02.01.2016

RohstoffeZertifizierte Zerstörung

Mutwillige Brandrodung überzog Indonesien monatelang mit Qualm. Beteiligt waren auch angeblich nachhaltig wirtschaftende Palmölfirmen.
Am 15. September brach Intan auf dem Weg zur Schule zusammen. Das Mädchen hatte keine Luft mehr bekommen. Sein Dorf Sampit im indonesischen Kalimantan lag seit Wochen unter einer orangefarbenen Dunstglocke aus beißendem Rauch. Um Intan herum brannten Waldgebiete und Torfböden – die verkohlte Grundlage zukünftiger Palmölplantagen.
Intan starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Sie wurde neun Jahre alt.
Die Brände, die von Juli bis Ende Oktober schwelten, gelten als weltgrößtes Umweltdesaster im abgelaufenen Jahr. 500 000 Menschen mussten wegen Atemwegserkrankungen behandelt werden, bis Ende Oktober starben 17 Menschen. Über Monate rang das Land nach Luft, die CO2-Emissionen durch die Feuer sind inzwischen fast doppelt so hoch wie die gesamte jährliche Verschmutzungsrate Deutschlands.
Nun hat es geregnet, und es wird klar: Eine reine Naturkatastrophe waren die Feuer nicht. Sicher, es war sehr trocken. Doch die Brände, so der Chef des indonesischen Katastrophenschutzes, seien vor allem ein "Verbrechen gegen die Menschheit". Ein hausgemachtes Verbrechen zuerst einmal, denn obwohl Brandrodung verboten ist, gibt es die Tradition der Vernichtung von Wäldern für Palmölfelder seit 50 Jahren. Lebensgefährlich wurde der Kahlschlag aber erst durch den industriellen Anbau vor etwa 20 Jahren.
Die Spur des Verbrechens führt auch zu uns, nach Europa, wo der Bedarf an Palmöl stetig steigt. Der Schmierstoff der Welt wird hier nicht nur für vermeintlichen Biosprit, Zahnpasta oder Schokolade verwendet. Die Umweltorganisation WWF schätzt, Palmöl stecke beinahe in jedem zweiten Supermarktprodukt.
In Europa wird das billige Pflanzenfett trotz seiner Folgeschäden als nachhaltig gepriesen. Große Händler wie Wilmar International, die Konsumgüterriesen wie den Rama-Produzenten Unilever beliefern, werben mit "No Deforestation"-Bekenntnissen. Unilever betont, seinen Rohstoff nur über eine gesonderte, nachhaltige Lieferkette zu beziehen. Schon vor elf Jahren gründete ein Teil der Branche unter Mithilfe des WWF den runden Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO). Die Initiative soll zeigen, dass Plantagen-Monokulturen und Naturschutz kein Gegensatz sind.
Die jüngsten Vorfälle lassen daran zweifeln: Allein für Oktober räumte der RSPO 27 Brände auf zertifizierten Palmölkonzessionsgebieten ein. Ein aktueller Greenpeace-Report beschreibt, wie auch RSPO-Firmen an der Entwaldung beteiligt waren, die den Bränden vorausgingen.
Der Report nennt etwa die Firma Bumitama. Schon vor einigen Jahren wurden dem Wilmar-Lieferanten illegale Rodungen auf Kalimantan zur Last gelegt. Ein Sprecher räumt für die Zeit zwischen Juli und November 28 Feuer-Hotspots auf eigenem Konzessionsland ein – angeblich vergleichsweise wenig. Schuldig seien andere, das Feuer habe meist von außen auf ihr Land übergegriffen. Den Vorwurf illegaler Rodung weist er zurück, Greenpeace gehe zudem von "unkorrekten Grenzen" der Konzessionen und der Schutzgebiete aus. Komisch nur, dass die RSPO-Gemeinde die Veröffentlichung einer genauen Karte mit Konzessionsgrenzen bis heute verhindert hat. Mitte Dezember nannte ein RSPO-Sprecher diese Weigerung eine "Quelle der Beunruhigung". Die eigenen Mitglieder könnten so weder richtig überwacht noch zur Rechenschaft gezogen werden. Kapituliert hier gerade eine Palmöl-Lobbyorganisation?
Irritierende Beobachtungen hat auch die Filmemacherin Inge Altemeier gemacht, die vor zwei Wochen aus Indonesien zurückgekehrt ist. Sie kennt das Land seit Jahrzehnten. Bei Jambi auf der Insel Sumatra recherchierte Altemeier Mitte November auf dem abgefackelten Konzessionsgebiet einer Firma der Makin Group.
Mit den Konzessionen ist es kompliziert: Die schmiergeldanfälligen lokalen Behörden sind die erste Anlaufstelle, involviert ist aber auch das Forstministerium. Ist eine Konzession vollständig, darf gerodet werden, um den Boden für Plantagen zu bereiten – allerdings nur mit Maschinen. "Das kostet pro Hektar gut 250 Euro, die verbotene Brandrodung dagegen nur rund 40 Euro", sagt Altemeier. "Auf dem Makin-Land flatterten noch die gelben Polizeibänder, mit denen der Brandherd abgesteckt war, dessen Auswüchse die Region wochenlang vernebelten – und daneben lagen die Überreste von Benzinkanistern." Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Altemeier traf wenige Tage später bei einer Palmölkonferenz erneut auf die Firma und traute ihren Augen kaum: "Die haben da mit ihren Zertifizierungen geprahlt und die absolute Nachhaltigkeits-Show abgezogen."
Auf Fragen antwortete die Makin Group nicht, jedoch deren Kunde, der Agrokonzern Wilmar (Umsatz: 43 Milliarden Dollar). Der betont, trotz der Ermittlungen auf dem Makin-Gelände, die Brände seien 2,5 Kilometer außerhalb der Konzessionsgrenze ausgebrochen. Die Makin Group habe doch eine "Zero-burning-policy". Wie der Agromulti auch. Allerdings brannte es selbst bei Wilmar auf 575 Hektar, einer Fläche von gut 800 Fußballfeldern.
Nicht gut ins Bild passte zudem die Aussage eines Arbeiters der Region gegenüber einem lokalen TV-Sender: Ihn hätten Palmölfirmen angeheuert, um für umgerechnet sechs Euro pro Tag Brände zu legen.
Mit dem Rauch scheint inzwischen auch der Verfolgungsdruck zu verfliegen: Über 200 Unternehmen hatte das Forstministerium im November in Verdacht. Bestraft worden sind bisher 23 kleinere Firmen. Die Konzession verlor eine.
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 1/2016
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