24.12.2015

Lebensträume„Ich bin da“

Ein junger Mann aus Damaskus macht sich auf den Weg. Er durchquert ein Europa in Aufruhr, auf der Suche nach einer Herberge. Er lebt jetzt unter einem Basketballkorb in einer Turnhalle. Seine Träume gingen anders. Von Jonathan Stock und Emin Özmen (Fotos)
Nach der Mittagspause in der Deggendorfer Stadtfeldstraße, in einem weißen Raum voller grauer Akten, unter dem Hinweisschild: "Schranktüren immer schließen", wird Kalil (*) gefragt, ob er Terrorist sei. Er hat seine Hände auf einen kleinen Plastiktisch neben der Tür gelegt, als wartete er auf seine Strafe an diesem Tag vor Allerheiligen. Eine Sachbearbeiterin und ein Dolmetscher sitzen ihm gegenüber, betrachten sein schmales, junges Gesicht mit dem schwarzen Bart, seine müden Augen, seine zitternden Raucherhände im Anhörungsraum B 102 des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Außenstelle MC4. Kalil hört aus ihrem Mund Wörter, die ihm nichts bedeuten, aber sein Leben entscheiden werden: Aktenanlage. Laufzettel. Erkennungsdienstliche Behandlung. Grundpersonalien. Klebeetikett. Ausländerzentralregister. Datenabgleich. Zweifelhaft.
Kalil ist in den Akten des Amtes Nummer 6205401. In den Zeitungen ist er mal die Flut, mal die Welle, mal willkommen, mal Bedrohung, er ist hunderttausendfache Routine und die größte Herausforderung nach dem Fall der Mauer, er ist potenzieller Terror, eine dringend benötigte Fachkraft und die Maskulinisierung des öffentlichen Raumes. Am Ende ist er nichts davon, sondern einfach nur Kalil, geboren in Damaskus, 20 Jahre alt, mit einer Katze namens Romeo und Jasminblumen im Garten, einem T-Shirt von Lionel Messi an der Wand und einer Playstation auf dem Teppichboden. Ein Junge noch, der sagt, er möchte in Frieden alt werden, an der Seite einer Frau, die ihn liebt.
"Waren Sie jemals Mitglied oder involviert in Tätigkeiten des ,Islamischen Staates', der Nusra-Armee oder der Freien Syrischen Armee?", fragt der Dolmetscher.
Nein. Nein. War ich nicht.
Waren Sie nicht, in keiner der drei?
Nein! Keiner von denen!
Niemals?
Nein, überhaupt nicht.
Haben Sie irgendwelche Kriegsverbrechen in Syrien gesehen?
Kalil stemmt seine Beine auf den Laminatboden, sein Blick wandert von dem kleinen Plastiktisch vor ihm zu der großen, eingeschweißten Europakarte an der Wand, darauf hellblaues Wasser, grüner Wald, braune Berge, die schwarze Uferlinie. Auf der Karte sieht der Weg kurz aus, der hinter ihm liegt, man sieht nicht das trudelnde Schlauchboot im Strom, die Polizisten in Ungarn, deren Schweigen unheimlicher war als jedes Gebrüll, man sieht nicht die Kinder, die ihre Puppen fest umklammert hielten, als sie nachts durch den Wald wanderten, all die unverständlichen Kommandos, all die Hitze, all das Warten, all das Geld. Später wird Kalil sagen, dass er im Anhörungsraum B 102 an das gedacht habe, was vor ihm liege, an das große, weiße Rund in München, das er so oft im Fernsehen gesehen hatte, dass es ihm nachts im Traum erschien: die Allianz-Arena. Das Ziel. Und an den Weg dahin. Seine Flucht.

18. September 2015, Lesbos, Griechenland. Ein schmaler Streifen Sand, 40 Boote, 2000 Menschen. Als Kalil seine Füße in den Sand stößt, um die Wucht des Bootes abzufedern, hat er 16 Stunden im Wald gewartet, anderthalb Tage nichts gegessen, seit zwei Tagen keinen Schlaf gefunden. Seine Augen suchen Halt, als er die Schwimmweste abstreift und nach der Plastiktüte unter seinem Gürtel tastet. Kalil watet durch das Wasser auf den Strand zu, er dankt Gott, dass diesmal der Motor nicht ausgefallen ist, dass sie diesmal nicht von der Küstenwache inhaftiert wurden, dass sie es diesmal, beim dritten Versuch, geschafft haben. Es ist seine Ankunft in Europa, es ist die erste Reise seines Lebens.
Auf der Bootsfahrt hielt er den kleinen, schwarzen Rucksack umklammert, den seine Mutter ihm gepackt hatte, darin 834 Euro, ein T-Shirt, zwei paar Socken, eine Dose Vitaminpillen, eine Tube Haarwachs, ein Ersatzhandy, ein Parfum von weißem Pfirsich und Bergamotte und einen kupferfarbenen Schlüssel. Der Schlüssel ist die Erinnerung an sein Zimmer in Damaskus, das er nie mehr betreten will. Das Parfum ist das seiner Freundin, die er für diese Reise verlassen hat.
Vor ihm liegen sieben Länder, ein Ziel: Deutschland, Ort seiner Träume. Er wickelt ein kleines Handy aus einer Plastikverpackung und wählt die Nummer seiner Heimat: "Hallo, Mama", sagt Kalil, "du brauchst nicht zu weinen. Ich bin da."
Es ist dieser Moment, an diesem Strand, von dem er Tage später, morgens um fünf, in einem Wald an der serbischen Grenze erzählen wird, dass es sein schönster Moment in Europa war. Der Moment, in dem die Angst endet und ein Versprechen beginnt. Als dieser Kontinent für einen Moment lang so ist, wie er es sich erhofft hat, so wie es die Bilder im Satellitenfernsehen zu Hause verhießen: gute Menschen in einem reichen Land. Und an diesem Tag am Ende des Sommers, im Norden von Lesbos, ist es wirklich so.

