artenschutzregistrierung, das Kaviar produzieren oder umverpacken darf. Dennoch weist die Handelsstatistik Exporte nach Deutschland, Italien und Großbritannien aus.
2008 beschlagnahmten die litauischen Behörden bei einer Firma namens Biznio Erdve Kaviar, für den die Inhaber keine Kaufbelege vorweisen konnten. Die Behälter trugen Etiketten mit dem Artenschutzlabel von Cites und dem Namen einer in Bulgarien registrierten Zuchtfarm: "Parpen Tschobanow". Die Behörden verhängten eine Strafe von knapp 100 Euro gegen die litauische Firma und gingen der Sache nicht weiter nach. Darius Mikelaitis von der litauischen Lizenzierungsstelle für Wildtierprodukte kann sich gut an den Fall erinnern. "Wenn wir damals einen Verdacht auf gefälschte Etiketten gehabt hätten, wären wir tiefer in die Untersuchung eingestiegen. Aber den hatten wir nicht", sagt er. "Wir versinken hier in Arbeit."
Dabei erscheint schon das offizielle Tätigkeitsgebiet des Kaviarhändlers verdächtig. Biznio Erdve, zu Deutsch: "Handelsplatz", kauft und verkauft nämlich laut Internet-Registereintrag Sportartikel. Tatsächlich aber zählt das Unternehmen Firmen zu seinen Kunden, die mit Sport wenig zu tun haben, etwa britische Feinkostgroßhändler.
Zwischen 2010 und 2013 müssen die Handelshäuser Kaviar in erklecklichen Mengen von der litauischen Firma bezogen haben. Rechnungen, die dem SPIEGEL vorliegen, weisen Lieferungen mit einem Wert von mehr als 80 000 Euro aus. Danach stammten mehr als 50 Kilogramm der insgesamt gehandelten 65 Kilogramm Kaviar von dem wertvollen Beluga-Stör.
Gestempelt und unterschrieben sind die Rechnungen an die Briten vom Inhaber der Firma Biznio Erdve, auf einem beigelegten Artenschutzzertifikat ist die bulgarische Firma Oscietre Commerce als Lieferant eingetragen, ein Aquakultur-Unternehmen. Merkwürdig nur: In keiner der relevanten Statistiken findet sich ein Hinweis darauf, dass zwischen 2010 und 2012 auch nur ein Kilogramm Zuchtkaviar von Bulgarien nach Litauen geliefert wurde.
Internetangaben zufolge residiert Biznio Erdve an drei Orten in der Hauptstadt Vilnius. Aber wer dort nach einem Unter-
nehmen mit Ladengeschäft und Lagerräumen sucht, findet nichts. Auf dem Parkplatz eines Gewerbekomplexes am Stadtrand rangieren die Lkw von örtlichen Logistikunternehmen, die Mitarbeiter zucken auf die Frage nach dem Firmennamen mit den Schultern. Auch der Portier eines schmucken Einkaufs- und Bürokomplexes in der Innenstadt, einer weiteren Firmenadresse, wirkt ratlos. An der dritten Adresse steht ein Wohnblock, dessen Treppenaufgänge mit Stahltüren verschlossen sind.
Kaviar kann man bei Biznio Erdve über das Mobiltelefon von Inhaber Wladimir Nikiforow bestellen. Sein Kaviar sei in Deutschland über das Unternehmen Dieckmann & Hansen in Hamburg zu beziehen, teilt er bereitwillig mit. Er liefere aber auch direkt.
Das Paket, das wenige Tage nach dem Testkauf per Express nach Hause gesandt wird, wirkt wenig vertrauenerweckend. Jemand hat eine Artenschutzbanderole aus bedruckten Papierstreifen an die Dose mit Beluga-Kaviar geklebt. Doch die nationale Zollbehörde Bulgariens bestätigt auf Anfrage, dass der Artenschutz-Code auf dem Etikett gefälscht ist.
Eine wissenschaftliche Analyse des körnigen Doseninhalts, in Auftrag gegeben von einer Naturschutzorganisation und dem SPIEGEL, unterstützt einen weiteren Verdacht. Der Fischrogen stamme sicher nicht aus Bulgarien, konstatiert der Prüfbericht des Labors Agroisolab aus dem rheinischen Jülich, das den Kaviar auf seine Isotopenzusammensetzung hin untersucht hat. Vielmehr sei eine "Herkunft aus der Region Kaspisches Meer (insbesondere Kasachstan) möglich bzw. gegeben".
