02.01.2016

PsychologieDas eingebildete Leben

Erstaunlich leicht gelingt es, Menschen falsche Erinnerungen einzupflanzen – sogar an Straftaten, die sie nie begangen haben. Experimente zeigen: Erinnern ist ein sozialer Prozess. Fast jedes Gespräch über die Vergangenheit verändert das Gedächtnis.
Es gab wieder mal Ärger an jenem Tag, giftiges Gezänk unter Freundinnen. Es ging um Jungs, nichts Besonderes. Aber plötzlich hatte Sarah einen Stein in der Hand, er traf Michelle am Kopf.

Noch am selben Tag kam die Polizei. Beim Abendessen klingelte es, die Mutter machte auf. Und Sarah wusste: Nun bin ich fällig.
Ein paar Jahre ist das alles her, die Studentin Sarah Koss(*) versucht, sich daran zu erinnern; höchstens 14 war sie wohl, als die Tat geschah.
Sie zupft an ihren Ärmeln. Die Geschichte ist ihr peinlich, aber Sarah will endlich reden. Lang genug hat sie diesen Tag verdrängt. Aber jetzt, im Gespräch mit der Psychologin, sieht sie wieder alles vor sich: den Stein in der Hand, ziemlich schwer, etwa faustgroß; und sie erinnert sich an ihre maßlose Wut.
"Michelle hatte mich Schlampe genannt", sagt Sarah. Das ging gegen die Familie, da rastete das Mädchen aus. Ihre Schwestern hatten mit 15 schon beide ein Kind. "Aber ich", sagt Sarah, "ich war noch Jungfrau."
Sogar die beiden Polizisten erscheinen der Studentin wieder lebhaft vor Augen: ein großer, stämmiger Typ im Türrahmen; hinter ihm der Kollege eine Stufe tiefer auf der Treppe. Dieser schlimme Abend, der eisige Blick der Mutter – wie konnte sie das alles vergessen? Stück für Stück kommen die Erinnerungen zurück.
Glaubt Sarah jedenfalls.
In Wahrheit ist dergleichen nie geschehen. Es gab keine Steinattacke und keinen Hausbesuch der Polizei.
Die junge Frau ist auf ein Experiment hereingefallen. Die Londoner Psychologin Julia Shaw hat ihr eine falsche Erinnerung eingepflanzt. Shaw wollte herausfinden, ob unbescholtene Leute sich einreden lassen, sie hätten in ihrer frühen Jugend eine Straftat begangen.
Der denkwürdige Versuch ereignete sich an der kanadischen University of British Columbia. Vom wahren Zweck ahnten die Teilnehmer – Durchschnittsalter: 20 Jahre – nichts. Sie glaubten, sie sollten versuchen, verschüttete Erinnerungen auszugraben. Alle hatten, wie die Eltern versicherten, noch nie mit der Polizei zu tun gehabt.
Am Ende legten 21 von 30 Probanden Geständnisse ab. Der Reihe nach bekannten sie sich zu Diebstählen oder tätlichen Angriffen mit und ohne Waffengewalt. "Es war erstaunlich", sagt Shaw, "wie leicht das ging."
Auch in anderen Experimenten haben Gedächtnisforscher vorgeführt, wie anfällig Menschen für falsche Erinnerungen sind. Probanden ließen sich zum Beispiel bereitwillig weismachen, sie seien als Kind
mal in einem Heißluftballon geflogen. Man musste den Leuten nur gefälschte Fotos von dem Abenteuer vorlegen, und so mancher fing dann bald an zu erzählen, was er damals erlebt hat.
Aber Shaws Experiment treibt das Spiel mit den Fiktionen auf die Spitze: Noch niemand vor ihr hat es vermocht, dass 70 Prozent der Teilnehmer sich selbst einer Straftat bezichtigen.
Zuerst leugneten natürlich alle Beschuldigten. Die Forscherin aber, stets freundlich, belehrte ihre Probanden, sie verfüge über beste Quellen: vor allem einen Fragebogen, ausgefüllt von den Eltern. Da sei von einem Vorfall im Alter zwischen 11 und 14 die Rede, die Polizei habe eingreifen müssen. Mehr könne sie nicht sagen. Im Übrigen sei es völlig normal, dass Menschen so ein Erlebnis verdrängten. Man werde sicherlich herausfinden, was damals geschehen ist.
Das war der entscheidende Trick. Bald zogen die ersten Versuchsteilnehmer in Betracht, sie hätten wirklich etwas ausgefressen.
Videomitschnitte zeigen, wie die Befragten erst ratlos, dann mit zunehmendem Eifer in der Vergangenheit forschten – sobald der Verdacht ihnen plausibel erschien, war es um ihren Widerstand geschehen. "Dann lieferten sie mir von selbst immer mehr Details über die Tat", sagt Shaw, "vom Wetter bis zur Beschreibung des Mobiltelefons, das sie angeblich geklaut hatten."
Derart lebhaft also erinnern sich Unschuldige an eine kriminelle Tat, die sie nie begangen haben?
Solche Befunde ziehen das Selbstbild des Menschen in Zweifel: Sind unsere Erinnerungen nicht am Ende alles, was wir haben? Das Einzige, was uns niemand nehmen kann? Der wahre Reichtum des Daseins?
Nun, dann ist in diesem Schatz wohl auch eine Menge Falschgeld versteckt.
Für die Gedächtnisforschung sind neue Zeiten angebrochen. Nicht nur belegt sie mit immer neuen Studien, wie gründlich die Erinnerung trügen kann. Die Wissenschaftler begreifen gerade auch, dass die Macht der Illusion eine weit größere Frage aufwirft: Wie ist das überhaupt möglich? Warum haben hinterlistige Forscher derart großen Einfluss auf unsere Erinnerungen? Hat die Natur beim Gedächtnis gepfuscht – oder verbirgt sich in seiner Schwäche ein tieferer Sinn?
