24.12.2015

TiereDie Waldverwandtschaften

Der Mensch steht kurz davor, seine wilden Vettern auszurotten – die Schimpansen schwinden aus den Urwäldern Afrikas. Dabei lässt sich nur an ihnen erkennen, was den Menschen zum Menschen macht. Eine Expedition.
"Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe als irgendein Affe."
Friedrich Nietzsche, "Also sprach Zarathustra", 1883–85
Das Trommeln ist schon von Weitem zu hören, ein Donnern von Fäusten, die auf die Brettwurzeln turmhoher Urwaldriesen treffen. Dumpf hallen die Schläge durch den Regenwald, gefolgt von erregtem, rhythmischem Kreischen.
Christophe Boesch läuft voraus. Die Kopflampe des Forschers wirft fahles Licht auf den feuchten Waldboden. Äste schlagen ins Gesicht. Die Beine bleiben an Lianen hängen, Stolperfallen, die sich über den schmalen Pfad ziehen. Die Hemden kleben am Leib, klatschnass in der feuchten Wärme der westafrikanischen Nacht. Der Marsch durch den Dschungel fühlt sich an wie ein Dauerlauf durchs Dampfbad.
Eile ist geboten. "Wenn die Tiere ihre Nester verlassen haben, wird es sehr schwer, sie zu finden", flüstert Boesch. Das wäre ärgerlich. Denn seit vier Uhr morgens sind er und sein Team auf den Beinen, um Daly und seinen Trupp zu treffen: die wilden Schimpansen des Taï-Nationalparks im Südwesten der Elfenbeinküste.
Die Tiere zu suchen ist ein schweißtreibendes Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Denn Schimpansen fliehen den Menschen. Und sie haben allen Grund dazu. Holzfäller roden die letzten Regenwälder Afrikas. Kautschuk-, Kakao- und Kaffeeplantagen fressen sich in die feucht-grüne Heimat der Schimpansen. Von Wilderern wegen ihres Fleisches gejagt, aufgerieben zwischen den Fronten immer neuer bewaffneter Konflikte, stehen die Tiere längst auf der Roten Liste der bedrohten Arten.
Nur noch rund 200 000 Schimpansen leben im Tropengürtel zwischen Senegal im Westen Afrikas und Tansania und Uganda in Ostafrika (siehe Grafik ).
Um 1900 waren es noch über eine Million, schätzen Forscher. In der Elfenbeinküste ist die Zahl der Tiere in den vergangenen 20 Jahren sogar um 90 Prozent gesunken; im Taï-Nationalpark leben nur noch 300 Exemplare.
Der Mensch ist auf dem besten Weg, seinen wilden Verwandten auszurotten. Es ist eine stille Tragödie, ein Genozid, der an das Selbstverständnis des Homo sapiens rührt wie das Sterben keiner anderen Art. Und der Niedergang kommt zu einer Zeit, in der Forscher so viele neue Erkenntnisse über Pan troglodytes, den Schimpansen, gewinnen wie kaum jemals zuvor.
Mitgefühl und Trauer, Kooperation, Aggression, Blutlust und Werkzeugherstellung sind Eigenschaften, die der Mensch mit seinen Waldverwandtschaften teilt. Und noch etwas kommt hinzu, das lange als nur dem Menschen eigen galt: die Kultur. "Schimpansengruppen besitzen wie Menschen lokale Traditionen", berichtet der Primatenforscher Andrew Whiten von der schottischen University of St Andrews. Die Affen seien deshalb nicht nur als Art gefährdet. Vielmehr würden mit ihrem Tod "einzigartige Kulturen zerstört", vergleichbar mit jenen der letzten isoliert lebenden Naturvölker der Erde, beklagt Whiten.
"Chinesen benutzen Stäbchen, um Reis zu essen, wir nehmen Gabeln – vergleichbare kulturelle Unterschiede sehen wir auch bei den Schimpansen", erklärt Christophe Boesch. Der Primatologe vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig leitet seit 2009 das "Pan African Programme: The Cultured Chimpanzee". Boesch und seine Kollegen untersuchen 40 Schimpansenclans aus mehreren afrikanischen Ländern, um die kulturelle Vielfalt erstmals zu katalogisieren.
