24.12.2015

Tourismus Alpiner Katzenjammer

Der warme Dezember setzt den Wintersportorten zu. Neue Schneekanonen helfen kaum gegen den Schneemangel, man setzt auf Marketingtricks.
Es klingt wie ein schlechter Scherz: Zwei 16-jährige Jungs werfen einen Böller aus einem Sessellift, er explodiert, und das trockene Gras unter ihnen fängt Feuer. Im Nu brennt es auf 150 Quadratmetern. Acht Mitarbeiter der Bergbahn brauchen eineinhalb Stunden zum Löschen.
Das ist nicht etwa im Sommer passiert, sondern am vergangenen Sonntag auf 2120 Metern im Tiroler Pitztal. Winterwirklichkeit in den Alpen.
Seit Wochen sorgt beständiger Hochdruckeinfluss für zwitschernde Vögel in den Städten und frühlingshafte Temperaturen in den Bergen. Und damit fehlt, was Hoteliers und Skiliftbetreiber im Winter am meisten brauchen: Schnee.
Der Schweizer Nobelskiort St. Moritz meldet gerade mal 15 Zentimeter, auf dem badischen Feldberg liegt noch gar nichts. Und selbst in den schneesicheren Savoyen finden sich derzeit gerade mal 40 Zentimeter – oben auf dem Berg.
Die Rekordwärme im Dezember sorgt außerdem dafür, dass selbst die Illusion von Winter mittels Kunstschnee nicht funktioniert: Vielerorts bleibt es sogar nachts so mild, dass die Schneekanonen nur Regen erzeugen können. Weiße Weihnacht ist weithin nicht in Sicht.
Was der normale Tourist lediglich bedauert, macht der sowieso stagnierenden Skiindustrie große Probleme. Unter den Liftbetreibern sind bereits Rabattwettkämpfe im Gange: In der Weißen Arena in Laax, das unter den Schweizer Gebieten eigentlich als schneesicher gilt, gibt es 20 Prozent Ermäßigung auf den Skipass. Nur 64 von insgesamt 235 Kilometer Piste sind geöffnet. Ähnlich schlecht sieht es in Saalbach-Hinterglemm aus, einem der größten Skigebiete Österreichs: "Wir können eh nicht verheimlichen, dass wir im Augenblick auf Kunstschneebändern fahren, die bereits einige Wochen alt sind", sagt Tourismusdirektor Wolfgang Breitfuß. Bei ihm gibt es 15 Prozent Ermäßigung auf den Skipass. Über Silvester sehe es "buchungstechnisch" zwar nicht schlecht aus, für Januar jedoch tue sich gerade "gar nichts".
Auch im bayerischen Gebiet Sudelfeld (bis 1563 Meter) passiert nicht viel. Sieben Millionen Euro wurden hier vergangenes Jahr in die Beschneiung der alpinen Tieflage gesteckt – vom Freistaat subventioniert. Von 16 Liften waren zu Beginn dieser Woche gerade 2 in Betrieb. Die Bilder der Webcam zeigen schüttere Schneefelder neben einem riesigen Speicherbecken, das die Schneekanonen füttern und den Traum vom Skifahren künstlich am Leben halten soll. Sie wirken wie eine Landschaft auf der Intensivstation.
Gleichwohl beschwichtigen viele Marketingstrategen und preisen einen Urlaub in den Bergen an. Selbst wenn im Tal und am Berg "kaum Naturschnee" liege, gehe es auf den Pisten des Tiroler Alpbachtals "echt super zum Skifahren", lässt der dortige Tourismusverband wissen und empfiehlt den Vermietern, sich "nicht auf kostenlose Stornierungen durch die Gäste einzulassen". Als Beleg wird ein Video mitgeliefert, dessen Kameramann offenbar auf einem der wenigen voll beschneiten Pistenabschnitte festgewachsen war.
Die Stimmung sei gut und die ganze Diskussion um den Klimawandel nur von "gewissen politischen Gruppen" lanciert, sagt Franz Hörl, Chef der österreichischen Seilbahnbetreiber. Erwärmungsstudien hin oder her, Hörl setzt diesbezüglich auf eigene Auswertungen: Mit Daten der Zentralanstalt für Meteorologie könnten seine Touristiker belegen, dass es in den vergangenen 30 Jahren im österreichischen Alpenraum um etwa 1,5 Grad kälter geworden sei. Zahlen, die Hörl und seine Kollegen gut gebrauchen können: 570 Millionen Euro haben sie dieses Jahr in die alpine Aufrüstung investiert, 154 Millionen Euro allein für die Produktion von Kunstschnee – für Kritiker das Falschgeld der Wintersportindustrie.
Er mache mit Kunstschnee doch "das Gleiche wie die Natur", hält Hörl dagegen, den Unterschied erkenne der normale Skifahrer gar nicht mehr. Und Georg Eisath, Chef des Südtiroler Skigebiets Carezza, setzt noch einen drauf: Viele Skifahrer könnten doch "gar nicht mehr auf echtem Schnee fahren". Viel zu ungleichmäßig sei dieser komische Naturschnee. Eisath, muss man wissen, ist ein Schneekanonenpionier, seine frühere Beschneiungsfirma war in den Neunzigern Weltmarktführer. Naturschnee hält er für weitgehend überflüssig. Zu weich sei er, die Verletzungsgefahr höher. Davon hat Alois Schranz noch nichts gemerkt. Der Mediziner leitet die Medalp-Sportklinik, die auch die Pistenopfer der alpinen Unfall-Epizentren Paznauntal und Ötztal versorgt – rund 15 000 Personen pro Jahr. "An den Verletzungen erkennen wir die Pistenverhältnisse", sagt Schranz. Während sich Skifahrer bei Pulverschnee eher die Bänder verletzten, komme es bei Schneearmut wie jetzt zu potenziell schwereren Brüchen an Kopf, Schienbein und Schulter. Die Pisten sind oft hart wie Beton, und abseits der Markierungen fehlt der Schnee als Aufprallschutz.
Aber auch den Marketingprofis vieler Skiorte ist klar, dass das Fahren auf den schmalen weißen Kunstschneerinnen nicht besonders ästhetisch ist. Sie halten deshalb gigantische Ablenkungsprogramme vor, allein mit 400 Alternativen zum Skifahren wirbt die Region Engadin St. Moritz.
In der Nähe von Meran kann man die wenig winterliche Natur aus einer besonderen Perspektive genießen – aus den Badewannen in 16 Luxus-Baumhäusern. Das Wasser dürfte nicht allzu schnell kalt werden.
Von Klawitter, Nils

DER SPIEGEL 53/2015
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