Erinnerungen, so zeigt sich, unterliegen einem steten Wandel; und die Mitmenschen haben darauf großen Einfluss: Fast jedes Gespräch über die Vergangenheit verändert den Gedächtnisinhalt der Beteiligten. Und wir reden andauernd über Selbsterlebtes, anderswo Gehörtes und die alten Zeiten. Erinnerungen sind zum Teilen da – soziale Netzwerke wie Facebook ziehen ihr enormes Wachstum daraus.
Erstaunlich leicht schleichen sich dabei mit der Zeit auch Fehler ein: Wir beschönigen, wir verdrängen, wir denken uns was aus und glauben bald selbst daran. Auch falsche Erinnerungen können sich innerhalb sozialer Gruppen verbreiten wie Viren – sie sind, so viel zeichnet sich schon ab, ziemlich ansteckend.
Viele Wissenschaftler glauben inzwischen, dass die menschliche Erinnerung nicht zu verstehen ist, wenn man nur auf den Einzelnen blickt. Sie sprechen von einer "sozialen Wende" in der Gedächtnisforschung.
Was ist meine Vergangenheit, was deine? Die Grenze zwischen Ich und Du ist längst nicht mehr eindeutig. Erstaunlich leicht wandern Erlebnisse anderer Leute in meinen Gedächtnisspeicher ein. Versuchspersonen müssen nur gesehen haben, wie jemand ein Feuerzeug entflammt oder einen Bleistift spitzt – und zwei Wochen später glauben nicht wenige, sie hätten selbst die Hand gerührt. Das fand eine Forschergruppe um den Psychologen Gerald Echterhoff heraus.
Den Probanden half es nicht einmal, wenn sie vorher ausdrücklich vor der Verwechslungsgefahr gewarnt wurden – sie irrten sich dann kaum weniger häufig. Das Gedächtnis, so scheint es, ist nun einmal durchlässig für Eindringlinge von außen. Abstellen lässt sich das nicht; es handelt sich wohl um eine fundamentale Eigenschaft des Gehirns.
Menschen sind eben Meister des Miterlebens. Ein Beobachter kann sich so lebhaft an die Stelle eines Handelnden versetzen, als würde er persönlich den Bleistift spitzen. Kein Wunder also, dass er bald nicht mehr weiß, was wirklich erlebt und was nur aufgeschnappt war.
Besonders häufig kommt dieser Übersprung zwischen Menschen vor, die einander nahestehen. In sozialen Gruppen ist die wechselseitige Identifikation offenbar stärker ausgeprägt. Und genau diese Fähigkeit zur inneren Anteilnahme, zur Empathie, ist es auch, die uns anfällig für Suggestionen macht: Im Zweifelsfall ist nicht einmal ein Video nötig, um falsche Erinnerungen einzuschleusen. Manchmal genügt die bloße Aufforderung, sich etwas vorzustellen ("Weißt du noch, wie wir damals ...?") – und im Gehirn des Angesprochenen bildet sich schon wie von selbst die entsprechende Erinnerung aus.
So entstehen gemeinsame Geschichten und Anekdoten, die nicht unbedingt stimmen müssen: Wir teilen ein Bild der Vergangenheit, Irrtümer und Trugbilder inbegriffen. Die falsche Erinnerung ist, aus dieser Sicht, keineswegs eine Kuriosität, eine Ausnahme. Vielmehr gehört sie zur Grundausstattung unserer sozialen Natur. Sie ist, mit anderen Worten, unvermeidlich.
Umso wichtiger ist es, zu entschlüsseln, wie die Fiktion entsteht – bleibt sie unbemerkt, kann sie großen Schaden anrichten.
Am weitesten reichen die Folgen bei Polizei und Justiz. Dass 21 von 30 Unbescholtenen im Experiment eine Straftat gestehen, ist eine beunruhigende Nachricht für das Rechtswesen.
"Man kann in die Leute offenbar alles Mögliche hineinfragen", sagt Psychologin Shaw. "Die Polizei sollte deshalb vorsichtig sein, wenn sie Verdächtige verhört. Falls sie allzu sehr auf ein Geständnis aus ist, bekommt sie leicht ein falsches."
Aber weiß das auch schon die Polizei?
"Dieser Befund überrascht mich nicht", sagt zumindest Max Hermanutz, Psychologe an der Hochschule der Polizei in Villingen-Schwenningen. "Wir wissen, wie störanfällig das Gedächtnis ist."
Hermanutz bildet Polizisten fürs Vernehmen aus. In seinen Seminaren sitzen nicht nur Studenten, sondern auch erfahrene Kriminalkommissare. Sie lernen dort vor allem die Kunst der Behutsamkeit. Das erste Ziel ist nicht, dass das Gegenüber gesteht. Zunächst gilt es, möglichst viele Informationen zu sammeln – mit offenem Interesse, ohne Druck und Drängeln.
Aber in der Praxis gelingt das nicht immer. Die handwerklich gute Vernehmung, glaubt Hermanutz, ist noch nicht die Regel: "Die Polizisten werden zu wenig dafür trainiert." Dabei verbringen sie bis zu 80 Prozent ihrer Arbeitszeit mit dem Befragen von Zeugen und Beschuldigten.
Kein Wunder also, dass es wieder und wieder zu falschen Geständnissen kommt, weil forsche Ermittler Druck machen. Gerade geistig labile Beschuldigte halten dem oft nicht stand – im Zweifelsfall gestehen sie dann sogar Kapitalverbrechen, die sie nicht begangen haben.
So geschah es im berühmt gewordenen Prozess um den kleinen Pascal. 5 der ursprünglich 13 Angeklagten aus dem Umfeld der Saarbrücker Tosa-Klause gaben zu, den Mord begangen oder dabei geholfen zu haben – nichts davon ließ sich erhärten. 2007 wurden alle freigesprochen.
Ähnlich lief es im bizarren Fall eines vermissten bayerischen Bauern, der angeblich ermordet, zerstückelt und an die Hunde verfüttert worden war. Seine Familie hatte die Tat gestanden. 2009 wurde das Auto des Mannes aus der Donau gefischt, auf dem Fahrersitz seine unzerteilte Leiche.