2016 sollen erste Ergebnisse vorliegen. Ein Trend ist schon erkennbar. "Mit jeder Erkenntnis, die wir gewinnen, wird der Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse kleiner", sagt Boesch, ein Umstand, den er als Chance begreift. Vor rund sieben Millionen Jahren lebte der letzte gemeinsame Vorfahre von Homo und Pan in Afrika. Kein Lebewesen ist dem Menschen genetisch näher als der Schimpanse. "Die Tiere zeigen uns, wo wir herkommen", sagt Boesch, "sie erlauben uns, zu definieren, was Menschsein bedeutet."
Der in Frankreich und der Schweiz verwurzelte Boesch ist ein Veteran der Primatenforschung. Mit 14 las er Konrad Lorenz' Bücher, später die Berichte des Zoologen George Schaller über das Leben der Berggorillas, die Boesch später im Kongo selbst erforschte. 1979 reiste der Wissenschaftler zusammen mit seiner Frau in den Taï-Nationalpark in die Elfenbeinküste.
Wie die berühmte Primatologin Jane Goodall wollten die Boeschs Schimpansen in ihrem natürlichen Lebensraum studieren. Was als kurzer Forschungsaufenthalt geplant war, dehnte sich für das Paar zu zehn Jahren im Dschungel, eine Zeit, die den Grundstein für Boeschs Zoologenkarriere legte.
Wenn der 64-Jährige heute nach Afrika reist, geht es deshalb immer auch um die Rettung seines Lebenswerks. Zehn Stunden dauert die Autofahrt von dem ivorischen Regierungssitz Abidjan aus bis nach Taï, einem kleinen Ort direkt an der Grenze zu Liberia. Die Straße verschlechtert sich auf der Fahrt ebenso stetig wie die Stimmung des Gelehrten. Boesch kennt die Gegend noch als Paradies. "Vor 35 Jahren war hier noch überall Regenwald", berichtet er.
Schimpansen und Waldelefanten seien damals über die Straße gelaufen. Nun reihen sich hier die Kautschukplantagen. In den Dörfern trocknen Kakao- und Kaffeebohnen auf bunten Planen. Laster transportieren die Stämme gewaltiger Tropenbäume über die Piste zu den Sägewerken der Region. Qualm zieht über verbranntes Land, weil die Einheimischen die billigen Holzreste der Industrie zu Brennstoff für ihre Herdstätten verkohlen.
Boesch hat den Niedergang früh erkannt. Ende der Siebzigerjahre kam er noch als Idealist in den Taï-Wald, dachte, die Menschheit wäre weitsichtig und gerecht genug, die Schimpansen um ihrer selbst willen zu schützen. "Aber dann habe ich mitverfolgen müssen, wie schnell der Wald verschwand", sagt er. Heute ist nur noch wenig übrig von jenem geschlossenen Dschungel, der sich einst durch das tropische Afrika zog. Zwar erstrahlt die Elfenbeinküste immer noch in fettem Grün. Doch was wild wirkt, ist kaum mehr als eine endlose Plantage, eine Agrarwüste. Die Schimpansen aber brauchen den Regenwald. Selbst in nachhaltig bewirtschafteten Forsten können sie kaum überleben.
Um Rettung bemüht, gründete Boesch 2000 die Wild Chimpanzee Foundation (WCF). Seither spricht er mit Politikern und Bürgermeistern, mit Stammesältesten, Holzunternehmern, Minenbetreibern; und Boesch versucht, Ökotouristen in die Region zu bringen, um zumindest den 3300 Quadratkilometer großen Taï-Nationalpark für die Schimpansen zu retten.
Es ist der verzweifelte Versuch, eine Insel des Ursprünglichen gegen die entfesselten Kräfte der Globalisierung und des Bevölkerungswachstums zu verteidigen gegen ein brandendes Meer aus Menschen, Macheten und Maschinen.
Wer sich mit Christophe Boesch auf den Weg zu den Schimpansen macht, kann erfahren, wie eng es für die Tiere inzwischen wird. Bis direkt an die Nationalparkgrenze säumen Kautschukbäume die Piste. Aus den angeritzten Stämmen rinnt weißer Latex in Behälter, Rohstoff für die Kondome, Luftballons und Autoreifen dieser Welt.
Ein Schild markiert die Grenze des Nationalparks. Dahinter geht es nur zu Fuß weiter. Boesch eilt voraus, ein drahtiger Mann mit grauem Schnauzer, den hier alle nur den "Patron" nennen. Bald ist der Dschungel überall, dunkel und schattig. Hoch oben bilden die Kronen der Bäume ein geschlossenes Blätterdach, so wie es nur in uralten Wäldern der Fall ist. Nächtlicher Sturzregen hat den Pfad in eine schlammige Tümpelkette verwandelt.