Die Region um das Kaspische Meer gilt als Heimat der Kaviar-Mafia. In den Krisenjahren nach dem Zerfall der Sowjetunion entstanden Netzwerke aus Fischern und Financiers, aus Schmugglern und Geschäftemachern, korrupten Beamten und bewaffneten Banditen. Sie hatten erkannt, dass sich mit der traditionsreichen Delikatesse ein Millionengeschäft machen lässt.
Männer in Schnellbooten trieben die Störe mit Unterwassersprengungen vor sich her. Konkurrierende Fischer aus Russland, Kasachstan und Aserbaidschan, bewaffnet mit schwerem Armeegerät, lieferten sich Feuergefechte um die Delikatesse. Oligarchen unterhielten eigene Fangflotten. Kämpfer aus den Kriegsregionen Tschetschenien und Dagestan finanzierten ihre Waffenkäufe mit Kaviar.
Die Bestände der Störe schrumpften schnell. Dabei sind die Fische "lebende Fossilien", sie gehören zu den ältesten Tieren des Planeten. Schon vor mehr als 200 Millionen Jahren gab es Störe, sie haben die Dinosaurier und viele andere Tierfamilien überlebt. Die Laichwanderungen der Fische über Hunderte, manchmal über Tausende Kilometer haben Störrogen zum Sinnbild für Lebenslust und Manneskraft gemacht.
1998 reagierte die Weltgemeinschaft auf die Gefährdung des urtümlichen Fisches, indem sie Störe in das Washingtoner Artenschutzabkommen aufnahm. Der Vertrag stellt alle Störarten unter Schutz. Gewinner waren die Zuchtfarmen. Aquakulturen aus Deutschland und China, Italien, Israel, Iran, aus Frankreich, Uruguay und den USA füllen seither die Feinkostregale.
Natürlich ist das ein Erfolg. Doch Artenschützer und Ermittler vermuten seit Langem, dass die mafiösen Geschäftemacher weiter aktiv sind.
In Deutschland wacht das Bundesamt für Naturschutz (BfN) in Bonn-Bad Godesberg über den Handel mit bedrohten Arten. "Dass wir überhaupt eine fischereirelevante Art in das Artenschutzabkommen hineinbekommen haben, das war ein Meilenstein", sagt Dietrich Jelden, der die Abteilung Artenschutzvollzug leitet. Die Statistik scheint jedem recht zu geben. Nach den Zahlen des BfN wurden 2014 und 2015 nur insgesamt rund zehn Kilogramm Kaviar gefunden, die illegal ein- oder ausgeführt werden sollten, fast alles Reisemitbringsel von Touristen.
Wie kann es sein, dass Zollbeamte hauptsächlich Touristen stoppen, während internationale Ermittlungsbehörden den illegalen Wildtierhandel als Milliardengeschäft sehen? Die EU-Justizbehörde Eurojust interpretiert die Statistiken deshalb anders als das BfN. Sie sieht in der geringen Zahl der aufgedeckten Delikte ein "verblüffendes Paradox", weil offizielle Statistiken das Ausmaß des illegalen Handels in keiner Weise widerspiegelten.
Der Anreiz zu wildern ist immer noch hoch. Insbesondere der Beluga-Stör gilt als schwer züchtbar. Die imposante Kreatur kann unter natürlichen Bedingungen fünf Meter lang und 100 Jahre alt werden. Ein Beluga-Weibchen erreicht erst nach annähernd 20 Jahren die Geschlechtsreife und bildet zum ersten Mal Rogen.
Dass in Deutschland illegaler Kaviar in den Verkauf geraten kann, mag beim BfN niemand ausschließen. "Die Störe müssen im Herkunftsland des Kaviars in Zuchtbetrieben registriert sein und von den Behörden kontrolliert werden", erklärt BfN-Rechtsexperte Franz Böhmer. "Wenn es ein Loch in der Kontrollkette gibt, kann die Zuchtfarm als Waschanlage missbraucht werden." Kriminelle könnten so gewilderten Kaviar zu legalem umwidmen.