Trotz aller Blamagen gilt das Geständnis vor Gericht vielen bis heute als Regina Probationum, als "Königin der Beweise". Ein falsches Geständnis muss dem Laien ja auch völlig verrückt vorkommen – warum sollte sich jemand das antun?
Im Fall Peggy Knobloch präsentierten die Ermittler eine besonders überzeugende Selbstbezichtigung. Die kleine Peggy war im Jahr 2001 auf dem Heimweg von der Schule verschwunden. Es gab weder eine Leiche noch Spuren – nur den Verdächtigen Ulvi K., der im Verhör schließlich alles gestand. Erstaunlich detailreich schilderte er die Tat. Ein Gutachter sagte damals, das habe der Mann sich unmöglich alles ausdenken können.
Das Landgericht Hof verurteilte den geistig behinderten Oberfranken 2004 wegen Mordes zu lebenslanger Haft. Erst Ende 2013 wurde das Verfahren neu aufgerollt; es endete mit einem Freispruch. Fast ein Jahrzehnt lang brauchte die Justiz, um zu erkennen, dass auch Eingebildetes täuschend echt erscheinen kann.
"Die meisten Juristen haben vom Gedächtnis wenig Ahnung", sagt der Stuttgarter Richter a. D. Axel Wendler. "Es ist schlimm, dass sie nicht in Aussagepsychologie ausgebildet werden." Wendler gibt im ganzen Land Seminare für Richter und Anwälte, um sie mit dem Stand der Forschung bekannt zu machen.
Der Laie stellt sich das Gedächtnis wie eine Art Film vor: schlimmstenfalls zerkratzt und verblichen, aber im Prinzip abspielbereit. Das Gehirn arbeitet nicht wie eine Kamera, die eine Szene vollständig und innerlich unbeteiligt aufnimmt. Es speichert nur die einprägsamsten Fragmente: das Krachen zum Beispiel, als zwei Autos kollidierten; den Geruch nach verbranntem Reifengummi; den auffallenden Aufkleber an dem einen Sportwagen; das Bild eines Vogels, der gerade noch am Zwitschern war und nun erschreckt davonstob.
Alle diese Eindrücke bleiben in verschiedenen Regionen des Gehirns haften. Und sie verbinden sich dort mit dem Wissen, das schon da ist: wie Singvögel aussehen, wie ein typischer Auffahrunfall abläuft (beginnend mit dem Quietschen der Bremsen). An anderer Stelle wird auch vermerkt, ob ich das selbst erlebt oder nur im Kino gesehen habe.
Beim Erinnern werden nun diese verstreuten Fragmente zusammengekramt. Die vielen Lücken kann ich dank meines Vorstellungsvermögens ziemlich plausibel füllen: Ob der fliehende Vogel wirklich eine Amsel war? Egal. Beim Bremsenquietschen bin ich mir sicher – aber die Wissenschaft weiß: Das kann täuschen. Möglicherweise gehört das Geräusch einfach zu meinem Drehbuch des typischen Unfalls, und ich bilde mir nur ein, es auch diesmal gehört zu haben.
"Wenn wir uns erinnern, bauen wir jedes Mal eine neue Geschichte auf", sagt die Psychologin Shaw. "Und dabei kommt es leicht zu Fehlern."
Dass auf Erinnerungen kein Verlass ist, zeigt sich oft genug im Alltag. Wie sahen noch einmal diese Kinder aus, die letztes Jahr auf Emmas Hochzeit Blumen streuten? Keine Ahnung – in meiner Vorstellung werden sie automatisch ersetzt durch irgendwelche Kinder, wie ich sie vielleicht anderswo gesehen habe, auf der Straße oder in einem Film.
Gut möglich aber auch, dass ich mir die ganze Szene mit den Blumen nur einbilde – weil das eben zu der Art von romantischer Hochzeit gehört, auf die Emma steht. Menschen erinnern sich oft an Dinge, wie sie typischerweise ablaufen. Es muss nicht so gewesen sein, aber es ist leichter zu merken.
Das Erinnern ähnelt somit einem Stegreiftheater, in dem ein vergesslicher Regisseur andauernd improvisiert, Fehlendes aus dem Fundus ergänzt und das ganze Stück neu arrangiert.
Nichts hat Bestand, nichts ist sicher vor dem Vergessen. Das gilt selbst für die schockierenden Weltereignisse, von denen es heißt, dass sie sich unauslöschlich einbrennen würden. Bestes Beispiel: die Flugzeugattacke auf das World Trade Center. Jeder glaubt für immer zu wissen, wo er war, als er davon hörte.
Die Wissenschaft weiß es besser. Schon wenige Tage nach der Katastrophe gaben 2100 Amerikaner in einer landesweiten Umfrage zu Protokoll, unter welchen Umständen die Nachricht sie erreicht hatte. Ein knappes Jahr später fragten die Forscher nach, dann wieder nach drei und zehn Jahren. Kürzlich legten sie ihren Abschlussbericht vor. Der Befund: 40 Prozent der Befragten hatten im Lauf der Zeit ihre Geschichte stark verändert.
Ein Mann, der im Zug auf dem Weg zur Arbeit vom Kollaps der Türme erfahren hatte, war nun überzeugt, er sei bereits im Büro gewesen. Eine Frau hatte als erste Quelle die Nachrichten genannt, jetzt aber will sie es von einer Nachbarin gehört haben. Ein Student machte im fraglichen Augenblick Frühstück in der Wohnheimküche; jetzt ist er überzeugt, er habe auf seinem Zimmer die Wäsche gefaltet.
Nichts davon ist vermutlich nur erfunden, aber die Reihenfolge der Ereignisse geriet in der Rückschau arg durcheinander. "Die meisten Fehler schlichen sich schon im ersten Jahr ein", sagt der New Yorker Psychologe William Hirst, der die Langzeitstudie geleitet hat. "Danach aber blieben die Befragten in der Regel bei der neuen, der falschen Version. Sie hat sich mit der Zeit, wohl auch durch vielfaches Erzählen, verfestigt."