Hier leben sie, die Schimpansen des Taï-Walds, von den Nüssen der Panda- und Coula-Bäume, von den Früchten des turmhohen Ebenholzbaums, von Treiberameisen, vom Fleisch der Roten Stummelaffen. Und obschon nichts von den Tieren zu sehen ist, sind sie in Boeschs Begleitung allgegenwärtig.
Mit der Faust klopft der Forscher gegen die Brettwurzeln der Baumriesen, so wie es die Männchen der Schimpansen als Imponiergehabe tun. Dann entdeckt er einen großen Stein im Unterholz. Boesch klaubt ein paar Nüsse zusammen, setzt sich auf den Boden, legt eine Pandanuss auf eine Wurzel und schlägt mit dem Stein zu, bis die Nuss krachend zerbirst. "Genauso machen es die Schimpansen", berichtet er. "Hammer und Amboss" nennt er Stein und Wurzel. Der Stein hat eine Kuhle auf der Unterseite, so oft wurde er schon von den Tieren benutzt.
Die Schimpansen von Taï sind berühmt fürs Nüsseknacken. Boesch kam einst hierher, weil er genau von diesem Verhalten gehört hatte. Inzwischen weiß er Details. Zwei Stunden täglich verbringen die Tiere während der Nusssaison mit dem Knacken. Pro Minute öffnen sie zwei Exemplare der hartschaligen Früchte. Im Alter von fünf Jahren haben die Affenkinder den Trick raus, nach zahllosen Lehrstunden bei ihrer Mutter.
Und die Taï-Schimpansen haben noch mehr in ihrer Werkzeugkiste. Mit kleinen Stöcken pulen sie das Mark aus den Knochen getöteter Stummelaffen. Ameisen wiederum fangen sie, indem sie mit Stöcken in deren Nest stochern. Sobald die Insekten den Stock angriffslustig erklimmen, gibt's Ameisen am Stiel: Blitzschnell ziehen die Schimpansen den Stock durch den Mund und zermahlen die Krabbler mit ihrem Kiefer.
Ein ganzes Set an Verhaltensweisen haben sich die Taï-Schimpansen angeeignet. Bemerkenswert ist daran nicht allein die Vielfalt. Vor allem fasziniert, dass sich die Schimpansen in anderen Regionen Afrikas komplett anders verhalten.
Über 50 Verhaltensweisen haben die Leipziger Forscher inzwischen dokumentiert. Dabei zeigt jedes Affenvolk eine Reihe typischer Traditionen, über die es sich eindeutig identifizieren lässt. "Sagen Sie mir, wie sich ein Schimpanse benimmt, und ich sage Ihnen, wo er herkommt", sagt Boesch.
Schimpansen aus dem Gombe-Stream- Nationalpark in Tansania töten lästige Parasiten, indem sie sie auf Blättern zerquetschen. In Taï zerdrücken sie die Störenfriede mit den Fingern am eigenen Unterarm.
Will ein rangniederer Schimpanse aus dem Mahale-Mountains-Nationalpark in Tansania ein Weibchen zum Sex verführen, zerreißt er zum Vorspiel Blätter in kleine Schnipsel. In Taï hätte er damit keinen Erfolg. Dort ist es Tradition, die Liebste mit Klopfzeichen zu betören.
Oder eben die Ameisenjagd: Die Krabbler direkt vom Stiel zu fressen ist nicht die einzige Technik. In Gombe oder im guineischen Bossou locken die Affen die Ameisen zwar auch auf Stöcke. Häufig jedoch ziehen sie diese dann durch die Faust und stopfen sich den so entstandenen Klumpen aus Ameisenleibern ins Maul. "Die Gombe-Technik ist fünfmal effizienter als die Taï-Technik", erzählt Boesch. Dennoch habe sich die Taï-Technik über Generationen gehalten. "Die Tiere machen nicht das, was besser funktioniert, sondern das, was ihre Gruppe vorgibt", sagt Boesch.
Wenn jedoch ein Verhalten wie die Kunst des Ameisenfangens durch Lehren und Nachäffen weitergegeben wird und nicht als angeborener Instinkt, wenn es darüber hinaus nicht für die gesamte Art typisch ist, sondern nur für ein bestimmtes Schimpansenvolk, dann muss es sich um tradiertes Wissen handeln.