Der griechische Ziegenhirt Georgios springt ins Wasser, um die Kinder zu retten und später den Bootsmotor in seinem Ziegenstall verschwinden zu lassen. Der holländische Krankenpfleger Theodor tröstet die Klagenden und spricht ihnen ein Willkommen ins Ohr. Er hat sich seinen Jahresurlaub dafür genommen, um oben an der Küstenstraße für die Flüchtlinge Butterbrote zu schmieren. Carlos aus Spanien untersucht die Kranken, die Dänin Kerstin verteilt Wasserflaschen, und Helmut aus Essen zeigt auf seiner Wanderkarte den besten Weg zur Registrierungsstelle. Dieses Europa ist wahr, man kann es jeden Tag an diesem Strand erleben, aber es fühlt sich unwirklich an. Und Kalil weiß noch nicht, dass seine Reise von nun an schrecklich wird.
Sie war schon schlimm bis hierher: Vor der Überfahrt, als noch ein Arm des Meeres zwischen ihm und Europa lag, war das Ziel nichts als ein dunkler Block in der Nacht, eine abweisende Mauer aus Vulkangestein. Doch je heller es wurde, desto mehr leuchtete das Land am Horizont, bis es mit den Nebelstreifen davor fast so aussah, als ob es über dem Wasser schwebte. Die Strömung trieb sie mit sechs Knoten aus Nordwesten, keine Windböen, gute Sicht.
Jetzt sind sie hier, auf einem Friedhof von Schwimmwesten, auf denen "Swim safe" steht. 2000 Menschen. Kinder in Chanel-Kostümen, Kinder in Lumpen, Jugendliche mit Selfiestick, Jugendliche ohne Vater, Frauen mit Burka, Frauen mit High Heels. Grafikdesigner und Ärzte, Ingenieure und Studenten, Arbeitslose und Tagelöhner. Pakistaner, Iraker, Afghanen, Syrer, Bangladescher, Koreaner.
Kalil klopft sich den Schmutz von den Beinen, er hilft seinen Freunden aus dem Sand und umarmt sie schweigend. Said, den Bodybuilder mit dem Superman-T-Shirt, dem die Preise für Proteindrinks in Damaskus zu hoch wurden, und Jamal mit den wilden Locken, Fan der kalifornischen Trash-Metal-Band Slayer, dem immer noch übel ist von der Reise und dem seine Mutter zu Hause jeden zweiten Tag die Wäsche wusch. "Focus Germany. No stop. Let's go", sagt Kalil.
Das ist sein Traum: Er ist in der Allianz-Arena, dem einzigen Bauwerk, das er in Deutschland kennt. Bayern München spielt gegen Real Madrid. Er jubelt, er singt, Thomas Müller schießt ein Tor, und am Ende gewinnt Bayern. Kalil wacht glücklich auf.
Er hatte einen Onkel in Bulgarien, er wollte sich um ein Visum bewerben, aber der Onkel sagte, als Syrer könne er ein Visum vergessen. Also ordnete Kalil die Bücher seines Englischstudiums auf dem Schreibtisch in seinem Jugendzimmer, machte noch ein Abschiedsbild, schloss die Tür, stieg in ein Auto nach Beirut und begann seine Flucht.
Seitdem ist sein Handy Kompass und Reiseführer zugleich, in seinem Licht folgt er den Reisebeschreibungen der Schmuggler, chattet mit Freunden, die schon weiter sind, sucht die Koordinaten der Pfade, lässt sich ausrechnen, was er an Bargeld kalkulieren muss.
Taxi nach Beirut: 6000 syrische Pfund
Flug nach Bodrum: 300 türkische Lira
Schlauchbootfahrt Lesbos: 1250 Dollar
Fähre nach Athen: 60 Euro
Bus durch Griechenland: 45 Euro
Zugfahrt durch Mazedonien: 25 Euro
Busfahrt durch Serbien: 60 Euro
Taxi nach Wien: 200 Euro
Zugfahrt nach Passau: 49 Euro
Dazu noch Geld für den Notfall, für Hotels in der Türkei, für Zigaretten und Essen, insgesamt etwa 2000 Euro, ein durchschnittliches syrisches Jahreseinkommen. Kalil hat sich das Geld von seinen Eltern geliehen. Eigentlich wollten sie damit einen kleinen Laden mieten, sein Studium oder eine Hochzeit finanzieren, aber seine Eltern glauben, dass die Flucht eine bessere Investition in die Zukunft ihres Sohnes sei. Wenn er ankommt, will er Vater und Mutter nachholen, auch sie sollen ein besseres Leben führen. "Why just exist, when you can evolve", hat ein Iraker aus Kalils Boot auf sein T-Shirt geschrieben.
In Lesbos wartet Kalil in einer langen Schlange vor der Registrierungsstelle, einem ehemaligen Kinderspielplatz, auf dem Helfer hastig ein paar Zelte gebaut haben. Kalil buchstabiert einem Dolmetscher seinen Namen, er bekommt einen handgeschriebenen Zettel, der ihn als einziges Dokument bis nach Deutschland begleiten wird. Ein mürrischer Polizist sagt ihm die ersten offiziellen Worte: "Hier, Fingerabdruck." Ein Helfer rollt Tinte über Kalils Hände und brüllt in die Schlange, nicht zu drängeln.