Die Fiktion, so scheint es, wird durch Wiederholung wahr. Nur selten stören so objektive Gegenbelege wie im Fall des damaligen US-Präsidenten George W. Bush. Der hatte bei einem Schulbesuch in Florida von dem Anschlag erfahren. Danach aber behauptete er mehrfach, er habe vor Betreten des Klassenzimmers noch im Fernsehen verfolgt, wie das erste Flugzeug ins World Trade Center flog. In Wahrheit waren da noch keine Videos von der Kollision gesendet worden. Bush hat wohl unbewusst spätere Erinnerungen in die Schlüsselszene eingebaut.
Derart grobe Fehler haben etwas Kränkendes an sich. Der Mensch weiß ja gut genug, dass ihm häufig mal etwas entschlüpft. Aber er vertraut auch darauf, dass im Großen und Ganzen stimmt, was er sich gemerkt hat. Und nun ist nicht einmal mehr auf das Unvergessliche Verlass?
Doch für perfekte Abbilder des Vergangenen ist das Gedächtnis gar nicht gemacht. Es ist gut darin, Erfahrungen zu speichern – vor allem dafür hat die Evolution es hervorgebracht. Wer sich merken kann, wo es gute Jagdgründe gibt oder wie man Rüben anbaut, hat viele Vorteile. Die exakte Erinnerung an irgendeinen Tag vor vielen Jahren ist dagegen im Leben zu wenig nütze. Das Gedächtnis muss nicht genau sein, sondern flexibel. Es ist ein Werkzeug des Lernens und der Alltagsbewältigung, kein vollgestopftes Museum.
Ebendeshalb verändern Erinnerungen sich auch mit der Zeit: Nach jedem Abruf werden sie erneut gespeichert. Der neue Inhalt tritt an die Stelle des alten. Oft geraten dabei – meist unbemerkt – nachträglich auch neue Informationen hinzu.
Das erleichtert das Lernen; es macht aber auch beispielsweise die Aussagen von Unfallzeugen so heikel: Haben sie den Ball, der auf die Straße rollte, wirklich selbst gesehen? Oder haben sie erst nachher in den Nachrichten davon gehört? In ihrem Gehirn können sich beide Ereignisse in der Rückschau zu einem einzigen addieren.
Wie leicht das Gedächtnis sich durch neu hinzugespeicherte Eindrücke verwirren lässt, zeigte der Prozess um den gewaltsamen Tod der Offenbacher Lehramtsstudentin Tuğçe Albayrak. Sie war im November 2014 nach einem Schlag ins Gesicht unglücklich gestürzt. Schon bald verbreiteten die Medien immer neue Gerüchte über den Hergang. Zwei Wochen nach der Tat kam zudem ein Überwachungsvideo in Umlauf. Es zeigt verschwommen die entscheidenden Minuten auf dem Parkplatz vor einem Schnellrestaurant. Für viele Zeugen erwies sich das Durcheinander der Informationen als fatal. Sie konnten nun kaum mehr unterscheiden, was sie selbst gesehen hatten und was nicht. Fachleute sprechen von Quellenamnesie.
Auch im Alltag bleibt die Quelle oft zweifelhaft: Habe ich den Brief schon aufgegeben oder mir nur vorgestellt, es gleich zu tun?
Das ist die Macht der menschlichen Einbildung. Alles, was ich tun will oder getan haben könnte, vermag ich im Geiste lebhaft durchzuspielen. Oft kommt es mir dann vor, als hätte ich es tatsächlich getan: den Brief in den Kasten geworfen – oder den Stein nach der Freundin, wie die gefoppte Probandin Sarah im Experiment gestand. Falsche Erinnerungen sind ein unvermeidliches Nebenprodukt unserer Vorstellungsgabe.
Wer das verstehen will, muss sich ansehen, wie das Gehirn funktioniert: Ob Sarah sich an einen Steinwurf erinnert oder ihn nur fantasiert, macht kaum einen Unterschied aus. In beiden Fällen setzen sich verstreute Fragmente aus ihrem Gedächtnisspeicher zu einer neuen, möglichst stimmigen Szene zusammen. Auch die reine Fantasie entsteht aus dem, was dieser Speicher hergibt: wie die Freundinnen aussahen, wie sich ein Stein in der Hand anfühlt – und wie man sich die typischen Polizisten vorzustellen hat, die dann abends an der Tür klingeln.
Deshalb sind bloße Fantasien und echte Erinnerungen so leicht zu verwechseln. Beides schöpft der Mensch aus seinem Gedächtnisvorrat, und beides gelingt ihm ähnlich gut.
Ich kann mir jederzeit ein splitterndes Wohnzimmerfenster in allen Details vergegenwärtigen, einen Fußball, der gerade im Scherbenregen zu Boden geht und – simsalabim – meine Mutter, wie sie angesichts des Malheurs in Tränen ausbricht. Wenn ich die Übung dreimal wiederhole, ist mir schon fast, als wäre da in meiner Kindheit wirklich was gewesen.
Innere Abbilder von wirklich Erlebtem sind in der Regel nur reicher an Details, sie lassen sich leichter vor Augen rufen. Mit einem Wort: Sie erscheinen uns auf besondere Weise vertraut. "Aber dieses Gefühl", sagt die Londoner Psychologin Shaw, "kann auch gekapert werden."
In ihrem Experiment führte die Forscherin vor, wie das gelingt. Sie traf sich mit Sarah und den anderen Probanden jeweils dreimal im Abstand einer Woche zum Gespräch; für die Zwischenzeit gab sie ihnen eine Hausaufgabe: Sie sollten täglich ihre vorgeblich verdrängte Missetat einmal innerlich durchspielen: Wie könnte es damals gewesen sein?