"Vieles am Schimpansenverhalten wird kulturell vermittelt", sagt Boesch. Neueste Studien erhärten die These. Schimpansenweibchen etwa verlassen ihre Gruppe, sobald sie geschlechtsreif sind, und schließen sich einem anderen Clan an. Boeschs Team wies nach, dass die Weibchen dabei die Gepflogenheiten ihrer neuen Kumpane übernehmen, ähnlich wie es Menschen in fremden Kulturen tun.
Im Budongo-Wald in Uganda wiederum konnten Primatologen erstmals direkt verfolgen, wie eine neue Schimpansentradition entsteht. Das dortige Affenvolk ist dafür bekannt, dass es Blätterbündel im Maul zu Schwämmen faltet, mit denen sich anschließend Wasser etwa aus Baumhöhlungen aufsaugen lässt. Direkt unter den Augen der Forscher jedoch variierten die Tiere die Technik eines Tages plötzlich – indem sie statt Blättern Moos benutzten.
Nachdem ein Männchen die Methode eingeführt hatte, verbreitete sich die Neuheit innerhalb weniger Tage in der ganzen Horde, berichtet Catherine Hobaiter von der University of St Andrews. "Es war einfach wunderbar, dieses Beispiel sozialen Lernens zu sehen", sagt die Biologin. Damit sei das "letzte Puzzlestück" in der Beweiskette gefunden, dass Schimpansen Kulturen entwickelten.
Was aber bedeutet es, wenn diese Primaten Traditionen haben, die jenen von Menschen ähneln? Was folgt aus Beobachtungen, dass die Tiere Waisenkinder adoptieren, Mitleid kennen und sogar in der Lage sein könnten, um ihre Toten zu trauern, wie es Boesch im Taï-Dschungel beobachtet hat? Die einst scharfe Grenze zwischen Homo und Pan verwischt sich mehr und mehr. Und die Forscher glauben, dass daraus eine besondere Verantwortung erwächst.
Ein "tieferes Verständnis" erhofft sich Andrew Whiten: für das "mentale Erbe, aus dem unsere Kultur erwachsen ist". Zugleich könne die neue Nähe zwischen Mensch und Schimpanse Motivation für einen besseren Schutz der Tiere sein.
Doch reicht es aus, auf enge Verwandtschaft zu verweisen, um die Tiere vor der Ausrottung zu bewahren? Die Menschen von Taï zumindest haben ganz andere Sorgen, als herauszufinden, was ihr Menschsein im Kern ausmacht.
"Früher waren wir Jäger, dann wurde der Wald geschützt", erzählt Victor Tere, Stammesältester der Ubi aus dem Dorf Gouleako, das an der Straße nach Taï liegt. Im Kreis der Dorfältesten sitzt der alte Mann im langen Gewand vor seinem mit Wellblech gedeckten Haus. "Die Weißen haben uns den Wald genommen", sagt er, "jetzt sollen sie uns etwas zurückgeben."
"Die Dorfbewohner haben nichts vom Nationalpark", sagt auch Paul Zouh, Restaurantbesitzer aus Taï und Berater der Bezirksregierung, "das muss sich ändern."
Es ist wie überall, wo Wildtiere in Gefahr sind: Die Natur muss einen Wert für die Einheimischen bekommen, sonst werden sie weiter die Wälder abholzen und Primaten überm Feuer rösten.
Boesch weiß das. Deshalb gehen seine Mitarbeiter in die Schulen der Gegend und erzählen den Kindern von den "cousins de la forêt", den Vettern des Waldes. Deshalb versucht er, Fischteiche in der Gegend zu etablieren, die den Menschen eine Alternative zum Wildfleisch bieten könnten. Deshalb bildet seine Stiftung Einheimische zu Naturführern aus, die Touristen in den Wald geleiten und ihnen die Schimpansen, die Stummelaffen, die Dianameerkatzen und Coula-Bäume zeigen.
Zwei kleine Ökocamps gibt es schon in der Gegend, eines betrieben von der WCF, das andere vom Office Ivoirien des Parcs et Réserves, der ivorischen Nationalparkbehörde. Etwa 150 Besucher kommen pro Jahr.
Es ist ein Anfang, und doch fehlt es an allem. "Wir brauchen private Investoren, die den Tourismus weiterentwickeln", sagt Emmanuel Ake vom örtlichen Nationalpark-Büro. Die Fremden brächten nicht nur Geld in die Kassen, berichtet der Wildhüter: "Dort, wo die Touristen sind, haben wir auch kaum Probleme mit der Wilderei." Nur eine Handvoll Männer hat er, um die Grenzen des Parks zu sichern, niemals genug, um die illegale Jagd zu stoppen. "Es ist ein täglicher Kampf", sagt Ake.
