24.12.2015

September PROTEST ZWECKLOS

Vier Jahre nach Fukushima setzt Japan wieder auf Atomstrom. Von Wieland Wagner
Als ich im Sommer das Ehepaar Arima kennenlernte, dachte ich, ich hätte mich auf einen Rentnerausflug verirrt. Mit einem Häuflein Demonstranten standen wir auf einem Parkplatz zwischen grünen Reisfeldern und warteten darauf, dass sich der kleine Protestzug in Bewegung setzte. Unser Ziel: das fünf Kilometer entfernte Kernkraftwerk Sendai auf Japans südlicher Hauptinsel Kyushu.
Kazuko Arima und ihr Mann Yoshinori, beide knapp über 70, gehörten hier eindeutig zu den jüngeren Teilnehmern. Gegen die Sonne spannte Kazuko einen weißen Regenschirm auf, darauf hatte sie mit schwarzem Filzstift geschrieben: "Verhindert den Neustart!" In ihren zierlichen Händen hielt sie ein Schild, auf dem stand: "Stoppt die Wiederinbetriebnahme des Kernkraftwerks!"
Seit dem Reaktordesaster von Fukushima im März 2011 hatte die Anlage Sendai stillgestanden, wie zeitweise auch alle anderen Kernkraftwerke des Landes. Doch die Regierung in Tokio wollte Sendai gegen die Mehrheit der Bevölkerung als ersten Reaktor in Japan wieder ans Netz gehen lassen, im September sollte er wieder seine volle Kapazität erreichen. Die meisten Landsleute hatten sich längst mit dem atomaren Neustart abgefunden; nicht aber Herr und Frau Arima.
Sie hofften jetzt auch auf mich, den einzigen ausländischen Reporter hier, aber vor allem: ein Deutscher. Yoshinori stellte mich begeistert seinen Mitstreitern vor. Er fragte: "Ihr Deutschen habt wegen Fukushima den Atomausstieg eingeleitet, warum kriegen wir Japaner das nicht hin?"
Was sollte ich antworten? Dass mich der Widerstand dieser Alten tief rührte, ich ihn aber auch als aussichtslos empfand? Seit Fukushima treibe sie die Sorge um ihre Enkel zum Protest, sagten sie. Kazuko hatte sich nach der Katastrophe einen Geigerzähler angeschafft, mit dem sie seither täglich die radioaktive Strahlung misst. "Wenn es regnet, steigen die Werte", berichtete sie.
Dabei klang sie fast wie meine Mutter, die im Alter zur Atomgegnerin wurde – und mich bei jedem Telefonat ermahnt, nicht nach Fukushima zu fahren.
Von Wagner, Wieland

DER SPIEGEL 53/2015
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