Am Stacheldraht lagern die verlorenen Schuhe, die alten Pässe und der Müll der Durchziehenden, nur aus dem Anhänger eines örtlichen SIM-Karten-Verkäufers leuchtet Licht. Mit tintengeschwärzten Händen steht Kalil in der Dunkelheit und sucht nach Seife und Wasser. "Gehört Griechenland zu Europa?", fragt er. "Sieht das alles in Deutschland auch so aus?", will er immer wieder wissen. Europa ist hier ein trauriger Kinderspielplatz.
Kalil ist noch nie Fahrrad gefahren. Hunde an der Leine kennt er nur aus Kinofilmen. Das schlimmste Erlebnis seiner Jugend war ein Besuch im Hause seiner Freundin, bei dem sie fast von ihrem Vater erwischt worden wären. Vor der Polizei hat er Angst, aber er weiß auch, dass sie bestechlich ist. Angestrichene Hausfassaden findet er ungewöhnlich, aber schön.
Als er aus der Registrierungsstelle zum Hafen geht, um sich ein Ticket nach Athen zu kaufen, sieht er eine Menschenmenge auf sich zu kommen. Die Leute schreien laut und blasen in Trillerpfeifen. Kalil weicht zurück. In Damaskus bedeuten Menschenmengen nichts Gutes. "Kein Faschismus", rufen die Leute, "keine Nationen, keine Grenzen." Es ist eine Demonstration von Jugendlichen, die auf die Insel gereist sind. Eine Demonstration nicht gegen, sondern für Menschen wie ihn. Kalil versteht nicht, er hat gerade eine Grenze überquert. "Was ist Faschismus?", fragt er.
Kalil kennt auch Pegida nicht, aber er hat brennende Asylbewerberheime im Fernsehen gesehen. Er glaubt an die anderen, die besseren Bilder aus dem ZDF. "We love you", las er auf den Plakaten in den Fernsehbeiträgen, "We are here to help you." Freunde haben ihm erzählt, dass jeder Flüchtling in Deutschland 100 Euro bekomme, einen Studienplatz und eine Wohnung. Darauf freut sich Kalil.
Auf der Fähre nach Athen muss er das erste Mal auf dieser Reise weinen. Erst hier fällt ihm ein, was er aufgegeben hat. Seinen Vater, den Professor, den ruhigen Mann mit der tiefen Stimme, der ihn bisher durchs Leben geleitet hat, dem er einen Handkuss gab beim Abschied. Er spricht von seiner Mutter, die ihm weinend versicherte, dass sie ihn gar nicht vermissen werde, um ihm Mut zu machen. Seine Freundin fällt ihm ein, mit den braunen Augen, der hellen Haut und den hübschen Zähnen. Er vermisst sein Zimmer, das klein war, aber gut. Was, wenn alle Mühe umsonst war? Was, wenn Deutschland nicht hält, was die Bilder versprachen?
Kalil hat sich mit seinen Freunden auf das Oberdeck gekauert, ganz hinten, in den Windschatten einer zwölfstöckigen griechischen Fähre, die jeden Tag zwischen Lesbos und Athen pendelt, mit 2000 Flüchtlingen an Bord. Alle mussten für ihr Ticket zahlen. Die Kabinen hat die Mannschaft verschlossen, deshalb legen sich die Menschen in den Gängen davor auf den Teppichboden. Die Männer an der Essensausgabe in der Pianobar sind mit Stöcken bewaffnet, zwei Afghanen kämpfen auf der Tanzfläche um Platz an einer Steckdose, um ihr Handy aufladen zu können, Iranerinnen zupfen sich am leeren Pool die Augenbrauen, während kurdische Kinder neben ihnen "Reise nach Jerusalem" spielen. Europa ist hier eine weiße, fröhliche Spur voller Gischt durch ein tiefblaues Meer.

Der Mond leuchtet über dem Wasser, als sie durch die südliche Ägäis fahren, durch die Straße von Kafireas, vorbei an den Kykladen, vorbei am Kap Sounion. Auf den Gängen riecht es bald nach Windeln, in den Toiletten staut sich der Urin. "Ich hoffe, ich schlafe ein und wache in Deutschland wieder auf", sagt Kalil. Deutschland ist für ihn das Land, in dem die Unruhe ein Ende hat. Dort regiert Angela Merkel, eine friedliche, mächtige Frau. Deutschland ist das Land von Bayern München und Thomas Müller, ein Land, so glaubt Kalil, in dem die Menschen um fünf Uhr aufstehen, nur einen Kaffee zum Frühstück trinken und anfangen zu arbeiten. In Damaskus hat Kalil die halbe Nacht Playstation gespielt und morgens lange ausgeschlafen, er ließ das Studium schleifen, weil ständig der Strom ausfiel und er keine Lust hatte, bei Kerzenschein zu studieren, um danach in einem kaputten Land Militärdienst leisten zu müssen. "In Deutschland", sagt Kalil, "nehmen die Menschen das Leben ernst." Und er will es dort auch ernst nehmen.
Zwei Iraner an Deck stimmen Kalil nur teilweise zu. Auch sie waren noch nie in Deutschland, aber sie haben die letzten Jahre in türkischen Villen Pools geschrubbt und sich dabei eine Meinung zu fast jedem Land Europas gebildet. Deutschland, sagen sie, sei ein Land, in dem man gut arbeiten, aber nicht gut leben könne. Schweden: dunkel und depressiv. England: starke Währung. Italien: gut für Mode. Spanien: gut zum Feiern, aber weit weg. Ungarn: böse Menschen, die gern kämpfen. Griechenland: keine Jobs, wie in Iran. Die Niederlande: gut, es geht aber noch besser. Österreich und die Schweiz kennen sie nicht. Die Iraner wollen nach England, sie klingen sehr sicher in ihrem Urteil. Kalil weiß nicht, ob sie recht haben, aber er nimmt es als weiteres Puzzlestück seines Zieles, wie die Bilder des ZDF.
Ein Würstchenstand und ein Verkehrspolizist erwarten ihn in Athen. Kalil verschwindet in die Nacht, auf der Fähre hat sich eine syrische Reisegruppe gefunden, die jetzt so schnell wie möglich nach Mazedonien will. Die Busfahrt soll 45 Euro kosten, inklusive einer Raucherpause an der Raststelle "Autogrill". Kalil schläft zum ersten Mal seit zwei Tagen. Der Bus folgt den Lichtern der Autobahn, schlafend passiert Kalil Attika, Thessalien, den Olymp, den Sonnenaufgang über der Ägäis, zusammengesackt, mit dem Kopf gegen den Sitz des Vordermannes stoßend, den Rucksack eng umklammert. Irgendwann, als der Bus anhält, wacht er auf. Am Autogrill kauft er sich ein Käsesandwich. Europa ist hier eine Autobahn, die nicht aufhört.
"Wir sind normale Leute", sagt Kalil, "ich hätte nie gedacht, mal ein Schlauchboot zu besteigen." Kalil studierte an der Universität von Damaskus im dritten Semester Englisch. Er kennt Shakespeare, er zitiert Arthur Miller und Lewis Carroll. Seine Lieblingsfilme sind "The Fast and the Furious", "The Godfather" und die US-Serie "Friends". Er will mal als Übersetzer in einer großen Firma arbeiten, sein Freund Said, der Bodybuilder, will Fitnesstrainer werden, der andere, Jamal, Gitarrist in einer Metal-Band. Kalil beschreibt Damaskus als eine Stadt, die langsam immer dunkler wird, wie eine Straße, in der Stück für Stück alle Laternen ausgehen, bis es schwarz wird.
Die Treffpunkte ihrer Jugend verschwanden. Erst schloss Pizza Hut, dann Kentucky Fried Chicken, dann der Klamottenladen Zara, dann ihre Lieblingsbar. Dann kamen der Stromausfall, die Polizeikontrollen, der Militärdienst. Erst zogen Nachbarn weg, dann die besten Freunde, irgendwann waren sie die Letzten. Said erzählt, er habe etwa 500 Freunde auf Facebook, davon seien 400 bereits in Europa, 50 seien in Syrien bei der Armee, und die anderen 50 seien tot. Kalil und seine Freunde fliehen nicht vor den Fassbomben Assads wie die Menschen in Homs und Aleppo. Sie fliehen vor der Dunkelheit.