Das war der Keim, aus dem die Illusion erwuchs: Mit jedem Aufruf prägte sich der fantasierte Vorgang besser ein. Die Fiktion gewann an Stimmigkeit, sie wurde einer Erinnerung immer ähnlicher. "Und je mehr Details den Teilnehmern einfielen", sagt Shaw, "desto stärker waren sie davon überzeugt, es sei wirklich so gewesen."
Nichts anderes geschieht mitunter in einer Psychotherapie, wenn etwa vermeintliche Missbrauchsopfer sich den Tatablauf vorstellen sollen. Dass auf diese Weise auch irreale Erinnerungen entstehen können, ist nach etlichen Justizdesastern inzwischen klar. Kinder folgen besonders bereitwillig den unbewussten Vorgaben der Befrager.
Aber auch Erwachsene sind vor Suggestionen nicht gefeit. Die Leute wissen nur allzu gut, wie leicht ihr Gedächtnis sie im Stich lässt – das macht sie anfällig. Auch im Alltag müssen Mitmenschen oft die Lücken füllen: Was der eine nicht mehr weiß, fällt dem anderen noch ein; der Dritte korrigiert es. "Erinnern ist ein sozialer Vorgang", sagt Shaw.
Wenn es um die Kindheit geht, sind die Eltern die erste Autorität. Sie überliefern die Geschichten, die wir längst vergessen haben. Habe ich wirklich im Kindergarten immer Mariechens Pausenäpfel vertilgt? Ich muss es, wie vieles andere, einfach glauben – und in der Regel glaube ich es dann auch.
So schreibt die Mitwelt mit an unserer Autobiografie. Was wir erlebt haben, wird gemeinsam gepflegt: in Gesprächen, beim Blättern im Familienalbum – und heute zunehmend auf Twitter und Facebook.
Der ständige Austausch bringt das Erinnerte in Umlauf. Die Geschichten, ob wahr oder falsch, können sich ausbreiten wie Viren. Der amerikanische Psychologe Kent Harber hat untersucht, wie schnell das geht. Dafür ging er mit 33 Studenten auf eine denkwürdige Exkursion. Zusammen besuchten sie den Leichenkühlraum einer Klinik. Danach verfolgte der Forscher, wie die Geschichte auf Freunde und Freundesfreunde übersprang. Nach gerade mal drei Tagen hatten schon 881 Menschen von dem Trip gehört.
Das war vor zehn Jahren, Facebook spielte noch keine Rolle. Inzwischen würde die Kunde wohl noch schneller zirkulieren, Handyfotos inbegriffen. Aber nach wie vor kommt es vor allem darauf an, egal ob mündlich oder schriftlich, wie eine Geschichte erzählt wird.
Im Freundeskreis geschieht dabei etwas Sonderbares. "Schon nach der ersten Unterhaltung verändern sich die Erinnerungen der Teilnehmer", sagt der New Yorker Psychologe Hirst. "Und mit der Zeit werden sie einander immer ähnlicher."
Verschiedene Mechanismen wirken dabei zusammen. Zum einen prägen sich Details, die in der Gruppe häufig zur Sprache kommen, besser ein. Es gilt aber auch das Gegenteil: Was unerwähnt bleibt, wird auffällig rasch vergessen. Es ist, als würde das Gehirn solche Details unterdrücken und aussortieren: Sie sind fürs kollektive Gedächtnis offenbar nicht wichtig. Also könnten sie ebenso gut gar nicht geschehen sein.
Nicht selten schleicht sich beim gemeinsamen Erinnern auch objektiv Falsches ein – umso leichter, wenn es das Gemeinschaftsgefühl stärkt. Besonders leicht breiten sich Illusionen in Netzwerken von Menschen aus, die einander vertrauen.
"Es gibt da eine klassische Studie von 1954 über ein entscheidendes Footballmatch zwischen den Universitäten Dartmouth und Princeton", sagt Hirst. "Die jeweiligen Anhänger der Teams erinnerten sich hinterher an zwei sehr verschiedene Spiele."
Es sind die geteilten Erinnerungen, die das Weltbild einer Gemeinschaft schaffen, ihr Geschichtengut – auch wenn dafür einiges umgedeutet oder übertrieben, ausgelassen oder herbeifantasiert wird. "Das geschieht automatisch", sagt Hirst. "Es ist eine unvermeidliche Folge sozialer Interaktion."
Auch der Wegfall unpassender Inhalte zeigt, wie plastisch das Gedächtnis ist. Der amerikanische Psychologe Daniel Kahneman konnte nachweisen, wie stark wir Erlebtes im Rückblick raffen, verdichten und schönen – stets im Dienste eines erfreulichen, erzähltauglichen Gesamtbildes. Das Gedächtnis behält vor allem die Höhepunkte: vom Urlaub den Abend in der märchenhaften Bar an der Steilküste, nicht aber die langweiligen Strandtage; von den Jahren mit den Kindern die herzergreifenden Momente, nicht aber den Alltag des Windelwechselns und Hinterherräumens, obwohl der doch den größten Teil der Zeit ausmachte. Was langweilig war und widrig, verschwindet einfach; es wird, wie es scheint, nicht gebraucht.
Warum erinnern wir uns überhaupt an unser Leben, an Familienurlaube, Fußballspiele und den ersten Kuss? Wozu haben wir, was Forscher das autobiografische Gedächtnis nennen? Hirst glaubt, dass mit dem Teilen von Erinnerungen die soziale Geschichte der Menschheit begann.
Bis vor wenigen Jahren hatten die Gedächtnisforscher vor allem den Einzelmenschen im Blick. Nun aber erkunden sie, zunehmend fasziniert, die Erinnerung als soziale Macht, als Bindemittel der Gemeinschaft. Und siehe da, ihre Schwäche und Gebrechlichkeit ist zugleich ihre größte Stärke: "Nur weil Sie meine Erinnerungen beeinflussen können und ich die Ihren", sagt Hirst, "enden wir mit einem gemeinsamen Bild der Vergangenheit. Darauf beruht unsere soziale Identität, im Guten wie im Schlechten."