Die Großen in der deutschen Kaviarbranche genießen jedoch das Vertrauen des Bundesamts. "Wer mit Kaviar zweifelhafter Herkunft handelt", sagt Abteilungsleiter Jelden, "der riskiert eine hohe Keimbelastung und spielt mit der Gesundheit seiner Kunden." Daran, so glaubt er, hätten die Seriösen der Branche aus Angst vor einem Imageschaden kein Interesse.
Zu ihnen zählt eigentlich auch das Hamburger Traditionshaus Dieckmann & Hansen. Das Unternehmen verkauft vornehmlich an Großabnehmer und produziert Kaviar unter anderem mit Stören, die in Teichen Schleswig-Holsteins gehalten werden. Das Aushängeschild aber ist der "Bulgarische Beluga-Caviar". "Ein unumstrittener Hochgenuss!", wirbt die Firma.
Den angeblich bulgarischen Kaviar bietet das Unternehmen auch in einem kleinen Laden an, der in der Nähe des Hamburger Hafens liegt. Bei einem Besuch vor einigen Monaten ist der Verkäufer freundlich, aber wortkarg. Aus welcher Zuchtfarm der Dieckmann-&-Hansen-Kaviar stammt, will er nicht verraten: "Das ist in unserer Branche nicht üblich", sagt er.
Auch in diesem Fall weckt eine Isotopenanalyse erhebliche Zweifel an den Herkunftsangaben. Eine "Herkunft aus Europa (Bulgarien)" sei "auszuschließen", resümiert das Labor Agroisolab, das der SPIEGEL mit der Untersuchung beauftragt hat. "Derartige Isotopensignaturen" seien "aus der Region Kaspisches Meer (vor allem in Kasachstan) bekannt." Die Herkunft aus dieser Region sei "möglich bzw. gegeben".
Mit diesem Ergebnis konfrontiert, antwortet die Dieckmann & Hansen GmbH durch ihre Anwältin: "Alle von unserer Mandantin angekauften Lieferungen bulgarischen Ursprungs waren entsprechend den bestehenden artenschutzrechtlichen Vorschriften mit einem Universallabeling-Code sowie den erforderlichen Dokumenten versehen und erfüllten immer alle Anforderungen für den innereuropäischen Handel." Dieckmann & Hansen beruft sich also darauf, dass alle Papiere korrekt seien. Es sei nicht üblich, die Herkunft des Kaviars mit einer Isotopenanalyse zu überprüfen. Der Firma sei bislang keine Datenbank bekannt, die eine solche Untersuchung mit wissenschaftlichem Anspruch erlaube.
In Hamburg überwacht die Behörde für Umwelt und Energie die Einhaltung von Artenschutzauflagen in den Betrieben. Dieckmann & Hansen werde mehrfach im Jahr kontrolliert, heißt es dort. Zudem habe man eine Kaviarprobe im Jahr 2012 gentechnisch untersucht. Der Verdacht, dass Kaviar illegal eingeführt worden sei, habe sich damals nicht erhärtet.
Ein zweifelhaftes Argument: Artenschutzdelikte lassen sich so kaum belegen. Mit einer DNA-Analyse kann man herausfinden, von welcher Störart der Rogen stammt. Eine Antwort auf die Frage, woher die Tiere stammen, liefert sie nicht.
Um solche Fragen zu klären, hat das Zollfahndungsamt Essen den Aufbau eines Kaviarkatasters in Jülich angeregt und mitfinanziert. Die sogenannte Multielement-Stabilisotopenanalyse bestimmt die Herkunft der Kaviarprobe über die Zusammensetzung der enthaltenen Isotope – ein aufwendiges und kostspieliges Verfahren, das in Deutschland nur bei Agroisolab durchgeführt wird.
Die Ergebnisse eines solchen Verfahrens hatten vor Gericht schon Bestand: Im Jahr 2013 überführte das Zollfahndungsamt Essen mit der Technik einen Störzüchter aus Hessen, der anstelle von selbst produzierter Ware Störrogen aus dem Kaspischen Meer in seine Dosen gefüllt hatte. Er wurde zu einer Haftstrafe verurteilt.
Die Hamburger Umweltbehörde nutzt nun ebenfalls diese Methode. Kurz vor Weihnachten hat sie eine weitere Überprüfung des Kaviars von Dieckmann & Hansen veranlasst. Dieses Mal ist es eine Isotopenanalyse. Das Ergebnis steht noch aus.
Von Luke Dale-Harris, Michael Fröhlingsdorf und Andrea Rehmsmeier

DER SPIEGEL 53/2015
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