Mazedonien sind Bahngleise und Schotter bei mehr als 30 Grad. Eine Schlange aus 2000 Menschen, die sich über den Sandboden zieht, ohne dass jemand weiß, worauf man eigentlich wartet. Sinnloses Warten: Das ist das Zermürbendste bei dieser Flucht. Wie überall werden Afghanen, Syrer und Pakistaner getrennt, um Streit zu vermeiden. Nur langsam werden die Menschen über die Grenze gelassen. Ein mazedonischer Wärter steht mit seinem Schlagstock dahinter und sagt: "Ich hab auch keine Lust, mit euch hier zu warten." Ein Syrer tritt aus der Schlange und geht langsam an den Wärter heran. Er lächelt und sagt auf Englisch: "Aber wir haben Lust, mit dir zu warten." "Ja, vielleicht", sagt der Wärter, steckt den Schlagstock ein und geht ein paar Meter weiter. Europa ist hier ein friedlicher Weinstock in der Herbstsonne.
Nach fünf Stunden erfährt Kalil, dass er auf die Registrierung im Grenzort Gevgelija gewartet hat, die bedeutet, dass das handgeschriebene Einreisepapier aus Griechenland kopiert und die Kopie ans Original geheftet den Flüchtlingen mitgegeben wird. Das macht keinen Sinn, aber alle sind froh, dass es vorbei ist. Hinter dem Stacheldraht des Grenzlagers steht eine Diesellok bereit, in deren Waggons die Flüchtlinge getrieben werden, vorher kassieren die Grenzbeamten von jedem 25 Euro in bar. Eine Mutter aus Eritrea wird von einer Gruppe Pakistaner verprügelt und wieder aus dem Zug geschmissen, sie hatte versucht, von der anderen Seite in den vollen Zug einzusteigen.
Es wird wieder Nacht, Kalil schläft im Gang, neben seinen Freunden. Es ist so voll, dass sie nur kauern können, nicht liegen. Ihre Zigarettenasche fällt auf ihre Beine, sie haben nichts mehr zu essen. Die Toilette ist ein stinkendes Loch, davor schläft eine Hazara-Familie aus Afghanistan. Draußen erfüllt Gewitterleuchten den Fluss Vardar und das Osogowo-Gebirge Mazedoniens. Jamal öffnet das Fenster und trommelt auf den Fenstersims. "Heute war kein guter Tag", sagt er, "Ich fühle mich wie ein Gefangener." Es ist die erste Zugfahrt seines Lebens, das Ruckeln macht ihn nervös, dann schläfrig. Irgendwann sinkt alles in einen komatösen Schlaf. Nur Kalil schreckt manchmal auf. Neben ihm liegt ein junger Student aus Damaskus. In der Nacht suchen sie das Gespräch.
"Ich hatte das beste Leben in Damaskus", sagt der Student, "wirklich das beste Leben, bis die Terroristen aus Israel und Afghanistan kamen." Nur die Gaspipeline, die Assad dem Westen verweigert hat, meint er, habe den Krieg heraufbeschworen. Assad sei ein guter Mann, ein friedlicher Politiker, sagt der Student, der Krieg sei nicht seine Schuld, er sei finanziert von den USA und von Israel, um sich an Assad zu rächen. "Und von der Türkei", wirft Kalil ein. Er weiß nicht, wem er glauben soll, dem Staatsfernsehen in Damaskus oder den ausländischen Sendern. Er sagt, man wisse nicht, was stimme, es könne schon so sein, wie der Student es erzählt. Es gebe Geheimnisse in Syrien, sagt Kalil, die niemand kenne, über die man besser nicht spreche.
Morgens um vier Uhr spuckt der Zug die Flüchtlinge am Grenzbahnhof Tabanovce aus. Immer sind es die kleinen, verschlafenen Orte, in denen auf einmal Tausende stehen. Nach dem Gewitter ist die Luft abgekühlt, aber es regnet immer noch. Die Flüchtlinge stehen mit ihren Sommerhemden in der Nacht und zittern. Kalil hört nur das Geschrei der Kinder und das Pfeifen des Windes. "Ist das Winter?", fragt er.
Ein paar Serben verteilen aus dem Kofferraum ihrer Autos Klamotten. Bald sehen alle aus wie Mimen eines Zirkusspiels, mit zu langen Ärmeln und karierten Hosen. Ein Treck aus Clowns macht sich auf den Weg nach Preševo, nach Serbien. Grenzer stehen am Rand, sie leuchten mit ihren Handys. "Serbia! Serbia!", rufen sie und zeigen in die Schwärze. No stop. Focus Germany.
Es beginnt ein Marsch durch Schlammpfützen und steile Hänge hinauf, durch Wald und über Felder, ein stundenlanger Treck, die Kinder laufen stoisch mit, irgendwann sind sie zu müde geworden, um sich zu beschweren. Europa ist hier ein schlammiger Weg in der Dunkelheit.
"Es fing an wie ein Urlaub, jetzt ist es ein Desaster", sagt Kalil, während die nassen Zweige in sein Gesicht schlagen. Der Regen hat den Stoff seines T-Shirts durchnässt. Er hat sich von den Serben eine viel zu dünne Jacke geben lassen, seine Hose riss, als er einen Zaun überstieg. Irgendwo im Wald taucht auf einmal ein Gepäckförderband auf. Ein einzelner Beamter schaut müde zu, wie die Menschen ihre Bündel in der Dunkelheit auf ein Rollband legen und weiterschreiten. Genauso gut könnte hier im Wald auch eine Eisdiele stehen und jemand Waffeln verteilen, man würde es so hinnehmen.