Auch falsche Erinnerungen stärken demnach die Verbundenheit – vielleicht gerade sie. Ein Mensch, der sie sich zu eigen macht, beweist seine Bereitschaft zu glauben, was die Gruppe glaubt. Er sagt: Eure Vergangenheit ist auch die meine.
Gedächtnisforscher nutzen genau diese Bereitwilligkeit, um ihren Probanden fingierte Erinnerungen unterzuschieben. Eindrucksvoll gelang es vor einigen Jahren der amerikanischen Psychologin Elizabeth Loftus. Bereitwillig erinnerten sich einige ihrer Versuchsteilnehmer, wie sie als Kind in einem Einkaufszentrum verloren gegangen seien – die Information stammte angeblich von den Eltern oder anderen nahen Verwandten.
Dieses klassische Experiment zog Hunderte ähnlicher Studien nach sich. Bis heute drehen Forscher ihren Mitmenschen immer neue falsche Kindheitserlebnisse an. Mal sind die Leute angeblich von Dämonen besessen gewesen, mal beim Baden im Meer fast ertrunken oder von Hunden angefallen worden. Andere Gefoppte glaubten, auf einer Hochzeit Bowle über der Kleidung der Brauteltern vergossen zu haben.
Wenige Hirnvorgänge sind inzwischen so gut erforscht wie die falsche Erinnerung. Um die 30 Prozent der Versuchsteilnehmer fallen in der Regel auf den Trick herein.
Loftus selbst wies nach, dass auf diese Weise auch die Gegenwart manipuliert werden kann. Wer etwa den Leuten den Appetit auf hart gekochte Eier verderben will, muss ihnen nur einreden, sie seien mal davon krank geworden. Umgekehrt lässt sich auch eine Vorliebe für Spargel implantieren – eine prima Methode, wie die Forscherin anmerkte, um Kinder zu gesünderem Essen anzuhalten.
Die Londoner Psychologin Shaw ist nun allerdings die Erste, die Unschuldigen reihenweise Geständnisse einer kriminellen Tat entlockte. Ihr Befund lässt vermuten, dass der Mensch sogar unter Strafrisiko empfänglich gegenüber Suggestionen ist.
Wie oft es dadurch zu Fehlurteilen kommt, ist schwer zu sagen. In Deutschland gibt es keine aktuelle Statistik. In den USA jedoch hat das "Innocence Project" bislang 343 zu Unrecht Verurteilte ausfindig gemacht; einige warteten seit Jahren auf ihre Hinrichtung. In fast allen Fällen konnten nachträgliche DNA-Analysen ihre Unschuld beweisen. Dennoch hatten rund 25 Prozent der Inhaftierten ein – offenkundig falsches – Geständnis abgelegt.
Amerikanische Ermittler sind aber auch oft nicht zimperlich beim Verhören. Sie dürfen Verdächtige unter Druck setzen, Beweise vorgaukeln und andere fiese Tricks einsetzen – es herrscht ein geradezu biblischer Glaube an die sühnende Kraft des Geständnisses. Justizirrtümer werden dafür in Kauf genommen.
In Deutschland dagegen ist es verboten, im Verhör zu täuschen. Ohnedies wird die Polizei nicht, wie die Psychologin Shaw, alle Tricks aufbieten, um unbescholtene Bürger hereinzulegen. Einflüstern kann sie ihnen trotzdem einiges. "Es genügt schon, wenn Ermittler einem Verdächtigen vorhalten, was der ihrer Meinung nach getan hat", sagt Shaw. "Unter Druck kann ein Mensch zu dem Schluss kommen, der Polizist wisse mehr über seine Tat als er selbst. Dann wird er versuchen, dessen Geschichte in die eigenen Erinnerungen einzuflechten."
Im Umgang mit Zeugen müssen die Ermittler besonders aufpassen. Auch das lehrt das amerikanische Innocence Project: Mehr als 70 Prozent der aufgedeckten Fehlurteile stützten sich mindestens teilweise auf falsche Zeugenaussagen.
"Zeugen erinnern sich häufig an Dinge, die sie nicht erlebt haben", sagt der Polizeiausbilder Hermanutz. Schon bei Verkehrsunfällen gehen die Aussagen oft weit auseinander. Typischer Fall: Ein Fußgänger hört einen Knall, dreht sich um und sieht ineinander verkeilte Autos. In seinem Kopf entsteht wie von selbst eine passende Vorstellung vom Hergang – er ist überzeugt, den Zusammenstoß mit eigenen Augen verfolgt zu haben. Das ist der gefürchtete "Knallzeuge".
Polizisten müssen wissen, dass auch Zeugen sich ihre Geschichten zurechtbasteln, bis sie stimmig erscheinen. Sie lassen sich obendrein davon leiten, was der Vernehmende hören will. Wird dieser ungeduldig ("Aber Sie müssen doch irgendwas gesehen haben!"), gleiten sie umso leichter ins Fabulieren ab.
Schon die Wortwahl kann entscheidend sein. Hat der Zeuge "ein Stoppschild" gesehen oder "das Stoppschild"? Im zweiten Fall wird er sich öfter daran erinnern.
"Jede Frage leitet", sagt auch der Stuttgarter Vernehmungsexperte Wendler. Deshalb beginnt die wissenschaftlich korrekte Vernehmung mit einem "freien Bericht": Der Zeuge soll einfach alles erzählen, was ihm rückblickend einfällt, Nebensächliches inklusive. Unterbrechen ist nicht erlaubt; Zeit für Fragen bleibt anschließend.
Es ist vielfach belegt, dass Zeugen auf diese Weise am meisten zutage fördern. Versuche zeigen freilich auch, dass Polizeianfänger dem Befragten in der Regel schon nach kaum zehn Sekunden ins Wort fallen. Selbst erfahrene Kräfte verlieren zu früh die Geduld, etwa wenn ihr Gegenüber allzu sprunghaft erzählt. "Jetzt aber bitte der Reihe nach", heißt es dann gern – "ein kapitaler Fehler", sagt Wendler. "Er kommt leider sehr häufig vor."