Daher verwundert es Boesch nicht mehr, wenn er, wie an diesem Dezembertag, Schüsse hört, kaum dass er mit seinen Leuten den Nationalpark betreten hat. Der Druck der Wilderei nehme wieder zu, seit Ebola besiegt sei, berichtet der Biologe. Sogar seine Forschung sieht er bedroht: Immer kleiner werden die Schimpansengruppen, die Boeschs Team untersuchen kann.
Auch der Schimpansenclan, dem die Wildhüter an diesem Morgen folgen, hat vier Männchen an die Wilderer verloren. Wird es gelingen, die Gruppe dennoch aufzuspüren? Schimpansen sind scheu. Damit sie Touristen überhaupt akzeptieren, müssen die Ranger die Tiere wochenlang begleiten, um sie an Menschen zu gewöhnen.
Langsam erwacht nun der Dschungel. Das Zwitschern fremdartiger Vögel erfüllt die Luft, Insekten summen. Alle haben inzwischen einen Mundschutz angelegt. Es gilt, die Schimpansen vor menschlichen Keimen zu bewahren. Noch einige Meter im Schleichgang, dann bleibt Boesch stehen. "Dort oben", flüstert er. Boesch zeigt hinauf in die Kronen der Bäume, die sich wie Scherenschnitte gegen den langsam heller werdenden Himmel abzeichnen. Dunkel sind die Umrisse eines Schimpansennestes zu erkennen, zusammengebogen aus Ästen. Eine natürliche Hängematte in luftiger Höhe.
Erst reckt sich nur eine feingliedrige Hand aus dem Nest heraus. Dann hängt der erste Schimpanse schon zwischen den Ästen. Von überall her kommen sie nun angestürmt: Daly, das dominante Männchen; Bony, der Frühaufsteher mit dem dunklen Gesicht; die starke Sally mit Baby Mario; und Thérèse, die ihr rechtes Ohr im Kampf mit einem Leoparden verloren hat.
An die zwanzig Schimpansen turnen plötzlich in den Bäumen herum, die Männchen laut und massig, mit Brustkörben, breit wie Fässer, die Weibchen kleiner, vorsichtiger, leiser. Langsam steigen die Tiere hinab aus dem Obergeschoss des Waldes, lassen sich an langen Armen hinunter auf den Waldboden. Mal ruhen sie dann, kopulieren oder pflegen das Fell. Dann wieder erfasst die Affenbande schrille Erregung, weil Daly zur Jagd auf Rote Stummelaffen trommelt.
Augenblicklich erklimmen vier Kerle hintereinander die Bäume, sie versuchen die Beute einzukesseln. Eine regelrechte Treibjagd kommt in Gang. Die hohen Alarmrufe der Stummelaffen vermischen sich mit dem aggressiven Kreischen der Schimpansen zum großen Affentheater.
Die Schimpansen wählen ein Opfer aus, blockieren die Fluchtwege, treiben es dem Alphamännchen zu. Aber nein, diesmal misslingt der Trick. Knapp entkommt der Stummelaffe seinen Häschern. Wie an Feuerwehrstangen rutschen die Schimpansen an den Bäumen zurück zum Boden.
Was ist ein solches Spektakel den Menschen wert? Etwa 50 Millionen Dollar wären notwendig, um beispielsweise die Schimpansen Ostafrikas über die nächsten zehn Jahre zu retten, haben Artenschützer der Weltnaturschutzunion errechnet. Olympische Spiele kosten leicht das Zweihundertfache.
Aber braucht die Welt noch wild lebende Schimpansen? Nein, sagt Boesch, zumindest nicht für unser Überleben. Er kenne Leute, die drei Tierarten für ausreichend hielten für das Fortkommen der Menschheit: Hühner, Schweine und Rinder. "Aber wäre das noch eine Welt, in der wir leben wollen?", fragt Boesch.
"Seit Menschen auf diesem Planeten existieren, versuchen sie zu verstehen, was sie wirklich sind", sagt er. Schimpansen erlaubten den Blick durch einen Tunnel der Evolutionsgeschichte zurück in die eigene biologische Vergangenheit, in einen Spiegel der eigenen Art: "Wenn wir die Schimpansen verlieren, verlieren wir einen Teil von uns selbst."

Schrille Erregung erfasst die Affenbande, weil Daly zur Jagd auf Rote Stummelaffen trommelt.

Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 53/2015
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