Zwei albanische Schmuggler warten im Schlamm auf die Ankommenden. Sie bieten Kalil an, ihn direkt an die kroatische Grenze zu fahren. Die Albaner können zwei Sätze, mit denen sie offenbar seit Monaten gut zurechtkommen: "No money, no" und "Go money, go". Nach Belgrad kostet die Schmuggeltour 50 Euro, direkt an die Grenze 60 Euro. Die Schmuggler zeigen den Betrag mit den Fingern. Kalil steigt in den Bus, kramt das Geld aus seiner Hose und zahlt. Eine Familie aus Afghanistan hat dem falschen Mann das Geld in die Hand gedrückt, sie muss noch mal bezahlen, sonst soll sie mit den Kindern aussteigen, zurück in den Regen. Die Leute schreien und betteln, doch die Schmuggler wiederholen immer wieder nur den einen Satz: "No money, no." Irgendwann gibt die afghanische Familie auf.
Hinter zerkratzten Scheiben zieht Serbien vorbei, das Balkangebirge, die Save, die Donau. Am Balkan-Grill laden alle schweigend ihr Handy. Essen will Kalil nichts, er sagt, er spare das Geld lieber für den nächsten Schmuggler. Die Albaner lassen sich in Ruhe drei Gänge auftischen, während die Flüchtlinge vom Wirt ein Brot hingelegt bekommen. Europa ist hier ein ungerechter Imbiss mit karierten Tischdecken.
Die schlimmste Grenze kommt noch: Es ist die nächste Außengrenze zur Europäische Union, ein Asphaltstreifen zwischen Sid in Serbien und Tovarnik in Kroatien. Hammerschläge dröhnen herüber, ein neuer Grenzzaun wird gebaut. Tausende warten hier, umkreist von kroatischer und serbischer Polizei, zwei, drei Tage, weil immer nur ein paar Hundert die Grenze passieren dürfen. Die Menschen haben sich in Gruppen zusammengefunden, sie halten selbst geschriebene Wartenummern an Stöcken hoch, in der irren Hoffnung, dass es so gerechter zugehen würde.
Irgendwann gibt es keine Nummern mehr, alles drängelt an die Polizisten heran. Immer dichter pressen sich die Körper aneinander, über Stunden. Es ist dieser Moment, in dem man in den Gesichtern der Polizisten etwas wie Angst erkennen kann, weil klar wird, dass selbst die stärkste Polizeikette entschlossene Massen nicht aufhalten kann. Immer dichter pressen sich die Menschen. Familienväter schreien nach Hilfe. Manchmal bricht eine Panik aus, manchmal ein Kampf, wie Wellen pflanzen sie sich in der Menge fort. Immer wieder werden ein paar Leute durchgelassen, jeder will dazugehören. Wohin es geht, hinter den Polizisten, weiß niemand. Nur durch wollen alle.
Alle paar Minuten schreit ein Polizist "Sit down". Aber irgendwann ist es zu eng, um sich hinzusetzen. Der Übersetzer hinter der Absperrung ruft in ein Megafon, dass er auch Araber sei, aber ihnen nicht helfen könne, wenn sie solche Chaoten seien. Irgendwann sagt er, jetzt werde es noch 10 Minuten dauern, vielleicht 20 Minuten, dann könnten sie passieren. Jeder weiß, dass es eine Lüge ist, aber die Möglichkeit, dass es doch jederzeit passieren könnte, lässt alle unter Spannung bleiben, wie ein Seil, kurz vor dem Zerreißen. Es dauert noch 14 Stunden.
Am Abend wird es sieben Grad kalt auf dem Asphalt, und die Menschen umklammern sich, um sich warm zu halten. Die freiwilligen Helfer werden bei Einbruch der Dunkelheit von der Polizei weggeschickt. Nur die Leuchtpunkte der Zigaretten sieht man jetzt noch, niemand schreit mehr, es ist, als wäre die Zeit erstarrt. Mitten in der Nacht beginnt Kalils Körper unkontrolliert zu zittern, Nebel steigt auf. Es gibt zu wenig Decken. Dann wird es noch kälter.
Kalils schönster Tag im Leben war der Besuch von "Happy Land", dem Vergnügungspark von Damaskus. Mit einem Freund aus Latakia fuhr er dort Achterbahn, rutschte in Schwimmbecken und aß Zuckerwatte, bis er nicht mehr konnte. Er erinnert sich an die bunten Lichter, an das große Karussell und daran, dass er die meiste Zeit über gelacht hat. Wenn er jetzt nachdenkt, hatte er meist eine gute Zeit in Damaskus. Er fragt sich manchmal, wie es wäre, wenn er seine Heimat nicht verlassen hätte.
Als Kälte und Dunkelheit ihren Höhepunkt erreicht haben, stimmt ein Afghane langsam ein Lied an. Es tröstet die Dämmernden, auch wenn nicht alle seine Worte verstehen, er singt auf Urdu, es ist ein Lied vom Schöpfer und von der Liebe, von Freundschaft und Hoffnung. Irgendwann wird es wieder Morgen. Eine Helferin aus Stuttgart bringt Tee. "In Deutschland ist es noch kälter", sagt sie und gießt die Plastikbecher voll.