Soll ein Zeuge der Reihe nach erzählen, fällt ihm weniger ein. Das Gedächtnis funktioniert nun einmal nicht chronologisch. Wer sich erinnert, springt von Punkt zu Punkt. Er folgt seinen Assoziationen, wie sie sich im Kopf gerade zusammensetzen. Sprunghaftigkeit ist geradezu ein Kennzeichen für Selbsterlebtes, für die Wahrheit einer Aussage. Ein Zeuge, der seine Erinnerungen herunterschnurren kann, sollte Verdacht erregen: Hat er sich vielleicht nur eine Lügengeschichte eingeprägt?
Eine gute Vernehmung, da ist die Forschung sich einig, braucht Struktur und Methode. Vom berühmten Ermittlergespür hält sie dagegen weniger. Polizeiausbilder Hermanutz kommt in einem seiner Lehrbücher zu einem klaren Urteil: In Vernehmungen, so schreibt er, "sind die Intuition und das sogenannte Bauchgefühl unbrauchbar".
Für die Praxis hat Hermanutz einen Satz "Vernehmungskarten" mit knappen Anleitungen entwickelt. Polizisten können den Stapel beim Befragen der Reihe nach abarbeiten, dann machen sie nichts verkehrt. Der freie Bericht zu Beginn gehört dazu, aber auch andere Techniken der Aussagepsychologie.
Nicht alle erschließen sich auf Anhieb: Bringt es wirklich etwas, dass der Zeuge nach dem freien, ungestörten Bericht seine Geschichte noch einmal rückwärts erzählt? Tatsächlich fördert die besondere Anstrengung zusätzliche Details zutage, wie Studien zeigten. Die britische Polizei wendet die Methode bereits mit Erfolg an.
Inzwischen ist ein ganzer Werkzeugkasten bewährter Methoden beisammen. Die Gedächtnisforschung hat weitgehend geklärt, wie man mehr richtige Aussagen gewinnt – und weniger falsche. Aber die Praktiker hat sie noch lange nicht überzeugt.
Hilfreich wäre zum Beispiel ein Mitschnitt der Vernehmung, wie ihn etwa Großbritannien verpflichtend eingeführt hat. Dann müssten die Ermittler nicht nebenher mühsam mitschreiben; sie könnten sich aufs Befragen konzentrieren. "Die Qualität steigt dadurch erheblich", sagt Hermanutz. Auch der Deutsche Anwaltverein fordert ein verpflichtendes Audio- oder Videoprotokoll.
In Deutschland aber ist das Mitschneiden nicht üblich. Die Polizei hält es in der Regel für unnötig. "Wer soll sich denn das alles ansehen?", sagt Markus Kraus, Leiter der Münchner Mordkommission. Nur in seltenen Ausnahmefällen lässt auch er die Kamera laufen. Aber sonst? "Da geht es wohl vor allem darum", glaubt er, "die Polizei zu kontrollieren und die Verfahren weiter aufzublähen."
Den ausgetüftelten Methoden der Wissenschaft begegnet der Kriminaloberrat eher mit Skepsis. "Manches ist mir einfach zu klinisch", sagt Kraus. Bewährt habe sich der freie Bericht zu Beginn, "das ist bei Vernehmungen längst Standard". Aber ein Trick wie das Rückwärtserzählen kommt dem Polizisten praxisfremd vor. "Am Ende", sagt er, "ist das Ermitteln doch ein Erfahrungsberuf."
Die Forscher freilich können da mit Studien kontern: Immer wieder zeigt sich, dass die Erfahrung gern trügt. Viele Kriminaler glauben zum Beispiel, sie hätten mit der Zeit ein Gespür für falsche Geständnisse entwickelt. Der amerikanische Psychologe Saul Kassin aber hat nachgewiesen, dass das nicht stimmt: Wenn es gilt, falsche Geständnisse von echten zu unterscheiden, schlagen sich Polizisten ebenso schlecht wie Laien. Anders als diese sind sie aber überzeugt, es zu können.
Die Maastrichter Psychologin Alana Krix gibt regelmäßig Kurse für Polizeistudenten. Einen gewissen Hang zur Selbstüberschätzung stellt auch sie fest, gepaart mit großen Wissenslücken. "Viele glauben längst zu wissen, wie Erinnerungen funktionieren", sagt sie. "In Wahrheit haben sie oft nur einen laienhaften Begriff vom Gedächtnis."
So sind die meisten Polizisten überzeugt davon, dass Erinnerungen rasch verblassen. Deshalb erregt ein Zeuge eher ihren Argwohn, wenn ihm nach der ersten Vernehmung noch weitere Details einfallen: Warum hat er das nicht gleich gesagt? "Aber so arbeitet eben das Gedächtnis", sagt die Forscherin. "Manches kommt erst später zutage."
Man muss freilich ausschließen, dass dabei Suggestion im Spiel war. Dann aber erweisen sich auch nachträglich erinnerte Details erstaunlich häufig als richtig. Krix hat das in einer Studie demonstriert: Ihre Probanden bekamen ein Video von einem Geldbörsendiebstahl vorgespielt. Unmittelbar danach sagten sie quasi als Zeugen darüber aus, eine Woche später noch einmal. Erfahrene Ermittler beurteilten die Qualität der Aussagen. Nur 29 Prozent der nachgereichten Details schätzten sie als glaubhaft ein – in Wahrheit waren 86 Prozent korrekt.
Wissenschaft und Praxis, so scheint es, finden so schnell nicht zueinander. Ausbilder Hermanutz hält rasche Fortschritte für wenig wahrscheinlich. Der Anstoß müsste von oben kommen, von Staatsanwälten und Richtern, die schlechte Vernehmungen und unvollständige Protokolle nicht länger hinnehmen. Nur liege eben der Kenntnisstand der Justiz in diesen Fragen "oft noch unter dem von Polizeibeamten".