Ungarn sind Reihen und Kommandos, nummerierte Busse und eine lange Linie von Wachleuten, die jeden Schritt überwachen. Polizisten mit Mundschutz kontrollieren allen Flüchtlingen die Taschen, jeder Besitz muss auf den Boden gelegt werden. Sie sprechen nicht mit den Menschen. Hier schweigen alle. Hier hat Kalil zum ersten Mal Angst in Europa. Die Züge passieren die Ungarische Tiefebene, den Balaton, den Bakonywald. Auf den letzten Metern zur österreichischen Grenze jagen Polizeiwagen Flüchtlinge mit Blaulicht vor sich her. "Yalla, yalla!", rufen sie durch die Sprechanlage: "Schnell, schnell!" Die Menschen rasen durch ein Gatter, Flutlicht strahlt ihnen ins Gesicht, eine fremde Stimme ruft Kommandos, atemlos rennen sie eine Treppe hoch, Rampe 4 steht darüber geschrieben, dann bleiben sie stehen und holen Luft. Europa ist hier ein Gefangenentransport.
Schweigende Wachleute empfangen sie. 20 000 Menschen sind am Wochenende angekommen. Jemand reicht Wasser. Erst hier in Österreich, am Zollamt Nickelsdorf, fühlt Kalil sich freier. "Parkordnung" liest Kalil an der Grenze, es ist sein erstes deutsches Wort. Das zweite: "Kraftfahrreferat", dann: "Rauchen verboten". Keiner will einen Pass oder das Gepäck sehen, die Beamten organisieren Taxis. Harald, aus dem Burgenland, fährt sie. Er lässt sich das Geld bar in die Hand auszahlen, 200 Euro nach Wien, und sagt: "Wunderbar. Dann gemma es an." Das Taxi braust durch das Alpenvorland, durch das Marchfeld, das alte Schlachtfeld Europas. Als sich das Taxi Wien nähert, summt der Fahrer das Lied aus dem Radio mit: "Wenn die Liebe triumphiert und die Sehnsucht sich verliert, ist die Welt ein Blumenmeer für uns zwei."
Dann schwärmt er seinen Kollegen über Funk vor, wie viel Geld die Flüchtlinge haben. "Die kommen hier alle mit den Taschen voll an. Zehn Milliarden machen die Schmuggler! Das ist bares Geld, da müssen wir ran, das geht Österreich sonst verloren." Für Kalil ist Harald, der Fahrer, der Letzte in einer langen Reihe von Schleusern. Die Nacht über teilen sich die drei Freunde ein Zimmer am Westbahnhof für 70 Euro. Stundenlang föhnen sie sich die Haare, sie duschen sich das erste Mal seit Tagen, schlafen viel. Das Essen ist anders, das sie hier bekommen, Brot und Pommes, es hat nichts zu tun mit der feinen Küche der Levante, mit den Auberginen und Oliven, dem Hummus und dem Taboulé. "Aber morgen sind wir in Deutschland", sagt Kalil, morgen wird er sich ein Zugticket kaufen. Dann wird alles gut, so hofft er es.
Sie haben vielleicht zwei Minuten Freiheit in Deutschland. Vom Zugfenster sehen sie Passau, den Stephansdom, den Inn, die Donau, eine Brandschutzmauer. Kalil schaut auf sein Handy. "Deutsches Netz", sagt er, "wir sind da."
Er lächelt. Er klatscht in die Hände seiner Freunde. "Yes", ruft er. Er hat es geschafft. Der Zug rollt langsam am Passauer Bahnhof ein, und die Tür, an der Kalil steht, stoppt genau vor der Bundespolizei. Niemand hält Luftballons in den Händen. Niemand hält selbst bemalte Schilder hoch. Niemand jubelt. Unten am Bahnsteig wartet Polizeihauptmeister Steffen Zaubitz auf ihn. Zaubitz lässt sich Kalils Pass zeigen, sucht nach einem Schengen-Visum, und als er keines findet, sagt er: "You are arrested." Kalil ist angekommen. Europa ist hier eine Bierbank, umringt von freundlichen Polizisten.
Als Kalil klein war, hat seine Mutter ihm Märchen erzählt, es sind dieselben Märchen, die auch deutsche Kinder kennen, nur heißt Rotkäppchen nicht Rotkäppchen, sondern Leila. In solch einem Märchen ist Kalil aufgebrochen zu einer Reise durch einen dunklen Wald mit einem Schloss am Ende. Er war der Müllerssohn, der auszog, den Drachen zu besiegen, um am Ende ein Prinz zu werden. Und nun ist das Schloss eine Turnhalle, und der Drache trägt Uniform und heißt Zaubitz. Und Kalil wird kein Prinz, sondern er bleibt so, wie er ist. Das Märchen endet nicht so wie erträumt. Manchmal ist es nicht gut, einen Traum verwirklichen zu wollen.

Drei Wochen später liegt Kalil auf dem Feldbett in einer Turnhalle, 25 Betten in zehn Reihen, 250 Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak. Die Polizei hat ihn in das Erstaufnahmelager Deggendorf gefahren, von dort kam Kalil in dieses Notlager nach Straubing in Niederbayern, südlich der Donau und des Bayerischen Waldes. Hier lebt er unter einem Basketballkorb neben einer Zuchtviehversteigerungshalle.
Draußen wird bald der Christkindlmarkt vorbereitet, draußen empfiehlt Metzger Dreier heute Kalbsleber und Rinderrouladen. Hier drinnen ist es dunkel, Bettruhe, aber jeder ist wach. Kalil trägt ein Armband um sein Handgelenk mit einer Nummer, sein Bett hat eine Nummer, sein Asylantrag hat eine Nummer. Er sucht über der Türschwelle den Lichtschein aus dem Flur, der den Sicherheitsdienst verrät, damit er rechtzeitig seine Zigaretten verstecken kann. Leise zieht er aus einem Beutel unter seinem Bett einen neuen Föhn hervor, den er sich in Straubing gekauft hat. "Sag es nicht den anderen", flüstert er. Er ist stolz auf diesen Besitz, und er will nicht, dass er geklaut wird. Er dreht eine Zigarette, dann noch eine Zigarette und lauscht weiter nach den Schritten des Wächters. "Es ist alles sehr, sehr gut", sagt Kalil.
Aber es ist nichts gut. Er träumt nachts nicht mehr, seit er in Deutschland ist. Stattdessen sitzt er mit den anderen Jungen bis fünf Uhr morgens auf den Feldbetten der Turnhalle, unterhält sich flüsternd, vergleicht, hofft, wartet und raucht, raucht, raucht. Es ist so, als säße er immer noch an der Grenze und die Nacht hörte nicht auf. Wenn Kalil dann mit seiner Schwester telefoniert, dann weint er oder wird laut. Er sagt, dass er sich verändert habe. Früher war er fröhlich, selbst auf dem Schlauchboot hat er noch Witze gemacht. Jetzt schweigt er oft. Seiner Schwester sagt er: "Du weißt nicht, wie unglücklich ich bin." Und wenn sie sagt: "Du musst doch nur Deutsch lernen, du bist doch noch jung", dann sagt er: "Du hast keine Ahnung."
Über WhatsApp erfährt er, dass er seinen Studienplatz in Damaskus verliert, wenn er sich die nächsten Tage nicht melden wird. Eigentlich müsste er nur noch ein Jahr studieren, dann hätte er einen Master-Abschluss. Hier ist er nur eine Nummer auf einem Band. Manchmal denkt er darüber nach zurückzukehren, aber was soll er in Damaskus? In seinem Zimmer wohnt jetzt sein kleiner Bruder, und auf den Jasmin im Garten fällt bald der Schnee. Freunde hat er dort keine mehr. Vielleicht werde er in zehn Jahren zurückkehren, sagt Kalil, vielleicht auch in hundert Jahren. Oder er geht nach Beirut. Im Notlager gibt es jeden Tag ein paar Leute, die zurückgehen wollen, nach Syrien, nach Afghanistan, in die Türkei, in den Libanon. Selbst auf der Flucht, sagt Kalils Bettnachbar, hätten sie noch Würde gehabt. Sie hätten im Schlamm gebetet und sich mit dem letzten Wasser rasiert. Aber sie hätten wenigstens ein Ziel gehabt. Einmal angekommen, ist das Ziel verloren gegangen.
Kalil sagt seinen Eltern, dass sie nicht nach Deutschland kommen sollen, er sagt seinem Bruder, dass er nicht kommen solle. Er sagt ihnen: "Die Bilder im Fernsehen sind größer als die Wirklichkeit." Er sagt ihnen, dass sie das viele Geld für nichts ausgegeben hätten. In Damaskus sei er mit zwei Euro Taschengeld am Tag zurechtgekommen, hier reiche das noch nicht mal für eine Packung Zigaretten. Aber es ist merkwürdig, meint Kalil, sie verstehen es nicht, obwohl er es ihnen erklärt. Sie glauben nicht ihm, sondern immer noch den guten Bildern, die stärker sind als jede Wirklichkeit. Und auch Kalil schickt mit WhatsApp nur die guten Bilder: Er im Klub, zusammen mit schönen Mädchen, lächelnd. Dass der Klub mittlerweile keine Asylbewerber mehr reinlässt, weil einige Schlägereien anfingen, verschweigt er. Er erzählt auch nicht, dass sie sich als Spanier ausgeben, weil sie glauben, dass bei den Mädchen die Wahrheit nicht gut ankomme.

Am nächsten Morgen verschläft Kalil, er wollte eigentlich früh aufstehen, um Deutsch zu lernen, aber er fehlt beim Frühstück, und Deutsch lernt er auch nicht. Brot, Wasser, Mann, Frau, Danke schön, alles klar, das reicht ihm erst mal. Er föhnt sich die Haare, dann geht er über den Festplatz, am Schützenhaus vorbei Richtung Theresienplatz. Ihn stört hier vieles. Dass er nicht weiß, was Knödel sind, wenn er danach gefragt wird, dass er überhaupt vieles nicht weiß. Dass er sich nicht so ohne Weiteres Musik aus dem Internet runterladen kann. Dass Geschäfte um 18 Uhr zumachen. Dass die Mädchen kein Englisch sprechen und er dann häufig nicht mehr weiß, wie sie flirten sollen. Dass es so oft regnet. Dass die Zigaretten so teuer sind. Dass es für ihn nichts zu tun gibt.
Er geht jetzt, wie fast jeden Tag, zum Theresien-Shoppingcenter in der Innenstadt. Er sitzt dann am Kriegerdenkmal davor und geht für die Jugendlichen Zigaretten kaufen. Oder er schaut sich im Theresien-Center Playstations und DVDs an, alles, was er zu Hause hatte und hier nicht kaufen kann. Manchmal überweist seine Familie Geld über Western Union, sie fragen ihn jetzt, wann es endlich so weit sei, wann er selbst Geld verdienen könne. Er weiß dann nicht, was er sagen soll.
Kalil betritt den Computerspielladen im Erdgeschoss des Kaufhauses. Er tippt ein bisschen auf einer Konsole herum, lässt Ronaldo schießen, dann Messi. Aber es klappt nicht, er kommt mit den Spracheinstellungen nicht zurecht. Und Bayern München kann er in der Demo-Version nicht spielen. Dann schaut der Besitzer komisch, und Kalil verlässt den Laden. Er denkt oft an Thomas Müller, denn die Drogeriekette, bei der er seinen Föhn gekauft hat, heißt "Müller". Aber es scheint so, als ob er Müller nie näherkommen würde als beim Einkaufen.
Kalil war nie in einem Fußballstadion. Die einzigen Male, die er Fußball gespielt hat, waren in einem Sportklub in Damaskus, als kleiner Junge. Sie warteten bis zum Abend, wenn die Luft kühler wurde. Sie zogen sich ihr Trikot über und spielten. Said war der Stürmer, Kalil stand im Tor. Einmal gewannen sie 3:0. Und die Sieger mussten nichts für den Platz bezahlen. Das war ein guter Tag. Manchmal ist es nicht gut, seinen Traum zu verwirklichen.