Die Londoner Psychologin Julia Shaw ist zuversichtlicher. Sie erlebt gerade, wie das Interesse an der forensischen Psychologie zunimmt. Neulich klopfte sogar die Bundeswehr bei ihr an und bat um einen Vortrag. Thema: das Befragen von Informanten im Auslandseinsatz.
Um die Fortbildung von Polizisten kümmert sich die rührige Forscherin ebenfalls. Nebenbei sitzt sie bereits an einem Buch über das illusionäre Gedächtnis. In diesem Jahr soll es gleich in mehreren Sprachen erscheinen, auch auf Deutsch. Dass Shaw so vielen unschuldigen Menschen Erinnerungen an Straftaten einpflanzen konnte, hat Aufsehen erregt.
Die Gefoppten von damals erfuhren natürlich gleich nach dem Experiment die Wahrheit. Shaw bat sie, ihre Jugendvergehen schnell wieder zu vergessen – alles nur eingebildet.
Die meisten Probanden nahmen es sportlich, sogar Sarah, die junge Frau mit der Steinattacke. Sie hatte sich besonders lebhaft an eine Tat erinnert, die nie geschehen ist: Sarah schaffte es, an die 130 Details über den vermeintlichen Angriff auf die Freundin aus ihrer Erinnerung hervorzukramen. Sie glaubte sogar noch zu wissen, welches Fußballspiel am Tag der vermeintlichen Tat gelaufen war.
Einen der Teilnehmer, Adam, traf Shaw nach Monaten wieder. Adam gestand ihr, dass die Sache ihn nach wie vor beschäftige. Könnten sie da nicht durch Zufall auf etwas gestoßen sein, das sich tatsächlich ereignet hat?
Im Experiment war dem Studenten eingefallen, wie vor Jahren mal seinetwegen die Polizei in der Schule angerückt war – er hatte, angefeuert von Mitschülern, einen Pausenhof-Tyrannen mächtig verprügelt. "Eine solche Erinnerung", sagt Shaw, "gibt man wohl ungern wieder her."

Falsche Erinnerungen sind ansteckend – in sozialen Gruppen verbreiten sie sich wie Viren.

Wenn wir uns erinnern, bauen wir jedes Mal eine neue Geschichte auf. Dabei kommt es zu Fehlern.

Im Rückblick raffen und schönen wir Erlebtes – im Dienste eines erfreulichen Gesamtbildes.

Sarah erzählte 130 Details über ihren Angriff auf die Freundin, der nie geschehen ist.

Über den Autor

Manfred Dworschak, Jahrgang 1959, hat Sprachwissenschaft und Geschichte studiert. 1990 ging er als Kulturredakteur zur Bremer Lokalausgabe der "taz". 1995 wechselte er nach Hamburg zur "Zeit", wo er sich um die frisch gegründete Computerseite kümmerte. Seit 1998 ist er Wissenschaftsredakteur beim SPIEGEL.
* Name geändert.
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 1/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 1/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Psychologie:
Das eingebildete Leben

Video 01:06

Mehr als 100 Festnahmen Schlag gegen Kinderpornoring in Brasilien

  • Video "Mehr als 100 Festnahmen: Schlag gegen Kinderpornoring in Brasilien" Video 01:06
    Mehr als 100 Festnahmen: Schlag gegen Kinderpornoring in Brasilien
  • Video "Chinas Mars-Vision: Grüne Kolonie für Roten Planeten" Video 01:43
    Chinas Mars-Vision: Grüne Kolonie für Roten Planeten
  • Video "Moor in Südschweden: Der Friedhof der vergessenen Oldtimer" Video 01:18
    Moor in Südschweden: Der Friedhof der vergessenen Oldtimer
  • Video "Neues Asterix-Heft spielt in Italien: Kommerz, Korruption - und Wagenrennen" Video 01:58
    Neues Asterix-Heft spielt in Italien: Kommerz, Korruption - und Wagenrennen
  • Video "Katalonien-Konfikt: Die aufgeheizte Stimmung ist gefährlich" Video 02:01
    Katalonien-Konfikt: "Die aufgeheizte Stimmung ist gefährlich"
  • Video "Lügen, Spaltung, Verschwörungstheorien: Ex-Präsident Bush verurteilt Trumps Politik" Video 01:14
    Lügen, Spaltung, Verschwörungstheorien: Ex-Präsident Bush verurteilt Trumps Politik
  • Video "Dogan Akhanli: Die Türkei ist ein unberechenbares Land geworden" Video 01:37
    Dogan Akhanli: "Die Türkei ist ein unberechenbares Land geworden"
  • Video "Fotograf dokumentiert Ophelia: Natur, gewaltig" Video 01:14
    Fotograf dokumentiert "Ophelia": Natur, gewaltig
  • Video "Road to Jamaika - Tag 3: Wer wird Merkels schwierigster Sondierungspartner?" Video 03:15
    Road to "Jamaika" - Tag 3: Wer wird Merkels schwierigster Sondierungspartner?
  • Video "Ausraster: US-Rennfahrer prügelt auf Rivalen ein" Video 01:03
    Ausraster: US-Rennfahrer prügelt auf Rivalen ein
  • Video "Fluoreszierende Forschung: Mäuse mit grünen Füßen" Video 02:17
    Fluoreszierende Forschung: Mäuse mit grünen Füßen
  • Video "Filmstarts der Woche: Eiskalter Killer" Video 07:01
    Filmstarts der Woche: Eiskalter Killer
  • Video "Empörung über Anruf bei Soldaten-Witwe: Er wusste, worauf er sich einließ" Video 01:32
    Empörung über Anruf bei Soldaten-Witwe: "Er wusste, worauf er sich einließ"
  • Video "Xenia Sobtschak: Diese Frau fordert Putin heraus" Video 01:28
    Xenia Sobtschak: Diese Frau fordert Putin heraus
  • Video "Faszinierende Tanzperformance: The Mechanics of History" Video 02:05
    Faszinierende Tanzperformance: "The Mechanics of History"