Zwei Monate nach seiner Flucht, kurz vor dem ersten Advent, kaufen sich Kalil und seine Freunde Jamal und Said ein Bayern-Ticket der Bahn nach München. Als er vom Viktualienmarkt die kleinen Menschen auf dem hohen Glockenturm des Sankt Peter sieht, will er hinaufsteigen, aber sie irren sich in der Tür, und auf einmal stehen sie in der alten Barockkirche und sehen die Heiligen. Es ist sonst niemand da, und er geht lange schweigend hindurch, und ausgerechnet Jamal, der Heavy-Metal-Fan, nimmt irgendwann die Kopfhörer aus seinem Ohr und zeigt auf das viele Gold und fragt, ob das echt sei und wie all die Menschen heißen, die man hier verehre. Und es ist merkwürdig, weil es eine alte Geschichte ist, die jetzt gar nicht so alt erscheint. Denn vorn auf dem Thron des Hochaltars sitzt der Flüchtling Petrus, der aus Jerusalem vor der Verfolgung eines Herrschers floh. Und in den Fresken und in den Nischen der Kirche ist das Flüchtlingskind Jesus dargestellt, das Josef und Maria vor Herodes nach Ägypten retteten. Es ist der Wirtschaftsflüchtling Abraham, der aus Kanaan floh, auf der Suche nach einem besseren Leben; es ist sein Sohn, der Flüchtling Isaak, der vor Hunger nach Gerar floh. Und es ist Isaaks Sohn, Jakob, der floh, um nicht ermordet zu werden. Es ist der Flüchtling David, der Flüchtling Mose, der Flüchtling Noah, der Flüchtling Adam, der Flüchtling Elimelech mit seiner Frau Noomi aus Bethlehem. Und Paulus, der aus Damaskus floh, dreimal Schiffbruch erlitt und sagte, dass wir alle Erben des Himmels seien. Hier sind sie, als Statue und Schrift, in Öl und Stein, und warten seit Jahrhunderten, als Zeugnis, dass Menschen immer geflohen und dass Menschen immer angekommen sind.
Manchmal ist es nicht gut, seinen Traum zu verwirklichen. Und manchmal doch. Denn an diesem Abend, kurz vor der Adventszeit, betritt Kalil geblendet von Flutlicht das große, weiße Rund aus seinem Traum und hört die Trommeln und die Rufe, sieht die roten Fahnen und das Gras, das er seit seiner Kindheit nur aus dem Fernsehen seines Jugendzimmers kennt.
Bayern München spielt, und in der 20. Minute rennt Arjen Robben nach vorn und passt zu Lahm auf der rechten Seite, und der schießt eine lange Flanke in den Strafraum, und bevor der Ball den Boden berührt, nimmt Coman ihn schon mit der Innenseite seines rechten Fußes an, aber trifft ihn nicht ganz, und der Ball fliegt Richtung Pfosten, und dort im Fünfmeterraum rennt wieder Robben zur Linie und köpft in die Mitte vor das Tor, und dort müsste jetzt jemand stehen, und es steht dort auch jemand. Thomas Müller.
Und alles ist so wie in Kalils Traum. Er ist in der Allianz-Arena, und Bayern spielt, und Thomas Müller steht im Strafraum, und es ist kein Abseits, und Kalil umklammert sein Handy mit beiden Händen, und Müller nimmt den Kopfball ganz ruhig aus einer weichen, fließenden Drehung seines Körpers mit dem rechten Fuß und schießt, und es muss jetzt ein Tor geben, es gibt gar keine andere Möglichkeit, es sind keine drei Meter bis zur weißen Linie, aber der Torwart versucht noch, sich auf den Ball zu werfen, und fast erwischt er ihn, doch Müllers Ball fliegt an ihm vorbei. "TOOOOOR!", ruft der Stadionsprecher, "Die Nummer 25! Thomas ...", und Kalil ruft "Muuuuuuuller". Und er springt von seinem Sitz und reißt die Arme hoch. Fast 70 000 Menschen erheben sich, und als die Fans in der Südkurve das Lied anstimmen: "Steht auf, wenn ihr Bayern seid", da steht Kalil und versucht mitzusingen. Er schaut nach oben, auf einen silbernen Mond, und er sieht in diesem Moment so aus, als wäre er angekommen.

Kalil ist noch nie Fahrrad gefahren. Hunde an der Leine kennt er nur aus Kinofilmen.

"Parkordnung" ist sein erstes deutsches Wort. Das zweite: "Kraftfahrreferat".

Seiner Schwester sagt er: "Du weißt nicht, wie unglücklich ich bin."

Manchmal ist es nicht gut, seinen Traum zu verwirklichen. Und manchmal doch.

* Aus Sorge um das Wohl ihrer Familien in der Heimat haben alle in diesem Artikel auftauchenden Flüchtlinge den SPIEGEL darum gebeten, ihren Namen zu ändern. Die Namen sind der Redaktion bekannt.
Von Stock, Jonathan

DER SPIEGEL 53/2015
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